Uwe Wirth Universität Frankfurt siehe auch: http://www.kulturprozent.ch/digitalerdiskurs
sowie "Wen
kümmert´s wer liest? Literatur im Internet",
in: Mythos Internet, hg. v. Stefan Münker und Alexander Roesler,
Frankfurt: Edition Suhrkamp 1997, S.319-337. Es steht Ihnen frei, diesen
Text zu kopieren, wenn Sie das Copyright beachten. Zitieren Sie bitte
nach der Printversion. Dieser Aufsatz ist erschienen
in: Hyperfiction, hg. v. Michael Böhler und Beat Suter, Frankfurt:
Stroemfeld 1999, S.29-42. Inhaltsverzeichnis
1. Leser und
Autor im Hypertext 2. Abduktion
als Logik des Lesens Wen
kümmert´s wer spinnt? Gedanken zum Schreiben
und Lesen im Hypertext
Uwe Wirth "Text heißt Gewebe;
aber während man dieses Gewebe bisher immer als ein Produkt, einen
fertigen Schleier aufgefaßt hat, hinter dem sich, mehr oder weniger
verborgen, der Sinn (die Wahrheit) aufhält, betonen wir jetzt bei
dem Gewebe die generative Vorstellung, daß der Text durch ein
ständiges Flechten entsteht und sich selbst bearbeitet; in diesem
Gewebe - dieser Textur - verloren, löst sich das Subjekt auf wie
eine Spinne, die selbst in die konstruktiven Sekretionen ihres Netzes
aufginge" (Barthes 1986: 94). Dieses Zitat von Roland Barthes
aus Die Lust am Text enthält so etwas wie das Programm des
Schreibens und Lesens von Hypertexten. Da ist zunächst das Bild des
Netzes, genauer, des "Web", das als ständig im Entstehen
begriffenes Gewebe gefaßt wird. Auch der Hypertext ist, zumindest
der Theorie nach, "ständig im Entstehen begriffen", ein
Netz von Verknüpfungen. Die Spinne, die sich in ihrem eigenen Saft
auflöst und sich dergestalt als entsubjektivierte Netzerzeugerin
zum Verschwinden bringt impliziert die These vom Tod des Autors - Stichwort:
"wen kümmert´s wer spinnt?" Der Tod des Autors, so schreibt
Barthes in seinem kurzen gleichnamigen Essay aus dem Jahr 1968, ist Voraussetzung
für die Geburt des Lesers: "la naissance du lecteur doit se
payer de la mort de l´Auteur" (Barthes 1984: 67). Der Grund
dafür, daß der Leser die Funktion des Autors übernimmt
liegt darin, daß "die Einheit eines Textes nicht durch ihren
Ursprung, sondern in ihrem Ziel begründet ist ("l´unité
d´un texte n´est pas dans son origine, mais dans sa destination"
(Barthes 1984: 66)). Das bedeutet: Die "kohärenzstiftende Funktion
des Autors", wie sie ein Jahr später auch Foucault in "Was
ist ein Autor?" beschreibt, verliert in dem Maße an Relevanz,
in dem der Leser zur einheitsstiftenden Instanz wird. Ich möchte
im folgenden einige Konsequenzen der Gleichsetzung von Leser und Autor
beleuchten und der Frage nachgehen, welche Haltungen der Leser von Hypertexten
einnehmen kann. "In
cyberspace", schreibt Benjamin Whooley "everyone is an author,
which means no one is an author: the distinction from the reader disappears"
(Woolley 1992: 165). Am Ende der Gutenberggalaxis, so scheint es, "löst
sich die Frage Was ist ein Autor? im Dokuverse auf" (Bolz
1993). Es entstehen, wie Bolz schreibt, "unautorisierte, nämlich
autorenlose Texte, die sich gleichsam im Lesen schreiben". Anders
als bei Barthes löst sich bei Bolz nicht mehr nur der Autor, sondern
sogar die Frage nach dem Autor auf. Die Tatsache, daß wir
"gleichsam im Lesen schreiben" bedeutet jedoch noch nicht, daß
der Leser Autor ist. Die Stelle des Autors wird nach Barthes nämlich
nicht nur vom Leser übernommen, sondern auch vom Schreiber. Der "Scriptor"
wird von Barthes auf zweierlei Art charaterisiert: einmal als Totengräber
des Autors, zum anderen als Schreiber, der zugleich mit dem Text, also
im Akt des Schreibens, geboren wird: "the modern scriptor is born
simultaneously with the text" (Barthes 1977: 170). Auch bei Foucault
wird zwischen der Funktion des Autors und der des Schreibers unterschieden:
