Literatur im Internet.
Oder. Wen kümmert's wer liest?
von Uwe Wirth
"Hi!" hat einer gesagt, "ist es okay, wenn wir dich
duzen? Willst du lieber in Englisch lesen? Gut, bis hierhin bist du
vorgedrungen durch das labyrinthische Netzwerk des WWW. War es Mundpropaganda
oder ein Link, bist du wahllos oder zielgerichtet durchs WWW gereist?
Egal, jetzt bist du hier, und wir freuen uns, dass du nicht sofort weitergesprungen
bist".
Wen kümmert's? Gleichgültig
wie diese Passage zunächst zu werten ist - als paratextuelles Direkt-Marketing
für den Internet-Roman Spielzeuglandoder
als dessen erzählerischer Anfang - der geduzte Leser fühlt sich
unwillkürlich an das Konzept postmoderner Klassiker erinnert. So
notiert der Erfolgsautor Flannery, eine Schlüsselfigur aus Italo
Calvinos Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht.
"Bin auf den Gedanken gekommen,
einen Roman zu schreiben, der nur aus lauter Romananfängen besteht.
Der Held könnte ein Leser sein, der ständig beim Lesen unterbrochen
wird. (...) Ich könnte das Ganze in der zweiten Person schreiben:
du, Leser ..." (Calvino 1983: 237).
Im Kontext der Internet-Literatur
wird eben jenes Konzept, das Flannery als Romanhandlung entwirft, zum
Strukturmerkmal des hypertextuell organisierten Diskurses. Hypertexte
legen es darauf an, den Lesefluß durch untereinander vernetzte Verweise,
sogenannte "Links", zu unterbrechen und den Leser in einen "Taumel der
Möglichkeiten" zu stürzen. Die zentrale Organisationsidee des
Hypertextes ist die Vernetzung der Links mit andern Links. Dieses Netz
aus Verweisen hat eine zentrifugale Wirkung. Das Link ist die hypertextuelle
Aufforderung an den Leser einen rezeptiven Sprung zwischen verschiedenen
Fragmenten oder zwischen verschiedenen Ebenen zu vollziehen. Dabei läßt
sich der Hypertext, der explizit als unabschließbarer "Text in Bewegung"
konzipiert ist, nicht zuendelesen. Man hat einen Text vor sich, der im
Grunde nur aus alternativen Textanfängen besteht.
1.Vorspiel
Literatur im Internet ist zugleich
Spiegel und Bestandteil der durch das Internet etablierten Textlandschaft.
Zwischen Literatur im Internet und dem Internet selbst besteht sowohl
eine syneckdochische pars-pro-toto Beziehung als auch eine metaphorische.
Literatur im Internet ist eine "epistemologische Metapher", sie repräsentiert
ein "diffuses theoretisches Bewußtsein" (Eco 1977: 160), gespeist
von den technischen Möglichkeiten des Computerzeitalters und den
ästhetischen Konzepten der Postmoderne. Dies wird nach einem Blick
auf den Internet-Index Hyperizons deutlich, der eine kommentierte
Bibliographie zur Theorie und Technik von Hypertextliteratur anbietet.
Da ist vom "Ende des Buches" (Robert Coover) die Rede, an dessen Stelle
ein "elektorinisches Labyrinth" tritt, von den "Versprechen und Enttäuschungen"
der "Hypertextfiction" (Jurgen Fauth) oder vom "Psychodrama der Interaktivität"
(Christian Paul).
Betrachtet man die Literatur
im Internet selbst, so stellt man bald fest: Das Hauptaugenmerk der Macher
und Kritiker von Online-Texten richtet sich weniger auf deren stilistische
Qualitäten, als vielmehr darauf, wie die "Hypertextmaschine" im Kontext
der lesergesteuerten Aktivitäten des Hin- und Herschaltens zwischen
verschiedenen Textebenen und Links funktioniert. Es geht weniger um den
Stil des Schreibens als um den Stil des Lesens. Schreiben im Netzwerk
hat, so Idensen, "nicht im klassischen Sinne mit Literatur zu tun". Vielmehr
geht es darum, "Neuland im telematischen Raum zu vermessen, Textlandschaften
anzulegen, Schreiben und Lesen eben auch als einen nomadischen Akt des
Umherschweifens durch Text-Netzwerke zu begreifen" (Idensen 1996: 155).
Dabei muß gefragt werden, inwieweit das "Lesen von hypertextuellen
Strukturen" "neue Formen des Lesens" impliziert (vgl. Wingert 1995: 113).
Wird das Lesen zu einer lecture automatique?
Mehr als durch neue Themen
und Formen ist diese Literatur durch die Frage nach der Rolle des Lesers
bestimmt. Was muß ein Leser können und wissen, um Literatur
im Internet rezipieren zu können? Ist er umherschweifender Daten-Dandy
oder sinnsuchender Daten-Detektiv? In beiden Fällen gilt, was Proust
im letzten Band seiner Suche nach der verlorenen Zeit schreibt:
"In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner
selbst" (Proust 1957: 329). Ich möchte im folgenden klären,
was dieser Gedanke bedeutet, wenn man ihn im Kontext der Literatur im
Internet und vor dem Hintergrund jener literatur- und texttheoretischen
Konzepte betrachtet, die für die Idee hypertextuell orientierten
Lesens relevant sind.
2. Die bizarren Träume
der Literaturtheorie werden Wirklichkeit
Paul de Man prägt in seinem
berühmten Essay über das Lesen den dekonstruktivistischen Slogan,
daß das "Lesen die Metapher des Schreibens" sei (de Man 1988: 101).
