Abduktion und Komik als Grenzphänomene des Verstehens



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Uwe Wirth, Diskursive Dummheit. Abduktion und Komik als Grenzphänomene des Verstehens. Heidelberg: Winter 1999.

Einleitung

Das, und nur das ist der Inhalt unserer Kultur: die Rapidität, mit der uns die Dummheit in ihren Wirbel zieht (Karl Kraus).

"Über die Dummheit", schreibt Roland Barthes, "sei mir nur folgende Aussage erlaubt: sie fasziniert mich", und er fügt hinzu: "Die Dummheit ist ein harter Kern und unteilbar, urtümlich: Man kann sie nicht wissenschaftlich zerlegen" (1975: 55). Warum eigentlich nicht? Warum sollte sich die Faszination der Dummheit nicht mit einer theoretischen Analyse verbinden lassen? Gerade die Dummheit ist eine "Kraft, die in der ganzen Welt wirkt" (Erasmus 1975: 13). Diese Einsicht verbindet den Humanisten Erasmus von Rotterdam mit dem Pragmatisten Charles Sanders Peirce, der lapidar bemerkt, daß es töricht wäre, die menschliche Dummheit begrenzen zu wollen: "I have come to the conclusion that it is folly to attempt to set limits which human stupidity cannot overpass" (CP 4.321). Dieser Gedanke findet seine Fortsetzung in einer Passage aus Umberto Ecos Roman Das Foucaultsche Pendel, in der die Protagonisten nur noch zwischen Graden der Unangemessenheit unterscheiden:

"'Also passen Sie auf: In der Welt gibt es die Idioten, die Dämlichen, die Dummen und die Irren.' 'Sonst nichts?' 'Doch, uns zwei zum Beispiel, oder jedenfalls - ohne wen zu beleidigen - mich. Aber letzten Endes, genau besehen, gehört jeder Mensch zu einer von diesen Kategorien. Jeder von uns ist hin und wieder idiotisch, dämlich, dumm oder irre. Sagen wir, normal ist, wer diese Komponenten einigermaßen vernünftig mischt" (Eco 1989: 77).

Die Dummheit ist nicht nur ein universales Phänomen, sondern impliziert auch ein grundlegendes philosophisches Problem: Sie betrifft das Erkenntnis- und Urteilsvermögen. Kant bestimmt in seiner Kritik der reinen Vernunft die Dummheit als "Mangel an Urteilskraft", als "Gebrechen", dem "gar nicht abzuhelfen" sei (Kant 1974a: 185). Eine Definition, die er in seinen Schriften zur Anthropologie präzisiert: Dummheit ist als "Mangel der Urteilskraft ohne Witz" (Kant 1977: 516) eine Abweichung von den pragmatischen Kriterien interpretativer Angemessenheit.(1) Sie ist somit der direkte Gegenbegriff zur Klugheit als einer "gewitzten" und angemessenen Anwendung der Urteilskraft. Dies ist vermutlich auch der Grund, weshalb die Dummheit als Unkenntnis von Tatsachen und als mangelhafte Schulung des Geistes die wichtigste Quelle der Komik 2und des Lächerlichen ist. So spricht die Torheit bei Erasmus: "Quam male audiat STULTITIA etiam apud stultissimos, tamen hanc esse, hanc, inquam, esse unam, quae meo numine Deos atque homines exhilaro".(2) Zugleich läßt sich mit André Glucksmann fragen: Insofern das Lachen "ein Urteil über die mangelnde Urteilskraft" ist (1988: 176f): Worüber lacht man, wenn nicht über die Dummheit?

