Zur Gestaltung der Meßtischblätter (Topographische Karten 1 : 25.000 der Landesvermessung in Deutschland) aus biogeographischer Sicht

Version 1.0a vom 23.03.2009

Von Gerwin Kasperek

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Inhaltsübersicht:



Bewährte Qualität - Neue Konzepte

Die Topographischen Karten der deutschen Landesvermessungsbehörden sind ein traditionsreiches Qualitätsprodukt mit kaum zu ermessendem Nutzwert für die verschiedensten Anwendungen im administrativen, wirtschaftlichen und privaten Bereich. Die Stärken dieser Kartenwerke liegen vor allem in folgenden Eigenschaften:
- Genauigkeit und Detailreichtum,
- regelmäßiger Blattschnitt mit eingängigem Numerierungskonzept,
- weitgehend gleichmäßige Qualität für das gesamte Gebiet Deutschlands, und
- häufige Aktualisierung.
Besonders die Kartenwerke im Maßstab 1 : 25.000 (sog. Meßtischblätter) bilden unter anderem eine wichtige Grundlage für biogeographische Kartierungen; so basieren viele Verbreitungsatlanten für Pflanzen und Tiere auf dem Raster der Meßtischblätter (oder auf davon abgeleiteten Rastern; vgl. Bergmeier 1992: 30-35, Feldmann & Kronshage 1999).

Schon seit einigen Jahren stellen die meisten Landesvermessungsbehörden die Topographischen Karten des Maßstabs 1 : 25.000 auf neue geodätische Bezugssysteme und neuartige Darstellungsprinzipien um. Auch der traditionelle Blattschnitt ist zumindest indirekt betroffen.
Dies hat erhebliche Auswirkungen, was im folgenden aus der Perspektive der Anwendung im Bereich Biogeographie beleuchtet werden soll. Obwohl die Umstellung in einigen Bundesländern bereits weit vorangeschritten ist, hat das Phänomen bislang wenig Beachtung gefunden und sich kaum in der biogeographischen Literatur niedergeschlagen. Vorliegende Darstellung soll auf einige Auswirkungen der Umstellung hinweisen, die sich eventuell nicht auf den ersten Blick erschließen, und diese abschließend bewerten.

Vergleich der Darstellungen in herkömmlichen und neuartigen Blättern der TK 25

Im Folgenden soll durch Gegenüberstellung von Kartenausschnitten mit der herkömmlichen und der neuartigen Darstellungsweise auf die erheblichen Nachteile der neueren, auf ATKIS basierenden Karten hingewiesen werden.
Als Beispiel dienen Details aus dem Blatt 5715 Idstein des Hessischen Landesvermessungsamtes, Ausgaben 1990 und 2002. (Die Wiedergabe der Ausschnitte erfolgt mit Genehmigung des Hessischen Landesvermessungsamtes vom 22.12.2004, Aktenzeichen 5402B III 1.10 TK25; Kartengrundlage: Top. Karten 1: 25.000, Hess. Landesvermess.-Amt (C) 2005.)
In anderen Bundesländern können die Signaturen und Darstellungsweisen von den in Hessen verwendeten abweichen; der grundlegende Charakterter der neuen auf ATKIS basierenden Darstellungen ist jedoch überall der gleiche.

Vergleich_TopographischeKarten_atkis_Teil1

Anhand der vorstehenden Abbildung werden folgende Veränderungen deutlich:

Vergleich_TopographischeKarten_atkis_Teil1

Die zweite Abbildung verdeutlicht weitere Veränderungen:


Eine Fundortbezeichnung basierend auf der Darstellung im herkömmlichen Meßtischblatt hätte etwa folgendermaßen aussehen können:
"Östlich von Beuerbach, Ackerrand ca. 100 m südöstl. des Punktes 247,0"; die Rechts-Hochwerte für diesen Punkt lauten in etwa R 3444400 / H 5572100.
Anhand der Darstellung der auf ATKIS basierenden Karte wäre es erheblich schwieriger, diesen Fundort verbal zu beschreiben; die UTM-Koordinaten wären in etwa 32N 444360 5570300.


