Aber wenn der Mitveranstalter der Ars Electonica der Österreichische Rundfunk ist, so spielen eben die Musik und die Übertragungstechniken eine größere Rolle als die ars: Brain Opera, Rivers and Bridges, Subtronic, Liquid Cities, Deep Blue, Voice Boxes, Bridgework und nicht zuletzt das Online Radio SOS RADIO TNC (das wenigstens ein bißchen künstlerisches Format hatte) im Design Center überall spielen Sound und Technik eine übergeordnete Rolle. Auf der Ars Electonica wurde nicht Musikgeschichte geschrieben, hier wurden Anwendungen unter dem Deckmantel Kunst vorgeführt; hier wurde auch Radiogeschichte geschrieben, das Ende des ortsgebundenen Radios, denn im Internet Übertragenes kann man überall empfangen.
Die zweitbesten Installationen waren in das Landesmuseum verbannt, die besten im Netz und im Design Center. Zwar ist die Verteilung der Ars Electonica auf die Stadt grundsätzlich zu begrüßen, doch auch mit Fahrdiensten brauchte man Tage, um überhaupt alles sehen, geschweige denn verstehen, genießen oder dem Kunstcharakter angemessen rezipieren zu können.
Im Landesmuseum fand sich die interaktive Installation »Global Interior Project« des Japaners Maaki Fujihata, zu Recht mit der vom Österreichischen Rundfunk im Prix Ars Electronica ausgelobten Goldenen Nica für Interaktive Kunst ausgezeichnet. In virtuellen Räumen einer virtuellen Architektur konnte man das Konterfei seines Mitspielers entdecken, sofern sich jener dort virtuell befand, wo man gerade war. Ein Modell aus Lego und weißen Kästen, deren Türen sich dort öffneten, wo sich einer der Mitspieler gerade (virtuell) befindet, versinnbildlichte die wiederum virtuelle Architektur in der Realität, und dort konnte der Betrachter wiederum sein Bild in einem kleinen Monitor sehen.
Ebenfalls im Landesmuseum konnte man eine virtuelle Frau streicheln, die sich dafür mit Bewegung revanchierte (Thecla Schiphorst, Kanada). Bemerkenswert war dort auch »Ruhe Raum Bewegung« vom Österreicher Gerhard Funk, wo bestimmte Standorte einer oder mehrerer Personen in Bilder, Muster oder Störungen dieser abstrakten Bilder verursachten. Unter anderem beeindruckte bei dieser Installation die Tatsache, daß sie mit einem bemerkenswert niedrigen Aufwand realisiert wurde. Für die meisten Werke der Ars Electonica galt genau das Gegenteil: Deep Blue der Österreicher Sam Auinger und Robert Adrian führten in ihrer Light-and-Sound-Installation vor, daß man um einen technischen Blop (um nicht zu sagen Flop) auch eine Menge Worte machen kann. In einem nahezu abgedunkelten, manchmal schwach blau beleuchteten Raum wurde Verkehrslärm übertragen. Auch die Tatsache, daß die Interaktion, also das Dasein des Rezipienten für eine geringfügige Veränderung des Lärms oder des Blau sorgen konnte, ergibt noch keinen Kunstcharakter. Der wurde dafür durch den theoretischen Überbau auf Papier geliefert.
Wie man es besser machen kann, zeigte die Installation »No Man's Land« von Louis-Philippe Demers und Bill Vorn aus Kanada. In einem Binnenraum, von Stroboskopen und Blitzen nur schwach beleuchtet und von Robotik- bzw. Industrie-Lärm beschallt, sieht sich der Betrachter einer Welt von Robotern ausgesetzt, die wie Krebse mit ihren Scheren nach seinen Füßen greifen, die mit schweren Gewichten wild um sich schlagen, permanent mit kleinen Hämmerchen auf Blechplatten schlagen oder ihn anders verletzen wollen. Eine bedrohliche Industriemetapher mit Robotern, frei nach Stanley Kubricks Film 2001 ganz anders, als das Joe Engelberger in »Watching Robot Evolution« (Katalog bzw. Vortrag im Symposion) vorhersagte.
So waren, bis auf wenige Ausnahmen, die Bilder wieder einmal die Verlierer der Kunstgattungen. Etwas besser ging es den Skulpturen. Sieger waren die Installationen und die Sounds, auch wenn sie sich den ganzen Tag nur »schräg« anhörten. Dennoch war SOS RADIO TNC von Beusch und Cassani aus Frankreich, ein Radio-Netzwerk-Projekt, das tagelang live und über Internet in verschiedenen Radiosendern weltweit übertragen wurde, sowohl von der Installation, als auch der Idee nach die glücklichste Kunst-Sound-Produktion. Die Media Fiktion diskutiert das Rätsel eines Web-Crashs vom 4. Februar 1996, bei dem angeblich die Homepage des Kult-Online-Radios RADIO TNC zerstört und zusammen mit ihren Webmastern ins virtuelle Nichts hinauskatapultiert wurde. SOS RADIO TNC sprang für den im Web verlorengegangenen Radiosender ein, und auch die Installation mit zwanzig Rechnern, auf denen man das Programm empfangen konnte, jeweils begleitet von in der Luft hängenden oder neben den Rechnern stehenden »Notradios« ironisierte noch das Internet und den Hype, der um dieses im Moment gemacht wird.