In Bezug auf das Verhältnis von Dummheit und Komik wird das Lachen zum Ausdruck einer Grenzerfahrung. Die im Lachen als
"Abweichung von den Normen des angemessenen Verstehens" erfahrene Grenze betrifft unseren Erwartungshorizont: Das, was immer schon als normal, als angemessen und als selbstverständlich vorausgesetzt wird, erfährt, mit Kant zu sprechen, eine "plötzliche Verwandlung in nichts" (Kant 1974a: 273). Als Ursache des Lachens bringt die Dummheit im komischen Effekt die Vorurteilsstruktur unseres Verstehens und Erkennens zu Bewußtsein. Allen Bestimmungen des Komischen, ob philosophischen, psychologischen oder poetologischen, ist gemeinsam, daß das Komische als Deviation, als "Abweichung von der Norm" begriffen wird, wobei es nicht nur auf das "Daß", sondern auf das "Wie" der Abweichung ankommt.(3) Im fünften Kapitel seiner Poetik beschreibt Aristoteles das Komische und die Komödie als Nachahmung eines "mit Häßlichkeit verbundenen Fehlers" des Denkens, Sprechens und Handelns (vgl. Aristoteles 1980: 17), der jedoch harmlos ist. Hobbes bestimmt das Komische - ähnlich wie Aristoteles - als das "plötzliche Gefühl der eigenen Überlegenheit angesichts fremder Fehler" (Hobbes 1977: 33), deren Ursache Ignoranz und Inkompetenz ist.(4) Der komische Fehler wird als Symptom von Naivität und Dummheit gedeutet - man erkennt eine Absurdität beim anderen (Hobbes 1840: 46).

Die britische Kinokomödie Ein Fisch namens Wanda liefert ein anschauliches Beispiel für diese These: Einer der Protagonisten, Otto, ein tumber Gewaltmensch, glaubt, er habe das Zeug zum Philosophen. Wanda, die Heldin, bemerkt seine Dummheit:

"´... du hältst dich für einen Intellektuellen nicht war, du Affe?´

´Affen lesen keine Philosophen´.

´Doch, das tun sie, Otto. Sie verstehen sie bloß nicht. Laß mich mal ein paar Dinge klarstellen, O.K.? Aristoteles war kein Belgier. Die zentrale Botschaft des Buddhismus ist nicht 'Jeder ist sich selbst der Nächste' (...) Und ... die Londoner 'Underground' ist keine politische Bewegung. Das sind alles Irrtümer, Otto, ich hab das nachgeschlagen´".

Hier ist das "Gefühl der eigenen Überlegenheit angesichts fremder Fehler" gepaart mit dem offensiven Eingeständnis der Ignoranz, die hier jedoch einen Erkenntnisvorsprung bedeutet, weil die Interpretin die Kompetenz besitzt, das eigene Nichtwissen rechtzeitig zu beheben. Zu erkennen, daß etwas komisch und dumm ist, und gleichzeitig zu verstehen, warum etwas komisch und dumm ist, setzt eine Einsicht in die Voraussetzungsstruktur unseres Erkennens und Verstehens, in die "Logik des Interpretierens", voraus.

"Die ganze Geschichte der Logik", heißt es in Umberto Ecos Roman Das Foucaultsche Pendel, "besteht in der Definition eines akzeptablen Begriffs der Dummheit" (Eco 1989: 81). Dieser Gedanke ist insofern für die Fragestellung meiner Arbeit bestimmend, als Komik und Dummheit vor dem Hintergrund der Logik der Interpretation thematisiert werden. Das Komische soll nicht nur als "Produkt", sondern als "Prozeß" faßbar werden. Zum ersten Mal wird der Peircesche semiotische Pragmatismus für eine zugleich philosophische und literaturtheoretische Behandlung der "komischen Abweichung von den Normen des Angemessenen" in Dienst genommen, um die Theorien des Komischen von der Romantik bis zur Postmoderne neu zu beleuchten. Der semiotisch-philosophische Schwerpunkt des Ansatzes bietet die Möglichkeit, über den Umweg einer grundlegenden Untersuchung diskursiver Dummheit Anschlußmöglichkeiten für die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Feld des Komischen zu eröffnen.

