Die Schnittstelle zwischen Riss und Sprung.

Vom herausgerissenen Manuskript zum Hypertext-Link. Eine mediengeschichtliche Untersuchung von Sternes "Tristram Shandy" und E.T.A. Hoffmanns "Lebensansichten des Katers Murr".

Uwe Wirth,
Universität Frankfurt

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Vortrag für den Kongress

SchnittStellen

1. Basler Kongress für Medienwissenschaft.

20.-23.Juni2002

 

Der Link als assoziativer Index

Ich möchte in meinem Vortrag zwei Dinge tun, nämlich erstens den Begriff der Schnittstelle aus medientheoretischer Sicht problematisieren, und zweitens: den Begriff der Schnittstelle mit dem Begriff der Hypertextualität koppeln. Meine Zielrichtung wird dabei eine medien- und literaturgeschichtliche zugleich sein: das heißt, ich möchte im Horizont heutiger, elektronischer Hypertextualität die Frage aufwerfen, in welcher Form die literarischen Quasi-Hypertexte von einst das Problem der Schnittstelle thematisiert und verkörpert haben.  

Glaubt man Jay Bolter, so ist der heutige Hypertext die "elektronische Verwirklichung" zweier Programme, die bereits im 18. Jahrhundert formuliert wurden, nämlich zum einen des enzyklopädischen Projekts der Zusammenführung, zum anderen der Digressionspoetik. Berühmtes Beispiel hierfür ist Sternes Tristram Shandy: Eine fiktive Autobiographie, die als  performative Verkörperung einer diskursiven "Abschweifungskultur" erscheint und dabei zwei "entgegengesetzte Bewegungen" vereinigt, die man – so Tristram Shandy - für unvereinbar hielt, nämlich: ein Werk zu schreiben, das "digressiv und progressiv" zugleich ist. [1]

In gewisser Hinsicht erweist sich das Netz von Links, durch das elektronische Hypertexte unserer Tage ausgezeichnet sind, als Verkörperung dieses Programms. Die hypertextuelle écriture ist - ebenso wie die hypertextuelle lecture – einer doppelten Bewegung von nicht-linearer Digression und linearer Progression unterworfen. Obgleich jede Lektüre-History im nachhinein betrachtet linear strukturiert ist, ist der Weg, der zu ihr geführt hat, ein Lektüre-Pfad voller Abschweifungen. Wie Fuß- oder Endnoten unterbrechen die Hypertext-Links den linearen Lesefluß und entführen den Leser zu anderen Textstellen, die sich jedoch nicht mehr innerhalb eines Textes befinden, sondern auf andere Texte verweisen. Der Verweis auf diesen Text, genauer: die Adressierung an diesen Text, ist der Link.   Links eröffnen dabei nicht nur den Raum für Abschweifungen, sondern auch für Verweise, die das Ziel haben, Verbindungen herzustellen.

Die "semiotische Schnittstelle" zwischen digressiver Abschweifungskultur und enzyklopädischer Zusammenführungspolitik ist die "assoziative Indexikalität" des Links. Die Dynamik der Abschweifung ebenso wie die Dynamik der Zusammenführung greift auf jene "Principles of Association" zurück, die nach Locke und Hume die "Connection of Ideas" herstellen. Die Assoziation, genauer gesagt, die Kontiguitätsassoziation ist wiederum - wie Peirce und Jakobson dargelegt haben - die psychologische Grundlage indexikalischer Verweise (vgl. CP 2.306). Eine bestimmte Form dieser assoziativen Indexikalität macht den Charakter des enzyklopädischen Verweises aus.

Zeitgleich mit Sternes Abschweifungspoetik erklärt d´Alembert im "Discours Préliminaire" zur Enzyklopädie, sein Projekt ziele darauf ab, den objektiven "Zusammenhang der Kenntnisse" [2] als Weltkarte mit vielen Spezialkarten zu repräsentieren. [3] Dabei übernehmen die Liaisons, also die Links zwischen den einzelnen Artikeln eine doppelte Funktion: Sie sollen die Suche des Lesers erleichtern und zugleich das System der Wissenschaften nachzeichnen, das "wie ein Labyrinth" strukturiert ist, "wie ein Weg mit vielen Windungen, den der Verstand beschreitet, ohne zu wissen, in welche Richtung er sich halten muß". [4] Dergestalt bekommt der Link als Verknüpfung zwischen zwei Artikeln die Funktion eines assoziativ-indexikalischen Wegweisers.