Der Hypertext ist das Wörtlichnehmen der Metapher vom Lesen als Schreiben
im Zeichen interaktiver Computermedien. Freilich mit den bekannten Fogen,
die das Wörtlichnehmen von Metaphern so mit sich bringt: die ganze
Sache kippt entweder ins Banale oder ins Bizarre. Daß sich der Mythos
der Literatur im Internet aus wörtlich genommenen Metaphern postmoderner
Literaturtheorien speist, läßt sich an zwei Beispielen plausibel
machen: Einmal anhand der Idee vom Hypertext als einer rhizomatisch vernetzten
Karte. Zum anderen anhand der Idee vom Hypertext als offenem Text, der
in seiner Abfolge erst im Akt des Lesens entsteht.
Das Programm des Hypertextes
lautet auf Seiten dessen, der den Hypertext strukturiert: "Löse den
Text in seine Bestandteile auf und organisiere diese Teile neu" (Wingert
1995: 112). Mit Hilfe dieses Verfahrens, das sehr der Bartheschen Beschreibung
der "strukturalistischen Tätigkeit" ähnelt, lassen sich Texte
und Argumentationen entweder entwirren oder verwirren. Der Hypertext kann
also im Dienst der diskursiven Transparenz stehen oder aber, etwa im literarisch-ästhetischen
Kontext, der Verrätselung diskursiver Strategien dienen, um absichtlich
die Verstehbarkeit des Textes zu erschweren. Gerade im literarisch-ästhetischen
Kontext können die intra- und intertextuellen Verweise auch falsche
Fährten eines "gigantischen Versteckspiels" sein. Hieraus entwickelt
sich die häufig zitierte Idee vom Hypertext als einem "rhizomatischen
Labyrinth".
Der von Deleuze aus dem Feld
der Biologie in das Feld der Philosophie übertagene Begriff bezieht
sich auf ein unstrukturieretes Geflecht. So wird das Rhizom zum Modell
des Internet und seiner hypertextuellen Teiltexte, die durch Links miteinenader
vernetzt eine virtuelle Bibliothek bilden. Auch im Fall des Rhizoms handelt
es sich um eine Metapher postmoderner Theorie, die im Zeitalter ihrer
technischen Realisierbarkeit ins Wörtliche kippt. Rhizomatischen
Verknüpfungsweisen, öffnen nach Idensen, "einen neuen Raum für
textuelle, konversationelle und diskursive Austauschprozese" (Idensen
1996: 155). Im gleichen Maße verschließen sie sie aber auch,
da sie zu einer "semantischen Orientierungslosigkeit" des Lesers beitragen.
"Alles hing mit allem zusammen, alles konnte mysteriöse Analogien
mit allem haben", heißt es in Umberto Ecos Roman Das Foucaultsche
Pendel (196). Und genau dies scheint auch das Grundmuster des Rhizoms
zu sein. Nach Eco ist das rhizomatische Labyrinth "vieldimensional vernetzt",
es "hat weder ein Zentrum, noch eine Peripherie" und ist "potentiell unendlich"
(Eco 1984: 65). Nach Eco ist ein Rhizom "eine offene Karte, die in all
ihren Dimensionen mit etwas anderem verbunden werden kann; es kann abgebaut,
umgedreht und beständig verändert werden" (Eco 1985: 126??).
Überall findet man in
der Auseinandersetzung mit dem Konzept des Internet und mit der Poetik
der Literatur im Internet (und oft auch in der Literatur selbst) den Hinweis
auf die legendäre "Bibliothek von Babel". Diese Bibliothek, die Borges
beschreibt, ist als rhizomförmiges Labyrinth angelegt, sie ist "unbegrenzt
und zyklisch" (63). Dabei wird die Bibliothek zur Metapher der Welt: "Das
Universum (das andere die Bibliothek nennen) setzt sich aus einer unbegrenzten
und vielleicht unendlichen Zahl sechseckiger Galerien zusammen" (54).
Ebenso wie das Rhizom ist die "Bibliothek von Babel" Peripherie ohne Mittelpunkt.
Sie ist "eine Sphäre, deren eigentlicher Mittelpunkt jedes beliebige
Sechseck, und deren Umfang unzugänglich ist" (56).
Aufgrung seiner räumlichen
Anordnung wird das Lesen von Hypertexten zum "topografischen Lesen" einer
hypertextuellen "Weltkarte des Wissens". Das Problem, sich innerhalb der
rhizomatischen "Landkarte der Semiose" zu orientieren, gleicht dem Problem,
eine Karte zu lesen, ohne den eigenen Standpunkt zu kennen. Die Aufgabe
eine Karte lesend zu interpretieren und sich mit ihrer Hilfe zu orientieren
gleicht der hermeneutischen, zwischen Text und Lebenswelt verstehend zu
vermitteln. Insofern thematisiert das Lesen von Karten die Frage nach
dem Standort des Denkens innerhalb eines labyrinthischen Diskurses. Wo
bin ich und wo will ich hin? In dem Moment jedoch, in dem Lesen im Internet
nicht mehr pragmatisch sondern ästhetisch motiviert ist, verlieren
diese beiden Fragen an Relevanz. Anders als das pragmatische orientierte
Kartenlesen will das ästhetische Lesen "mehr an den Dingen sehen,
als sie sind" (Adorno). Zumal auch der Autor eines ästhetischen Textes
auf sein "Verwirrungsrecht" pocht. Diese postmodern anmutende Idee stammt
- wie viele andere auch - aus der Romantik. So lesen wir in Friedrich
Schlegels Lucinde:
"Für mich und für
diese Schrift (...) ist aber kein Zweck zweckmäßiger als
der, daß ich gleich anfangs das was wir Ordnung nennen vernichte,
weit von ihr entferne und mir das Recht einer reizenden Verwirrung deutlich
zueigne und durch die Tat behaupte" (Schlegel 1962: 8f).
Eben dies scheint auch ein
zentrales Moment im Konzept der Literatur im Internet zu sein: Der Leser
hat die Freiheit die Ordnung des Diskurses selbst herzustellen oder sich
von der Unordnung der Fragmente verwirren zu lassen. Bedingt durch die
räumliche Anordnung des Textes kann sich der Leser vom "Zwang des
Linearen" befreien, die "lesergesteuerte Selektion" wird zum Programm.
