Hans-Ingo Radatz (Frankfurt am Main / Chemnitz)
Ausiàs March:
Gedanken anläßlich der erstmaligen Übertragung des großen valencianischen Klassikers ins Deutsche
(ein Werkstattbericht)

(publiziert in: Schönberger, Axel / Zimmermann, Klaus (Hgg.): De orbis Hispani linguis litteris historia moribus, (FS Dietrich Briesemeister), Frankfurt am Main: Domus Editoria Europaea, 373-404. )

Zu den Kriterien der Edition
Gestaltung des Vorwortes
Auswahl der Gedichte
Kriterien für die Edition des katalanischen Textes
Die graphische Modernisierung des katalanischen Originals
Einzelprobleme der Textedition
Zum Glossar
Zur deutschen Übersetzung
Bibliographie

Der Ausgangspunkt für diesen Aufsatz war meine Arbeit an der Anthologie und Präsentation des Werks des valencianischen Lyrikers Ausiàs March für ein deutschsprachiges Publikum, die 1993 erschienen ist.(1) Die folgenden Überlegungen zur Edition eines fremdsprachigen mittelalterlichen Dichters beziehen sich also zuerst einmal auf den konkreten Fall Ausiàs March. Über dieses spezifische Interesse hinausgehend werden aber zudem Aspekte der Textedition, -präsentation und -übersetzung erörtert, die sicherlich auch auf andere Werke und Autoren übertragbar sind.

Am Beginn des Editionsprojektes stand die Beobachtung, daß dem Werk Ausiàs Marchs einerseits allenthalben höchste literarische Bedeutung zugesprochen wird,(2) daß aber zugleich noch immer keine deutsche Übersetzung Marchscher Gedichte vorlag.(3) Jahrzehntelang war March der deutschen Romanistik nur über den Umweg kastilischer oder neukatalanischer Übersetzungen zugänglich; die Schwierigkeiten seiner Sprache machen den altkatalanischen Originaltext selbst für Katalanisten zu einem Problem, so daß Hispanisten und Okzitanisten auf Hilfsmittel in einer anderen romanischen Sprache angewiesen waren. Dem allgemeineren, nicht spezialisierten Lyrikpublikum war March bislang völlig verschlossen. Nachdem das Prosa-Hauptwerk der katalanischen Literatur des Mittelalters, der Ritterroman Tirant lo Blanc von Joanot Martorell, bereits ins Deutsche übersetzt wird, ist es vom Standpunkt der deutschen Katalanistik aus naheliegend, nun auch das Hauptwerk der mittelalterlichen katalanischen Lyrik einem deutschen Lesepublikum zu erschließen.
 

Zu den Kriterien der Edition

Wie auch bei jedem anderen Text sollte auch bei der Erstellung einer Anthologie am Anfang die Überlegung stehen, welchen Zwecken sie dienen soll und an welches Publikum sie sich wendet. Nur in Hinblick auf das anvisierte Zielpublikum läßt sich von einer Edition entscheiden, inwieweit sie, einmal fertiggestellt, ihre Funktion erfüllt. Im Falle der deutschen Übersetzung eines mittelalterlichen katalanischen Lyrikers läßt sich das Zielpublikum sicher relativ weit und einfach eingrenzen, insbesondere wenn es sich, wie hier, um eine Erstveröffentlichung handelt: Eine durchweg `populäre' Edition, ohne Originaltext, Erläuterungen und mit einer knappen, allgemein gehaltenen Einleitung, würde mit Gewißheit an den Bedürfnissen des zu erwartenden Interessentenkreises vorbeigehen.