Dummheit als Verkehrung der Prinzipien der Klugheit ist, ebenso wie das Komische, Abweichung von den Normen des Angemessenen. Aus dieser Bestimmung erwächst die Aufgabe, die sprachphilosophischen und pragmatisch-semiotischen Voraussetzungen einer literaturwissenschaftlichen, linguistischen und philosophischen Auseinandersetzung mit der komischen und dummen Abweichung von den Normen des angemessenen Interpretierens und Verstehens zu klären. Das impliziert die Frage nach eben diesen Normen der Angemessenheit selbst zu thematisieren. Strittig ist nämlich, wie die komisch-unangemessene Abweichung von der Norm zu fassen ist: mit Searle, Apel und Habermas als Verletzung der konventionalen Erfüllungsbedingungen, also von "accepted conventional procedures", oder mit Grice und Davidson als Abweichung von den Konversationsmaximen einer Interpretationspraxis, deren Rationalitätsstandards primär auf Prinzipien der Effektivität des Diskurses und der Plausibilität des Interpretierens rekurrieren. Die Auseinandersetzung zwischen Vertretern des konventionalen, intentionalen und kontextuellen kommunikativen Regelbegriffs ist für die Fragestellung dieser Arbeit relevant, weil sie Konsequenzen für die Explikation der Abweichung von den Normen angemessenen Interpretierens und Verstehens hat: Eben hierin liegt das zentrale sprachphilosophische Problem bei der Frage nach der komischen oder dummen Abweichung von der Norm des Angemessenen. Daher hat die Arbeit zwei Schwerpunkte:

Erstens einen komiktheoretischen Schwerpunkt, bei dem die Frage nach den Ursachen "komischer Effekte" auf den sprachpragmatischen Aspekt und die Abduktion als "ersten Schritt" allen Interpretierens bezogen wird.

Zweitens einen sprachpragmatischen Schwerpunkt, bei dem es um die Frage nach der Abweichung von den Normen des diskursiv Angemessenen als Abweichung von den Prinzipien angemessenen Hypothesenaufstellens geht.

Ausgehend von Kants Definition der Dummheit als "Mangel an Urteilskraft ohne Witz" sollen - analog zur "pragmatischen Transformation" der Bewußtseinsphilosophie - Dummheit als "Mangel an abduktiver Kompetenz" reformuliert und die Konsequenzen dieser Transformation expliziert werden. Dies geschieht mit Blick auf das Peircesche Konzept des Interpretierens als Argumentieren und Hypothesenaufstellen. Den "Prozeß, eine erklärende Hypothese zu bilden" (CP 5.171) und daraus Prognosen abzuleiten, nennt Peirce "Abduktion" - sie dient sowohl dem rekonstruktiven Finden als auch dem innovativen Erfinden von plausiblen Erklärungen und geht Deduktion und Induktion voraus.(5) Abduktives Folgern ist der "erste Schritt im gesamten Prozeß des Schlußfolgerns" (CP 6.468) und wird dadurch zum Ausgangspunkt der "Semiose", verstanden als infiniter Interpretationsprozeß.

Geht man davon aus, daß am Anfang jeder Interpretation eine Abduktion steht, so entscheidet das Vermögen zum angemessenen Aufstellen von Hypothesen, also die "abduktive Kompetenz" des Interpreten, darüber, ob der Erkenntnis- und Verstehensprozeß gelingen kann oder scheitern muß. Zeigt sich an der aufgestellten Hypothese in propositionaler oder prozeduraler Hinsicht ein Mangel an abduktiver Kompetenz, so wird die "komische Hypothese" zum Symptom interpretativer Dummheit, die zum Lachen reizt. Freilich wird nicht nur über die "genuine Dummheit" gelacht, sondern auch über ihre ironische Inszenierung im Kontext von Witz und Satire. Sowohl witzige Einsicht und überraschende Klugheit als auch komische Dummheit lassen dem Lachenden die Normen seiner Lebenswelt bewußt werden. Zugleich liegt darin die philosophische Brisanz des Komischen und der Dummheit: Sie berühren zwei zentrale Problemfelder des "angemessenen Verstehens". Zum einen das des Verstehens "komischer Phänomene", zum anderen das des Komischwerdens des Verstehensprozesses selbst. Die Wechselwirkung zwischen beiden Punkten betrifft das Komische als Prozeß und wird als "diskursive Dummheit" thematisiert, um zu zeigen, wie ein vermeidbares Scheitern abduktiven Hypothesenaufstellens zu "komischen Effekten" führt. Der Begriff der "diskursiven Dummheit" hat dabei den Status einer Hilfskonstruktion mit dem Ziel, das Verstehen komischer Effekte ebenso wie das Komischwerden des Verstehensprozesses selbst im Kontext abduktiven Hypothesenaufstellens zu untersuchen.(6) Die Ursache diskursiver Dummheit, so der Grundgedanke, ist die grundsätzliche oder zeitweise Inkompetenz, angemessen zu interpretieren, d.h. effektiv plausible Hypothesen aufzustellen.