Veränderungen des Blattschnittes

Das Blattschnitt der herkömmlichen Meßtischblätter orientierte sich am geographischen Gradnetz, welches die Erdoberfläche in 360 Längengrade und 180 Breitengrade aufteilt; die Grade () werden unterteilt in Minuten (') und Sekunden ("). Das Gradnetz wurde auf der geodätischen Grundlage des sogenannten Bessel-Erdellipsoids konstruiert (... weil die Erde keine perfekte Kugelform besitzt, sind solche Hilfskonstruktionen notwendig, um Verzerrungen gering zu halten). Ein Meßtischblatt deckte immer ein Gebiet von genau 6 Minuten in Nord-Süd- und 10 Minuten in Ost-West-Richtung ab; die nordwestliche Ecke des Blattes 5715 Idstein entsprach 50 18' nördlicher Breite und 8 10' östlicher Länge von Greenwich.
Dagegen ist die nordwestliche Ecke des neuen Blattes 5715 mit folgenden Koordinaten bezeichnet: 50 17' 55,7" nördlicher Breite und 8 9' 56,6" östlicher Länge. Die Ursache dieser scheinbaren Verschiebung ist darin zu sehen, dass nun ein anderes geodätisches Bezugssystem verwendet wird, nämlich das "World Geodetic System 1984" (WGS 84). Gleichzeitig wurde von der bisher gebrauchten Gauß-Krüger-Abbildung auf UTM-Abbildung umgestellt. Der in der Karte abgebildete Teil der Erdoberfläche ist im alten wie im neuen Blatt derselbe - dies läßt sich durch einen direkten Vergleich feststellen. Die Eckpunkte der Kartenblätter liegen an denselben Stellen im Gelände; verändert haben sich, wegen des neuen Bezugssystems, nur die Koordinaten.
Somit können für Rasterkartierungen die alten und die neuen Karten in gleicher Weise eingesetzt werden, ohne dass Kompatibilitätsprobleme wegen abweichender Blattschnitte auftreten. Es wird jedoch in kartographischen Fachkreisen bereits darüber diskutiert, auch den Blattschnitt der topographischen Kartenwerke zu verändern (vgl. Oster 2007); dies ist aber in den nächsten Jahren (noch) nicht zu befürchten.
Erhebliche Auswirkungen ergeben sich aus der zurzeit durchgeführten Umstellung auf WGS 84 und UTM-Abbildung für die Kartierungsprojekte, die mit Minutenfeldern arbeiten: Denn die Minutenfelder der beiden Systeme sind nicht deckungsgleich; ein bestimmtes Minutenfeld in dem einen System deckt nur etwa 80-90 % der Fläche des gleichnamigen Minutenfeldes in dem anderen System ab. Bei Kartierungsprojekten, die mit fortschreitender Quadrantenteilung (Weber 1975) arbeiten, ist lediglich das Eintragen der Quadranten erschwert bzw. fehlerträchtig, weil die Abteilungen von Minuten am Kartenrand hierfür nicht mehr benutzbar sind. (Es muß nun bereits für die ersten Unterteilung des Meßtischblattes in vier Quadranten - welche jeweils 3 x 5 Minuten des herkömmlichen Bezugssystems entsprechen - die Blattbreite gemessen und sodann halbiert werden.)


Bewertung

Aus der Umstellung von geodätischem Bezugssystem und Koordinatensystemen ergibt sich primär der Vorteil der Kompatibilität mit dem Global Positioning System (GPS), dessen Koordinaten auf WGS 84 beruhen. Die Umstellung der Kartengrafik führt zu erheblich farbigeren Kartenbildern. Den Vorteilen stehen jedoch Nachteile gegenüber: Die neueren Ausgaben enthalten erheblich weniger topographische Detailinformationen. Das Mehr an Farbe geht mit vielen Verlusten hinsichtlich des Informationsgehaltes einher, und eine Kompatibilität der Koordinatensysteme ist nicht gegeben. Aus der Anwendungspraxis im Bereich Biogeographie müssen die zahlreichen Veränderungen bei den Topographischen Karten des Maßstabs 1 : 25.000 als überwiegend negativ bewertet werden.
Solange der konventionelle Blattschnitt nicht geändert wird, sind die Veränderungen der Kartengrafik das größere Problem: Die Karten werden zwar oberflächlich bunter, aber wesentliche Karteninhalte, die für Geländearbeit und Fundortsbezeichnung relevant sind, gehen verloren. Das Argument einer leichteren Lesbarkeit der neuen Darstellungsweisen kann nur für Kartenbenutzer gelten, denen jegliche Übung fehlt - nicht jedoch für kundige Kartenleser. Die Menge der Karteninhalte wird teilweise drastisch verringert: in dem Kontinuum zwischen "so viel wie der Maßstab zuläßt" und "nur so viel wie unbedingt nötig" (vgl. Grothenn 1994: 4) bewegt man sich in der Richtung von ersterem auf letzteres Extrem hin.
Aus biographischer Sicht sollten Initiativen ergriffen werden, um die uneingeschränkte Verwendbarkeit der amtlichen topographischen Karten zu bewahren bzw. zurückzugewinnen.


Literatur

Bergmeier, E. (Hg., 1992): Grundlagen und Methoden floristischer Kartierungen in Deutschland. 146 S.. (Floristische Rundbriefe, Beiheft 2.) Göttingen.
Böhm, R. (1994): Kräftiger - deutlicher - farbiger? Zur neuen Graphik der Topographischen Karten 1 : 25 000. In: Kartographische Nachrichten 44: 25-28.
Feldmann, R. & Kronshage, A. (1999): Vom topographischen Kartenwerk zur Verbreitungskarte. Eine kleine Kartographie für den Feldbiologen. In: LÖBF-Mitteilungen 1/99: 32-37.
Grothenn, D. (1994): Einheitliche Gestaltung der amtlichen topographischen Kartenwerke in Europa? In: Kartographische Nachrichten 44: 1-6.
Oster, M. (2007): Von Gauß-Krüger zu UTM - Braucht Deutschland noch einmal einen neuen Blattschnitt für seine amtlichen Kartenwerke? In: Kartographische Nachrichten 3/2007: 139ff.
Weber, H.E. (1975): Vorschlag für eine einheitliche Basis von Rasterkartierungen. In: Göttinger Floristische Rundbriefe 9: 85-86. Göttingen.


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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 03.12.2008