Das Werk Marchs wird aus mehreren Gründen stets nur bei einem äußerst limitierten Leserkreis Interesse erwarten können - umso wichtiger ist es daher, die Edition an dessen Bedürfnisse anzupassen. Zum einen muß Lyrik im heutigen Kulturbetrieb ganz allgemein als minoritäre Kunstform angesehen werden; dies gilt in ähnlichem Maße auch für mittelalterliche Literatur im Allgemeinen, denn trotz des Mittelalter-Booms in der Nachfolge von Umberto Ecos Roman «Der Name der Rose» und einer weit verbreiteten Vorliebe für mittelalterliche Sujets sind die Urtexte jener Zeit auch heute noch fast ausschließliche Domäne der Fachleute. Der dritte Punkt, der ein mögliches Publikum für Ausiàs March einschränken dürfte, ist dessen sprachliche und kulturelle Zugehörigkeit zu einem Kulturraum (katalanisches Sprachgebiet, katalanische Länder bzw., historisch-politisch, die Aragonesische Krone), der für den gebildeten deutschen Leser weiterhin entweder schlicht inexistent ist, unkritisch mit `Spanien' gleichgesetzt wird, oder aber mit Begriffen wie `Regional-', `Dialekt-', `Minderheits-' verbunden ist. Das ahistorische Klassifizieren von Künstlern nach ihrer Zugehörigkeit zu einem modernen Nationalstaat hält für einen Autor wie March keine passende Einordnungskategorie bereit.(4)

Aus den genannten Gründen dürften die deutschen Interessenten für Ausiàs March also vor allem in Spezialistenkreisen verschiedener Art zu suchen sein, nämlich unter den Hispanisten, Okzitanisten, Katalanisten und Mediävisten sowie den Lyrikinteressierten im Allgemeinen. Die Edition muß diesem Leserkreis natürlich gerecht werden, doch sollte sie andererseits auch nicht in das Extrem verfallen, sich als reine Spezialistenpublikation zu präsentieren und damit den im anglo-amerikanischen Kulturraum so vielbeschworenen `interested general reader' auszuschließen. Gerade der gebildete, nicht spezialisierte Leser stellt die eigentliche Herausforderung an den Herausgeber dar. Die realistische Einschätzung, daß mittelalterliche katalanische Lyrik notwendig minoritär bleiben muß, darf nicht als Entschuldigung dienen, diesen Effekt durch eine unsachgemäße Edition noch zu verschärfen und die wenigen interessierten Nicht-Fachleute abzuschrecken.
 

  • Man muß daher wohl von zwei deutlich unterscheidbaren Lesertypen ausgehen, deren beider Bedürfnisse berücksichtigt und miteinander in Einklang gebracht werden sollten: zum einen die Spezialisten der oben genannten Interessengebiete, zum anderen die gebildeteten Laien. Auch dem Laien ist natürlich eine gewisse Anstrengung nicht zu ersparen. Lyrik muß in intensiver Auseinandersetzung mit dem Text selbst erarbeitet werden und erschließt sich normalerweise nicht durch entspanntes, einmaliges Lesen. Die beste Edition kann dem Leser diese Mühe nicht abnehmen und sollte es daher gar nicht erst versuchen. Sie kann jedoch demjenigen, der bereit ist, diese Mühe auf sich zu nehmen, die verschiedensten Hilfsmittel anbieten, um seine Bemühungen zu leiten und ihm zum Textverständnis fehlende Informationen zu liefern. Gerade im Falle Marchs erscheinen derartige Hilfestellungen besonders wünschenswert, da bei ihm zur allgemeinen Schwierigkeit aller Lyrik noch weitere erschwerende Faktoren hinzutreten:
  • All diese Faktoren lassen es selbstverständlich erscheinen, daß eine Anthologie mit Werken Ausiàs Marchs nicht sinnvollerweise aus einer kommentarlosen Aneinanderreihung übersetzter Gedichte bestehen sollte.