Die beiden zentralen Aspekte der Untersuchung sind daher der "abduktive Schluß" und dessen pragmatisches Leitprinzip, das Ökonomieprinzip im Sinne der Peirceschen "Economy of Research". Dieses Ökonomieprinzip eröffnet die Möglichkeit, die Peircesche Abduktionslogik mit Freuds Begriff der psychischen "Aufwandsdifferenz" als "Formel" aller komischen Phänomene zu verbinden. Auch der abduktive Schluß gehorcht dem Prinzip der Aufwandsdifferenz, das sich in der Tendenz zur Ersparnis von unnötigem interpretativem Aufwand manifestiert. Umgekehrt impliziert der "komische Widerspruch" immer auch einen Widerspruch mit Bezug auf das Ökonomieprinzip, und zwar nicht nur in seiner psychoanalytischen, sondern auch in seiner pragmatischen Deutung. Dabei ist das entscheidende Merkmal diskursiver Dummheit - so meine Hauptthese - die Abweichung von den Standards der angemessenen und klugen Anwendung des Ökonomieprinzips. Im Anschluß daran wird gezeigt werden, daß diskursive Dummheit auf eine den abduktiven Prozeß des Aufstellens interpretativer Sinnhypothesen betreffende eklatante Unverhältnismäßigkeit zurückzuführen ist, die im Kontext der kommunikativen Praxis entweder die Form eines starren "interpretativen Automatismus" oder die Form einer unverhältnismäßigen "interpretativen Aufwandsdifferenz" annimmt.

Die Neuartigkeit des hier gewählten Ansatzes besteht darin, Komiktheorie, Wissenschaftslogik und Sprachphilosophie so aufeinander zu beziehen, daß die komische Abweichung als Resultat diskursiver Dummheit beschrieben werden kann. In diesem Zusammenhang soll die Entfaltung des Peirceschen Abduktionsbegriffs dazu dienen, die bei der "komischen Abweichung von der Norm" zusammenspielenden anthropologischen, kulturellen und diskursiven Theorien des Lachens und des Komischen unter einem einheitlichen systematischen Gesichtspunkt zu explizieren. Dies wirft insofern ein neues Licht auf die bisherigen Komiktheorien, als diese die komische Unangemessenheit in erster Linie als Abweichung von konventionalen Normen begriffen hatten, deren offensichtlichste Form die karnevaleske Verkehrung ist. Dagegen werde ich mit Blick auf die "Logik der Abduktion" zeigen, daß die komische Unangemessenheit als karnevalisierende Verkehrung der ökonomischen Leitprinzipien abduktiven Folgerns aufzufassen ist - und zwar hinsichtlich der psychologisch motivierten Denkökonomie des einzelnen, der forschungslogisch motivierten "Economy of Research" und der dialogisch-kommunikativ motivierten "Ökonomie des Diskurses".

Die Untersuchung ist in drei große Teile gegliedert: Im ersten Teil gilt es, das Verhältnis von Dummheit zu Komik, Witz und Ironie als Grenzphänomene des Verstehens zu klären - und zwar hinsichtlich des Karnevalsgedankens, der romantischen Widerspruchserfahrung, der Freudschen "Ersparnistendenz" und Bergsons These vom "komischen Automatismus". Ziel ist die Rekonstruktion des Begriffs des Komischen und der Dummheit im Spannungsfeld von karnevalesker Ambivalenz und logischer Inkonsistenz.

Im zweiten Teil wird die Konzeption der Abduktion im Kontext des semiotischen Pragmatismus und der Logik der Forschung dargestellt, um die Abduktion als Klugheitsstrategie des Forschens zu bestimmen, die zwischen den ambivalenten Polen von Instinkt und Methode oszilliert. Es wird zu zeigen sein, inwiefern Dummheit als "Mangel an abduktiver Kompetenz" zur Ursache "komischer Effekte" wird. Es wird zu klären sein, unter welchen Bedingungen eine scheiternde Abduktion aufgrund vermeidbarer Fehler in Dummheit umschlägt und so zu einem komischen Effekt führt. Zugleich wird die Theorie der Abduktion mit der Kantischen Bestimmung der Urteilskraft und der romantischen Witzkonzeption verglichen. Dummheit als "Mangel an Urteilskraft" und Wahnsinn als "Verkehrung der Urteilskraft" erscheinen als überraschend scheiterndes, Witz als Form der "reflektierenden Urteilskraft" als überraschend gelingendes Abduzieren.

