Matthias Mühlich
email: muehlich@iap.uni-frankfurt.de
Vorbemerkung: Die Namensrechte an dem Produkt "Microsoft Word" liegen
bei der Firma Microsoft. Wer hätte das gedacht. Keine Ahnung, ob solch
ein Hinweis rechtlich notwendig ist, aber entsprechende Disclaimer sind
üblich und schaden kann's sicher nicht...
Vergleich: Word und (pdf)LaTeX
Als TeX-niker ist man ja meist recht selbstsicher, daß man im Vergleich zur
großen Schar der Word-Nutzer das viiiiiiel bessere Programm nutzt und
zu einem, zugegebenermaßen kleinen, jedoch umso elitären Kreis gehört, der
auch in Zeiten der Massenproduktion mit Computerschriftsatz noch problemlos
typografisch hochwertige Erzeugnisse produzieren kann.
Doch können wir eigentlich unseren Bekannten, die behaupten, mit Word könnten
sie das genauso gut hinkriegen, das Gegenteil beweisen? Was gibt es denn an
handfesten Belegen für unsere These?
Die Idee: vergleichen wir einfach mal Mal Word und LaTeX...
Klar: jeder kann problemlos über die
eine oder andere schlechte Erfahrung mit Word schimpfen, aber das meine ich nicht.
Ich meine einen fairen Vergleich: ein und der selbe Texte, einmal mit Word, einmal
mit LaTeX gesetzt -- was sieht besser aus und warum?
Als Physiker ist man gewohnt, auf solche Fragen durch Experimente Antworten
zu finden. Daß LaTeX im Formelsatz oder bei langen Dokumenten mit automatisch
erzeugtem Index, Inhaltsverzeichnis, Formelnumerierung und -referenzierung usw.
klar besser ist, braucht man, wie ich denke, nicht beweisen. Doch kann LaTeX
Word auch bei üblichen Word-Anwendungen, nämlich eher kurzen und
nicht-wissenschaftlichen Texten, erkennbar schlagen? Um diese Frage zu klären,
habe ich einen Text aus dem Internet kopiert und zweimal gesetzt.
"Spielregeln" des Vergleichs
Das Experiment soll im wesentlichen schnell umzusetzen sein:
- ganz einfacher Text: eine Hauptüberschrift, drei Unterüberschriften.
Keine Formeln, keine Fußnoten, keine sonstigen Extras; es bestünde
sonst immer die Gefahr, daß man sich das Testdokument für einen der
Testkandidaten maßschneidert. Hier soll es um nichts anderes als den
Computertextsatz von einfachem Text gehen.
- keine langwierigen Nachbearbeitung: nach dem Kopieren (und Kürzen) des
Textes wurden einzig Gedankenstriche und Anführungszeichen sowohl in Word
als auch in LaTeX korrigiert (das waren nur Minuszeichen bzw. doppelte
aufrechte obere Anführungszeichen).
- gleiche Schrift ("Universal-Modern" ist im TrueType-format kostenlos
erhältlich; einzig das "ß" unterscheidet sich in den beiden Dokumenten)
- gleiches Layout (Seitenränder usw). Im Zweifelsfalle habe ich LaTeX
auf Word-ähnliches Layout getrimmt (u.a. \itemsep innerhalb der
enumerate-Umgebung brutal verbogen...)
- Zur Word-Version: die kursiven Teile wurden von Hand in der entsprechenden
kursiven Universal-Modern gesetzt (auf "kursiv" klicken hätte künstliche
Schrägstellung erzeugt). Dagegen sind die Überschriften von Hand größer
gemacht und durch fett-klicken hervorgehoben.
- Zur LaTeX-Version: Genutzt wurde die Standard-Klasse article. Einzige
Besonderheit ist optischer Randausgleich (pdfcprot-Paket).
Das Ergebnis des Experiments
Zwei pdf-Dateien gibt's hier zum Download:
- Word-LaTeX-Vergleich1.pdf:
mit Word generiertes Test-Dokument. Damit beide Ergebnisse vergleichbar sind,
wurde aus Word heraus mit dem Adobe Acrobat Plug-In in ein pdf-Dokument
gedruckt. Daß Word-Dokumente (bewußt) nicht in einem offenen Format
vorliegen, brauche ich hier keinem erzählen...
Außerdem käme sonst noch hinzu, daß ich hier noch die benutzten Schriften
zusätzlich zum Download anbieten müßte und der Leser sie erst nachinstallieren
müßte, bevor er sich das erste Test-Dokument mit Word anschauen könnte.
- Word-LaTeX-Vergleich2.pdf:
mit (pdf)LaTeX generiertes Test-Dokument. Sourcen gibt's natürlich auch:
Word-LaTeX-Vergleich2.tex. Für
das eigenständige ver-TeX-en ist evtl. noch das Paket pdfcprot
erforderlich, das man im
CTAN
herunterladen kann.
Der Zeitbedarf zum Erzeugen der beiden Versionen war ähnlich. Die Word-Version
hat dabei durch das Herumgefummel an diversen Einstellungen und das Entfernen
einiger zusätzlicher Leerzeilen zwischen Absätzen eher mehr Zeit in Anspruch
genommen als das Schreiben des Headers und die 4 \section bzw. \subsection
Befehle in LaTeX.