    Neben der Gefahr, dem interessierten Leser für das Verständnis unerläßliche Informationen vorzuenthalten, besteht andererseits aber auch die Gefahr, den interessierte Laien mit allzu aufdringlicher Zurschaustellung editorischer Erudition abzuschrecken, den Blick auf das literarische Kunstwerk als solches zu verstellen und es in einen leblosen Gegenstand rein philologischen Interesses zu verwandeln. Das Ziel der Edition sollte es vielmehr sein, die Gedichte Marchs in ihrer Eigenschaft als zwar historische, aber zugleich auch zeitlose Kunstwerke zu präsentieren; alles editorische Hinzutun muß daher in den Dienst dieses Ziels treten. Daraus folgt, daß sich sämtliche Verständnishilfen an einen mündigen Leser wenden, dem die notwendig erscheinenden Hilfsmittel angeboten, nicht aber aufgedrängt werden. Eine direkte Konsequenz aus diesem Grundsatz ergibt sich für die Gestaltung der Seiten mit dem eigentlichen Text: Außer dem Originaltext und der gegenübergestellten deutschen Übersetzung enthalten sie nichts weiter, weder einen kritischen Apparat, noch Fußnoten noch sonst etwas, das vom Text selbst ablenken könnte. Wer einfach nur mit Hilfe der Übersetzung ein Gedicht lesen möchte, sollte auch nicht durch einen allgegenwärtigen Herausgeber belästigt werden. Andererseits sollte die Edition allerdings alle Information enthalten, die ein allgemein gebildeter Leser benötigt, um sich selbständig mit dem Text als einem literarischen Kunstwerk auseinandersetzen zu können. Wer nach Information sucht, der soll sie auch finden, ohne dazu auf Sekundärliteratur angewiesen zu sein.
     

    Gestaltung des Vorwortes

    Die obengenannten Schwierigkeitspunkte 1.) - 3.) (Unbekanntheit des Kulturraumes und des Autors, zeitliche Distanz) lassen sich sicher am besten im Rahmen des Vorwortes behandeln. Die Vorworte katalanischer oder spanischer March-Anthologien konnten dabei jedoch nur sehr eingeschränkt als Vorbild dienen, da sie von ihren Lesern eine Vertrautheit mit zahlreichen Konzepten voraussetzen, die von einem deutschen Leser realistischerweise nicht erwartet werden kann.

    Mehrere Konzepte, die allgemein nicht zum Grundkanon höherer deutscher Allgemeinbildung gehören, bedürfen der Klärung. Dies gilt ganz allgemein für die mittelalterliche katalanische Literatur, die in der Romanistik sowohl aus politischen wie auch aus wissenschaftsgeschichtlichen Gründen bisher stets im Schatten der okzitanischen Literatur des Mittelalters gestanden hat. Zur literaturgeschichtlichen Einordnung des Marchschen Werks mußte auf dessen Stellung zur okzitanischen Trobadordichtung einerseits und auf die Einflüsse von Seiten der italienischen Stilnovisti verwiesen werden. Um dies nachvollziehbar zu machen, mußte erläutert werden, wann, wie und warum die katalanische Literatur des 15. Jahrhunderts diese Einflüsse erhielt. Erklärungsbedürftig waren zudem mehrere Begriffe, so z.B. der leider immer noch weithin unbekannte Begriff «okzitanisch»; es muß deutlich werden, daß die okzitanischen Grafschaften im 12.-13. Jahrhundert nicht in «Südfrankreich» lagen und daß es gerade die französische Eroberung war, die der Trobadorlyrik ein Ende bereitete. Weiterhin, daß das Okzitanische im 12.-13. Jahrhundert kein mitleiderregendes Patois war, sondern die romanische Sprache mit dem höchsten internationalen Prestige als Literatursprache. Weiterhin bedurfte die enge politisch-kulturelle Verbindung zwischen dem katalanischen und dem okzitanischen Sprachraum einer genaueren Erläuterung. Das bereits weiter oben beklagte, weit verbreitete Denken in ahistorisch in die Vergangenheit zurückprojizierten Nationalstaats-Kategorien muß hier im Interesse eines angemessenen Verständnisses der historischen Situation umgestoßen werden. Es soll verhindert werden, daß der Leser den Eindruck bekommt, March sei ein `südfranzösisch beeinflußter Dichter aus dem östlichen Spanien' gewesen. Es muß daher deutlich werden, daß die Aragonesische Krone im 15. Jahrhundert im gleichen Sinne und Maße ein eigenständiger Staat und Kulturraum war, wie dies auch Kastilien oder Frankreich waren. Dem Begriff der Aragonesischen Krone kommt dabei eine zentrale Rolle zu.(6) Aus all diesen Gründen ist es unerläßlich, auch die allgemeinen historischen Verhältnisse zu Marchs Zeiten abrißartig vorzustellen.