"Ein Privatbrief kann einen Schreiber haben, er hat aber keinen Autor;
ein Vertrag kann wohl einen Bürgen haben, aber keinen Autor. Ein
anonymer Text, den man an einer Hauswand liest, wird einen Verfasser haben,
aber keinen Autor" (Foucault 1993: 17). So besehen sind die sogenannten
Autoren von e-mails bloße "Schreiber". Gilt dies womöglich
auch für die Mitschreiber an kollaborativen Texten? Doch nicht nur die Frage nach
dem Autor wirft Probleme auf, sondern auch die Frage nach dem Leser. Wenn
man die These vom "Leser als Autor" ernst nimmt, dann muß
man fragen, ob sich der Leser, der die Funktion des Webens, Spinnens und
Verknüpfens übernimmt, nicht ebenfalls auflöst. Tatsächlich
geht Barthes davon aus, daß die Einheit des Textes durch eine überpersönliche
Leserfunktion gestiftet wird: "the reader is without history, biography,
psychology; he is simply someone who holds together in a single
field all the traces by which the written text is constituted" (Barthes
1977: 171). Was wird aber dann aus der vielbeschworenen Kreativität
des "Wreaders", des mit-schreibenden Lesers? Hieran schließen
sich zwei weitere Fragen an, nämlich Insofern Hypertext und Literatur
im Internet durch den Verlust des einheitsstiftenden Buch- und Werkcharakters
ausgezeichnet sind, bedeutet dies, daß der Leser die einheitsstiftende
Funktion des Autors nicht einfach übernimmt, sondern auf eigentümliche
Weise transformiert. Aber wie? Nach Eco ist der moderne Text
kein fertiges Produkt, sondern ein Prozeß, "dessen Interpretation
Bestandteil des eigentlichen Mechanismus seiner Erzeugung sein muß"
(Eco 1987a: 66). Die Mitarbeit des Lesers wird durch die "Textmaschine"
eingeplant. In diesem Sinne braucht jeder Text einen Interpreten, der
ihm dazu verhilft, zu funktionieren. Der Text ist, mit Iser zu sprechen,
ein "Appell" an den Leser, aktiv zu werden, nämlich die
eingebauten Leerstellen zu ergänzen und Anschlußmöglichkeiten
an andere Texte zu suchen. Dergestalt eröffnet die Leerstellenstruktur,
wie es bei Iser heißt, ein "Geflecht möglicher Verbindungen".
Mit anderen Worten: Der Text ist kein fertiges Gewebe, sondern eine Webmaschine,
die es nicht kümmert, wer webt. Jeder Leser bringt sozusagen sein
eigenes Garn - und wenn er hat, einen roten Faden - mit. Während
die Leerstellen herkömmlicher Buchtexte diskrete, unmarkierte
Elemente sind, "deren Reiz darin besteht, daß (...) der Leser
die unausformulierten Anschlüsse selbst herzustellen beginnt"
(Iser 1984: 297), stellen die Links des Hypertextes markierte Anschlüsse
dar, bei denen man nur die Wahl hat, ob man ihnen folgt oder nicht. Die
poetische Struktur von Links gleicht, darauf hat Jay Bolter (vgl. Bolter
1997: 44f.) hingewiesen, jener Form von diskursiver Abschweifung, wie
sie in Sternes "Tristram Shandy" proklamiert wird: "(...) die Maschinerie
meines Werkes", schreibt Shandy, ist "eine Spezies für
sich; es werden zwei entgegengesetzte Bewegungen darin eingeführt
und wieder vereinigt, die man für unvereinbar hielt: In einem Wort,
mein Werk ist digressiv und progressiv - und das zur gleichen Zeit"
(Sterne 1985: 83). Hypertexte sind eine Form "radikalisierten
Shandyismus". Die digressive Abschweifung ist nicht nur eine Strategie
des Autors, sondern wird zur Grundhaltung des Lesers. Die "lesergesteuerte
Selektion" wird zum Programm, um sich vom "Zwang des Linearen",
also von der vorgeschriebenen Progression, zu befreien. Damit scheint
das Lesen von Hypertexten jener Lektürehaltung zu entsprechen, die
Barthes als "anekdotische" bezeichnet, um sie von der "akribischen"
zu unterscheiden. Die
anekdotische Lektüre "steuert direkt auf die Wendungen der Anekdote
zu, sie betrachtet die Ausdehnung des Textes" (Barthes 1986: 19).