Im dritten Teil wird die Funktion der Abduktion im Rahmen des kommunikativen Verstehensprozesses - also der diskursiven Praxis im hermeneutischen Sinn - herausgearbeitet. Dabei wird zunächst zu zeigen sein, daß die abduktive Kompetenz zum Hypothesenaufstellen auch der "kommunikativen Kompetenz" zugrunde liegt. Zugleich wird die Frage gestellt, wann sich diskursive Dummheit als performativer bzw. als pragmatischer Selbstwiderspruch, d.h. als Abweichung von den Standards diskursiver Relevanz und Ökonomie manifestiert. In diesem Zusammenhang muß geklärt werden, inwiefern Dummheit als nichtintentionale Form der Komik die Kehrseite von Witz und Ironie ist, deren Inszenierung der Subversion der Ökonomie des Diskurses und der Demonstration pragmatischer Widersprüche dient.

(1)Die Folgen dieser "pragmatischen Geschäftsuntüchtigkeit" sieht der Wirtschaftshistoriker Carlo M. Cipolla in seinem Essay über Die Prinzipien der menschlichen Dummheit darin, daß ein dummer Mensch "einem anderen Menschen oder einer anderen Gruppe von Menschen einen Schaden beibringt, ohne zugleich einen Gewinn für sich selbst dabei herauszuziehen" (Cipolla 1992: 61f), daß er also nicht in der Lage ist, die grundsätzlichen Prinzipien der Ökonomie richtig einzuschätzen oder anzuwenden. Der Wissenschaftstheoretiker Nicholas Rescher behauptet dagegen, "eine Beimischung von Dummheit" sei "evolutionär von Vorteil" (Rescher 1994: 80), da der Mensch nur in der Gesellschaft überleben kann, als "Intelligenzbestie" aber die Kooperation mit der Gesellschaft scheinbar gar nicht nötig hätte.

(2)"Wie übel von der Torheit auch die ärgsten Toren reden -, es bleibt dabei: mir, ja mir allein und meiner Kraft haben es Götter und Menschen zu danken, wenn sie heiter und frohgemut sind" (Erasmus 1975: 9).

(3)Dem Begriff des Komischen haftet die Konnotation des Sonderbaren, Überraschenden, Ungewohnten und insofern Unnormalen an. Ursprünglich ist der "komos", als Auftakt der die Dionysien einleitet, ein lärmender Umzug mit anschließendem Zechgelage. Heute bezeichnet der Ausdruck "komisch" etwas Belustigendes, das zugleich als sonderbar und idiosynkratisch erscheint.

(4)Dabei verbindet sich das Gefühl der Herrlichkeit mit dem Gefühl der überlegenen Mächtigkeit: "Glory, or internal gloriation or triumph of the mind, is the passion which proceedeth from the imagination or conception of our own power" (Hobbes 1840: 40). Dies setzt voraus, daß man seine eigene Fähigkeit mit der Unfähigkeit der anderen vergleicht und sich das Überlegenheitsgefühl als "plötzliche Selbstverherrlichung", nämlich als "sudden glory" präsentiert (Hobbes 1839: 46). Am anderen stellt der Lachende umgekehrt einen Mangel an Mächtigkeit - "power" - und deshalb einen Mangel an Kompetenz fest.

(5)Das entdeckende Herausfinden von etwas ("finding out") bezeichnet Peirce als "detection". "Discovery" im Sinne von "invention" und von "detection" beruht auf einer Hypothese ("hypothesis"), einer Mutmaßung ("presumption"), dem "Erraten" ("guessing") oder dem kühnen, konjekturalen "Zusammenwerfen" ("conjecture" vgl. CP 2.430). Dabei setzt Peirce die abduktive Vermutung ("presumption") mit dem Vorurteil ("prejudice" vgl. CP 6.424) bzw. mit der "Presupposition" (vgl. CP 3.635) gleich.