    Neben der historischen Einordnung und den Lebensdaten des Dichters mußte die Einleitung natürlich auch dessen Werk charakterisieren. Ein Teil der Information zu den Gedichten selbst erscheint allerdings in der deutschen Ausgabe nicht im Vorwort sondern in einem kurzen Text, der jedem der übersetzten Gedichte vorangestellt wird. Der Einleitungstext zu jedem einzelnen Gedicht besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil finden sich sich bibliographische Hinweise auf Sekundärliteratur, die sich konkret mit dem in Frage stehenden Gedicht auseinandersetzt, sowie ein Überblick über den Diskussionsstand in der Sekundärliteratur zu dem betreffenden Gedicht. Der zweite Teil liefert eine strophenweise, interpretierende Paraphrase des Gedichts, die der Leser vor der ersten Auseinandersetzung mit dem Original bzw. der Übersetzung lesen kann, um sich so einen Überblick über die komplexen Gedankengänge Marchs zu verschaffen (vgl. oben, Schwierigkeitspunkt 4.)). Der ursprünglich weit verbreitete Brauch, längeren Dichtungen ein paraphrasierendes Argumentum vorausgehen zu lassen, ist zwar weitgehend unüblich geworden, erscheint aber im Falle Marchs sehr nützlich. Mehrere moderne katalanische Herausgeber / Übersetzer haben es zudem ebenfalls für sinnvoll befunden, dem katalanischen Leser mit mehr oder weniger ausführlichen Prosa-Paraphrasen die Orientierung innerhalb der Gedichte zu erleichtern.(7)
     

    Auswahl der Gedichte

    Bei einem in Deutschland fast gänzlich unbekanntem Autor, dessen Werk neu eingeführt werden soll, erscheint es nicht sinnvoll, die Leser mit einer unüberschaubaren Anzahl langer und hochkomplexer Gedichte zu überhäufen. Von Ausiàs March sind insgesamt 128 Gedichte überliefert, von denen mehrere einen Umfang von 300 und mehr Versen haben. Die natürliche Reaktion des Lesers angesichts eines solchen Lebenswerks ist das Bedürfnis nach einer repäsentativen und überblickbaren Auswahl. Es ist unwahrscheinlich, daß ein Leser, dessen Interesse nach 10 oder 15 Gedichten nicht geweckt ist, nach der Lektüre von 50 Gedichten doch noch überzeugt werden kann. Die notwendige intellektuelle Anstrengung beim Lesen jedes einzelnen Gedichts sollte sich zudem in der Anzahl der Seiten niederschlagen, die ihm jeweils im Druck gewidmet sind. Einem ähnlichen Kriterium folgend, widmen beispielsweise Juan Ramón Masoliver und Josep Miquel Sobré dem 28-strophigen Cant espiritual ein ganzes eigenes Buch, indem sie auf jeder Seite nur eine Strophe abdrucken und dieser auf der gegenüberliegenden Seite die kastilische Übersetzung hinzufügen.(8) Tatsächlich bietet allein der Cant espiritual also bereits genügend Material für einen eigenen Lyrikband. In jedem Fall erleichert eine solche Edition die Annäherung an das Gesamtwerk, während eine Gesamtausgabe diesen ersten Kontakt eher erschweren dürfte.

    Statt einer großen Anzahl von Gedichten mit nur der notwendigsten Begleitinformation, bot es sich daher an, nur wenige Gedichte auszuwählen, denen dafür aber durch den Einleitungstext, die interpretierende Paraphrase und eine großzügige Anordnung auf der Seite mehr Raum gelassen wird, um ihre Wirkung zu entfalten. Ein abschreckendes Gegenbeispiel ist die ästhetisch beinahe unzumutbare March-Edition Joan Ferratés im Rahmen der Reihe Les millors obres de la literatura catalana (Edicions 62), in der die kommentarlose und eng hintereinandergedrängte Anordnung der Gedichte jeden potentiellen Leser abschrecken muß.