Die akribische Lektüre, dagegen, "Läßt nichts aus;
sie ist schwerfällig, sie klebt am Text" (Barthes 1986: 19).
"Paradoxerweise",
schreibt Barthes, "gehört diese zweite, akribische Lektüre
dem modernen Text, dem Grenztext. Man lese einmal langsam, man lese alles
von einem Roman von Zola, und das Buch wird einem aus den Händen
fallen; man lese dagegen schnell und nur diagonal einen modernen Text
und dieser Text wird undurchsichtig, der Lust unzugänglich"
(Barthes 1986: 20). Zu fragen wäre aber dann:
welche Haltung soll der Leser von Hypertexten einnehmen? Während
bei linear strukturierten Texten das Überspringen und anekdotische
Herauspicken von Episoden eine Form des Lesens ist, die die Autorität
des Linearen unterläuft, also eine "antiautoritäre",
"anarchische" Form des Lesens darstellt, wird das "springende
Lesen" von der Struktur des Hypertextes ja gerade eingefordert. Die
Link-Struktur des Hypertextes zwingt den Leser zu springen. Insofern läßt
der Hypertext, anders als der lineare, keine Möglichkeit zu, eine
Lektürehaltung einzunehmen, die seine Struktur unterläuft. Der
Sprung ist kein Kann, sondern ein Muß. Als
permanenter Mitarbeiter am Text pendelt der Hypertext-Leser zwischen seiner
Freiheit, sich selbständig zusammenzulesen, was er will, und seiner
Funktion als diskursiver Kohärenzstifter, die ihn für seine
Lektüre verantwortlich macht. Diese Rolle entspricht der des Herausgebers,
der als erster Leser und zweiter Autor, Geschriebenes sammelt, bearbeitet
und herausgibt, wobei es ihm überlassen bleibt, ob er als
akribischer oder als leichtsinniger Herausgeber agiert. Hier ließe
sich ein weiterer Vorläufer hypertextueller Literatur anführen:
E.T.A Hoffmanns Kater Murr, der auf eigentümliche Weise Genettes
These belegt, daß der Hypertext mit dem Zerreißen von Büchern
beginnt (Genette 1993: 17): "Als der Kater Murr
seine Lebensansichten schrieb, zerriß er ohne Umstände ein
gedrucktes Buch, das er bei seinem Herrn vorfand, und verbrauchte die
Blätter harmlos teils zur Unterlage, teils zum Löschen. Diese
Blätter blieben im Manuskript und - wurden, als zu demselben gehörig,
aus Versehen mit abgedruckt! De- und wehmütig muß nun der
Herausgeber gestehen, daß das verworrene Gemisch fremdartiger
Stoffe durcheinander lediglich durch seinen Leichtsinn veranlaßt,
da er das Manuskript des Katers hätte genau durchgehen sollen,
ehe er es zum Druck beförderte" (Hoffmann 1969: 298). Das Schreiben und das Lesen
von Hypertexten impliziert eine bestimmte Art der Textverarbeitung, des
"word-processing". Die Prozesse spielen sich als "editing"
irgendwo zwischen Lesen und Schreiben ab. Die Frage nach dem Autor hat
sich, ebenso wie die Frage nach dem Leser, in die nach dem Herausgeber
verwandelt. Der Autor ist der Herausgeber bestimmter Textelemente, die
durch den aktiven Leser zur Einheit geführt werden. Der Leser seinerseits
übernimmt insofern eine auktoriale Funktion, als er der Herausgeber
"seiner" Sammlung von Lektüreerlebnissen ist, die im Extremfall
nicht mehr sind als eine Sammlung von Bookmarks oder die History einer
Surf-Session. In diesem Zusammenhang muß
zwischen der überpersönlichen Funktion des Lesens und
der individuellen Kompetenz zu lesen, unterschieden werden. Flusser
nennt drei verschiedene Formen des Lesens von Texten, die zugleich verschiedene
Lesemodelle für Hypertexte implizieren: "das vorsichtige Auseinanderfalten,
das hastige Überfliegen und das mißtrauische Nachschnüffeln"
(Flusser 1987: 88). Dieses ist die "kritische Form des Lesens"
im Gegensatz zum "wahllosen Lesen", das sprunghaft und assoziativ
verfährt. Das wahllose Lesen ist nach Flusser bloßes "raten"
(Flusser 1987: 79). Bei dieser Gegenüberstellung von kritischem und
ratendem Lesen läßt Flusser allerdings außer acht, daß
das mißtrauische Nachschnüffeln als "detektivische Form
des Lesens" immer schon das Raten mit einschließt. Der amerikanische Philosoph
Charles Sanders Peirce, der Vater der modernen Semiotik und des Pragmatismus
behauptete in seinem Artikel "Guessing", daß in der Evolution
des Wissens das Raten die gleiche Rolle spiele "wie die Variation
in der Evolution biologischer Formen" (Peirce 1929: 268f). Allerdings,
so Peirce, sei unsere Fähigkeit erkenntniserweiternd zu raten kein
bloßer Zufall, sondern "instinktgeleitet". Den Prozeß
instinktgeleiteten Ratens nennt Peirce an anderer Stelle "Abduction".
