Erste Annäherung an den
Begriff der Abduktion
In seinen "Vorlesungen
über Pragmatismus" aus dem Jahre 1903 definiert Charles Sanders
Peirce Abduktion als "Prozeß, eine erklärende Hypothese
zu bilden. Er ist die einzige logische Operation, die irgendeine neue
Idee einführt" (Peirce, Collected Papers (CP) 5.171).
Die Abduktion ist ein "originäres Argument", welches als
erster Schritt des Schließens eine problematische Theorie aufstellt,
und zwar in Form einer "Vor-Aussage" hinsichtlich eines bestimmten
Erwartungshorizontes. Die möglichen logischen Konsequenzen dieser
hypothetischen Aussage werden deduktiv ermittelt, ihre möglichen
praktischen Konsequenzen induktiv geprüft. Da für Peirce alles
Denken die Form schlußfolgernden Interpretierens von Zeichen hat,
kommt dem abduktiven Schluß eine zentrale Rolle innerhalb seiner
pragmatisch-semiotischen Theorie des Wissens zu. Die Abduktion stellt
im Rahmen der Peirceschen Wissenschaftslogik die grundlegende Vollzugsform
aller Erkenntnis- und Interpretationsleistungen dar. Sie ist der einzige
"echt synthetische" Schlußmodus (CP 2.777), da sie nicht
nur eine Erklärung für einen rätselhaften oder überraschenden
Umstand findet, sondern auch neue Theorien erfindet.
Das Konzept der Abduktion umfaßt den kausalen Rückschluß,
das Identifizieren und Wiedererkennen von Spuren, das Erschließen
von Intentionen, aber auch das kreative Einführen eines "neuen
Vokabulars" zur Neubeschreibung bereits bekannter Phänomene.
Mit Peirce kann man sagen:
Das "Problem des Pragmatismus" ist nichts anderes "als
das Problem der Logik der Abduktion" (CP 5.196), sie ist der Modus,
in dem sich die "Klärung von Ideen", gemäß der
Peirceschen "Pragmatischen Maxime", vollzieht. Vor diesem Hintergrund
argumentiert Massimo Bonfantini, einer der profiliertesten Forscher auf
dem Gebiet der Abduktionslogik, daß man innerhalb des Entwicklungsprozesses
der Wissenschaften eine Problemorientierung des Denkens ausmachen kann,
die sich von der statischen, deduktiven Schlußfolgerung über
das induktive Anhäufen und Klassifizieren von Erfahrungsdaten zur
abduktiven Verfahrensweise hin entwickelt hat. Dazu heißt es in
Bonfantinis Artikel "Semiotik und Geschichte: eine Synthese jenseits
des Marxismus" (1988):
"So kann nach der langen
und archaischen Ära der Herrschaft der Deduktion und nach der modernen
Herrschaft der Induktion mit Sicherheit erwartet werden, daß es
jetzt Zeit wird für die reife und ultramoderne volle Selbsterkenntnis,
d.h. für die Abduktion" (Bonfantini, 1988, 92).