Das Vorbild heutiger Hypertexte ist eine Form assoziativer Indexikalität, die noch einen Schritt weiter geht: Vannevar Bush entwarf 1945 in seinem berühmten Aufsatz "As we may think" eine Archivmaschine, die er Memex nannte. Dieser Memory Extender ist ein Schreibtisch, der in Analogie zum menschlichen Hirn funktionieren soll, da er verschiedene items "by association of thoughts" [5] miteinander verbindet. Die essentielle Eigenschaft der Memex ist der "process of tying two items together". [6] Der Memory Extender soll laut Bush zu einer "völlig neuen Form von Enzyklopädie" werden – dadurch nämlich, daß die assoziativen Pfade zwischen den verschiedenen Daten durch ihre jeweiligen Benutzer, durch deren individuelle "trails of interest", hergestellt werden. [7] In einem zweiten Schritt werden diese assoziativen Verknüpfungen als individuelle Nummerncodes gespeichert: Der so entstandene Link ist der Eigenname einer assoziativen Verknüpfung. Als Eigenname hat er - wie alle Eigennamen - indexikalische Funktion. Das "völlig neue" dieser Enzyklopädischen Verknüpfung ist nun, daß der Link als Eigenname auf das Ereignis eines subjektiven Taufakts referiert, der durch den Benutzer vollzogen wurde. Der Memory Extender dient also nicht mehr nur der Darstellung des "objektiven Zusammenhangs der Kenntnisse", sondern sichert den subjektiven Zugang zu den Kenntnissen vermittelst einer Verknüpfungsform, die indexikalisch und subjektiv-assoziativ, also digressiv zugleich ist.

Vom Link zur Schnittstelle

Hier ist nun zu fragen, inwiefern der Link als assoziativer Index auch eine Schnittstelle ist. Dazu muß aber zunächst einmal geklärt werden: Was ist eine Schnittstelle? Bereits vor dem Computerzeitalter gab es einen medialen Begriff der Schnittstelle, nämlich im Film. Ich denke dabei an Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz, in dem er den Chirurgen mit dem Kameramann vergleicht. Der Kameramann erzeugt ein "vielfältig zerstückeltes" Bild, "dessen Teile sich nach einem neuen Gesetze zusammen finden". [8] Die vielfältige Zerstückelung ist dabei sowohl der Aufnahmetechnik als auch dem Filmschnitt geschuldet: Die "illusionäre Natur" des Films ist, wie Benjamin schreibt, "eine Natur zweiten Grades; sie ist ein Ergebnis des Schnitts". [9] Der Schnitt ist also zum einen eine bestimmte Form der Verknüpfung - zum anderen rückt mit der Technik des Schneidens die Apparatur ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Das betrifft nicht nur das nachträgliche Editingverfahren am Schnittplatz, sondern bereits die Art, wie die einzelnen Szenen sequenziert aufgenommen werden. Dabei läßt sich eine meines Erachtens wichtige, wenn auch triviale Feststellung treffen, nämlich dass der Akt des Schneidens - in der Terminologie heutiger Computertechnik ausgedrückt – die Hardwarschnittstelle des Films thematisiert.