Die Abduktion ist der "Prozeß eine erklärende Hypothese
zu bilden" (Peirce: CP 5.171), genauer: eine Strategie zum effizienten
Raten, die jeder von uns im Alltag praktiziert, sobald er Mutmaßungen
anstellt. Ecos Meisterdetektiv William von Baskerville schildert diesen
Prozeß seinem Schüler Adson folgendermaßen: "Angesichts einiger
unerklärlicher Tatsachen mußt du dir viele allgemeine Gesetze
vorzustellen versuchen, ohne daß du ihren Zusammenhang mit den
Tatsachen, die dich beschäftigen, gleich zu erkennen vermagst.
Auf einmal, wenn sich unversehens ein Zusammenhang zwischen einem Ergebnis,
einem Fall und einem Gesetz abzeichnet, nimmt ein Gedankengang in dir
Gestalt an, der dir überzeugender als die anderen erscheint. Du
versuchst, ihn auf alle ähnlichen Fälle anzuwenden, Prognosen
daraus abzuleiten, und erkennst schließlich, daß du richtig
geraten hast" (Eco 1980: 390f). Die Abduktion ist nicht nur
die "Logik der Detektive", sie ist auch der erste Schritt allen
Forschens, weil sie die Prämissen für nachfolgenden Deduktionen
und Induktionen findet oder gar erfindet. Dadurch wird der abduktive Schluß
zum Herzstück der Peirceschen Wissenschaftstheorie, und erlebt momentan
unter dem Namen "reasoning to the best explanation" bzw. Expertensystem
in KI-kreisen eine Renaissance. Bereits vor Jahren wies Eco daraufhin,
daß die Logik der Abduktion der Logik des Lesens und Interpretierens
zugrundeliegt (vgl. Eco 1987b: 45). Voraussetzung
für das Gelingen von Abduktionen ist ein detektivischer Spürsinn
fürs Relevante, der, einer Kompaßnadel gleich, bei der Selektion
von möglichen Hypothesen in die richtige Richtung weist. Der abduktive
Schluß integriert Assoziationen in argumentative Begründungszusammenhänge.
Das bloße Raten wird zur Inferenz und dient nicht mehr nur dem "wahllosen
Lesen", sondern der geistigen Navigation. Die gleiche Fähigkeit
zum intelligenten Raten muß der Leser von Internet-Literatur besitzen.
Er übernimmt die Rolle eines Detektivs, der die Spuren des Hypertextes
liest, den Links folgt und einen plausiblen Zusammenhang zwischen den
verschiedenen Textfragmenten herstellt. Die "abduktive Kompetenz"
des Lesers ist die Vorausssetzung für seine selbständige, produktive
Lektüre, denn sie ist eine Umkehrung der starren, deduktiven Logik,
die von allgmeinen Regeln einzelne Fälle ableitet. Sie unterscheidet
sich aber auch vom induktiven Formulieren von Regeln aus der Beobachtung
einzelner Fälle, da sie auf einer sehr viel schmaleren Basis von
Daten und damit sehr viel schneller zu ihren Annahmen kommt. Nach
Peirce folgt die Induktion dem intellektuellen Bedürfnis, daß
eine aufgestellte Hypothese geprüft und durch Erfahrung bestimmt
wird, um zu einer wahrscheinlichen Verallgemeinerung zu gelangen: "It
is the need of generalisation" (CP 3.516). Die Hypothese nimmt eine
provisorische Synthetisierung von Prädikaten vor, basierend auf Abstraktionen,
die zur Grundlage einer plausiblen und erklärungskräftigen Theorie
werden: "the need of synthesizing a multitude of predicates (...)
