Erste Annäherung an den
Begriff der Abduktion
In seinen "Vorlesungen
über Pragmatismus" aus dem Jahre 1903 definiert Charles Sanders
Peirce Abduktion als "Prozeß, eine erklärende Hypothese
zu bilden. Er ist die einzige logische Operation, die irgendeine neue
Idee einführt" (Peirce, Collected Papers (CP) 5.171).
Die Abduktion ist ein "originäres Argument", welches als
erster Schritt des Schließens eine problematische Theorie aufstellt,
und zwar in Form einer "Vor-Aussage" hinsichtlich eines bestimmten
Erwartungshorizontes. Die möglichen logischen Konsequenzen dieser
hypothetischen Aussage werden deduktiv ermittelt, ihre möglichen
praktischen Konsequenzen induktiv geprüft. Da für Peirce alles
Denken die Form schlußfolgernden Interpretierens von Zeichen hat,
kommt dem abduktiven Schluß eine zentrale Rolle innerhalb seiner
pragmatisch-semiotischen Theorie des Wissens zu. Die Abduktion stellt
im Rahmen der Peirceschen Wissenschaftslogik die grundlegende Vollzugsform
aller Erkenntnis- und Interpretationsleistungen dar. Sie ist der einzige
"echt synthetische" Schlußmodus (CP 2.777), da sie nicht
nur eine Erklärung für einen rätselhaften oder überraschenden
Umstand findet, sondern auch neue Theorien erfindet.
Das Konzept der Abduktion umfaßt den kausalen Rückschluß,
das Identifizieren und Wiedererkennen von Spuren, das Erschließen
von Intentionen, aber auch das kreative Einführen eines "neuen
Vokabulars" zur Neubeschreibung bereits bekannter Phänomene.
Mit Peirce kann man sagen:
Das "Problem des Pragmatismus" ist nichts anderes "als
das Problem der Logik der Abduktion" (CP 5.196), sie ist der Modus,
in dem sich die "Klärung von Ideen", gemäß der
Peirceschen "Pragmatischen Maxime", vollzieht. Vor diesem Hintergrund
argumentiert Massimo Bonfantini, einer der profiliertesten Forscher auf
dem Gebiet der Abduktionslogik, daß man innerhalb des Entwicklungsprozesses
der Wissenschaften eine Problemorientierung des Denkens ausmachen kann,
die sich von der statischen, deduktiven Schlußfolgerung über
das induktive Anhäufen und Klassifizieren von Erfahrungsdaten zur
abduktiven Verfahrensweise hin entwickelt hat. Dazu heißt es in
Bonfantinis Artikel "Semiotik und Geschichte: eine Synthese jenseits
des Marxismus" (1988):
"So kann nach der langen
und archaischen Ära der Herrschaft der Deduktion und nach der modernen
Herrschaft der Induktion mit Sicherheit erwartet werden, daß es
jetzt Zeit wird für die reife und ultramoderne volle Selbsterkenntnis,
d.h. für die Abduktion" (Bonfantini, 1988, 92).
Die "Wende zur Abduktion",
der "abductive turn", wenn man so will, besteht also in einem
erkenntnistheoretischen Perspektivenwechsel, der sich unter einem logischen
Gesichtspunkt als "Rollentausch" erweist: Während bei der
Deduktion die Prämissen gegeben sind und nun die gültigen Konklusionen
gesucht werden, ist bei der Abduktion die Konklusion gegeben, und die
möglichen Prämissen (Regel und Fall) müssen "retroduktiv"
erschlossen werden. Dies bedeutet, daß der Forschungsprozeß
sowohl von der hermeneutischen Frage nach den Voraussetzungen als auch
von der pragmatischen Frage nach den möglichen Wirkungen begleitet
wird. In eben diesem Sinne reformuliert Karl-Otto Apel mit Hilfe der Abduktion
das entscheidende Problem der Kantischen Transzendentalphilosophie, nämlich
die Frage nach den "synthetischen", erkenntniserweiternden Schlüssen,
und transformiert den Kantischen Transzendentalismus in eine kritische
Hermeneutik. Dabei, so Apel in Der Denkweg des Charles S. Peirce
(1967), tritt beim Peirceschen Ansatz "an Stelle der Kantischen Alternative
von synthetischen Sätzen a priori und synthetischen Sätzen a
posteriori" der "fruchtbare Zirkel der wechselseitigen Voraussetzung
von Hypothese (abduktivem Schluß) und Erfahrungskontrolle (induktivem
Schlußverfahren)" (Apel, 1967, 74). Die Abduktion steht dabei
in Analogie zum "höchsten Punkt" der Kantischen Transzendentalphilosophie,
sie verweist als "Synthesis der Apperzeption" auf das Vermögen
zum synthetisierenden Schlußfolgern überhaupt. Zugleich hebt
sie das Konkurrenzverhältnis zwischen hermeneutischem "Verstehen"
und szientistischem "Erklären" auf. Statt dessen erscheinen
beide, gegründet auf das abduktive Vermögen zum synthetischen
Schließen, als "kognitives Komplementärphänomen",
wie es in Apels epochalem Aufsatz "Von Kant zu Peirce: Die semiotische
Transformation der Transzendentalen Logik" (Apel, 1976, 201) heißt.
Man könnte in Weiterführung
von Apels Ansatz sagen: Der "abductive turn" ist die semiotische
Pointe der sprachpragmatischen Wende bzw. des "pragmatic-hermeneutic
turn" in der Wissenschaftstheorie. Die Rolle des Forschers - und
insbesondere des Semiotikers - ist nicht mehr nur die des regelanwendenden
Richters, der die Erfahrung auf den kantischen "Zeugenstand der Vernunft"
ruft, sondern die eines regelsuchenden Detektivs, der mit Hilfe seines
"Spürsinns" den relevanten Aspekt einer Beobachtung findet
und sie in einen beweiskräftigen Begründungszusammenhang integriert.
Die abduktive Wende ist durch die epistemologische Einsicht ausgezeichnet,
daß der größte Teil unseres Wissens aus Mutmaßungen
besteht, mithin hypothetisch und vorläufig ist
und daß unsere Hypothesen daher notwendigerweise zuerst einer experimentellen
Prüfung unterzogen werden müssen, bevor sie mit Wahrheitsanspruch
behauptet werden können. Bis dahin haben unsere Theorien ausschließlich
operationellen und vorläufigen Charakter. Die Aufgabe des
Interpreten besteht darin, die Vorläufigkeit seiner Interpretation
auszuhalten.
Daß abduktives Schlußfolgern
überhaupt gelingen kann, ist Peirce zufolge das größte
Wunder des Universums (CP 8.238). Er vermutet, der Mensch verfüge
über einen instinktiven Spürsinn, der es ihm gestattet, die
"geheimen Gesetze" seiner Lebenswelt zu erahnen (vgl. Peirce,
"Guessing", 282). Dieser Instinkt basiert auf einer teils angeborenen,
teils entwickelten "Affinität" zum natürlichen und
kulturellen Kontext (CP 1.120). Obwohl die logische Sicherheit einer Abduktion
gering ist, "da sie nur Vermutungen anbietet" (CP 5.171), behauptet
Peirce, daß sie ein logischer (wenn auch weitgehend indeterminierter
Prozeß) sei (Vgl. CP 5.188f).