Die "Wende zur Abduktion",
der "abductive turn", wenn man so will, besteht also in einem
erkenntnistheoretischen Perspektivenwechsel, der sich unter einem logischen
Gesichtspunkt als "Rollentausch" erweist: Während bei der
Deduktion die Prämissen gegeben sind und nun die gültigen Konklusionen
gesucht werden, ist bei der Abduktion die Konklusion gegeben, und die
möglichen Prämissen (Regel und Fall) müssen "retroduktiv"
erschlossen werden. Dies bedeutet, daß der Forschungsprozeß
sowohl von der hermeneutischen Frage nach den Voraussetzungen als auch
von der pragmatischen Frage nach den möglichen Wirkungen begleitet
wird. In eben diesem Sinne reformuliert Karl-Otto Apel mit Hilfe der Abduktion
das entscheidende Problem der Kantischen Transzendentalphilosophie, nämlich
die Frage nach den "synthetischen", erkenntniserweiternden Schlüssen,
und transformiert den Kantischen Transzendentalismus in eine kritische
Hermeneutik. Dabei, so Apel in Der Denkweg des Charles S. Peirce
(1967), tritt beim Peirceschen Ansatz "an Stelle der Kantischen Alternative
von synthetischen Sätzen a priori und synthetischen Sätzen a
posteriori" der "fruchtbare Zirkel der wechselseitigen Voraussetzung
von Hypothese (abduktivem Schluß) und Erfahrungskontrolle (induktivem
Schlußverfahren)" (Apel, 1967, 74). Die Abduktion steht dabei
in Analogie zum "höchsten Punkt" der Kantischen Transzendentalphilosophie,
sie verweist als "Synthesis der Apperzeption" auf das Vermögen
zum synthetisierenden Schlußfolgern überhaupt. Zugleich hebt
sie das Konkurrenzverhältnis zwischen hermeneutischem "Verstehen"
und szientistischem "Erklären" auf. Statt dessen erscheinen
beide, gegründet auf das abduktive Vermögen zum synthetischen
Schließen, als "kognitives Komplementärphänomen",
wie es in Apels epochalem Aufsatz "Von Kant zu Peirce: Die semiotische
Transformation der Transzendentalen Logik" (Apel, 1976, 201) heißt.
Man könnte in Weiterführung
von Apels Ansatz sagen: Der "abductive turn" ist die semiotische
Pointe der sprachpragmatischen Wende bzw. des "pragmatic-hermeneutic
turn" in der Wissenschaftstheorie. Die Rolle des Forschers - und
insbesondere des Semiotikers - ist nicht mehr nur die des regelanwendenden
Richters, der die Erfahrung auf den kantischen "Zeugenstand der Vernunft"
ruft, sondern die eines regelsuchenden Detektivs, der mit Hilfe seines
"Spürsinns" den relevanten Aspekt einer Beobachtung findet
und sie in einen beweiskräftigen Begründungszusammenhang integriert.
Die abduktive Wende ist durch die epistemologische Einsicht ausgezeichnet,
daß der größte Teil unseres Wissens aus Mutmaßungen
besteht, mithin hypothetisch und vorläufig ist
und daß unsere Hypothesen daher notwendigerweise zuerst einer experimentellen
Prüfung unterzogen werden müssen, bevor sie mit Wahrheitsanspruch
behauptet werden können. Bis dahin haben unsere Theorien ausschließlich
operationellen und vorläufigen Charakter. Die Aufgabe des
Interpreten besteht darin, die Vorläufigkeit seiner Interpretation
auszuhalten.
Daß abduktives Schlußfolgern
überhaupt gelingen kann, ist Peirce zufolge das größte
Wunder des Universums (CP 8.238). Er vermutet, der Mensch verfüge
über einen instinktiven Spürsinn, der es ihm gestattet, die
"geheimen Gesetze" seiner Lebenswelt zu erahnen (vgl. Peirce,
"Guessing", 282). Dieser Instinkt basiert auf einer teils angeborenen,
teils entwickelten "Affinität" zum natürlichen und
kulturellen Kontext (CP 1.120). Obwohl die logische Sicherheit einer Abduktion
gering ist, "da sie nur Vermutungen anbietet" (CP 5.171), behauptet
Peirce, daß sie ein logischer (wenn auch weitgehend indeterminierter
Prozeß) sei (Vgl. CP 5.188f).
Abduktives Schließen folgt bestimmten "Leitprinzipien",
d.h. einer "Economy of Research" (CP 7.220), die Peirce jedoch
nicht als Forschungsmethode, sondern als Forschungsstrategie begreift,
die einen Ausgleich zwischen den Momenten "instinktive Einsicht"
und "Antizipation einer gültigen logischen Form" schaffen
soll. Die abduktive Forschungsstrategie beinhaltet neben der "innovativen"
Formulierung neuer Hypothesen eine Selektionsprozedur, um die Anzahl der
zulässigen Hypothesen mit möglichst geringem Aufwand an Zeit
und Arbeit zu verringern. Diese Prozedur garantiert zwar nicht die Wahrheit
der plausiblen Hypothese, aber doch die Effektivität der Untersuchung,
die, so die
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