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Uwe Wirth (HG.), Die Welt als Zeichen und Hypothese. Perspektiven des semiotischen Pragmatismus von Charles. S. Peirce. Vorwort "Die Wahrheit", so heißt es in Umberto Ecos Roman Der
Name der Rose, "verbirgt sich im Rätsel, bevor sie sich uns
von Angesicht zu Angesicht offenbart, und nur für kurze Augenblicke
(oh, wie so schwer zu fassende!) tritt sie hervor im Irrtum der Welt,
weshalb wir ihre getreulichen Zeichen entziffern müssen". Seit dem "Semiotik-Boom" der siebziger und achziger Jahre wird auf dem "interdisziplinären Forschungsfeld" der Semiotik darum gestritten, auf welchen der beiden Begründer man sich berufen soll und wie man das Erbe zu verwalten habe. Dabei kommt das Grundproblem der Semiotik zum Vorschein: Es fehlt bis heute eine von Semiotikern und Nichtsemiotikern gleichermaßen anerkannte philosophische Grundlage. Eine der Folgen ist, daß die vermeintliche Interdisziplinarität der Semiotik in eine heuristische Beliebigkeit umschlägt, die mit Recht die Frage aufwirft, ob die semiotische Herangehensweise überhaupt sinnvoll ist. Orientierungslosigkeit macht sich auch in anderer Hinsicht unter den Semiotikern breit, denn offensichtlich sprechen die Anhänger von Saussure und Barthes von anderen Zeichen als die Anhänger von Jakobson und Peirce - ganz zu schweigen von den Semiotikern mit einem dekonstruktivistischen Zeichenverständnis. Während die Saussuresche Semiologie von sprachlich kodierten Zeichen, also vom linguistischen Paradigma als übertragbar auf andere Disziplinen ausgeht, liegt der Peirceschen Semiotik ein philosophisch-kategorial bestimmter Zeichenbegriff zugrunde, der sprachliche und nichtsprachliche Zeichen umfaßt und im Rahmen einer erkenntnistheoretischen Fragestellung gleichberechtigt behandelt. Nicht nur Denken und Sprechen, auch Handeln und Wahrnehmen haben Zeichencharakter. Mit anderen Worten: Alles ist Zeichen. Alles kann zum Zeichen werden. Interessanterweise verwandelt sich diese, heute von vielen immer noch als postmoderne Provokation empfundene Behauptung, im Kontext der Peirceschen Semiotik in eine ganz unprätentiöse erkenntnistheoretische Problemstellung. Sobald man auch die Wahrnehmung als Zeichenprozeß begreift, muß
die Semiotik philosophisch werden, da sie sich auf das klassische Terrain
der Erkenntnistheorie wagt. Eben hierin liegt die einzigartige Chance
des Peirceschen Ansatzes einer philosophisch-pragmatischen Semiotik, nämlich
zwischen Philosophie, Semiotik und Einzeldisziplinen eine völlig
neue Art von Übergängen zu ermöglichen und Anschlußmöglichkeiten
zu eröffnen. Durch den im internationalen Diskussionszusammenhang
sich abzeichnenden "Peircean Turn" hat sich die Situation der
Semiotik grundlegend geändert. Die Tatsache, daß das Saussuresche
und Greimassche Paradigma abgelöst wird, ist in Deutschland bislang
nur unzureichend zur Kenntnis genommen worden und hat, was die Anwendung
auf den semiotischen Phänomenbereich anlangt, noch keinen befriedigenden
Niederschlag gefunden. Zu dieser Situation hat maßgeblich die verwirrende Editionslage
beigetragen. Die Schriften zur Semiotik von Peirce sind größtenteils
noch im Nachlaß und werden erst in den kommenden Jahren im Rahmen
des "Peirce Edition Project" veröffentlicht. (Bezeichnend
für die verwirrende Editionslage der "Schriften zur Semiotik"
ist, daß in der verdienstvollen dreibändigen deutschen Peirceausgabe
von Pape bislang auf englisch noch nicht publizierte Manuskripte enthalten
sind.) Eine weitere Schwierigkeit beim Zugang zu Peirce liegt darin, daß
man sich nicht auf eine autorisierte Version seiner Zeichentheorie berufen
kann. So ist man mit einer Überfülle an Entwürfen zur Zeichentheorie
konfrontiert, die durch zahlreiche terminologische Änderungen die
Auseinandersetzung mit der Peirceschen Semiotik nicht eben erleichtert.
Schließlich gibt es auch unter den Semiotikern, die sich dezidiert
als Peirceaner verstehen, differierende Durchdringungstiefen und Schwerpunktsetzungen.
So überrascht es kaum, daß noch kein allgemein akzeptiertes
Modell der Peirceschen Semiotik vorliegt. Vor dem Hintergrund der genannten Schwierigkeiten soll der Band "Die Welt als Zeichen und Hypothese" auf neuartige Weise die Frage nach der "Logik der Zeichen" und der "Logik der Interpretation von Zeichen" aufwerfen. Einmal mit Blick auf die hieraus entstehenden philosophischen Probleme. Zum anderen hinsichtlich der Rolle, welche die semiotische Herangehensweise für die verschiedenen Disziplinen spielen kann. Dabei soll von zwei Voraussetzungen als "kleinstem gemeinsamen Nenner" ausgegangen werden: einmal der Peirceschen Einteilung der Zeichen in Ikon, Index und Symbol, die auf seine Kategorien Erstheit, Zweitheit und Drittheit zurückzuführen ist; zum anderen von der Peirceschen Auffassung vom Interpretieren als Argumentieren, das sich in Form abduktiven, deduktiven und induktiven Schließens vollzieht. Interpretieren bedeutet demnach, Hypothesen über Zeichen aufzustellen. Der Schlüssel zum Verstehen liegt in der semiotischen Kompetenz, sich im "Labyrinth der Zeichen" mit Hilfe pragmatischen Schlußfolgerns orientieren zu können. Dergestalt läßt sich die "Logik der Zeichen" in eine semiotisch-pragmatische "Logik der Interpretation von Zeichen" integrieren und als allgemeine semiotische Grundlage für einzelwissenschaftliche Anwendungen nutzen. Der Band situiert sich als Alternative zu der rein philosophischen Peircedeutung von Apel und Habermas, welche den Aspekt des Zeichens, also die genuin semiotische Fragestellung, unterbetont - aber auch als Alternative zur sogenannten "Zeichenphilosophie", welche keine systematische Grundlegung in Peirce hat. Vielleicht wird die Aufgabe dieses Bandes aber auch eine sehr viel bescheidenere sein, indem er dem Leser - ganz im Sinne Rortys - die Gelegenheit bietet, festzustellen, ob die Art wie "Peirceaner" über Welt und Zeichenwelt sprechen sympathisch ist oder nicht. |
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Inhaltsverzeichnis Philosophie des Zeichens und der Zeicheninterpretation
Zeichen und Hypothese im sprachlichen Kontext
Zeichen und Hypothese im kulturellen Kontext
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