(6)Der Begriff des Diskurses wird gefaßt als Gesamtheit aller Prozesse des Denkens und Interpretierens, des Sprechens und Handelns, die Elemente der kommunikativen Praxis sind. Folgt man Foucault, so geht es bei der Diskursanalyse darum, "jene dunklen Formen und Kräfte" aufzustöbern, "mit denen man gewöhnlich die Diskurse der Menschen miteinander verbindet" (Foucault 1986: 34). Hierbei erwähnt Foucault als "große Diskurstypen" u.a. Wissenschaft, Literatur und Philosophie (1986: 34f).

Aus dem Inhalt

 

 

Inhaltsverzeichnis

1. Explikation des Fragehorizontes

1.1 Komisches Mißverstehen als Grenzphänomen

1.1.1 Das Lachen als hermeneutisches Grenzphänomen
1.1.2 Das Problem des Verstehens als philosophisches Problem
1.1.3 Die Komik und andere Grenzphänomenen des Verstehens
1.1.4 Die Grenzen der angemessenen Interpretation
1.1.5 Die "Regelverletzung" als Definiens des Komischen
1.1.6 "Abweichung von der Norm" als philosophisches Problem

1.2 Abduktion als Grenzphänomen des Verstehens

1.2.1 Abduktives Schließen als erster Schritt des Interpretierens
1.2.2 Abduktion als apagóge: Natürlich eine alte Handschrift...
1.2.3 Abduktion und Komik als Grenzphänomene

2. Theorien des Lachens und der Komik

2.1 Lachen und Philosophie

2.1.1 Das Lachen in der Komödie
2.1.2 Das Lachen als Provokation der Philosophie
2.1.3 Das Lachen als philosophisches Grenzphänomen

2.2 Komik - Ambivalenz - Widerspruch

2.2.1 Das Karnevaleske Lachen über die Logik der Verkehrung
2.2.2 Ironie und Humor als verinnerlichte Ambivalenz
2.2.3 Kant: Spiel und Widersinn im Lachen
2.2.4 Schopenhauer: Lachen über die Inkongruenz

2.3 Komik und Verstehen

2.3.1 Komik und Dummheit bei Jean Paul, Vischer und Lipps
2.3.2 Humor als einfühlendes Verstehen

3. Die Dynamik des Komischen: das Ökonomieprinzip

3.1 Das Ökonomieprinzip bei Witz, Komik und Humor

3.1.1 Komik und Dummheit als Aufwandsdifferenz bei Freud
3.1.2 Komik und Dummheit als Automatismus bei Bergson
3.1.3 Das Lachen als Korrekturinstanz der Dummheit
3.1.4 Das Verhältnis von Traum und Witz
3.1.5 Der Witz als komische Inszenierung der Dummheit

3.2 Die philosophische Relevanz des Ökonomieprinzips

3.2.1 Aufwandsdifferenz und Urteilskraft
3.2.2 Die Macht der Ökonomie bei Peirce und Foucault
3.2.3 Karneval der Konvention und der Ökonomie

4. Abduktion und Studium

4.1 Paradigmen der Wissenschaftlichkeit

4.1.1 Dummheit und Klugheit im Kontext des Erkenntnisprozesses
4.1.2 Der Forschungsprozeß als Gerichtsverhandlung
4.1.3 Wissenschaft als Korrekturprozeß
4.1.4 Komik und Dummheit als epistemologische Grenzphänomene

4.2 Die Abduktion als Strategie der Forschung

4.2.1 Die Abduktion als erfolgsorientierte Wettstrategie
4.2.2 Abduktion und Plausibilität

4.3 Abduktion als reines Raten

4.3.1 Abduktion als Rate-Strategie: Peirce und Popper
4.3.2 Die evolutionäre Verankerung des Rateinstinkts
4.3.3 Die Vorurteilsstruktur des Ratens: Peirce als Detektiv
4.3.4 Instinkt und Dummheit

4.4 Abduktion und Ökonomie

4.4.1 Ökonomie und Einfachheit
4.4.2 Die Ökonomie der Forschung als Klugheitsstrategie
4.4.3 Interpretative Dummheit als Mangel an Vorsicht
4.4.4 Abduktive Dummheit und Ökonomie der Forschung