Neben der Hardware-Schnittstelle kennt die kontemporäre Interface-Theorie noch zwei weitere Typen von Schnittstellen, nämlich Software- und Mensch-Maschine-Schnittstellen. Wulf Halbach definiert die Schnittstelle als "Punkt einer Begegnung oder Kopplung zwischen zwei oder mehr Systemen". [10] Dabei übernimmt die Schnittstelle eine "Übersetzungs- und Vermittlungsfunktion" (ebd.): Hardwareschnittstellen "sind die physikalischen Verbindungspunkte zwischen dem Datenprozessor und den Peripheriegeräten - etwa einem Drucker oder einem Scanner. [11] Softwareschnittstellen "definieren die Möglichkeit und die Art und Weise des Datenaustausches zwischen verschiedenen Programmmodulen" (ebd.). Die Mensch-Maschine-Schnittstelle schließlich, umfaßt alle Hard- und Software-Komponenten, "die dem Benutzer zur Bedienung der Maschine zur Verfügung stehen" (ebd.). Übertragen wir diese Definitionen versuchsweise auf die Quasi-Hypertexte von einst: Insofern sowohl das poetische Programm der Abschweifung als auch das enzyklopädische Programm der Zusammenführung auf die assoziative Indexikalität als Verknüpfungsprinzip rekurriert, steht die assoziative Indexikalität in Analogie zur Softwareschnittstelle. [12]

Doch wie steht es mit der Hardwareschnittstelle? Neben der assoziativen Indexikalität als Vorform des heutigen Hypertext-Links gibt es nach Bolter noch ein zweites Phänomen, das die literarischen Vorläufer heutiger Hypertexte auszeichnet, nämlich das "Spiel mit den Konventionen" des Buchdrucks. So ist etwa in Sternes Tristram Shandy - also zur "Blütezeit des Buchdrucks" - zu beobachten, daß der Autor, "die Grenzen des Druckmediums ausreizt[...]". [13] Gleiches gilt für E.T.A. Hoffmanns Lebensansichten des Katers Murr - ein Buch, das sich dem Leser "als eine durcheinandergeratene Kombination zweier Erzählungen dar[bietet], der ein vermeintlicher Fehler während des Druckvorgangs voranging. [14] Dieses "Ausreizen" der "Grenzen des Druckmediums" erscheint als performativer Akt, mit dem die Hardwareschnittstelle thematisiert und ihr Nicht-Funktionieren inszeniert wird. Nun thematisiert die Hardwareschnittstelle "Buchdruck" nicht nur die technischen Rahmenbedingungen am "äußeren Rand" des Diskurses, sondern wirkt auch auf den "inneren Rand" des diskursiven framing ein. Nach Bolter arbeiten "hypertextuelle Autoren" gegen die offensichtlich Ordnung, die der Buchdruck vorschreibt und die zugleich dispositiv die Linearität der Lektüre erzwingt. [15] Dabei versteht Bolter unter hypertextuellen Autoren "Autoren im Buchdruck von Sterne bis zu Cortázar". [16]

Hypertextualität ist demnach nicht an eine elektronische Verwirklichung gebunden, sondern an "die überraschende Zurückweisung der Konventionen der gedruckten Seite" (ebd.). Das performative Dementi der Konventionen des Buchdrucks manifestiert sich im Rahmen "gedruckter Hypertexte" als Bruch oder als diskursiver Sprung zwischen zwei Textteilen. Diese überraschenden Leerstellen an der Oberfläche des Textes, diese "diskursiven Diskontinuitäten", wie man mit Foucault sagen könnte, [17] sind meist der Fiktion eines Rißes geschuldet - so in Jean Pauls Leben Fibels, wo der Herausgeber die einzelnen, aus einem Buch herausgerissenen Blätter der Biographie Fibels wieder zusammenlesen muß - so auch in E.T.A. Hoffmanns Lebensansichten des Katers Murr. Das Strukturprinzip dieses Quasi-Hypertextes ist dadurch bestimmt, daß Murrs Geschichte "hin und wieder" von "fremden Einschiebseln" unterbrochen wird. Wie beim Film handelt es sich um ein "vielfältig zerstückeltes" Bild, "dessen Teile sich nach einem neuen Gesetze zusammen finden". [18] Zur Erklärung heißt es im "Vorwort des Herausgebers":