An die Stelle einer vorgeschriebenen syntaktisch-textuellen Ordnung tritt
eine assoziative Ordnung, die erst im und durch den Akt des Lesens etabliert
wird. Dabei wird der Lesefluß in dem Maße unterbrochen, in
dem der Leser seine Freiheit nutzt, sich vom aktuellen Textausschnitt
zu einem anderen, zunächst marginalen Textausschnitt führen
zu lassen, der durch einen Mausklick mit einem Mal ins Zentrum seiner
Aufmerksamkeit springt. Schlegels romantische Idee einer verwirrten Ecriture
wird dabei maßstabsgetreu auf den Lektüreprozeß projiziert.
Der entscheidende Unterschied - auf den auch immer wieder hingewisen wird
- besteht darin, daß der hypertextuell organisierte Diskurs des
Internet technisch avanciertere Formen kennt, das Recht einer reizenden
Verwirrung durch die Tat zu behaupten. Um dies zu verdeutlichen muß
man den Unterschied zwischen Buch und Text zur Sprache bringen.
In Calvinos Roman Wenn ein
Reisender in einer Winternacht möchte Flannery "im Buch die unlesbare
Welt" einfangen, nämlich "die Welt ohne Mittelpunkt, ohne Ich" (1983:
217). Er steht vor der Entscheidung die Totalität der Welt darzustellen,
indem er entweder ein Buch schreibt, "das zum einzigen allumfassenden
Buch werden kann", oder indem er "alle Bücher" schreibt, "um das
Ganze durch seine Teilbilder einzufangen" (1983: 218). Das Internet kennt
dieses Dilemma scheinbar nicht. Jeder Teiltext ist automatisch Bestandteil
eines allumfassenden Textes, der ständig im Entstehen begriffen ist.
Im Unterschied zu Hypertexten auf CD-Rom, die immer noch etwas vom "Werkcharakter"
behalten haben, ist Online Literatur im Internet potentiell jederzeit
erweiterbar. Dies wird nun aber gerade dadurch möglich, daß
es sich bei der Internetliteratur nicht mehr um Texte in Buchform handelt,
sondern um Hypertexte. Texte also, die man aufgrund ihrer internen Verweisstruktur
nicht drucken kann und die deswegen keine "realen" Grenzen haben. Die
gesetzte Grenze zwischen Text und Kontext markiert der Buchdeckel. Diese
Grenze entfällt im Internet. Insofern ist Literatur im Internet durch
den Verlust des Buch- und Werkcharakters ausgezeichnet. Sie löst
den Literaturbegriff von seinem "klassischen Träger", dem gedruckten
Buch. Der Begriff des Textes ist nicht mehr an die Form des Buches gebunden.
Im Internet bekommt Derrida uneingeschränkt Recht, wenn er behauptet:
"There is nothing outside the text". Ja, man muß diese dekonstruktivistische
Parole vielleicht sogar noch ergänzen und sagen "There is nothing
outside the hypertext". Aufgrund der hypertextuellen Organisation des
Diskurses realisiert sich im Internet noch ein anderes postmodernes Konzept,
nämlich das der Intertextualität.
Indem sie intertextuelle Strukturen
inszeniert, thematisiert Internet-Literatur "den Raum zwischen verschiedenen
Text-Fragmenten" (Idensen 1996: 145). Intertextualität wird gemeinhin
als "Dialog zwischen Büchern" in einer unendlichen Bibliothek bezeichnet.
Bei genauerem Betrachten ist Intertextualität jedoch ein Dialog zwischen
Textstellen, also zwischen aufgeschlagenen Büchern. Während
die Intertextualität der Druckkultur eine virtuelle ist, die sich
im Gedächtnis des Interpreten herstellt, ist die Intertextualität
im Netz eine sichtbargemachte. Hier treffen nicht aktueller Text und erinnerter
Text aufeinander, sondern zwei gleichermaßen päsente und miteineander
durch Links verbundene Texte, die auf verschiedenen Ebenen angesiedelt
sind. Dabei vollzieht der Link einen "wirklichen Sprung". Dergestalt nimmt
die "Hyper-Intertextualität" die Metapher vom "Text in Bewegung"
wörtlich und impliziert eine Poetik des Transports (Idensen
1996: 145). Das Bewegungsmuster dieser Poetik ist der Sprung aus dem Zentrum
- also das, was Eingangs die zentrifugale Wirkung der Link-Struktur genannt
wurde.
3. Der Hypertext als
Spielzeugland
Ich möchte dies anhand
des Internet-Romans Spielzeugland erläutern. Einer seiner
möglichen Anfänge trägt den Titel "Einzug des neuen Ritters":
"So stand ich ihm gegenüber.
Nackt und kalt, denn ich fühlte mich zu dünn angezogen an
diesem Tag. Der leichte Wind, der durch sein Zimmer strich, zerrte an
meinem Hemd; ich fröstelte. Mächtig thronte er auf
seinem Diwan (...)".
Das Wort "thronte" ist
unterstrichen. Dies zeigt an, daß es durch ein Link, mit einer anderen
Textstelle verbunden ist. Der Leser klickt das Wort an und springt zu
einer Fußnote. Dort liest er, daß es der Ausdruck "thronte"
aus Goethes Faust stammt. Folgt man nun dem Link, das sich hinter
"Faust" verbirgt, so gelangt man aus dem Text "Spielzeugland" direkt
an die entsprechende Stelle in Goethes Faust und könnte nun
dort weiterlesen. Das Link hat die intertextuelle Verbindung zwischen
der ursprünglichen Anspielung, dem Autor und dem Text auf den sich
die Anspielung bezog, hergestellt. Der Leser kann so von einem Text zum
nächsten springen. Natürlich könnte man fragen, warum ausgerechnet
der Begriff "thronte" zum Anlaß genommen wird, um auf Goethes Faust
zu verweisen. Ebensogut hätte man den Begriff "Diwan" zum Anlaß
nehmen können, um auf Goethes "westöstlichen Diwan" zu verweisen.