is the need of theory" (CP 3.516). Die Funktion einer Hypothese besteht
darin, "eine große Reihe von Prädikaten, die in sich selbst
keine Einheit bilden, durch ein einzelnes Prädikat zu ersetzen",
also in einer synthetisch-erkenntniserweiternden "Reduktion eines
Mannigfaltigen zur Einheit" zu bringen (Peirce 1991: 49; CP 5.276).
Angewendet auf das "Bohnen-Beispiel",
das Peirce in Deduktion, Induktion, Hypothese gibt, läßt
sich der Unterschied zwischen den drei Schlußarten folgendermaßen
erläutern: Angenommen, man befindet sich in einem Raum, in dem ein
gefüllter Sack liegt, daneben ein Haufen weißer Bohnen. Bei
einer Deduktion ist das Gesetz bereits gegeben, etwa weil der Sack die
Aufschrift "Weiße Bohnen" trägt. Sobald man hineingreift,
weiß man, daß die Bohnen aus dem Sack weiß sein müssen.
Der Fall ("Diese Bohnen sind aus diesem Sack") hat notwendigerweise
das Resultat ("Diese Bohnen sind weiß") als Konsequenz.
Bei einer Induktion steht man vor einem Sack, der keine Aufschrift trägt.
Man greift hinein und hält eine Handvoll weißer Bohnen in der
Hand. Man wiederholt das Experiment mit dem gleichen Resultat. Spätestens
beim dritten Mal stellt man ein Gesetz auf ("Alle Bohnen in diesem
Sack sind weiß"), das solange gültig bleibt, bis man eine
schwarze Bohne entdeckt. Dem induktiven Schluß auf die Regel geht
allerdings immer schon eine hypothetische Vermutung voraus, denn die Idee,
eine Verbindung zwischen den Bohnen neben dem Sack und den Bohnen im Sack
herzustellen, ist nicht Teil des induktiven Schlusses. Man stellt versuchsweise
das Gesetz auf, daß der Sack ebenfalls Bohnen enthält. Aufgrund
eines assoziierten Zusammenhangs nimmt man an, daß die Bohnen im
Sack gleichfalls weiß sind. Nun testet man, ob die Hypothese ("Diese
Bohnen sind aus diesem Sack") als Fall des aufgestellten Gesetzes
("Alle Bohnen in diesem Sack sind weiß") gelten kann (vgl.
Eco 1988b: 207). In diesem Sinn beruht das abduktive Aufstellen einer
Hypothese auf der Transformation von Assoziationen in Implikationen. Die
Hypothese ist als Assoziation möglicher Zusammenhänge die Voraussetzung
für Deduktion und Induktion, sie ist eine Antizipation möglicher
logischer Begründbarkeit und empirischer Prüfbarkeit. Das abduktive Verfahren wirft
zwei Fragerichtungen auf: Peirce bezeichnet das abduktive
Finden bzw. Erfinden von plausiblen Erklärungen als "logic of
discovery", als Entdeckungslogik, die konstruktive und rekonstruktive
Momente verbindet. Zu fragen ist dabei natürlich, worin das Logische
der Abduktion bestehen soll, denn das bloße Raten ist eine vorrationale,
höchst mysteriöse Verkettung von Assoziationen - auch wenn man
annimmt, es basiere auf einem "instinktgeleiteten Spürsinn".