Abduktives Schließen folgt bestimmten "Leitprinzipien",
d.h. einer "Economy of Research" (CP 7.220), die Peirce jedoch
nicht als Forschungsmethode, sondern als Forschungsstrategie begreift,
die einen Ausgleich zwischen den Momenten "instinktive Einsicht"
und "Antizipation einer gültigen logischen Form" schaffen
soll. Die abduktive Forschungsstrategie beinhaltet neben der "innovativen"
Formulierung neuer Hypothesen eine Selektionsprozedur, um die Anzahl der
zulässigen Hypothesen mit möglichst geringem Aufwand an Zeit
und Arbeit zu verringern. Diese Prozedur garantiert zwar nicht die Wahrheit
der plausiblen Hypothese, aber doch die Effektivität der Untersuchung,
die, so die Hoffnung, "in the long run" zur Wahrheit führen
wird. Das Ökonomiekriterium basiert auf Galileis Idee des "lumen
naturale", wonach die natürlichere, instinktiv näherliegende
Hypothese bei der Prüfung bevorzugt werden soll. Dies führt
Peirce zur Formulierung von drei forschungslogischen Leitprinzipien zur
Beurteilung von "guten", d.h. plausiblen Hypothesen: sie müssen
evident, einfach und effektiv prüfbar sein. Die Form der Abduktion
definiert Peirce so:
"Die überraschende
Tatsache C wird beobachtet; aber wenn A wahr wäre, würde C
eine Selbstverständlichkeit sein; folglich besteht Grund zu vermuten,
daß A wahr ist" (CP 5.189).
Jede Abduktion steht in dem
Spannungsverhältnis, daß sie als Teil des logischen Prozesses
zwar der rationalen Kontrolle zugänglich sein muß, sich andererseits
jedoch gerade da der Kontrolle entzieht, wo sie ihre spezifische Leistung
vollbringt: fruchtbare, wenn auch potentiell fallible Resultate hervorzubringen.
Offensichtlich operiert die Abduktion auf der Grenze von Psychologie und
Logik, vermittelt also zwischen dem unkontrollierbaren Bereich der Assoziation
und dem logisch kontrollierbaren Bereich der Abstraktion. Formelhaft verkürzt
könnte man sagen: Abduktion ist der Prozeß der Transformation
von Assoziationen in Abstraktionen und Implikationen. Dieser Transformationsprozeß
erfolgt nicht selten "plötzlich", in Form einer blitzhaften
"Erleuchtung" bzw. einer synthetisierenden "Kurzschlußreaktion".
So heißt es bei Peirce:
"Die abduktive Vermutung
kommt uns blitzartig. Sie ist ein Akt der Einsicht, obwohl von außerordentlich
trügerischer Einsicht. Es ist wahr, daß die verschiedenen
Elemente der Hypothese zuvor in unserem Geist waren; aber die Idee,
das zusammenzubringen, von dem wir nie zuvor geträumt hätten,
es zusammenzubringen, läßt blitzartig die neue Vermutung
in unserer Kontemplation aufleuchten" (CP 5.181). Zugleich beharrt
Peirce darauf, daß die Abduktion, "obwohl sie sehr wenig
von logischen Regeln behindert wird, dennoch logisches Folgern ist,
das seine Konklusion tatsächlich nur problematisch oder konjektural
behauptet, aber dennoch eine vollkommen bestimmte logische Form besitzt"
(CP 5.188).
Diese scheinbar paradoxale
Doppelbestimmung der Peirceschen "Logic of Discovery" ist der
Motor der meisten grundsätzlichen Forschungsbemühungen um abduktives
Folgern: Wie kann Abduktion die Form logischen Schließens haben
und dennoch kreativ, synthetisch, wissenserweiternd sein? Ihre philosophische
Sprengkraft erhält die "Gretchen-Frage" der Abduktionslogik,
wenn man ihr die in Karl R. Poppers Logik der Forschung (1934)
aufgestellte These einer strengen Trennung zwischen Forschungslogik und
Forschungspsychologie entgegenhält. Popper schreibt:
"Wir wollen scharf
zwischen dem Zustandekommen des Einfalls und den Methoden und Ergebnissen
seiner logischen Diskussion unterscheiden und daran festhalten, daß
wir die Aufgabe der Erkenntnistheorie oder Erkenntnislogik (im Gegensatz
zur Erkenntnispsychologie) derart bestimmen, daß sie lediglich
die Methoden der systematischen Überprüfung zu untersuchen
hat, der jeder Einfall, soll er ernst genommen werden, zu unterwerfen
ist" (Popper, 1934, 6).
Die Rolle der Abduktion in
Philosophie und Wissenschaftstheorie
Abduktives Schließen
steht, so kann man vor dem Hintergrund der oben skizzierten Problemlage
sagen, im Spannungsfeld zwischen dem "Kontext der Entdeckung"
und dem "Kontext der Rechtfertigung". Im folgenden soll nun
die Forschungslage der letzten fünf Jahrzehnte kurz dargestellt,
sowie einige Forschungsströmungen benannt werden. Den Auftakt zur
theoretischen Auseinandersetzung mit dem abduktiven Folgern stellt der
von Arthur W. Burks, dem Mitherausgeber der Collected Papers
verfaßte Aufsatz, "Peirce's Theory of Abduction" (1946),
dar. Burks wirft darin die Frage auf, inwiefern innerhalb der Peirceschen
Theorie überhaupt von der "Entdeckung eine Hypothese" als
Resultat einer Schlußfolgerung gesprochen werden kann. Paul Weiß
(ebenfalls ein Herausgeber der Collected Papers) stellt in "The
Logic of the Creative Process" (1952) die Frage nach der Rolle der
Abduktion bei der Produktion und Rezeption von Kunstwerken. Früh
wurde abduktives Schlußfolgern auch im deutschen Sprachraum thematisiert:
Jürgen von Kempski untersuchte den von Peirce behaupteten Zusammenhang
zwischen Abduktion und der Apagogè bei Aristoteles (1951) und legte
mit seiner ausführlichen Behandlung der Abduktionslogik in Charles
Sanders Peirce und der Pragmatismus (1952) die Grundlage für
spätere Arbeiten zu diesem Thema, wie etwa die bereits erwähnten
von Karl-Otto Apel.
Eine explizit wissenschaftstheoretische
Fragestellung, die sich kritisch mit Poppers scharfer Trennungslinie zwischen
Forschungslogik und Forschungspsychologie auseinandersetzt, bildet den
Hintergrund vor dem Norwood R. Hanson in seinem Artikel "The Logic
of Discovery" (1958) den Begriff der "retroduktiven Inferenz"
einführt. Dabei unterscheidet er zwischen den (logischen und psychologischen)
Gründen, eine Hypothese als wahr bzw. als plausibel zu akzeptieren,
und den (forschungsökonomischen) Gründen, eine Hypothese zuerst
zu testen. Sein Ansatz zielt darauf ab, zu zeigen, daß die "hypothetisch-deduktive
Methode" auf dem Verfahren der Retroduktion bzw. der Abduktion aufbaut.