Mit anderen Worten: Man kann im Prinzip von jedem Wort aus zu jedem anderen
gelangen. Informativ werden Links erst dadurch, daß sie eine spezifische
Relevanzstruktur implizieren. Oder aber dadurch, daß der Leser die
spezifische Irrelevanz eines Links erkennt. Hinter den Kriterien, nach
denen Links angeordnet werden, verbirgt sich so etwas wie die Persönlichkeit
desjenigen, der sie gesetzt hat. Die Struktur der Links ist eine Spur,
ein Abdruck einer diskrusiven Strategie. Hier zeigt sich, ob die "Ökonomie
des Diskurses" bestimmten Relevanz- und Kohärenzkriterien folgt,
oder rein willkürlich, den Leser in die Irre leitet. Damit sind wir
wieder bei unserer Ausgangsfrage angelangt: Was muß ein Leser können
und wissen, um Literatur im Internet rezipieren zu können? Ist er
umherschweifender Daten-Dandy oder sinnsuchender Daten-Detektiv? Beide
Rollen sind möglich.
4. Der Hypertextleser
als abduzierender Detektiv
Der Leser als Detektiv hegt
die Hoffnung, daß er nach denselben Gesetzen denkt, die den Zusammenhang
und die Ordnung des Diskurses regeln. Er möchte die diskursive Strategie
- diene sie der Entwirrung, oder aber der Verwirrung - entschlüsseln.
Mit anderen Worten: Um herauszufinden, wer der Schuldige ist, muß
er annehmen, daß alle Tatsachen eine Logik haben, nämlich die
Logik, die ihnen der Schuldige auferlegt hat" (Eco 1984: 64). Die Rolle
des Lesers ist jedoch nicht auf die des Detektivs beschränkt. Wenn
wir Proust Glauben schenken, daß jeder Leser, wenn er liest, in
Wirklichkeit ein Leser seiner selbst ist, dann ist der Leser zugleich
auch der Schuldige. Tatsächlich ist der einzige noch nicht realisierte
Detektivroman, (so eine Untersuchung des Pariser Ouvroir de Littérature
Potentielle) derjenige, in welchem der Leser der Täter ist. Eco
schreibt dazu: "Ich frage mich, ob dies (...) nicht überhaupt die
Lösung ist, die jedes große Buch realisiert" (Eco 1988: 200).
Die Mitarbeit des Lesers bei der Konstitution des Textes und der Ergänzung
diskursiver Leerstellen impliziert immer auch eine Mittäterschaft.
Der Leser ist also Täter und Detektiv zugleich. Einmal überläßt
er sich naiv den Spüngen und Strategien des Diskurses. Dann wieder
versucht er herauszufinden, wie ihn der Text zur Mitarbeit und zur Komplizenschaft
aufgefordert hat. Auf dieser Ebene wird er zum "kritischen Leser" (Eco
1987c: 41.). Die "kritische Leistung" des Lesers besteht darin, im Akt
des Lesens und Interpretierens seine Perspektive zu verändern, ein
"switching" der diskursiven Rollen zu vollziehen. Er ist sowohl Dandy
als auch Detektiv.
Übertragen wir dies auf
das Konzept des Lesens von Hypertexten. Die Pointe des aktiven Lesens
besteht nach Flusser darin, daß der Leser selbst aus den Informationselementen,
die Information überhaupt erst herstellt. Dabei vollzieht der Leser
aktiv "verschiedene Knüpfmethoden, die ihm von der künstlichen
Intelligenz vorgeschlagen werden" (Flusser: 1987: 150). Dabei ist nun
zu fragen, inwieweit der Leser hier nur innerhalb eines vorgeschriebenen
Rahmens agiert, ob er wirklich "eigene Wissenspfade abschreitet"
(Idensen 1996: 149), wenn er den Knüpfmethoden folgt, die ihm von
der künstlichen Intelligenz vorgeschlagen werden. Die Knüpfmethoden
sind die Links zwischen verschiedenen Textelementen, denen man wie ein
Spurenleser folgt. Will man, wie Wingert einen Begriff "hypertextuellen
Lesens" in Analogie zum Spurenlesen entwickeln (Wingert 1995: 116), muß
man sich über den Status der Links, auf denen die Wissenspfade aufbauen,
im Klaren werden. Links sind keine Abdrücke unschuldiger Tiere (wie
Wingert in seinem Aufsatz behauptet), sondern absichtsvoll von einem Autor
oder einem Herausgeber "vorgeschriebene Verweise". Ihnen naiv zu folgen
und Wissen zusammenzulesen wäre eine Form assoziativen "brain stormings",
ein phantasievoller Datendandyismus, aber noch keine Form des Wissenserwerbs.
Auch Flusser unterscheidet
zwischen verschiedenen Formen des Lesens von Texten, die zugleich verschiedene
Lesemodelle für Hypertexte implizieren: "das vorsichtige Auseinanderfalten,
das hastige Überfliegen und das mißtrauische Nachschnüffeln"
(Flusser 1987: 88). Dieses ist die "kritische Form des Lesens" im Gegensatz
zum "wahllosen Lesen", das sprunghaft und assoziativ verfährt. Das
wahllose Lesen ist nach Flusser bloßes "raten" (Flusser 1987: 79).
Bei dieser Gegenüberstellung von kritischem und ratendem Lesen läßt
Flusser allerdings außer acht, daß das mißtrauische
Nachschnüffeln als "detektivische Form des Lesens" immer schon das
Raten mit einschließt. Die assoziativen Sprünge werden in Hypothesen
umgewandelt, die sich ihrerseits in Argumentationszusammenhänge integrieren
und kritisch überprüfen lassen. Das Raten ist der erste Schritt
beim Aufstellen und beim Selegieren von interpretativen Hypothesen. So
belehrt William von Baskerville, Ecos mittelalterlicher Meisterdetektiv
in Der Name der Rose: "Die erste Regel beim Entziffern einer Geheimbotschaft
ist, zu raten, was sie uns sagen will" (Eco 1980: 211). Das gleiche Verfahren
wendet der Leser im Internet als William von Cyberville an.