Das Logische der Abduktion besteht nach Peirce in zweierlei: einmal darin,
daß sich die Abduktion nachträglich als Argument darstellen
läßt. Zum anderen darin, daß der Prozeß des ratenden
Aufstellens von Hypothesen und deren Überprüfung einer äußerst
rationalen Strategie folgt, nämlich dem Ökonomieprinzip, also
einer pragmatischen Logik. Der Aufwand von Geld, Zeit, Gedanken, Energie
- und Telephongebühren ist "the leading consideration in Abduction"
(CP 5.600). Dies bedeutet, daß jene Hypothesen zuerst geprüft
werden sollen, die uns am plausibelsten erscheinen oder diejenigen, die
sich am einfachsten überprüfen lassen. Umgekehrt
beruht die Implausibilität einer Theorie darin, daß sie weder
plausibel, noch einfach prüfbar ist. Peirce gibt folgendes Beispiel
für eine solche Theorie: "Angenommen, eine Lärche
wurde vom Blitz getroffen, und jemand, der ein Liebhaber eben dieser
Baumart ist, fragt sich, warum es ausgerechnet die Lärche getroffen
hat und nicht einen anderen Baum, und er erhält die folgende Erklärung:
Vielleicht gibt es dort oben in den Bergen einen Adlerhorst, und vielleicht
hat der männliche Vogel, um sein Nest zu bauen einen Ast benutzt,
in dem ein Nagel steckte. Und einer der kleinen Adler hat sich vielleicht
an dem Nagel verletzt, so daß Mutter Adler Vater Adler dafür
getadelt hat, daß er einen so gefährlichen Ast benutzte.
Er, verärgert von ihren Vorwürfen, mag sich dazu entschlossen
haben, den Ast weit weg zu bringen. Und während er unterwegs war,
begann das Gewitter. Der Blitz schlug in den Nagel ein und wurde vom
Eisen so abgeleitet, daß er die Lärche traf. Natürlich
ist dies nur eine Annahme, aber um herauszufinden, warum der Baum getroffen
wurde, sollte man sich auf die Suche nach dem Adlerhorst machen"
(CP 2.662, meine Übersetzung). Dieser "weithergeholte"
Erklärungsversuch ist nach Peirce so unplausibel, wie man ihn sich
nur vorstellen kann (CP 2.662). Zugleich handelt es sich aber um eine
äußerst phantasievolle, ja kreative Abschweifung. Tatsächlich
kann abduktives Folgern auch die Form des phantastischen, abschweifenden
Gedankenspiels annehmen (Peirce nennt diese spielerische Gedankenbewegung
"musement" (vgl. CP 6.460)). Sofern das Gedankenspiel ein reines
Spiel bleibt, hat es nur ein Gesetz, nämlich das Gesetz der Freiheit
(CP 6.458) - also auch die Freiheit zu unplausiblen, unsinnigen Ergebnissen
zu führen. Andererseits bleibt die Möglichkeit offen, daß
das reine Spiel in wissenschaftliches Forschen oder in künstlerische
Produktivität übergeht. In diesem Transformationsprozeß
steckt das kreative Potential der Abduktion. Ihre Pointe besteht darin,
"das zusammenzubringen, von dem wir nie zuvor geträumt hätten,
es zusammenzubringen" (CP 5.181). Zwar waren "die verschiedenen
Elemente der Hypothese zuvor in unserem Geist", aber erst die konjekturale
Idee, diese Elemente "zusammenzuwerfen", "läßt
blitzartig die neue Vermutung in unserer Kontemplation aufleuchten"
(CP 5.181). Der abduktive Einfall stellt dabei nicht nur neue Verbindungen
her, sondern bewirkt als kreativer Gedankensprung eine Abkürzung
von Denkprozessen. Vergleichen wir die sprunghafte
Verknüpfung durch Hypertext-Links mit dem abduktiven Gedankensprung,
so könnte man sagen: Aus der Perspektive des Lesers stellt ein Hypertextlink
eine Beziehung zu einem "festgeschriebenen Zieltext" her, die
von jemand anderem voraus-assoziiert wurde. Der Leser hat zwar die Möglichkeit,
"eigene Wissenspfade abzuschreiten" (Idensen 1996: 149),
doch er ist nicht wirklich kreativ, er stellt nicht selbst neue Verknüpfungen
her, da er lediglich fremde Assoziationen nachvollzieht. Zum
kreativen Abduzieren wird er erst dann angeregt, wenn sich die Frage stellt,
warum ausgerechnet dieses Wort mit dieser Seite verlinkt wurde. Aber diese
Frage impliziert bereits, daß irgendetwas nicht "instinktiv
