Abduktion und ihre Anwendungen

Uwe Wirth

Universität Frankfurt

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Siehe zu diesem Thema auch:

Uwe Wirth (HG.), Die Welt als Zeichen und Hypothese. Perspektiven der Peirceschen Zeichentheorie, Frankfurt: Suhrkamp Wissenschaft 2000.

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Dieser Aufsatz ist erschienen in: "Zeitschrift für Semiotik" Band 17, 1995, S.405-424.

 

Abstract (deutsch)

In den letzten 50 Jahren konnte ein steigendes Interesse am Thema "abduktive Inferenz" festgestellt werden, die Charles Sanders Peirce als "ersten Schritt" des Denkens und Interpretierens bezeichnete.

Inhaltsverzeichnis

1. Erste Annäherung an den Begriff der Abduktion

2. Die Rolle der Abduktion in Philosophie und Wissenschaftstheorie

3. Historische und systematische Bestimmung des Abduktionsbegriffs

4. Die Rolle der Abduktion in den Sozialwissenschaften

5. Die Rolle der Abduktion in den Geisteswissenschaften

6. Darstellung der Abduktion im Kriminalroman

7. Die Rolle der Abduktion in der KI-Forschung

8. Ausblick

9. Bibliographie

 

Abstract (englisch)

In the last five decades there can be noticed an increasing interest of the scientific community regarding abductive inference, which Charles Sanders Peirce called the "first stage" of the process of reasoning and interpretation. Pretty diverse disciplines such as Philosophy of Science, Sociology, Linguistics, Literary Criticism, Semiotics, and AI-Research have pursued in using abductive inference to reformulate some of their specific problems of research. So, maybe there is - or will be - an "abductive turn" in thinking. However, what can be shown already is that research on Abduction provides the unique opportunity of approaching interdisciplinarity under a single aspect.


Erste Annäherung an den Begriff der Abduktion

In seinen "Vorlesungen über Pragmatismus" aus dem Jahre 1903 definiert Charles Sanders Peirce Abduktion als "Prozeß, eine erklärende Hypothese zu bilden. Er ist die einzige logische Operation, die irgendeine neue Idee einführt" (Peirce, Collected Papers (CP) 5.171). Die Abduktion ist ein "originäres Argument", welches als erster Schritt des Schließens eine problematische Theorie aufstellt, und zwar in Form einer "Vor-Aussage" hinsichtlich eines bestimmten Erwartungshorizontes. Die möglichen logischen Konsequenzen dieser hypothetischen Aussage werden deduktiv ermittelt, ihre möglichen praktischen Konsequenzen induktiv geprüft. Da für Peirce alles Denken die Form schlußfolgernden Interpretierens von Zeichen hat, kommt dem abduktiven Schluß eine zentrale Rolle innerhalb seiner pragmatisch-semiotischen Theorie des Wissens zu. Die Abduktion stellt im Rahmen der Peirceschen Wissenschaftslogik die grundlegende Vollzugsform aller Erkenntnis- und Interpretationsleistungen dar. Sie ist der einzige "echt synthetische" Schlußmodus (CP 2.777), da sie nicht nur eine Erklärung für einen rätselhaften oder überraschenden Umstand findet, sondern auch neue Theorien erfindet. Das Konzept der Abduktion umfaßt den kausalen Rückschluß, das Identifizieren und Wiedererkennen von Spuren, das Erschließen von Intentionen, aber auch das kreative Einführen eines "neuen Vokabulars" zur Neubeschreibung bereits bekannter Phänomene.

Mit Peirce kann man sagen: Das "Problem des Pragmatismus" ist nichts anderes "als das Problem der Logik der Abduktion" (CP 5.196), sie ist der Modus, in dem sich die "Klärung von Ideen", gemäß der Peirceschen "Pragmatischen Maxime", vollzieht. Vor diesem Hintergrund argumentiert Massimo Bonfantini, einer der profiliertesten Forscher auf dem Gebiet der Abduktionslogik, daß man innerhalb des Entwicklungsprozesses der Wissenschaften eine Problemorientierung des Denkens ausmachen kann, die sich von der statischen, deduktiven Schlußfolgerung über das induktive Anhäufen und Klassifizieren von Erfahrungsdaten zur abduktiven Verfahrensweise hin entwickelt hat. Dazu heißt es in Bonfantinis Artikel "Semiotik und Geschichte: eine Synthese jenseits des Marxismus" (1988):

"So kann nach der langen und archaischen Ära der Herrschaft der Deduktion und nach der modernen Herrschaft der Induktion mit Sicherheit erwartet werden, daß es jetzt Zeit wird für die reife und ultramoderne volle Selbsterkenntnis, d.h. für die Abduktion" (Bonfantini, 1988, 92).