Die Logik des Lesens und Interpretierens
ist nach Eco die Logik der Abduktion (vgl.
Eco 1987c: 45). Der abduktive Schluß ist das Herzstück jener
pragmatischen Wissenschaftstheorie, die Charles Sanders Peirce, der Vater
der modernen Semiotik, entwickelte. Nach Peirce vollzieht sich alles Denken
und Interpretieren als Zeichenprozeß, als "Semiose". Dieser Zeichenprozeß
ist zugleich Bestandteil einer Argumentationszusammenhangs. Die Abduktion
ist der "Prozeß eine erklärende Hypothese zu bilden" (CP 5.171).
Sie ist der erste Schritt des Argumentationskette, gefolgt von Deduktion
und Induktion, welche die abduktiv aufgestellten Hypothesen logisch und
empirisch überprüfen. Abduktives Folgern ist ein Gedankenspiel
(Peirce nennt diese spielerische Gedankenbewegung "musement" (CP 6.460)),
an dem konstruktive und rekonstruktive Momente beteiligt sind. Als "logic
of discovery" bezieht sich die abduktive Selektion und Konstruktion von
Hypothesen sowohl auf das entdeckende Herausfinden von etwas, im Sinne
der "detection", als auch auf die "invention" (vgl. CP 2.430). Das abduktive
"Erfinden einer plausiblen Erklärung" ist die Basis sowohl des wissenschaftlichen
als auch des detektivischen Denkens.
Die Abduktion schließt
von einer gegebenen Wirkung auf eine hypothetische Ursache zurück.
Sie dient der Identifikation von Spuren, dem Ergänzen von Fragmenten,
der Information über Ursachen und dem Erschließen der Intentionen
und Gesetzmäßigkeiten eines Diskurses oder Tatsachenkomplexes.
Voraussetzung für das Gelingen einer Abduktion ist ein detektivischer
Spürsinn fürs Relevante, ein "Rate-Instinkt", der, einer Kompaßnadel
gleich, bei der Selektion von möglichen Hypothesen in die richtige
Richtung weist. Der abduktive Schluß integriert Assoziationen in
argumentative Begründungszusammenhänge. Das bloße Raten
wird zur Inferenz. Die gleiche Fähigkeit zum intelligenten Raten
muß der Leser von Internet-Literatur besitzen. Er übernimmt
die Rolle eines abduzierenden Detektivs, der die Spuren des Hypertextes
liest, den Links folgt und einen plausiblen Zusammenhang zwischen den
verschiedenen Textfragmenten herstellt. Anstatt nur den vorgegeben Links
zu folgen, muß der Leser-Detektiv auch die "missing links" suchen
und finden. Er darf nicht der expliziten Link-struktur des Hypertextes
vertrauen, sondern muß mit detektivischem Spürsinn die verborgenen
Verbindungen und diskursiven Strategien entschlüsseln und abduktiv
Mutmaßungen über den "Topic", den thematischen Zusammenhang
aufstellen (vgl. Eco 1987a: 111f). Die Abduktion projiziert auf die labyrinthisch-rhizomatischen
Verschlingungen unseres enzyklopädischen Weltwissens eine provisorische,
im wahrsten Sinne des Wortes hypothetische "Ordnung der Dinge". Ohne ein
limitierendes Relevanzkriterium führt die Freiheit, den rhizomatischen
Raum, d.h. den Raum der Mutmaßung, auszschreiten in die "semantische
Orientierungslosigkeit", mithin zu einer beliebigen Ordnung der Dinge
und zur universellen Anschließbarkeit von allem mit jedem. Das Gestrüpp
der vernetzten und verlinkten Querverweise entspräche dann jenem
Spiel, "bei dem man durch Assoziation in fünf Schritten von Würstchen
zu Platon gelangen soll" (Eco 1989: 264). Man stellt sprunghafte Kontiguitäts-
und Assoziationsbeziehungen her und gelangt so von "Würstchen" zu
"Schwein", von "Schwein" zu "Borste", von "Borste" zu "Pinsel", von "Pinsel"
zu "Manierismus", von "Manierismus" zu "Idee" und von dort zu "Plato".
Das Prinzip der universellen Anschließbarkeit karnevalisiert alle
pragmatischen Relevanzsysteme. Es stellt willkürlich Kohärenzbeziehungen
her und verwischt die Grenze zwischen relevanten und irrelevanten Aspekten.
"Zusammenhänge gibt es immer, man muß sie nur finden" (Eco
1989: 264f). Angesichts dieses ungehemmten "Willens zur Verknüpfung"
degeneriert die abduktive Detektivlogik in eine rein assoziative Aufpfropfung
auf neue Kontexte.
Nur wenn das assoziative, hypertextuelle
Lesen aktiv in den Prozeß des abduktiven Hypothesenaufstellens integriert
ist, wird die rhizomatische Verweisstruktur des Netzes zu einem "produktiven
Feld", in dem sich "Entdeckungen, Erfindungen und Innovationen abspielen"
(Idensen 1996: 149). Dies setzt allerdings voraus, daß, anders als
Idensen behauptet, "das Denken selbst" nicht darauf reduziert wird "sich
in den Zwischenräumen, im Übergang von einem Gebiet in ein anderes"
zu ereignen (Idensen 1996: 149). Die Frage ist, ob damit die Zwischenräume
im Hypertext oder die Übergänge zwischen Hypothesen über
den Hypertext gemeint sind. Das Denken muß nicht bloß assoziativ
sondern auch argumentativ anschließbar sein. Erst durch geistige
Interaktion werden Anschluß- und Schnittstellen informativ und
interessant. Insofern geht das abduktive Aufstellen von Hypothesen über
das bloße assoziative, ratende Zusammenlesen von verlinkten Textfragmenten
hinaus. Der Leserdetektiv muß auf seine abduktive Kompetenz zurückgreifen.