Diesen Ansatz baut Hanson in späteren Artikeln, etwa in "Notes
Toward a Logic of Discovery" (1965), aus. Dennoch kommt auch Hanson
zu dem Schluß, daß es neben der Erforschung des "Kontextes
der Rechtfertigung von Hypothesen" letztlich keine Möglichkeit
einer philosophisch begründeten "Entdeckungslogik" gebe.
Wichtig ist Hansons Ansatz
insbesondere deshalb, weil er belegt, daß die Peircesche Forschungslogik
hinsichtlich ihrer forschungsökonomischen Überlegungen, die
gleichsam zwischen der Domäne des Logischen und des Psychologischen
vermitteln, durchaus berechtigt erscheint. Die Abduktion wird zu einer
Strategie, um auf "die beste Erklärung" zu schließen.
Damit hebt sich Hanson von der durchgängig skeptischen Einschätzung
der Peirceschen Forschungslogik durch Harry G. Frankfurt ab, die dieser
in seinem Artikel "Peirce's Notion of Abduction" vertritt, der
im gleichen Jahr (1958), ebenfalls im "Journal of Philosophy",
erscheint. Frankfurt sieht in den Peirceschen Bemerkungen zur abduktiven
Forschungslogik die unüberwindbare Schwierigkeit, daß es unmöglich
ist zu erklären, inwiefern eine Hypothese bzw. eine "neue Idee"
überhaupt das Resultat eines logisch gültigen abduktiven Schlusses
sein kann. Frankfurt rollt also eben jenes Dilemma auf, das Burks erwähnt
und das in paradoxer Weise dem Peirceschen Begriff der Abduktion inhäriert:
Abduktion soll gleichzeitig innovativer Kurzschluß und gültige
Folgerung sein.
Eine ausführliche Diskussion
der Position Frankfurts findet sich in Douglas R. Andersons Aufsatz "The
Evolution of Peirce's Concept of Abduction" (1986) und in den ergänzenden
Bemerkungen von Robert J. Roth in "Anderson on Peirce's Concept of
Abduction: Further Reflections" (1987). Eine ausführliche Kritik
an Frankfurt, Anderson und Roth leistet Patricia Turrisis Aufsatz "Peirce's
Logic of Discovery: Abduction and Universal Categories" (1990). Die
durch Hanson aufgeworfene wissenschaftstheoretische Fragestellung ist
in zahlreichen Arbeiten diskutiert worden - für den deutschen Sprachraum
seien hier genannt Rainer Ruges Dissertation Zur Logik wissenschaftlicher
Erklärungen (1974) und Gerald F. Tobens Dissertation Die
Fallibilismusthese von Ch.S.Peirce und die Falsifikationsthese von K.R.
Popper. Untersuchung ihres Zusammenhangs (1977) sowie Lutz Dannebergs
begriffs- und forschungsgeschichtlich ausgerichteter Aufsatz "Peirces
Abduktionskonzeption als Entdeckungslogik. Eine philosophische und rezeptionskritische
Untersuchung" (1988). Neu entfacht wurde die Diskussion durch Hilary
Putnams Modell des "internen Realismus", das er in Vernunft,
Wahrheit und Geschichte (1982) erläutert. Hier wird die Abduktion
zur Alternative zum Popperschen Falsifikationsmodell, da sie sich in erster
Linie auf das Prinzip der Plausibilität und nicht auf das Prinzip
der Prüfbarkeit gründet:
"Wir akzeptieren die
Theorie der natürlichen Auslese Darwins nicht deshalb, weil sie
einen Popperschen Test bestanden hat, sondern weil sie eine plausible
Erklärung für eine bestimmte Datenmenge liefert (...). Kurz,
wir akzeptieren die Darwinsche Theorie der Evolution durch natürliche
Auslese als 'Abduktion', um mit Peirce zu reden, bzw. als 'Schluß
auf die beste Erklärung', wie man seit kurzem sagt. Dies ist genau
die Art von Schluß, die Popper aus der Wissenschaft austreiben
wollte" (Putnam, 1982, 262).
James F. Harris und Kevin Hoover
versuchen in "Abduction and the New Riddle of Induction" (1983)
zu zeigen, daß die Peircesche Abduktionslogik Lösungsvorschläge
für das von Nelson Goodman als "new riddle of induction"
bezeichnete logische Problem der Hypothesenselektion bereithält.
In Christopher Hookways Buch über Peirce (1985) wird die
wissenschaftstheoretische Rolle der Abduktion beim Prozeß des Erkenntniswachstums
unter dem Gesichtspunkt der Wahrscheinlichkeit diskutiert. Dabei zeigt
sich die Schwierigkeit, Abduktion und Induktion voneinander abzugrenzen.
Timothy Shanahan ("The first Moment of Scientific Inquiry: C.S. Peirce
on the Logic of Abduction" (1986)), Richard Tursman (Peirce's
Theory of Scientific Discovery (1987)) und Tomis Kapitan ("In
What Way is Abductive Inference Creative?" (1990)) verfolgen im Prinzip
die gleiche Fragerichtung, die darauf abzielt, den epistemologischen Wert
der Abduktion zu bestimmen. So wichtig diese Standortbestimmungen innerhalb
der wissenschaftstheoretischen Diskussion sein mögen - viele wichtige
historische und systematische Detailfragen der Abduktion werden dabei
ausgeschlossen.
Historische und systematische
Bestimmung des Abduktionsbegriffs
Eine umfassende historische
und systematische Darstellung des Peirceschen Abduktionsbegriffs findet
sich in der nach wie vor unübertroffenen Monographie Kuang T. Fanns,
Peirce's Theory of Abduction (1970). Auch Fann geht von Poppers
Ausgrenzung des abduktiven Einfalls aus der Forschungslogik aus. Dabei
geht es Fann, im Hinblick auf die These, daß sich abduktives Folgern
sowohl auf die Hypothesenbildung als auch auf die Hypothesenauswahl beziehen
kann, um folgende Frage:
"Is the process of
suggesting a hypothesis initially concerned with hypothesis formation
or hypothesis selection, or both? We also want to know what the validity
of abduction is and how it is related to deduction and induction"
(Fann, 1970, 7).
Darüberhinaus zeichnet
Fann die historische Entwicklung nach, die von der Auffassung des frühen
Peirce, hypothetisches Folgern sei der "evidente" Rückschluß
auf die möglichen Prämissen, bis hin zur späten Auffassung
von der Abduktion als "erstes Stadium des Erkenntnisprozesses"
reicht. Anders als in der frühen, von Peirce in seinem Artikel "Deduktion,
Induktion und Hypothese" (1878) vertretenen Ansicht, werden in der
(in den "Vorlesungen über Pragmatismus" (1903) vertretenen)
späten Sicht Abduktion, Deduktion und Induktion nicht mehr als voneinander
unabhängige "Formen des Schließens", sondern als
ineinandergreifende "Stadien des Interpretationsprozesses" aufgefaßt.