Als der Kater Murr seine Lebensansichten schrieb, zerriß er ohne Umstände ein gedrucktes Buch, das er bei seinem Herrn vorfand, und verbrauchte die Blätter harmlos teils zur Unterlage, teils zum Löschen. Diese Blätter blieben im Manuskript und ‑ wurden, als zu demselben gehörig, aus Versehen mit abgedruckt! De‑ und wehmütig muß nun der Herausgeber gestehen, daß das verworrene Gemisch fremdartiger Stoffe durcheinander lediglich durch seinen Leichtsinn veranlasst [wurde], da er das Manuskript des Katers hätte genau durchgehen sollen, ehe er es zum Druck beförderte [...]. [19]

Genaugenommen ist der Riß als disruptiver Akt die erste Operation einer poetischen Aufpfropfung. Der Akt der Aufpfropfung besteht nach Derrida aus zwei Operationen: der des Herauslösens und der des zitierenden Wiedereinschreibens. Die Dynamik der Aufpfropfung ist dadurch bestimmt, daß jedes Zeichen "mit jedem gegebenen Kontext brechen" und "auf absolut nicht sättigbare Weise unendlich viele neue Kontexte zeugen" kann. [20] Dabei ist die Aufpfropfung als Operation des "Herauslösens" und "Einschreibens" nicht nur eine Fortführung der "strukturalistischen Tätigkeit", die im "Zerlegen" eines Textes und seinem anschließenden Re-Arrangement besteht, [21] sondern die Aufpfropfungsdynamik findet ihre direkte Entsprechung in den Textverarbeitungsfunktionen des cut and paste. Ausschneiden und Einfügen - das sind übrigens auch die beiden Aktionen, durch die die Aufpfropfung in ihrem "natürlichen Kontext", dem Bereich der Botanik, bestimmt ist. Um eine Pflanze, etwa einen Weinstock, zu veredeln, wird ein Setzling in bestimmter Weise zugeschnitten und auf eine im Boden verwurzelte "Unterlage" aufgesetzt. Das heißt, die Schnittstelle des Setzlings und der Unterlage müssen "passend" aufeinander zugeschnitten sein (im Fall des Weinbaus handelt es sich um den sogenannten Omega-Schnitt). [22]

Hier ist nun freilich zu fragen: wie hängt der Prozeß des Aufpfropfens mit der hypertextuellen Schreibweise zusammen? Im Rahmen der Literaturwissenschaft taucht der Begriff der Hypertextualität zum ersten Mal in Genettes Palimpsestes auf, einer Untersuchung der verschiedenen Möglichkeiten intertextueller Bezugnahme. Der Hypertext wird von Genette als "Text zweiter Stufe" gefaßt, wobei ein Text B (der Hypertext) auf einen Text A (der Hypotext) Bezug nimmt. [23] Diese Bezugnahme kann als parodistische Transformation erfolgen oder als Nachahmung - etwa in Form eines Pastiche. Hypertextualität im Sinne Genettes ist also mit jenen "intertextuellen Abschweifungen und hypertextuellen Anspielungen" [24] gleichzusetzen, von denen Bolter mit Blick auf Sterne spricht. Da der so gefaßte Begriff der Hypertextualität aber immer auch den Akt des Zitierens, Inszenierens und Ironisierens miteinschließt und da der Akt des Zitierens laut Derrida immer ein Akt der Aufpfropfung ist, kann man Hypertextualität als bestimmte Form der Aufpfropfung begreifen.

Die hypertextuelle Aufpfropfung beginnt demnach mit der Operation des Herauslösens eines Hypotextes aus seinem Kontext und endet mit der Operation des "Wiedereinschreibens" in einen hypertextuellen Rahmen. Tatsächlich macht Genette bei seiner Definition des Begriffs Hypertext eine Bemerkung, die diese Auffassung bestätigt. Nach Genette kann für die Transformation eines Textes in einen Hypertext "ein einfacher und mechanischer Eingriff ausreichen (im Extremfall das Herausreißen einiger Seiten [...])". [25]

Genau das ist das poetische Prinzip, das E.T.A. Hoffmanns Kater Murr zugrunde liegt. In der Terminologie Derridas würde man sagen: Der Text verdankt sich einem rabiaten Aufpfrofpungsverfahren: Der Autor, also der Kater Murr, reißt Blätter aus einem anderen Manuskript heraus, um diese als "Unterlage" für sein eigenes Schreiben zu verwenden. Entscheidend ist dabei meines Erachtens, dass der daraus resultierende Quasi-Hypertext sein Entstehen nicht allein der Aufpfropfung verdankt, sondern einem Verfahren performativer Rahmung. Damit meine ich ein im weitesten Sinne editoriales Verfahren, das sich an bestimmten Gelingensbedingungen des Zusammenschreibens bzw. des Wiedereinschreibens orientieren – auch wenn es diese Gelingensbedingungen nicht immer erfüllt.