5. Der Hypertext als
viel zu offener Text
Glaubt man Eco, so will ein
"guter" Text "für seinen Leser zu einem Erlebnis der Selbstveränderung
werden" (Eco 1984: 59). Die Frage ist, in welche Richtung sich der Leser
verändert. Wird er vom sinnsuchenden Detektiv zum surfenden Dandy
- oder umgekehrt, vom Dandy zum Detektiv - dies wäre ein nachgerade
aufklärerisches Lektüreerlebnis. Wie auch immer. Der Hyper-Leser
sollte die Fähigkeit erlangen, einen Perspektivenwechsel zwischen
beiden Rollen zu vollziehen. Diese Aufforderung zum Umschalten ist ein
Appell die manuelle "Klickability" in eine geistige "Switchability" zu
transformieren.
Das Erlebnis der Selbstveränderung
ist der Höhepunkt jener lesergesteuerten Aktivitäten, die der
Leser während seiner Lektüre vollzieht, nämlich eine, wenn
auch nur kontingente, Kohärenz zwischen den hypertextuellen Schnipseln
und Verweisen herzustellen. Dabei ist eine starke Analogie zwischen Ecos
und Isers Theorie der interpretativen Kooperation und gegenwärtigen
Hypertexttheorien festzustellen. Auch der Hypertext ist ein Produkt, "dessen
Interpretation Bestandteil des eigentlichen Mechanismus seiner Erzeugung
sein muß" (Eco 1987a: 66). In diesem Sinne braucht er einen Interpreten,
der ihm dazu verhilft, zu funktionieren. Auch der Hypertext ist eine "Präsuppositionsmaschine"
(Eco 1987a: 29), er lebt von einem "Mehrwert an Sinn", den der Empfänger
erwirtschaftet, wenn er Leerstellen ergänzt und interpretiert. Die
Leerstellen sind, mit Iser zu sprechen, "Appelle" an den Leser, aktiv
zu werden. Sie sind "Gelenke des Textes", "Scharniere" der Darstellungsperspektive
und erweisen sich dadurch als konstitutive Bedingungen der "Anschließbarkeit"
(vgl. Iser 1984: 284). Sie gleichen in dieser Hinsicht den Links im Hypertext.
Nach Iser kommt der Anschließbarkeit eine fundamentale Rolle bei
der Textbildung zu, weil sich während der Lektüre "Geflecht
möglicher Verbindungen" ergibt, "deren Reiz darin besteht, daß
nun der Leser die unausformulierten Anschlüsse selbst herzustellen
beginnt." (Iser 1984: 297). Der Leser wird dabei aufgefordert, abduktiv
Hypothesen aufzustellen, um Selektions- und Kombinationsmöglichkeiten
auszuprobieren.
Die "kohärenzstiftende
Funktion des Autors", wie sie Foucault in "Was ist ein Autor?" beschreibt,
verliert in dem Maße an Relevanz, in dem der Leser als CoAutor fungiert.
Literatur im Internet nimmt häufig die Form eines "Kollektivromans"
an, so im Fall des Projekts Larissa des Süddeutschen Rundfunks,
einem Kriminalroman, dessen Fortgang aktiv durch die Leser bestimmt wird,
aber auch bei dem Internet-Roman Spielzeugland. Auch hier ist der
Leser aufgefordert, Kommentare, Ideen und Assoziationen in den Textcorpus
einzufügen. Diese Formen diskursiver Mitarbeit sind konstitutiv für
die Poetik der Literatur im Internet. An die Stelle des anonymen "Murmeln
des Diskurses" tritt das mediale "Fummeln am Hypertext". Kehren wir noch
einmal zurück zum Spielzeugland:
"Hier kann sich jedeR nach
Lust und Laune mit eingescannten Fotos, Zeichnungen, Videosequenzen,
selbstgemachten Tonaufnahmen und vor allem Geschriebenem austoben und
den Hypertext bereichern. Wir werden den Text monatlich neu editieren,
mit allen Ergänzungen, Veränderungsvorschlägen, Erweiterungen,
Nebengeschichten und -schauplätzen etc., die du uns schickst. Du
selbst kannst bestimmen, wo und wie dein Beitrag erscheinen soll - als
Einschub oder als Fortsetzung, mit Link oder ohne. Hinter einem Link
können sich genausogut Fotos, Zitate, andere Sichtweisen auf die
Handlung, Querverweise, o.ä. verbergen."
Dennoch gibt es auch hier noch
eine übergeordnete Instanz, die entscheidet, wer an welcher Stelle
des Hypertextes spricht. Diese zentrale Funktion des Autors wird vom Herausgeber
übernommen.
"Sei nicht enttäuscht,
wenn etwas nicht sofort oder nicht ganz wortgetreu erscheint. Wir möchten
uns die redaktionelle Arbeit an den Texten, die uns über e-mail
geschickt werden können, vorbehalten, um eine gewisse Stringenz
der Gesamtnovelle zu gewährleisten".
Der Herausgeber von Literatur
im Internet steht in einem Spannungsverhältnis, das sich als Pendeln
zwischen zwei extremen Polen beschreiben läßt. Auf der einen
Seite die interne Kohärenz des Textes. Auf der anderen Seite die
Freiheit des Lesers, der zugleich CoAutor ist und so durch sein individuelles
Zusammenlesen Kohärenz stiftet. Die Frage nach dem Autor transformiert
sich in die Frage nach einer überpersönlichen Autor- bzw. Herausgeberstrategie,
die den Hypertext organisiert. Ohne eine solche diskursive Ordnung ist
der Hypertext ein wirres Geflecht, das man nicht interpretieren kann.