Zugleich unterscheidet Peirce den abduktiven Prozeß des Hypothesenaufstellens
schärfer vom induktiven Prozeß des Hypothesentestens. Abduktion
basiert auf dem Prinzip theoretischer Plausibilität, Induktion auf
dem Prinzip quantitativer oder qualitativer Wahrscheinlichkeit. Während
die Induktion durch Erfahrungssicherheit gedeckt ist, gründet sich
abduktives Folgern lediglich auf Instinktsicherheit.
In Maryann Ayims Artikel "Retroduction:
'The Rational Instinct'" (1973) wird das Zusammenwirken des Rate-Instinkts
und des "lumen naturale" beim abduktiven Folgern behandelt.
Das grundlegende Prinzip des "lumen naturale" ist die "Einfachheit"
und "Natürlichkeit" der Hypothese, die im weiteren Schlußfolgerungsprozeß
deren ökonomische Prüfbarkeit garantiert. Mit demselben Problemkreis
befassen sich ausführlich Nicholas Rescher in seinem Buch Peirce's
Philosophy of Science. Critical Studies in his Theory of Induction and
Scientific Method (1978) und - leider ohne Bezug auf Rescher - W.M.
Brown in seinem Artikel "The Economy of Peirce's Abduction"
(1983). Einen sehr aufschlußreichen Beitrag zur Rolle der Abduktion
bei der Referenzfestlegung liefert Felicia E. Kruse in "Indexicality
and the Abductive Link" (1986).
Von grundlegender Bedeutung
für die Klärung des Peirceschen Abduktionsbegriffs sind auch
Paul Thagards Artikel "The Unity of Peirce's Theory of Hypothesis"
(1977) und "Semiotics and Hypothetic Inference in C.S. Peirce"
(1978). Freilich erscheint Thagards Unterscheidung zwischen Hypothese
und Abduktion, deren Differenz er darin sieht, daß "Hypothesis
renders a supposition acceptable, while abduction only renders it plausible"
(Thagard, 1978, 164), wenig prägnant. Obgleich die Feststellung nicht
falsch ist, wird hier doch der Blick auf den entscheidenden Unterschied
verstellt, nämlich daß die Abduktion der "Prozeß
des Hypothesenaufstellens" ist, während die Hypothese Teil bzw.
Ergebnis dieses Prozesses ist. Ihre Relevanz erhalten die Artikel in erster
Linie aufgrund ihrer innovativen Brückenfunktion, denn Thagard stellt
eine Verbindung zu Ecos Unterscheidung zwischen "überkodierten"
und "unterkodierten" semiotischen Prozessen her und wendet dies
auf Chomskys These einer eingeborenen Universalgrammatik an. Zu Recht
kritisiert Thagard, daß der von Eco in A Theory of Semiotics
(1976) entwickelte Abduktionsbegriff auf dem frühen Peirceschen Begriff
der Hypothese aufbaut und dessen späte Fassung ignoriert.
Im Hinblick auf Chomsky läßt
Thagard leider unerwähnt, daß sich dieser ausdrücklich
auf Peirce und dessen Theorie der Abduktion und des instinktiven Ratens
beruft. Das menschliche Vermögen zum Abduzieren wird für Chomsky
zum bestimmenden Moment jener universalgrammatischen Prinzipien, die die
zulässigen sprachlichen Hypothesen eingrenzen. Chomsky schreibt in
Sprache und Verantwortung (1981; englisch, 1977):
"Der Philosoph, dem
ich mich am nächsten fühle, und den ich fast paraphrasiere,
(ist) Charles Sanders Peirce. Er hat einen interessanten, bei weitem
nicht vollständigen Entwurf dessen vorgelegt, was er 'Abduktion'
nannte" (Chomsky, 1981, 98).
Bereits in Sprache und
Geist (1970; englisch, 1968) bezog sich Chomsky auf jenen von Peirce
propagierten, "Rate-Instinkt" (Vgl. ebd., 148ff). Hatte Chomsky
die Abduktion zunächst in Dienst genommen, um gegen Piagets und Quines
Lernbarkeitsthesen zu argumentieren, so ist in Regeln und Repräsentation
(1981; englisch 1980) eine Abkehr von der Abduktion zugunsten der sogenannten
"Wachstumsthese" zu beobachten. Damit scheidet die Abduktion
als selektiver Modus des "Parameter-Settings" aus. Das "Wachstum
der Grammatik", so Chomsky, beruht auf einem biologischen Programm.
Interessanterweise läßt sich jedoch auch in der revidierten
Sprachtheorie Chomskys eine große Affinität zur Peirceschen
Philosophie beobachten, insbesondere zu dessen kosmologischen Spekulationen
über Tychismus, Agapismus und Synechismus. Daß hier mit einiger
Berechtigung Verbindungen angenommen werden können, belegt David
Savans Artikel "Abduction and Semantics" (1980), in dem er die
These vertritt, daß es sich bei Abduktion, Deduktion und Induktion
um drei grundlegende Prinzipien der Semiose handelt, die im Zusammenhang
mit der Peirceschen Kosmologie zu sehen sind.
Um eine systematische Darstellung
des Abduktionsbegriffs hat sich besonders Massimo Bonfantini verdient
gemacht. In seinem Vortrag "Four Questions on Abduction" (1988)
zum dritten Internationalen Kongreß der IASS in Palermo 1984 formuliert
Bonfantini ein bis heute maßgebliches Forschungsprogramm. Neben
der Frage nach der Form der Abduktion und ihrer syllogistischen bzw. prädikatenlogischen
Darstellungsweise gibt Bonfantini einen typologischen Überblick über
die verschiedenen Arten von Abduktionen. Zusammen mit Giampaolo Proni
unterscheidet Bonfantini in dem Beitrag "Raten oder nicht raten?"
(1985) zu dem von Eco und Sebeok herausgegebenen Sammelband The Sign
of the Three (1983) bzw. Der Zirkel oder Im Zeichen der Drei
(1985) drei Arten von Abduktion, je nachdem, wie "ungewöhnlich
die Paarung von Konsequenz und Antezedenz sich darstellt" oder wie
weit "ihre semantischen Felder voneinander entfernt sind" (Bonfantini
& Proni, 1985, 199).
Bei der ersten Art der Abduktion
wird ein Vermittlungsgesetz zur Ableitung des Falles aus dem Ergebnis
fast automatisch angewendet. Beim zweiten Abduktionstyp muß das
Vermittlungsgesetz unter Rückgriff auf entsprechende enzyklopädische
Kenntnisse wachgerufen und selektiert werden. Beim dritten Abduktionstyp
schließlich muß die Ableitung des Falles aus dem Ergebnis
neu entwickelt, also erfunden werden (vgl. Bonfantini & Proni, 1985,
201). Dabei transformieren Bonfantini und Proni die Peircesche These,
Abduktion könne nur mithilfe des "lumen naturale" operieren,
dahingehend, daß sie diesen Ausdruck durch "lumen culturale"
ersetzen. Damit wird die Abduktion zum modus operandi einer hermeneutisch
orientierten Interpretationstheorie, wie sie Bonfantini später in
seinem Buch La semiosi e l'abduzione (1987) ausführlich
entwickelt.