Im Fall des Kater Murr ist die Erklärung des leichtsinnigen Herausgebers, "auf welch wundersame Weise" sich dieses Buch "zusammengefügt" hat, Deklaration und Explanation zugleich. Als Deklaration ist die editoriale Erklärung ein Sprechakt, der die Zusammengehörigkeit des Nicht-Zusammengehörenden erklärt. Als Explanation ist die editoriale Erklärung eine Fehlermeldung, die die Hardwareschnittstelle betrifft. Die Hardwareschnittstelle wird durch den eigensinnigen Vollzug des Reproduktionsverfahrens thematisiert: Dadurch nämlich, daß ein unsichtbarer, anonymer Drucker gegen den Willen des Herausgebers das wegen seiner eklatanten Unbescheidenheit "unterdrückte Vorwort" des Autors Murr abdruckt.

"Das ist zu arg!" schreibt der ohnmächtige Herausgeber "Auch das Vorwort des Autors, welches unterdrückt werden sollte, ist abgedruckt!" [26]

Diese Fehlermeldung impliziert das Eingeständnis, daß die Funktion der Hardwareschnittstelle zwischen zwei gekoppelten Systemen, nämlich dem System Herausgeber und dem System Drucker zu vermitteln, nicht erfüllt wurde. Die performative Darstellung dieses Scheiterns läßt  - wenigstens im Falle Hoffmanns - Literatur entstehen: und zwar aufgrund der monumentalen Tatsache, daß der Herausgeber den Abdruck des "unterdrückten Vorworts" zwar entschuldigt, aber nicht darauf besteht, es nachträglich herauszunehmen. Statt dessen schreibt er entschuldigende Fehlermeldungen, die den Druckvorgang nachträglich kommentieren und – offensichtlich eine ironische Metalepse –ebenfalls abgedruckt werden. Dieser performative Widerspruch offenbart eine Form romantischer Ironie, die die medialen Verkörperungsbedingungen thematisiert. Ich möchte sie als Hardwareschnittstellen-Ironie bezeichnen.

Natürlich gibt es auch eine Softwarschnittstellen-Ironie: Diese wird durch die Aufpfropfungsbewegung des Katers und die Unzuverlässigkeit des Herausgebers beim editorialen framing ins Werk gesetzt. Die Brüche bzw. die Risse zwischen den Textfragmenten erfordern - wie die Lücken zwischen den verschiedenen Artikeln der Enzyklopädie - eine editoriale Überbrückung. Dieser Aufgabe des editorialen framing entledigt sich der unzuverlässige Herausgeber der Lebensansichten des Katers Murr, indem er die Lücken mit editorialen Indices markiert. Diese referieren nicht nur auf das nach dem Riß anschließende Schriftstück, sondern auch auf den Riß selbst. So steht am Anfang jedes Makulaturblatts aus Kreislers Biographie die eingeklammerte Bemerkung (Mak. Bl.) und die fortlaufende Autobiographie Murrs ist mit dem Vermerk (M.f. f.) für "Murr fährt fort" gekennzeichnet. [27]   Der Sinn dieser indexikalischen Kennzeichnungen besteht, mit Goffman zu sprechen, darin, den editorialen Kommentar "aus dem Rahmen des Verfassers heraus(zu)nehmen und in einen anderen hinein(zu)stellen". [28]   Das heißt: Die eingeklammerten editorialen Indices sind Rahmungshinweise, die eine Aufpfropfungsbewegung markieren und zugleich die Anschlussstelle mit einem Eigennamen bezeichnen. So besehen fungieren die editorialen Indices (Mak. Bl.) und (M.f.f.) nicht nur als Rahmungshinweise, sondern als Quasi-Hypertext-Links. Sie sind an den Leser gerichtete Sprungbefehle, die als starr desiginierende Indices auf den jeweiligen Zieltext referieren, und deshalb wie die Anker eines Hypertext-Links funktionieren. Während derartige links im Rahmen elektronischer Hypertexte keine Überraschung mehr darstellen, weil sie "ein Bestandteil des Mediums" sind, [29] erscheinen sie im Rahmen vorelektronischer Hypertextualität als poetische Provokation der technischen Rahmenbedingungen – also der Hardwareschnittstelle.