plausibel" ist, daß man auf die Suche nach dem Adlernest in
die Berge geschickt wurde. Der Leser schöpft Verdacht gegen den Linksetzer
und überführt ihn entweder der überbordenden Klugheit,
weil sich seine Verknüpfung als geniale Konjektur herausstellt oder
aber der diskursiven Dummheit, weil sich der Link als banal und irrelevant
erweist. Im Gegensatz dazu besteht eine
konstruktive, also im engeren Sinne "kreative Abduktion" gerade
darin, selbst eine assoziative Beziehung als argumentative Beziehung
darzustellen und dadurch eine neue, erkenntniserweiternde, informative
Beziehung herzustellen, also einen Link zu stiften, dessen Zieladresse
noch kein anderer eingeschrieben hat - was freilich auch bedeutet, daß
man selbst für die Link-Konjektur verantwortlich gemacht wird, also
"der Kluge" oder "der Dumme" ist, sofern man seiner
Hypothese den Status einer Behauptung gibt. Diesen Schritt bezeichnet
Eco als "Meta-Abduktion" und er besteht darin, den Mut aufzubringen,
die "diskursive Verantwortung" für seine Hypothese zu übernehmen,
also die Funktion des virtuellen (also "mutigen", da virtutis
"Tapferkeit" bedeutet) Herausgebers einzunehmen. Die kreative Abduktion läßt
sich formelhaft als Transformation von Assoziation in Argumentation begreifen,
d.h. als ein "Übergangsprozeß", der sowohl auf Seiten
des Zusammenlesers als auch auf Seiten des Zusammenschreibers wirksam
ist. Damit wird das Abduktionskonzept anschließbar für mehrer
Theorieansätze. Für
Mike Sandbote erweisen sich Hypertext und World Wide Web als genuine Medien
"transversaler Vernunft". Das auf Wolfgang Welsch zurückgehende
Konzept der transversalen Vernunft läßt sich nach Sandbote
in drei Grundthesen zusammenfassen, die an den eben dargestellten Übergang
vom reinen Assoziationen in Argumentationen erinnern: Die Abduktion leistet eben
diese Transformation "unbewußter Verflechtungen" in bewußte
Problemlösungsstrategien, indem sie Propositionen und Textteile wie
Prämissen organisiert, also die Zwischenräume nicht nur als
Kontiguitätsbeziehung interpretiert, sondern als inferentielle Verknüpfungen.
Erst dann nämlich, wenn das assoziative, hypertextuelle Lesen als
"einheitsstiftendes Editing", in den Prozeß des abduktiven
Hypothesenaufstellens integriert ist, wird die rhizomatische Verweisstruktur
des Netzes zu einem "produktiven Feld" des Geistes, in dem sich
"Entdeckungen, Erfindungen und Innovationen abspielen" (Idensen
1996: 149). Die abduktive
Bewegung des Verknüpfens hat die Dynamik eines idealen Hypertextes,
in dem sich potentiell alles mit allem verbinden läßt, ohne
deshalb beliebig zu sein. Damit gleicht das abduktive Zusammenwerfen von
verschiedenen Elementen, das neue Vermutung entstehen läßt,
der in Vannevar Bushs Artikel "As we may think" vorgestellten
Memex-Maschine. Die Abduktion ist, mit Bush zu sprechen: "a process
of tying two items together". Der Zusammenleser übernimmt die
Funktion des Herausgebers von "interessanten assoziativen Verknüpfungen",
die er als Argument darstellt. Darüberhinaus könnte
man überlegen, ob es nicht eine gewisse Analogie zwischen der Abduktion
und Derridas Derridas Konzept der "Aufpfropfung" gibt. Auch
die Bewegung der Abduktion ist im Stadium konjekturalen Zusammenwerfens
noch nicht in rationale Begründungsstrukturen integriert, sondern
hat den Charakter einer "Entführung" in andere Kontexte.
Und zwar gleichermaßen als produktive und als rezeptive Rekontextualisierung.
Doch im Gegensatz zur Peirceschen Abduktion führt die rekontextualisierende
Bewegung der Aufpfropfung von einem assoziativen Link zum nächsten,
ohne die Bewegung der Assoziation jemals in eine Bewegung der Implikation
umzuwandeln. Vielleicht,
so könnte man abschließend fragen, vielleicht besteht aber
eben hierin die ästhetische Dimension des Lesens von Hypertext-Literatur.