Auch in Ecos Artikel "Hörner,
Hufe, Sohlen. Einige Hypothesen zu drei Abduktionstypen" (1985, zuerst
unter dem Titel "Guessing: from Aristotle to Sherlock Holmes",
1981) erfolgt eine Hermeneutisierung und interne Differenzierung des Abduktionsbegriffs.
Die Aufgabe des Abduzierenden ist es, mit "hermeneutischem Takt"
eine Balance zwischen seiner eigenen interpretativen und abduktiven Freiheit
und der Determiniertheit der Interpretationsmöglichkeiten durch die
vorhandenen Kodes zu finden. Mit Bezug auf Thagard und Bonfantini unterscheidet
Eco drei Abduktionstypen in Abhängigkeit zum Grad ihrer Kodiertheit.
Eine "überkodierte" Abduktion leistet die Identifikation
einer Typ-Token-Relation. Bei der zweiten, "unterkodierten"
Abduktionsart muß kontextabhängig zwischen zwei alternativen,
gleichermaßen plausiblen Theorien entschieden werden. Bei der "kreativen
Abduktion" wird eine neue Regel formuliert. Darüberhinaus führt
Eco die sogenannte "Meta-Abduktion" ein, die in der Entscheidung
darüber besteht, ob man das "mögliche Universum",
das durch die Hypothese repräsentiert wird, als "Universum unserer
Erfahrung" anerkennen möchte (vgl. Eco, 1985, 301). Mit anderen
Worten: die "Meta-Abduktion" betrifft das Weltbild des Schlußfolgernden.
Kehren wir noch einmal zu Bonfantinis
Forschungsprogramm zurück. Die beiden letzten Fragen, die Bonfantini
in "Four Questions on Abduction" (1988) aufwirft, betreffen
die sogenannten "Leitprinzipien des Hypothesenaufstellens und des
richtigen Ratens", also die "Economy of Research", sowie
die Ausarbeitung eines interdisziplinären Programms für die
Erforschung des gesamten Themenkomplexes Abduktion. Gérard Deledalle
fügt dem in seiner Replik "Abduction and Semiotics" (1988)
noch eine fünfte Fragestellung, die den epistemologischen Status
der Peircschen Semiotik berührt, hinzu. Ausgehend von Bonfantinis
und Deledalles Bemerkungen über ein interdisziplinäres Forschungsprogramm
können neben den bereits angesprochenen grundlegenden Arbeiten zur
philosophischen und wissenschaftstheoretischen Relevanz der Abduktion,
sowie der historischen und systematischen Klärung des Abduktionsbegriffs,
innerhalb der Forschungsliteratur vier weitere signifikante Themenkreise
ausgemacht werden. Es sind dies
- die Rolle der Abduktion
in den Sozialwissenschaften und
- ihre Rolle in den Geisteswissenschaften
(insbeondere in Literatursemiotik und Ästhetik) oder
- ihr Rolle im philosophischen
Kriminalroman (motiviert durch Ecos Roman Der Name der Rose)
dienen. Darüberhinaus gewinnt
- die Abduktion im Rahmen
der Künstlichen-Intelligenz-Forschung (KI-Forschung) zunehmend
an Relevanz.
Die Rolle der Abduktion in
den Sozialwissenschaften
Anders als in dem kommunikationstheoretischen
Ansatz, den Apel Ende der sechziger Jahre entwickelt und bei dem die Abduktion
als Vermögen zum synthetischen Schließen "den höchsten
Punkt" des Denkens ausmacht, beurteilt Jürgen Habermas in Erkenntnis
und Interesse (1973) die Abduktion und das Schlußfolgern generell
als wenig relevant mit Blick auf die "verständigungsorientierte
Vernunft". Zwar spiele abduktives Folgern innerhalb der Problemlösungsfunktion
und der Welterschließungsfunktion des Denkens eine gewisse Rolle,
doch bleibt es letzlich der Domäne des zweckorientierten Handelns
bzw. der nicht-kommunikativen Logik verhaftet, denn: "In Schlußfiguren
läßt sich denken, jedoch kein Dialog führen" (Habermas,
1973, 176). Die Abduktion wird zu einem marginalen Phänomen, weil
sie - und hierin folgt Habermas der Auffassung Poppers - nichts zur Rechtfertigung
für das Aufstellen einer Hypothese beitragen könne: Die Beweislast
der Argumentation ist dem Bereich der diskursiv-dialogischen Verständigung
aufgebürdet. Eine eingehende Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten
und Grenzen einer Indienstnahme der Abduktion zur Entwicklung einer "kritischen
Hermeneutik" in den Ansätzen von Apel, Gadamer, Habermas und
Wartenberg findet sich in Margareta Bertilssons Buch, Towards a Social
Reconstruction of Science Theory. Peirce's Theory of Inquiry and Beyond
(1978).
Grundsätzlich muß
freilich gefragt werden, inwieweit nicht auch der Dialog als abduktiv
strukturiert gedacht werden kann. Trotz seiner Auffassung vom Interpretieren
als Argumentieren sah Peirce keinen Widerspruch darin, Denken zugleich
als Schlußfolgern und als "stilles Gespräch der Seele
mit sich selbst" (vgl. "Guessing") zu betrachten. Augusto
Ponzio verweist in seinem Aufsatz "The Symbol, Alterity, and Abduction"
(1985) auf die Berührungspunkte zwischen der argumentativen und der
dialogischen Bestimmung des Interpretationsprozesses: "Peircean logic
is presented as dia-logic" (Ponzio, 1985, 268). Jeder Dialog ist
eine Form des Argumentierens, und jedes Argument hat das kommunikative
Ziel, zu überzeugen: "This (...) might lead us to represent
the argument as divided (a division between premise and conclusion) between
the two participators of a dialogue" (Ponzio, 1985, 268).
Gegen die Habermassche These,
eine auf dialogische Konsensbildung bedachte kritische Hermeneutik könne
nicht auf abduktives Schließen zurückgreifen, argumentieren
unter einem soziologischen Gesichtspunkt auch Hans Georg Soeffner und
Thomas Luckmann in ihrem Nachwort zu Gerold Ungeheuers Kommunikationstheoretische
Schriften I: Sprechen, Mitteilen, Verstehen (1987), wo es heißt:
"Insbesondere das von
Peirce beschriebene 'abduktive Schließen' scheint strukturell
der kommunikativen Konsensbildung homolog zu sein - wenn es sich auch
beim abduktiven Schließen um eine 'Konstruktion zweiten Grades'
(Schütz) handelt, die gegenüber den alltäglichen Konstruktionen
den Vorteil hat, daß nicht nur die Resultate der Konstruktion,
sondern auch die Konstruktionsverfahren selbst sichtbar gemacht werden
sollen" (Soeffner & Luckmann, in: Ungeheuer 1987, 347).