Schluß: Das Vorwort als Benutzer-Schnittstelle

Lassen sie mich abschließend – gleichsam als Ausblick - auf einen Aspekt zu sprechen kommen, der bislang völlig unberücksichtigt blieb, nämlich die Benutzer-Schnittstelle. Während Hardwareschnittstellen die "Konventionen des Buchdrucks", also die äußeren, technischen Rahmenbedingungen betreffen und Softwareschnittstellen das Programm, also die assoziative Indexikalität, die im Rahmen der diskursiven Aufpfropfungsdynamik am Werke ist, vermittelt die Benutzer-Schnittstelle zwischen dem Werk und seinem Benutzer: Diese Vermittlungsfunktion wurde lange Zeit vom Vorwort erfüllt wurde.

Das Vorwort soll als an den Leser gerichtete Lektüreanweisung einen Zugang zum Werk vermitteln: es ist, wie es in der Encyclopédie heißt, als "avertissement" vor das Buch gestellt, "pour instruire le lecteur de l´ordre & de la disposition qu´on y a observé". [30] Das Vorwort übernimmt als Leseanweisung und Einführung in die Disposition des Textes die Funktion eines direktiven Sprechakts. Zugleich markiert es als Préface und hors-texte eine Stelle "außerhalb des Textes", von der her in den Text eingeführt wird. Mit dieser "Äußerlichkeit des Vorworts" geht einher, daß es sich als paratextuelles Oberflächenphänomen darstellt. Insofern das Vorwort dem Haupttext als "erste Seite" vorangestellt ist, kann man es mit dem Protokollon vergleichen, also mit jenem aufgeklebten Inhaltsverzeichnis, das den Plan, bzw. das "Programm" des Werks explizit macht. So betrachtet steht das Protokollon als Oberfläche des Werks in funktionaler Analogie zur Benutzerschnittstelle. Die Benutzerschnittstelle ist nämlich, wie Halbach schreibt, "das 'Gesicht' oder - in einem weitergehenden Sinne - die 'Oberfläche' der Maschine für ihren Benutzer". [31] Gleiches gilt für das Vorwort, das als Schnittstelle zum Leser eine Übersetzungs- und Vermittlungsfunktion hat, die die Tiefenstruktur des Werks, also das Konzept, an die Oberfläche holt - und so für den Leser sichtbar werden läßt. [32] Als Protokollon wird die Préface zur Oberfläche das heißt, zur Sur-face des Textes und ist als Leser-Text-Schnittstelle der Ort, an dem Sur-face und Inter-face koinzidieren.

 

Endnoten

[1] Laurence Sterne (1985), Tristram Shandy, Stuttgart: Reclam, S.83.

[2] Jean Le Rond D´Alembert (1997), Einleitung zur Enzyklopädie, Hamburg: Meiner, S.8.

[3] D´Alembert, Einleitung zur Enzyklopädie, S.42.

[4] D´Alembert, Einleitung zur Enzyklopädie, S.40.

[5] Vennevar Bush (1945), "As we may think",  Atlantic Monthley 176, July: S.101-108, hier S.106.

[6] Bush, "As we may think", S.107.

[7] Bush, "As we may think", S.108. Für eine Kritik der Assoziationsmetaphorik von Bush, siehe Stephan Porombka (2001), Hypertext. Zur Kritik eines digitalen Mythos, München: Fink, S.33f.