Die besten Installationen spielten mit diesen Irritationen. Im Design-Center beeindruckte vor allem die »Inter Dis-Communication Machine« des Japaners Kazuhiko Hachiya, bei der zwei Teilnehmer jeweils die Welt und die reale Umgebung mit den Augen des Partners sahen.
Und schließlich repräsentierte die Installation von etoy auch den Prix-Gewinner der WWW-Pages, der Internetseiten. Endlich hat sich die Jury des Prix, offenbar angeführt oder mächtig angetrieben von Joichi Ito (J/USA) dazu durchgerungen, nicht nur Design, sondern veritable Internetkunst zu prämieren. Die Installation ist Metapher für die Künstlergruppe: ständig stören die am Boden verlegten Rohre, über die man stolpert und die darüberhinaus offensichtlich keinen Sinn haben. Die Rohre führen zum »Digital Hijack-Tank«, wo die Geschichte einer elektronischen Entführung ins Netz protokolliert ist, zum »Striptease-Tank«, wo mails des Servers der Gruppe veröffentlicht werden, zum »Info-Tank«, wo etoy ihre Webpage vorstellen sowie zum »Sound-Tank«, wo die Musik der Gruppe zu hören ist. »Digital Hijack« war eine Aktion, die vier Monate lief und dann wegen Überlastung des Servers von etoy bei mehr als 600.000 Entführten bis zu 17.000 pro Tag gestoppt werden mußte (übrigens auch eine technische Meisterleistung bei geringem technischen und finanziellen Aufwand). Etoy hat die System-Schwachstellen des Zugangs zum WWW deutlich gemacht. So wurden z.B. die Suchprogramme gehackt, ihre Logik und Vorgehensweise unterwandert und es dadurch geschafft, mit einigen hundert gern gesuchten Namen wie Playboy oder Madonna, Sex oder Art in verschiedene Top Ten der Suchlisten zu kommen, die besonders stark frequentiert und genutzt werden. Hat man einmal den Mechanismus der Top Ten der Suchprogramme unterwandert, so ist es nicht mehr schwer, den User dort abzuholen. »Beweg dich nicht, du Hosenscheißer! Dies ist eine digitale Entführung!« ertönt eine Stimme aus dem Computer, sofern man eine Soundcard besitzt. Dann wird der ahnungslose User, der gerne ein paar nackte Damen gesehen hätte, in einen dunklen Untergrund verschleppt, wo er auch das ist sehr wichtig nicht mehr herauskommt. Denn die back-Taste, mit der man normalerweise wieder zur früheren Seite zurückkommt, funktioniert nicht mehr: lahmgelegt von etoy. Auf einer neue Seite erscheint, daß der ahnungslose Entführte die Geisel Nr. xy sei, entführt von der Organisation etoy. Nach langen Strapazen wird der Entführte dann wieder freigelassen, er muß jedoch über die Homepage von etoy. Auch sonst ist die Homepage der sieben Mitglieder von etoy voll von Überraschungen und ironischer, das Netz und die Netzkultur persiflierender Ideen. Im Supermarket kann man sich Intelligenz kaufen, im Flughafen erhält man die Top Ten von etoy, garantiert Kunst, garantiert kein Kommerz. Der Friedhof ist dazu da, sich begraben zu lassen, im Motel kann man sich bei etoy anmelden und einen Raum bewohnen, dort gibt es auch den Underground, der vom hijacking berichtet, und schließlich ist die Galerie keine der üblichen virtuellen Galerien, wo eingescante Werke ausgestellt werden. Dort blickt einen ein animiertes blaues Auge an, das Sekunden später die Internetadresse (I.P.) des Users ausspioniert hat (WE HAVE LOCATED YOU ... you are only 20 milliseconds away). Hier wird der digitale Fingerabdruck des Internet-Users thematisiert, und so auf die Gefahren des Netzes hingewiesen. In anderen Aktionen wird davor gewarnt, daß WWW-Seiten nicht immer das enthalten, was sie vorgeben (übrigens der derzeitige Einstieg der Werbung im Internet), daß mails oder elctronic-cash für jeden Hacker Freiwild bis leichte Beute sind, daß jede elektronische Datenbank, jede mailing-list, jede elektronische Information unterwandert, verändert oder gefälscht werden kann. Etoy ist nicht zu Recht der Gewinner der Goldenen Nica und darüberhinaus wohl ein künftig zu fürchtender Gegner derjenigen, die das Netz ausbeuten, mit Werbung bespielen, zu ihrem Geschäftsort und weniger frei machen wollen. Etoy ist Robin Hood im WWW.