Die zentrale Rolle der Abduktion
bei der Konstituion sozialer Objekte hatte Richard Grathoff bereits 1970
in seinem mittlerweile auf deutsch erschienenen Buch Milieu und Lebenswelt
(1989) beschrieben. Unter Rückgriff auf Alfred Schütz' Relevanztheorie
zeigt Grathoff, daß die Abduktion als regulatives Prinzip sozialer
Relevanz und intersubjektiver Verständigung über das gemeinsame
Thema fungiert (Vgl. Grathoff, 1989, 284f). In Ulrich Oevermanns Ansatz
einer "objektiven Hermeneutik" wird die Abduktion zu dem
Erkenntnismittel der sozialwissenschaftlichen Forschung schlechthin (Vgl.,
Oevermann, 1991). Eine äußerst fundierte Darstellung und Anwendung
des "Handlungstyp Abduktion" findet sich in dem Buch von Jo
Reichertz' Aufklärungsarbeit. Kriminalpolizei und Feldforscher
bei der Arbeit (1991), der sich auf Oevermann und Soeffner bezieht
und die Abduktion zur Erklärung der kriminologischen Aufklärungsleistung
bei Schwerverbrechen anwendet. Reichertz gibt insbesondere für den
Bereich der Soziologie einen umfassenden Überblick über die
Funktion der Abduktion im Lichte ihrer Rezeptionsgeschichte. Ebenfalls
im Rahmen einer Fallstudie wendet Klaus Lüderssen in seiner Habilitationsschrift
Erfahrung als Rechtsquelle (1972) abduktiven Folgerns als Modus
der Falsifikation von Hypothesen im juristischen Entscheidungsprozeß
an.
Die Rolle der Abduktion in
den Geisteswissenschaften
Apels These der Komplementarität
von Verstehen und Erklären innerhalb einer pragmatisch-hermeneutisch
reformulierten Transzendentalphilosophie, deren Vermittlungsinstanz abduktives
Schließen ist, impliziert bereits die Möglichkeit, den "hermeneutischen
Zirkel" als Abduktion zu deuten. Diese Sicht kündigte sich in
Arthur Dantos Analytische Philosophie der Geschichte (1965; deutsch
1974) an, wenn er in Hinblick auf das Vorgehen des Historikers, der aus
den gegebenen Quellen eine Interpretation konstruieren muß, schreibt:
"das Verhältnis zwischen einer Erzählung und den Materialien,
die sie anfänglich dokumentieren, (ist) in einem den Schülern
von Peirce vertrauten Sinne abduktiv" (1974, 200). In seinem Aufsatz
"On Position Papers, Paradigms, and Paradoxes" (1987) beschreibt
der amerikanische Literatursemiotiker Floyd Merrell die Abduktion als
Vermittlungsinstanz, um obsolet gewordene Dualismen wie Objektivität
und Subjektivität oder Logik und Psychologie aufzuheben. Nach Merrell
leistet die Abduktion auch die Vermittlung zwischen inkommensurablen Theoriesystemen.
Sie erlaubt es, zwischen den Paradigmen "umzuschalten". Diese
"paradigm switches" vollziehen sich als sprunghafte Übergänge,
wobei Merrell die Abduktion in René Thoms mathematisches Modell
der "Katastrophentheorie" integriert.
Gerade in der Literaturwissenschaft
nimmt abduktives Folgern eine Schlüsselrolle ein - so in Ecos Theorie
der "Interpretativen Kooperation", entwickelt in The Role
of the Reader (1979), wo die Abduktionslogik zur interpretativen
Vollzugsform der "Mitarbeit des Lesers" wird, da die Lektüre
ebenfalls ein Prozeß des Aufstellens von Sinnhypothesen ist. Der
Leser nimmt dabei die Rolle eines Detektivs ein - Lesen bedeutet textuelle
Spurensuche. Dergestalt verbindet der Modus des abduktiven Schlußfolgerns
die Rollen des Detektivs, des Wissenschaftlers und des Lesers. Für
alle drei geht es darum, die Zahl der möglichen Hypothesen zu verringern
und zu plausiblen Interpretationen zu gelangen. In Der Streit der
Interpretationen (1987) reformuliert Eco die hermeneutische Ausgangssituation,
indem er den Begriff der Abduktion einführt:
"... der Text ist ein
Objekt, das die Interpretation im Verlauf ihrer zirkulären Anstrengungen
um die eigene Schlüssigkeit bildet auf der Basis dessen, was sie
als ihr Resultat erschafft. Ich schäme mich nicht, daß ich
auf diese Weise den alten und immer noch gültigen hermeneutischen
Zirkel definiere. Die Logik der Interpretation ist die Peircesche Logik
der 'Abduktion'. (...) Eine Konjektur anzustellen heißt, ein Gesetz
auszudenken, das ein Resultat erklären kann" (Eco, 1987, 45).
Im Kontext der deutschen Diskussion
bezüglich Hermeneutik, Semiotik und Dekonstruktivismus hat Manfred
Frank bereits 1984 in Was ist Neostrukturalismus? versucht, Konsequenzen
aus Apels Transformation zu ziehen, indem er die abduktive Bestimmung
des Subjekts, gegründet auf das Vermögen zum Aufstellen plausibler
Hypothesen, auf den Bereich des Selbstbewußtseins überträgt.
Frank vertritt die These, daß alles, was Sinn hat, "Resultat
einer interpretativen Hypothese" ist. "Interpretieren wiederum
setzt voraus: Selbstbewußtsein" (Frank, 1984, 481). Für
Frank wird das Vermögen zum abduktiven Folgern zum Garanten der Identität,
also des "ich denke" des Interpretierenden, freilich unter den
nach-transzendentalen Konditionen des Denkens: "'Erweiterungsschluß'
meint: ein nicht-deduktives Schließen. Nicht-deduktiv darum, weil
das Prinzip, aus dem die Einheit der durch das Urteil verknüpften
Phänomene ableitbar wäre, gerade mangelt" (Frank, 1984,
480). Dennoch ist die Abduktion nach Frank ein begründender Schluß,
weil sie ihre künftige Fundierung, wenn auch nur provisorisch, antizipiert.
Im Anschluß an Manfred
Frank hat Roland Daube-Schackat in seinem Aufsatz "Schleiermachers
Divinationstheorem und Peirce's Theorie der Abduktion" (1985) das
Verhältnis von abduktivem Denken und dem Schleiermacherschen Begriff
der Divination als konjekturaler Erkenntnisfähigkeit und -tätigkeit
analysiert. Gerhard Schönrich weist in seinem Buch Zeichenhandeln:
Untersuchungen zum Begriff einer semiotischen Vernunft im Ausgang von
Ch.S.Peirce (1990) Ähnlichkeiten zwischen Kants Definition der
schematisierenden Urteilskraft und Peirces "Pragmatischer Maxime"
nach. Kants "produktiv bestimmende Urteilskraft" setzt Schönrich
der unterkodierten, die "reproduktiv bestimmende Urteilskraft"
der überkodierten Abduktion gleich. Die kreative Abduktion sieht
Schönrich in Parallele zu Kants "reflektierender Urteilskraft"
(vgl. Schönrich, 1990, 398f).