Im 97. Kapitel von Cortázars
Roman Rayuela, der vielen Autoren und Theoretikern - neben Borges
- als Vordenker hypertextuell organisierter Literatur im Internet gilt,
wird eine Notiz Morellis erwähnt, in der dieser von einer absurden
und inkohärenten Form des Schreibens träumt, die dementsprechend
einen Leser verlangt, der in der Lage ist, mit dieser Inkohärenz
fertig zu werden.
"Diesem Leser wird jede Brücke
fehlen, jedes Zwischenglied, jede kausale Verbindung. Die Dinge im Rohzustand:
Verhaltensweisen, Resultate, Brüche, Katastrophen, Lächerlichkeiten"
(Coráztar 1987: 498).
Eco betont, daß "lebendige
Kunstwerke" offen für neue interpretative und kommunikative Möglichkeiten
sein sollen. Anders als für Derrida ist für ihn der Interpretationsprozeß
keine führungslose Abdrift, sondern gleicht einer Pendelbewegung
zwischen der "Offenheit" der Rezeptionsmöglichkeiten und der "Geschlossenheit"
bzw. Bestimmtheit des Werkes durch seine Struktur. Die Aufgabe der Interpretation
eines ästhetischen Textes ist es, "das strukturierte Modell für
einen unstrukturierten Prozeß eines kommunikativen Wechselspiels"
zu liefern" (Eco 1987b: 367). Dabei ist die "interne Kohärenz des
Textes", also seine diskursive Organisation der wichtigste Parameter für
seine Interpretation (Eco 1992: 46). Da die Kohärenz des Textes jedoch
erst durch die abduktive Mitarbeit des Interpreten konstituiert wird,
ist die Textkohärenz unauflöslich mit der "Konsistenz der Hypothesen
über den Text" verbunden. Ob man einen Text interpretiert oder ob
man ihn bloß gebraucht, hängt davon ab, in welchem Maße
man die "interne Kohärenz" respektiert und ob die Hypothesen über
den Text so formuliert sind, daß man sie kritisch hinterfragen kann.
Zwar gibt es nicht "die eine", "einzig richtige" Interpretation, wohl
aber nachweislich falsche. In dem Maße, in dem Hypertexte auf eine
Struktur, bzw auf eine interne Kohärenz verzichten, um sich ganz
den Entscheidungen des Lesers zu öffnen, verwischt die Grenze zwischen
Interpretation und Gebrauch. Ein total offener Hypertext ist daher völlig
uninterpretierbar.
Generell lassen sich zwei Formen
von "Offenen Texten" vorstellen. Ecos Beispiele für "offene Texte"
sind solche, die "plurale Lektüren" ermöglichen, wobei es sich
aber immer um den in syntaktischer Hinsicht selben Text handelt. Verschiedene
Leser bewegen sich auf demselben syntaktischen Pfad, doch sie ergänzen
die diskursiven Leerstellen, indem sie verschiedene semantische Paradigma
"einlesen". Dabei haben die diskursiven Leerstellen auch eine argumentative
Funktion. Bei der hypertextuellen Offenheit präsentiert sich ein
anderes Bild: Die Textstruktur ist das Ergebnis eines assoziativen Zusammenlesens.
Zwei Leser stellen sich syntaktisch verschiedene Texte zusammen. Insofern
scheint der Lektüre eines offenen Hypertextes die zentrale Forderung
des dekonstruktiven Lesekonzepts strukturell "eingeschrieben" zu sein
(nämlich als Programm): Die Freiheit des Lesers sich "seinen" Text
zusammenzustellen, indem er bestimmten Links folgt, um dann, ebenso willkürlich,
einen Lektürepfad wieder zu verlassen und zum Ausgangspunkt zurückzukehren.
Die "Autorität der Sequentialität", die dem Leser einen linearen
Lesepfad vorschreibt, scheint gebrochen. Desgleichen der Zwang zu einer
konsistenten Interpretation. Da es keinen kohärenten Text vor der
Lektüre gibt, sondern dieser erst ad hoc, durch Leserentscheidungen
entsteht, kann der Text auch inkonsistent bleiben. Damit ermöglicht
der Hypertext eine Lektürehaltung, die de Mans Vorstellungen entspricht,
denn Dekonstruktion ist für ihn "die Möglichkeit, die Widersprüche
der Lektüre in eine Erzählung einzuschließen, die fähig
wäre, sie zu ertragen" (de Man 1988: 105).
Der Hypertext kann aufgrund
seiner Organisationsform Ereignisse auf anschauliche Weise polyperspektivisch
schildern. Doch gerade wegen seiner Netzstruktur wird es schwierig Entwicklungen
zu schildern und beim Leser Spannung zu erzeugen. Da der narrative Fluß
fehlt, ist für das Gelingen die Strategie der Fragmentierung der
Textteile ausschlaggebend. Wechselt diese Strategie auf undruchsichtige
Weise oder werden Zusammenhänge auf Dauer versteckt, kommt es zu
einer interpretativen Desorientierung, die mitunter das Gefühl des
"lost im hyperspace" hervorruft. Dem Leser vergeht die Lust am Hypertext,
wenn die diskursiven Sprünge und Widersrpüche nicht mehr interpretativ
nachzuvollziehen sind. Michael Joyce beschreibt in den Hinweisen für
die Leser seines Internet-Romans Afternoon das Dilemma hypertextueller
Strukturen: Gerade die leserorientierte Offenheit der Hypertexte ist auch
der mögliche Grund für ihre Langeweile. Denn "wenn eine Geschichte
nicht vorangeht, oder wenn sie zyklisch wird, oder wenn man müde
wird, einem Pfad zu folgen, dann kommt das Leseerlebnis zu einem Ende".