Die "Wende zur Abduktion", der "abductive turn", wenn man so will, besteht also in einem erkenntnistheoretischen Perspektivenwechsel, der sich unter einem logischen Gesichtspunkt als "Rollentausch" erweist: Während bei der Deduktion die Prämissen gegeben sind und nun die gültigen Konklusionen gesucht werden, ist bei der Abduktion die Konklusion gegeben, und die möglichen Prämissen (Regel und Fall) müssen "retroduktiv" erschlossen werden. Dies bedeutet, daß der Forschungsprozeß sowohl von der hermeneutischen Frage nach den Voraussetzungen als auch von der pragmatischen Frage nach den möglichen Wirkungen begleitet wird. In eben diesem Sinne reformuliert Karl-Otto Apel mit Hilfe der Abduktion das entscheidende Problem der Kantischen Transzendentalphilosophie, nämlich die Frage nach den "synthetischen", erkenntniserweiternden Schlüssen, und transformiert den Kantischen Transzendentalismus in eine kritische Hermeneutik. Dabei, so Apel in Der Denkweg des Charles S. Peirce (1967), tritt beim Peirceschen Ansatz "an Stelle der Kantischen Alternative von synthetischen Sätzen a priori und synthetischen Sätzen a posteriori" der "fruchtbare Zirkel der wechselseitigen Voraussetzung von Hypothese (abduktivem Schluß) und Erfahrungskontrolle (induktivem Schlußverfahren)" (Apel, 1967, 74). Die Abduktion steht dabei in Analogie zum "höchsten Punkt" der Kantischen Transzendentalphilosophie, sie verweist als "Synthesis der Apperzeption" auf das Vermögen zum synthetisierenden Schlußfolgern überhaupt. Zugleich hebt sie das Konkurrenzverhältnis zwischen hermeneutischem "Verstehen" und szientistischem "Erklären" auf. Statt dessen erscheinen beide, gegründet auf das abduktive Vermögen zum synthetischen Schließen, als "kognitives Komplementärphänomen", wie es in Apels epochalem Aufsatz "Von Kant zu Peirce: Die semiotische Transformation der Transzendentalen Logik" (Apel, 1976, 201) heißt.

Man könnte in Weiterführung von Apels Ansatz sagen: Der "abductive turn" ist die semiotische Pointe der sprachpragmatischen Wende bzw. des "pragmatic-hermeneutic turn" in der Wissenschaftstheorie. Die Rolle des Forschers - und insbesondere des Semiotikers - ist nicht mehr nur die des regelanwendenden Richters, der die Erfahrung auf den kantischen "Zeugenstand der Vernunft" ruft, sondern die eines regelsuchenden Detektivs, der mit Hilfe seines "Spürsinns" den relevanten Aspekt einer Beobachtung findet und sie in einen beweiskräftigen Begründungszusammenhang integriert. Die abduktive Wende ist durch die epistemologische Einsicht ausgezeichnet, daß der größte Teil unseres Wissens aus Mutmaßungen besteht, mithin hypothetisch und vorläufig ist und daß unsere Hypothesen daher notwendigerweise zuerst einer experimentellen Prüfung unterzogen werden müssen, bevor sie mit Wahrheitsanspruch behauptet werden können. Bis dahin haben unsere Theorien ausschließlich operationellen und vorläufigen Charakter. Die Aufgabe des Interpreten besteht darin, die Vorläufigkeit seiner Interpretation auszuhalten.

Daß abduktives Schlußfolgern überhaupt gelingen kann, ist Peirce zufolge das größte Wunder des Universums (CP 8.238). Er vermutet, der Mensch verfüge über einen instinktiven Spürsinn, der es ihm gestattet, die "geheimen Gesetze" seiner Lebenswelt zu erahnen (vgl. Peirce, "Guessing", 282). Dieser Instinkt basiert auf einer teils angeborenen, teils entwickelten "Affinität" zum natürlichen und kulturellen Kontext (CP 1.120). Obwohl die logische Sicherheit einer Abduktion gering ist, "da sie nur Vermutungen anbietet" (CP 5.171), behauptet Peirce, daß sie ein logischer (wenn auch weitgehend indeterminierter Prozeß) sei (Vgl. CP 5.188f).
Abduktives Schließen folgt bestimmten "Leitprinzipien", d.h. einer "Economy of Research" (CP 7.220), die Peirce jedoch nicht als Forschungsmethode, sondern als Forschungsstrategie begreift, die einen Ausgleich zwischen den Momenten "instinktive Einsicht" und "Antizipation einer gültigen logischen Form" schaffen soll. Die abduktive Forschungsstrategie beinhaltet neben der "innovativen" Formulierung neuer Hypothesen eine Selektionsprozedur, um die Anzahl der zulässigen Hypothesen mit möglichst geringem Aufwand an Zeit und Arbeit zu verringern. Diese Prozedur garantiert zwar nicht die Wahrheit der plausiblen Hypothese, aber doch die Effektivität der Untersuchung, die, so die