Eine explizit literaturtheoretische
Anwendung abduktiven Schlußfolgerns auf die Praxis des Inszenierens
leistet Franz Wille in seiner Dissertation über Abduktive Erklärungsnetze.
Zur Theorie theaterwissenschaftlicher Aufführungsanalyse (1991).
Eine Analyse des kreativen Potentials der Abduktion innerhalb des Interpretationsprozesses
findet sich in Susanne Rohrs Dissertation Über die Schönheit
des Findens. Die Binnenstruktur menschlichen Verstehens nach Charles S.
Peirce: Abduktionslogik und Kreativität (1993).
Bereits 1988 hatte Michael Cabot Haley in The Semiosis of Poetic Metaphor
die These vertreten, daß Metaphern innerhalb eines retroduktiven
Prozesses formuliert und interpretiert werden (Haley, 1988, 52). Um eine
Metapher oder eine Metonymie als Modell der Wirklichkeit zu verstehen,
vollzieht der Interpret kreative Abduktionen, denn im Unterschied zum
Alltagsverstehen erfordert das Verstehen poetischer Metaphern und Metonymien
"(...) greater creativity, greater 'abductive effort' or 'semantic
reach'" (Haley, 1988, 27). Joergen D. Johansen bestimmt in "Hypothesis,
Reconstruction, Analogy: On hermeneutics and the interpretation of literature"
(1989) die Funktion der Abduktion innerhalb des interpretativen Prozesses
bei ästhetischen Texten als quasi-detektivische Suche nach interessanten
und bedeutsamen Kontexten. Dadurch unterscheidet sich die "ästhetische"
Interpretation von der reinen Übersetzungs- und Dekodierungsleistung
"normaler" Interpretationen. Von besonderem theoretischen Interesse
ist dabei der Umstand, daß Johansen die Funktion der Abduktion in
Auseinandersetzung mit den hermeneutischen Ansätzen von Gadamer und
Habermas bestimmt.
Gerade seit der zweiten Hälfte
der achtziger Jahre läßt sich eine deutliche Zunahme der Beschäftigung
mit abduktivem Schließen im Rahmen von hermeneutischen und texttheoretischen
Fragestellungen verzeichnen. Neben den bereits erwähnten Arbeiten
von Eco (1987), Bonfantini (1987) und Merrell (1987) müssen hier
Mauro Ferraresis L'inventione nel racconto (1987), (besprochen
in Amaryll Chanady (1991): "Abduction and Narrative Invention: The
Latest Avatar of Peirce's 'Guessing Instinct'") und Angel Herreros
Semiotica y creatividad. La logica abductiva (1988), (besprochen
in Lucia Santaella Braga (1991): "Instinct, Logic, or the Logic of
Instinct?") erwähnt werden. Eine Analyse der Abduktion als Beschreibungsinstrument
von Argumentationszusammenhängen innerhalb des rhetorischen Kontextes
leistet Michael D. Bybee in seinem Artikel "Abduction and Rhetorical
Theory" (1991). Die gleiche Fragestellung mit einer speziellen Ausrichtung
auf die Parallelen der abduktiven und der enthymemischen Argumentstruktur
verfolgt Ru Michael Sabre in "Peirce's Abductive Argument and the
Enthymeme" (1990). Gary Shank untersucht in "Abductive Strategies
in Educational Research" (1987) die verschiedenen argumentativen
Strategien, die im Hinblick auf die verschiedenen Verhältnisse zwischen
der Plausibilität einer Hypothese, also ihrer Kohärenz und der
Annahme ihrer Wahrheit, also ihrer Korrespondenz, verfolgt werden können.
Darstellung der Abduktion
im Kriminalroman
Das dem abduktiven Schließen
inhärierende Spannungsverhältnis zwischen Plausibilität
(Kohärenz) und Wahrheit (Korrespondenz) betrifft die Abgleichung
von möglicher Denkwelt und wirklicher Tatsachenwelt. Die vielfältigen
Probleme, die sich aus dem Nichtübereinstimmen dieser beiden Welten
ergeben, behandelt Eco in seinem Nachwort zu den Detektivgeschichten von
Louis Borges in "Die Abduktion in Uqbar" (1983, in Eco, 1988).
Als Einsatzpunkt der semiotischen Auseinandersetzung mit den Problemen
der auf abduktivem Folgern beruhenden kriminalistischen Weltinterpretation
gilt die bekannte Monographie von Thomas A. Sebeok und Jean Umiker-Sebeok,
"'Sie kennen ja meine Methode.' Ein Vergleich von Charles S. Peirce
und Sherlock Holmes" (1985, zuerst in: The Play of Musement,
1981). Eine kritische Auseinandersetzung mit den Thesen Ecos und Sebeoks,
Sherlock Holmes folgere abduktiv, findet sich bei Jo Reichertz, auf dessen
Aufklärungsarbeit (1991) in diesem Zusammenhang noch einmal
hingewiesen werden soll. Das entsprechende Kapitel ist auch als Aufsatz
unter dem Titel "Folgern Sherlock Holmes oder Mr. Dupin abduktiv?
Zur Fehlbestimmung der Abduktion in der semiotischen Analyse der Kriminalpoesie"
(1990) veröffentlicht worden.
In dem von Eco und Sebeok gemeinsam
herausgegebenen ersten internationalen und interdisziplinären Sammelband
zu Theorie und Praxis der Abduktionslogik The Sign of the Three
(1983) bzw. Der Zirkel oder Im Zeichen der Drei (1985) findet
sich neben den bereits erwähnten Titeln von Bonfantini & Proni
(1985), Eco (1985) und Sebeok & Umiker-Sebeok (1985) die kunstgeschichtliche
Untersuchung Carlo Ginzburgs über "Indizien: Morelli, Freud
und Sherlock Holmes" (1985), in der Ginzburg eine "Semiotik
der Spurensicherung" entwirft. Das gleiche Thema wird von Gian Paolo
Caprettinis Aufsatz "Peirce, Holmes, Popper" (1985) unter dem
Aspekt des immer wieder behaupteten Zusammenhangs zwischen Detektiv- und
Forschungslogik behandelt. Überflüssig
zu erwähnen, daß es auch in Ecos Romanen um eben diesen Zusammenhang
sowie um das oben erwähnte Spannungsverhältnis von Plausibilität
und Wahrheit geht (vgl. hierzu Wirth, 1991, "'Der Name des Pendlers'.
Vom Einfluß der Peirceschen Abduktionslogik auf das literarische
Werk Umberto Ecos"). Insbesondere im Zuge der Rezeptionsgeschichte
von Ecos erstem Roman, Der Name der Rose wurde das Augenmerk
immer wieder auf jenes von Nancy Harrowitz in ihrem Aufsatz "Das
Wesen des Detektiv-Modells. Charles S. Peirce und Edgar Allan Poe"
(1985) betonte Moment gerichtet, daß der Kriminalroman die einzige
literarische Gattung sei, "die der Darstellung der Abduktion gewidmet
ist" (Harrowitz, 1985, 286).