5. Abduktion und Semiose

5.1 Das Peircesche Konzept der Semiose

5.1.1 Argument und Interpretation
5.1.2 Konsistenz und Konsensualismus
5.1.3 Die Konsistenz als kritischer Maßstab des Denkens

5.2 Die innere Struktur schlußfolgernden Denkens

5.2.1 Abduktion, Induktion, Deduktion
5.2.2 Die ökonomische Differenz zwischen Abduktion und Induktion
5.2.3 Kolligation und Abstraktion
5.2.4 Peirce über Fehlschlüsse

5.3 Die Dynamik der abduktiven Bewegung

5.3.1 Überraschung als Anlaß der Abduktion
5.3.2 Die verkehrte logische Struktur der Abduktion
5.3.3 Die zeitliche Dimension abduktiven Schlußfolgerns
5.3.4 Assoziation und Abduktion

6. Abduktion und Spiel

6.1 Formen der Abduktion und der Urteilskraft

6.1.1 Die Analogie zwischen Abduktion und Urteilskraft
6.1.2 Klassifikation der Abduktionstypen
6.1.3 Der Mut zur Wette: Die Meta-Abduktion

6.2 Zwischen Dummheit, Witz und Spiel

6.2.1 Abduktion als "Musement"
6.2.2 Spiel und Witz
6.2.3 Der Sprung ins Gegenteil: Genie, Witz und Wahnsinn
6.2.4 Blitz und Plötzlichkeit bei Abduktion und Witz

6.3 Peirce über Witz und Komik

6.3.1 "A List of Jokes to be invented": noch eine Handschrift
6.3.2 Deutung der "List of Jokes"

7. Dummheit und diskursive Praxis

7.1 Konventionale Dummheit

7.1.1 Erklären und Verstehen als Komplementärphänomene
7.1.2 Sprechakttheorie und Kontextdetermination
7.1.3 Unglücksfälle als Grenzphänomene des Verstehens
7.1.4 Kritik der Sprechakttheorie: Bachtin und Derrida

7.2 Dummheit als "performativer Selbstwiderspruch"

7.2.1 Die philosophische Brisanz der Selbstwidersprüchlichkeit
7.2.2 Der performative Widerspruch als pragmatischer

7.3 Ökonomische Dummheit
7.3.1 Der pragmatische Widerspruch als ökonomischer
7.3.2 Die Ökonomie des Diskurses als kommunikative Norm
7.3.3 Modi der Abweichung von der Norm diskursiver Ökonomie

8. Abduktion und diskursive Dummheit

8.1 Die Rolle der Abduktion im Verstehensprozeß

8.1.1 Zwischen Code- und Inferenzmodell
8.1.2 Abduktion und Implikatur
8.1.3 Ökonomie und Relevanz
8.1.4 Ironie als inszenierte Irrelevanz

8.2 Komiktheorien und Konversationsmaximen

8.2.1 Witz und Anspielung bei Freud
8.2.2 Die diskursive Ökonomie von Rätsel, Witz und Leerstelle
8.2.3 Ökonomie der Ambivalenz: Raskins Humortheorie

8.3 Sprachpragmatik und "komischer Wechsel"

8.3.1 Der komische Wechsel als "semantisches Switching"
8.3.2 Der komische Wechsel als "interpretatives Switching"
8.3.3 Dummheit und Komik als "willkürliches Switching"


9. Dummheit und Semiose

9.1 Die Semiose zwischen Über- und Unterinterpretation

9.1.1 Die Grenzen der Interpretation
9.1.2 Interpretative Ambivalenz als Grenzphänomen des Verstehens
9.1.3 Dummheit im Rhizom
9.1.4 Diskursive Dummheit als interpretativer Hermetismus

9.2 Kontextuelle Dummheit

9.2.1 Dekonstruktion als Entlarvung der Politik der Interpretation
9.2.2 Dekonstruktion als Parodie der Interpretationslogik
9.2.3 Abduktion als Aufpfropfung

9.3 Dummheit als scheiternde Transformation

9.3.1 Interpretatives Switching als Transformation von Theorien
9.3.2 Der Malapropismus als Grenzphänomen des Verstehens
9.3.3 Die abduktive Kompetenz und die rationale Interpretation

Schluß