Auswertung
Tja, eigentlich sollte jeder die beiden pdf-Dateien ausdrucken und für sich
entscheiden...
Auf den ersten Blick sehen beide Ausdrucke gleich aus. So und nicht anders
war es schließlich auch geplant. Aber im Detail gibt es Unterschiede und
mehrere Testpersonen (die von Typografie wenig bis gar keine Ahnung haben)
bestätigten mir bereits, daß die LaTeX-Version "irgendwie angenehmer"
zu lesen sei.
Wenn man sich jetzt noch vorstellt, daß man eine 100-seitige Diplomarbeit
oder einen langen Roman durchlesen soll, wo Unterschiede noch deutlicher zu Tage
treten als in diesem kleinen Beispiel, dann macht es einen Unterschied, ob der
Leser das Lesen als angenehm empfindet oder nicht.
Ein paar Tips, worauf man achten kann:
- Der Umbruch-Algorithmus von Word ist einfach und primitiv: was nicht
mehr in eine Zeile paßt, rutscht in die nächste; die entstehende Lücke wird
gleichmäßig auf die vorherige Zeile verteilt. LaTeX ist haushoch überlegen;
dieser Text hat einen wesentlich einheitlicheren Grauwert. Das kann man
deutlich sehen, wenn man beide Texte einfach aus einer gewissen Entfernung
betrachtet. Anmerkung: sowas kann auch der Word-Nutzer nicht korrigieren,
wenn er nach dem Schreiben des Textes
in langwieriger Handarbeit die allerschlimmsten Umbrüche (wie z.B.
in der Hauptüberschrift) durch Einfügen bedingter Trennstriche korrigiert...
Für Experten: an einer Stelle wird LaTeX gezwungen, etwas zu tun, was es
nach Möglichkeit durch Hin-und-her-Schieben und Probieren diverser
Trennungen zu vermeiden sucht: es gibt in der Mitte der ersten Seite
die Trennung in zwei aufeinanderfolgenden Zeilen zu bewundern ("Uni-versitäten"
und "Ent-scheidungen"). Sowas hat einen hohen "penalty"-Wert und passiert nur
bei zwei relativ langen Worten (die im Deutschen so unüblich nicht sind).
- Eine erhöhte Lesbarkeit entsteht durch Ligaturen. Man achte z.B. auf
die fi-Ligatur im Wort "Profilierung" in der zweiten Unter-Überschrift.
An solchen Feinheiten, die dem Laien gar nicht auffallen, merkt man, wie
gute Typografie wirkt. Oder besser gesagt: gute Typografie wirkt, ohne
daß man sie merkt.
- Was Word aus den überschriften gemacht hat, ist absolut in Ordnung,
solange man nur das Word-Dokument betrachtet. Im direkten Vergleich sieht
es dagegen einfach nur scheußlich aus...
- Manche Feinheiten sind vermutlich nicht Word anzulasten, sondern liegen
in der TrueType-Version der Schriften begründet. Man achte z.B. im
vorletzten Absatz auf der ersten Seite auf das Kerning zwischen den unteren
Anführungsstrichen und dem "V" von Vorstand. Wenn in der Word-Version diese
beiden Zeichen zu weit auseinander sind, dann vermutlich deshalb, weil die
doppelten unteren Anführungszeichen eine deutsche Spezialität sind und
viele Schriften nur die im englischsprachigen Satz üblichen Kerningpaare
enthalten. (Schriften, die man kostenlos im Internet beziehen kann und denen
häufig sogar deutsche Umlaute fehlen, haben meist gar keine
definierten Kerningpaare, so daß jeder, der ein wenig qualitätsbewußt ist,
solchen Schrott am besten überhaupt nicht benutzt.)
- Wenn man sich die Ränder anschaut, erkennt man den Effekt des optischen
Randausgleichs: Zeichen wie "V", "W" oder "-", die sonst mit ihrem entferntesten
Punkt den Rand gerade so berühren würden, werden ein wenig in den
Rand hereingeschoben, ob ein optisch ausgeglicheneres Bild zu liefern. Dieses
im Bleiletternsatz übliche und schon in Gutenbergs Bibeldruck benutzte Verfahren
geriet im Computersatz ein wenig in Vergessenheit. Mit pdfLaTeX kann man ein derart
optimiertes Aussehen problemlos erreichen. Mit Word (natürlich) nicht.
- Noch eine Feinheit: LaTeX liefert seine Hauptschrift, die Computer-Modern, in
verschiedenen optischen Entwurfsgrößen, d.h. unterschiedlich groß gesetzte
Texte basieren zwar auf der gleichen Schrift, unterscheiden sich aber leicht in der
Laufweite oder bei der Stärke der Serifen und sind nicht einfach nur linear skaliert.
Besonders erkennbar wird die dadurch verbesserte Lesbarkeit in kleinen Schriften
(wie in Fußnoten), aber das bessere Aussehen der LaTeX-Überschriften
liegt zum Teil auch daran, daß automatisch dafür eine (minimal
veränderte) Schrift benutzt wird, die für "eine Nummer größer"
designed wurde.
Fazit: Wenn es nur darum geht, daß das gesetzte Dokument bloß irgendwie lesbar
ist, spricht wirklich nichts gegen Word. Wenn das Lesen aber für den Leser angenehm
sein soll, sollte man besser LaTeX verwenden...
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