Trotz der Fülle der Veröffentlichungen zu Ecos Der Name
der Rose findet man eine eingehende Auseinandersetzung mit dem Schlußmodus
der Abduktion nur selten. Ausnahmen bilden Harald Haferlands Aufsatz "Über
Detektivische Logik" (1985) oder Ulrich Wyss', "Die Urgeschichte
der Intellektualität und das Gelächter" (1987), sowie die
in Umberto Eco. Zwischen Literatur und Semiotik (1991) veröffentlichten
Beiträge von Armin Burkhardt, "Die Semiotik des Umberto 'von
Baskerville'" und von Guido Graf, "Wissen aus kleinen Erkenntnissen.
Brunellus und einige seiner Vorfahren". Eine statistische Auswertung
der Häufigkeit der verschiedenen Schlußfiguren in Der Name
der Rose findet sich bei Sandra Schillemans, "Umberto Eco and
William of Baskerville: Partners in Abduction" (1992).
Die Rolle der Abduktion in
der KI-Forschung
In jüngster Zeit ist ein
stetig steigendes Interesse der Künstlichen-Intelligenz-Forschung
an der Abduktion zu verzeichnen: Paul Thagard integriert in Computational
Philosophy of Science (1988) seine Erkenntnisse über Abduktion
und semiotischen Erkenntniszuwachs in den Bereich der Kognitionsforschung.
Der Versuch, den Denkprozeß in Analogie zum Verarbeitungsprozeß
des Computers zu setzen, führt fast zwangsläufig zu der Frage
nach der möglichen Funktion der Abduktion innherhalb automatischer
Informationsverarbeitung. Diese Fragerichtung verfolgt Olivier Fischer
in seinem im AI Magazine veröffentlichten Dissertation-Abstract
über "Cognitively Plausible Heuristics to Tackle the Computational
Complexity of Abductive Reasoning" (1992).
Auch in dem Sammelband Signs, Search and Communication. Semiotic Aspects
of Artificial Intelligence (1993), herausgegeben von R.J. Jorna,
Barend van Heusden und Roland Posner, finden sich mehrere Aufsätze
über die Rolle der Abduktion in Expertensystemen. Die Hoffnung, die
sich mit diesen Untersuchungen verbindet ist, mit Hilfe der Abduktion
"menschenähnliche" Denkprozesse zu imitieren bzw. zu simulieren.
So schreibt Jan C.A. van der Lubbe in seinem Aufsatz "Human-like
Reasoning under Uncertainty in Expert Systems" (1993) der Abduktion
die Funktion zu, "to imitate or to represent human subjective reasoning
as close as possible, at least with respect to the input-output performances"
(van der Lubbe, 1993, 113f).
Grundlage der Implementierung abduktiver Prozesse in Computersystemen
ist eine eingehende Analyse, wodurch sich menschliche Denkprozesse überhaupt
von maschinellen Rechenprozessen unterscheiden. Dabei kommt van der Lubbe
zu den folgenden Schlußfolgerungen: Anders als menschliches Denken
kann ein Expertensystem das gespeicherte Weltwissen nicht selber denotativ
interpretieren. Zudem sind Expertensysteme meist nicht zur Selbstkorrektur
fähig. Im Unterschied zum Computer, können Menschen ihr Wissen
sehr flexibel auf eine Fülle von unterschiedlichen Problemen anwenden.
Der Mensch kann also Wissen aus einem Denkkontext in einen anderen "entführen",
d.h. "abduzieren". Die Möglichkeit, assoziative oder kreative
Prozesse in Expertensystemen zu implementieren, ist sehr beschränkt.
Der wichtigste Punkt ist für van der Lubbe, daß menschliches
Denken - anders als Expertensysteme - sehr leicht mit der Vagheit und
Unsicherheit von Information umgehen kann (van der Lubbe, 1993, 114ff).
Anhand der eben genannten Punkte entwirft van der Lubbe das Aufgabenfeld
einer "abduktiv gewendeten" KI-Forschung, nämlich ein Expertensystem
zu entwickeln, das insofern menschenähnlich operiert, als es seine
eigene Semantik hat, flexibel ist und aus seinen eigenen Fehlern lernt,
assoziative und kreative Prozesse vollzieht und mit vager, unsicherer
Information umgehen kann.
A.H. Marostica versucht in
seinem Aufsatz "Abduction: The Creative Process" (1993) die
Beziehung abduktiven Folgerns zu Problemlösungsstrategien zu klären.
Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie es möglich ist, die Leitprinzipien
der Abduktion, die Marostica unter den Stichworten "Erklärungsmächtigkeit",
"Einfachheit" und "Harmonie" zusammenfaßt, in
Expertensysteme zu integrieren. G. Luger, und C. Stern untersuchen in
"Expert Systems and the Abductive Circle" (1993) das Rechtfertigungsproblem
des abduktiven Hypothesenaufstellens aus der Sicht der KI-Forschung. Dabei
zeigt sich eine erstaunliche Parallele zur oben erörterten philosophischen
Diskussion: Einerseits sucht die Abduktion nach plausiblen Erklärungen
liefert aber keine Rechtfertigungen; andererseits: "if the justification
of decisions in the search process is not available, the program is not
an expert system" (Luger & Stern, 1993, 157). Damit ergibt sich
auch in der KI-Forschung die Notwendigkeit, sich mit dem "abduktiven
Zirkel", der die Reformulierung des hermeneutischen ist, auseinanderzusetzten.
Ausblick
Zusammenfassend läßt
sich sagen, daß die fast fünfzigjährige Auseinandersetzung
mit dem Schlußmodus Abduktion im Rahmen so unterschiedlicher Disziplinen
wie Philosophie, Wissenschaftstheorie, Soziologie, Rechtstheorie, Linguistik,
Literatur- und Geschichtswissenschaft sowie Künstliche-Intelligenz-Forschung
in erster Linie zu einer Reformulierung bereits vorhandener Problemzusammenhänge
geführt hat. Hierin scheint, mehr noch als in den tatsächlichen
Lösungsvorschlägen, die eigentliche Leistung der Erforschung
der Abduktion zu liegen: zu zeigen, in welchem Maße das plausible
Erklärenwollen immer schon auf einem vorgängigen Verstehenkönnen
basiert. Wie mit Hilfe dieser "abduktiven Kompetenz" überraschende
und rätselhafte Beobachtungen in einen argumentativen Begründungszusammenhang
gebracht werden, d.h. wie die "Transformation von unbegründeten
Assoziationen in begründbare Implikationen" jeweils gelingen
kann, dies zu klären ist Aufgabe der Einzeldisziplinen. Da aber jede
Disziplin auf ein wie immer geartetes Interpretationsmodell zurückgreifen
muß und die Abduktion der Einsatzpunkt jeder Interpretationstätigkeit
ist, ergibt sich in der Erforschung der Abduktion und dem einzelwissenschaftlichen
Nachvollzug des "abductive turn" die einzigartige Gelegenheit,
interdisziplinäre Forschung unter einer einheitlichen, semiotisch-methodologischen
Perspektive zu begreifen.
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