[8] Walter Benjamin (1977), "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit", in Illuminationen, S.136-169, hier S.158.

[9] Benjamin, "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit", S.157.

[10] Wulf R. Halbach (1994), Interfaces. Medien und kommunikationstheoretische Elemente einer Interface-Theorie, München: Fink, S.168.

[11] Halbach, Interfaces, S.169.

[12] Mit anderen Worten: Die internen Übertragungsbedingungen von Daten zwischen Programmmodulen haben ihren Vorläufer in den Assoziationsprinzipien der "Connection of Ideas".

[13] Jay Bolter (1997), "Das Internet in der Geschichte der Technologien des Schreibens", in: Mythos Internet, hg.v.Alexander Roesler und Stefan Münker, Frankfurt, S.37-55, hier: S.45.

[14] Bolter, "Das Internet in der Geschichte der Technologien des Schreibens", S.46.

[15] An gleicher Stelle schreibt Bolter, das gedruckte Buch habe "eine vorgegebene Leserichtung", die dem Leser nahelegt, er solle "am Anfang des Buchs beginnen und Seite für Seite, Kapitel für Kapitel bis zum Ende lesen" (S.46).

[16] Bolter, "Das Internet in der Geschichte der Technologien des Schreibens", S.46.

[17] Vgl. Michel Foucault (1982/1970), Die Ordnung des Diskurses, München: Ullstein, S.41.

[18] Benjamin, "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit", S.158.

[19] E.T.A. Hoffmann (1992), Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern, in: Werke 1820-1821, hg. v. Hartmut Steinecke. Frankfurt: Klassikerverlag, S.11.

[20] Jacques Derrida (2001), "Signatur Ereignis Kontext", übersetzt v. Werner Rappl, hg. v. Peter Engelmann. Wien: Passagen, S.15-45, hier: S.32.

[21] Barthes (1963/1984), "Die strukturalistische Tätigkeit", in: Der Französische Strukturalismus, hg. v. Günther Schiwy, Rowohlt, S.157-162, hier: S.159.

[22] Dieser Zuschnitt des Pfropfreises ist das metaphorische Modell dessen, was man im Bereich der Software als Plug-In bezeichnet.

[23] Genettes (1993), Palimpseste, Frankfurt: Suhrkamp, S.14f.

[24] Bolter, "Das Internet in der Geschichte der Technologien des Schreibens", S.45.

[25] Genettes, Palimpseste, S.16. 

[26] E.T.A. Hoffmann, Lebensansichten des Katers Murr, S.17.

[27] E.T.A. Hoffmann, Lebensansichten des Katers Murr, S.12.

[28] Erving Goffman (1996/1974), Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. Frankfurt: Suhrkamp, S.253.

[29] Bolter (1997), "Das Internet in der Geschichte der Technologien des Schreibens", S.46.

[30] Artikel "Préface", in der Encyclopédie, Bd. 13 (1765), hg.v. Jean Le Rond D´Alembert und Denis Diderot, Paris, S.280.

[31] Halbach (1994), Interfaces, S.168.

[32] Die Schnittstelle markiert dabei konzeptionell die Grenze zwischen einer digitalen Tiefenstruktur und einer Oberflächenstruktur, die mit ikonischen Mitteln den tröstlichen Schein des Analogen erzeugt: Dadurch etwa, daß unser Personal Computer wie ein Schreibtisch organisiert ist. Dabei ist die Grenze zwischen Benutzerschnittstelle und Softwareschnittstelle allerdings nicht klar zu ziehen. So deutet Woolley den "Kommandozeileninterpreter" (command line interpreter) der ersten Betriebssysteme - ja das Betriebssystem insgesamt - als Benutzerschnittstelle. Das heißt: Das Betriebssystem nimmt die Kopplung zwischen Mensch und Maschine vor, indem es den performativen Rahmen - bzw. das Parergon - bereitstellt, in dem "seltsam abgefaßte" schriftliche Befehle "an einen äußerst pedantischen Diener" übermittelt werden. (Woolley (1994), Die Wirklichkeit der virtuellen Welt, S.152).