Der hypertextuellen Offenheit
liegt die dekonstruktivistische Idee der aufpfropfenden Rekontextualisierung
von Textabschnitten, Fragmenten und Schnipseln zugrunde. An die Stelle
der Idee der "infiniten Semiose" als Kette von Argumenten tritt bei Derrida
die unendliche Kette der assoziativen Iterationen eines Zeichens in Form
rekontextualisierender "Aufpfropfungen". Das Fehlen eines "absoluten Verankerungszentrums"
(Derrida 1976: 141), ist der Grund für die "wesentliche Führungslosigkeit"
des Lese- und Verstehensprozesses (Derrida 1976: 135). Die Links dienen
dazu, mögliche Kontexte zu determinieren. Und diese Operation des
Determinierens von Kontexten ist, wie Derrida in seinem Afterword
zur amerikansichen Ausgabe von limited inc bemerkt, immer etwas
Politisches (Derrida 1988: 136). Das politische Moment der diskursiven
Praxis findet man einmal auf Seiten der Autoren und Herausgeber, wenn
sie einen Link an einer bestimmten Stelle setzen und an einer anderes
Stelle nicht. Man findet das es aber auch auf Seiten des Lesers, wenn
er einem bestimmten Link folgt aber einen anderen außer acht läßt.
Im Gegensatz zur Peirceschen Abduktion transformiert die rekontextualisierende
Bewegung der Aufpfropfung eine Assoziation in eine weitere Assoziation.
Jedes Lesen wird zum unüberprüfbaren "Fehllesen". Die entscheidende
Frage ist daher, ob der "Text in Bewegung" eine aufpfropfende oder eine
abduktive Logik des Lesens erfordert. Der Unterschied zwischen beiden
Formen "offener Texte" betrifft die vom Text geforderte Rolle des Lesers.
Einmal ist er sinnsuchender Detektiv, das andere Mal surfender Dandy.
Erst wenn eine Interaktion zwischen beiden Rollen stattfindet, werden
"Kurzschlüsse und Interferenzen zwischen Diskursen" (Idensen 1996:
149) zu produktiven Feldern, kann das "Netzwerk von selbst gestaltbaren
Ideen- und Daten-Assoziationen" kreativ genutzt werden (Idensen 1996:
150).
6. Schlußfolgerungen
Damit haben wir eine vorläufige
Antwort auf unsere Frage nach der Rolle des Lesers im Kontext der Internet-Literatur
gefunden. Der Leser ist immer noch Detektiv, doch er ist weniger Sherlock
Holmes, denn Don Isidro Parodi. Parodi ist der Held der Detektivgeschichten
von Borges, die eine "karnevaleske Welt" des detektivischen Schlußfolgerns
beschreiben. Parodi löst seine Fälle von der Gefängniszelle
Nr. 273 aus, in der er sitzt, weil er angeblich einen Metzger umgebracht
hat. Doch diese ungünstige Ausgangsposition beeinträchtigt Parodis
detektivische Arbeit in keiner Weise. Er findet seine Spuren und Indizien
in den geschwätzigen Erzählungen seiner Klienten, die ihn völlig
unbehindert und "in pittoresker Fülle" besuchen. Man fragt sich,
warum Parodi ausgerechnet jene Information herausgreift, die ganz offensichtlich
irrelevant sind. Seine instinktive Wahl bei der Auswahl von Informationen
ist rational nicht nachvollziehbar. Betrachten wir dies als Metapher für
die Situation des Lesers-Detektivs von Internet-Literatur, der in seiner
dunklen Kammer sitzt. Und fragen wir noch einmal: Was muß er können
und wissen, um Internet-Literatur rezipieren zu können? Als guter
Leser-Detektiv wird er seine abduktive Kompetenz als geistigen Kompaß
im rhizomatischen Labyrinth des Diskurses nutzen. Doch er muß auch
seine abduktive Kompetenz, welche immer schon auf "vorausgelegte" Relevanzstrukturen
und Kohärenzerwartungen zurückgreift, ironisch reflektieren
können, ja sie womöglich "auf den Kopf stellen". Springen wir
noch einmal zu Borges.
Um im Universum irrelevanter
Geschwätzigeit lesen zu können, braucht Parodi, wie Eco in seinem
Aufsatz Die Abduktion in Uqbar ausführt, eine Eigenschaft,
die diese Erzählungen zu "ironischen Spiegelbildern" richtiger Detektivgeschichten
macht: einen Spürsinn fürs Irrelevante und Inkohärente
(vgl. Eco 1988: 213). Seine Abduktionen und Konjekturen gelingen, weil
die Unordnung und Zusammenhanglosigkeit seiner Ideen mit der Unordnung
und Zusammenhanglosigkeit der Dinge koinzidiert. Anders als viele Internetpropheten,
die in der rhizomatischen Struktur eine Befreiung vom hierarchischen Denken
sehen, scheint bei Borges eine skeptische Sicht zu überwiegen. Für
ihn ist die rhizomatische Bibliothek keine Metapher, die man Aufgrund
technischer Neuentwicklungen wörtlich nehmen kann. Die rhizomatische
Bibliothek repräsentiert die traurige Realität unseres Denkens,
eine Landkarte des Bewußtseins sozusagen:
"Die Ruchlosen behaupten,
daß in der Bibliothek die Sinnlosigkeit normal ist, und daß
das Vernunftgemäße (ja selbst das schlecht und recht Zusammenhängende)
eine fast wundersame Ausnahme bildet. Sie sprechen (ich weiß es)
von der ´fiebernden Bibliothek, deren Zufallsbände ständig
in Gefahr schweben, sich in andere zu verwandeln und die alles behaupten,
leugnen und durcheinanderwerfen wie eine delirierende Gottheit´"
(Borges, 61f.).
Nicht das Wissen selbst, sondern
das Erkennen seiner labyrinthischen Organisationformen ist strukturell
gesehen das wertvollste Wissen, das die Bibliothek repräsentiert.
Ihre Struktur ist ihre Botschaft und erfüllt dergestalt eine poetische
Funktion im Sinne Jakobsons. Zugleich zeigt sich hier eine Analogie zu
McLuhans Schlagwort, daß das Medium die Botschaft ist. Das gleiche
gilt für die hypertextextuell organisierte Literatur im Internet.
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