Vielleicht besteht die Aufgabe von Literatur im Internet darin, einen
permanent abschweifenden, aufpfropfenden, entführenden, anekdotischen
Leser zu schaffen, der nicht mehr in der Lage ist, seine diskursive Funktion
als Einheitsstifter zu erfüllen, dessen "Lust am Hypertext"
in den verschiedenen Möglichkeiten besteht, sich seiner diskursiven
Diffusion zu überlassen. Eine dieser Möglichkeiten
wäre die der fetischistischen Lektüre, die sich am zerschnitten
Text und der Zerstückelung der Zitate freut (vgl. Barthes 1986: 93).
Eine andere Möglichkeit, wäre die paranoiden Lektüre, die
verzwickte Hypertexte so interpretiert, als seien sie nach geheimen Spielregeln
hervorgebrachte Konstruktionen. Die diffuseste dieser Möglichkeiten
aber wäre die hysterische Lektüre, die sich blind in den Hypertext
hineinwirft, ihn zu Ende lesen will und sich deshalb im Netz des Hypertextes
verfängt. Mit anderen
Worten: Vielleicht führt der von Barthes attestierte Tod der auktoriale
Spinne zur Geburt eines lesenden Spinners. Barthes, Roland (1986), Die
Lust am Text. Frankfurt. (Zuerst 1973). Barthes, Roland (1984), "La
Mort de L´Auteur", in: Essais Critiques IV, Le Bruissement
de la Langue, Paris: 61-67. Deutsch: Texte zur Theorie der Autorschaft,
hg. von Fotis Jannidis u.a., Stuttgart 2000: 185-193. Bolter, Jay (1997), "Das
Internet in der Geschichte der Technologien des Schreibens". In:
Münker/Roesler: Mythos Internet. Frankfurt. Bolz, Norbert (1993), Am
Ende der Gutenberggalaxis, München. Eco, Umberto (1980), Der
Name der Rose. München. Eco, Umberto (1987a), Lector
in fabula. München. Eco, Umberto (1987b), Der
Streit der Interpretationen. Konstanz. Flusser, Vilém (1987),
Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft? Frankfurt. Foucault, Michel (1993), "Was
ist ein Autor?" (Zuerst 1969). In: Michel Foucault, Schriften
zur Literatur, Frankfurt 1993. Hoffmann, E.T.A. (1969) Lebens-Ansichten
des Katers Murr, München. Idensen, Heiko (1996), "Die
Poesie soll von allen gemacht werden". In: Literatur im Informationszeitalter.
Herausgegeben von Dirk Matejovski und Friedrich Kittler. Frankfurt / New
York: 143-184. Iser, Wolfgang (1984), Der
Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung. München. Peirce, Charles Sanders, Collected
Papers. Abgekürzt als (CP).Band I-VI (1931-1935), Hg. von Ch.
Hartshorne und P. Weiß. Band VII und VIII (1958), Hg. von A.W. Burks.
Harvard University Press. Peirce, Charles Sanders (1929),
"Guessing". In: The Hound and Horn: 267-285. Sterne, Laurence (1985), Leben
und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman. Aus dem Englischen von
O. Weith. Stuttgart. Wingert, Bernd (1995), "Die
neue Lust am Lesen? Erfahrungen und Überlegungen zur Lesbarkeit von
Hypertexten." In: Kursbuch Neue Medien. Mannheim: Bollmann. Wirth, Uwe (1994), "Über
die Logik des Lesens bei Calvino und Eco".In: Die Literarische
Moderne in Europa. Hg. von Hans Joachim Piechotta, Ralph-Rainer Wuthenow,
Sabine Rothemann. Westdeutscher Verlag, Opladen 1994. Wirth, Uwe (1995),
"Abduktion und ihre Anwendungen. Ein Forschungsbericht".
In: Zeitschrift für Semiotik. Bd. 17: 1995. Wirth, Uwe (1997) "Wen
kümmert´s wer liest? Literatur im Internet".In: Mythos
Internet. (Hgg.) Stefan Münker und Alexander Roesler. Edition
Suhrkamp 1997. Woolley, Benjamin (1992), New
Media Worlds, London. (Deutsch: Woolley, Benjamin (1994), Die Wirklichkeit
der virtuellen Welten. Basel, Boston, Berlin.)
Wen
kümmert´s wer spinnt? Gedanken zum Schreiben und Lesen im Hypertext
Leser und Autor im Hypertext
(nach oben)
Abduktion als Logik des Lesens
(nach oben)
Perspektiven der Abduktion
beim Lesen von Hypertexten (nach
oben)
Literaturhinweise
(nach oben)