    Bei einem (in Katalonien) so häufig anthologisierten Autor wie March kommt es einem ausländischen Editor bei der Auswahl der Gedichte nicht zu, völlig neue Auswahlkriterien aufzustellen. Welche Gedichte Marchs heute in Katalonien für wichtig gehalten werden ist ein so wichtiger Bestandteil der March-Rezeption, daß auch die vorliegende Anthologie sie nicht außer Acht lassen kann. Das wichtigste Auswahlkriterium war also der Grad der Aufmerksamkeit, den Literaturwissenschaft, Literaturkritik und die bereits existierenden Anthologien den einzelnen Gedichten entgegengebracht haben.(9)

    Die Marchschen Gedichte sind, dem zeitgenössischen Brauch entsprechend, nicht betitelt. In modernen Editionen und Übersetzungen tritt an die Stelle eines Titels die meist in römischen Ziffern geschriebene Nummer des Gedichts in der kanonischen Anordnung durch Amadeu Pagès. Gerade in einer Anthologie, in der nur ein Teil des Gesamtwerks erscheint, erzeugt eine Nummer anstelle eines Titels jedoch leicht den Eindruck, man habe es nur mit Bruchstücken zu tun, die, aus dem Zusammenhang gerissen, nur eingeschränkt für sich stehen können. Dieser Eindruck ist allerdings gerade bei March völlig irrig, da March, anders als beispielsweise Petrarca, seinem Werk keine eindeutig erkennbare Ordnung gegeben hat. Um also die Eigenständigkeit jedes einzelnen Gedichts zu unterstreichen, wurde jedem Gedicht der erste Vers als Überschrift vorangestellt, während die laufende Nummer nur in der Überschrift des vorangehenden Einleitungstextes auftaucht.
     

    Kriterien für die Edition des katalanischen Textes

    Das Problem der Edition des katalanischen Originaltextes berührt zwar nur einen Teil des Publikums, durfte darum aber keineswegs vernachlässigt werden. Insoweit dies die Belange des Laienpublikums nicht verletzt, sollte die Edition außerdem gleichermaßen für solche Leser geeignet sein, die entweder das Katalanische (bzw. Okzitanische) mehr oder weniger beherrschen oder über irgendeine andere romanische Sprache den Zugang dazu finden. Prinzipiell setzt die Edition beim Leser also gewisse Kenntnisse einer romanischen Sprache voraus, doch sind diese keine unabdingbare Voraussetzung. Besonders für den Leserkreis mit mehr oder weniger guten Kenntnissen des modernen Katalanischen und seiner Orthographie, der beim wachsenden Interesse der deutschsprachigen Romanistik für diese Sprache durchaus vorhanden ist, ist es wichtig, daß der Text nach Maßgabe der modernen katalanischen Orthographie ediert ist; die Befolgung dieses Prinzips sowie das vollständige Glossar machen die neue Anthologie neben ihren anderen Funktionen auch zu einer geeigneten Textgrundlage für Seminare zur katalanischen Lyrik, da sie es bereits Anfängern ermöglicht, mit dem katalanischen Originaltext zu arbeiten.

    Auch die bereits erwähnte Entscheidung, daß der Text als literarisches Kunstwerk präsentiert werden soll, hatte für die Gestaltung des Originaltextes klare Konsequenzen. Er sollte zu diesem Zweck von allem Ballast befreit werden, der die Würdigung des Textes als Literatur für katalanistische und mediävistische Laien behindern könnte. Da der Text nicht als Dokument einer bestimmten Epoche katalanischer Sprachverschriftlichung dienen sollte, war es hier wünschenswert, auf einen Variantenapparat zu verzichten und Orthographie und Interpunktion auf eine möglichst gute Lesbarkeit abzustellen. Damit soll nicht behauptet werden, daß die Marchschen Texte nicht auch sprachwissenschaftlich interessant wären; es liegen indes mehrere, nach wissenschaftlichen Kriterien erstellte kritische Editionen vor, die leicht zugänglich sind und daher mühelos zusätzlich zu der modernisierten Textversion konsultiert werden können.

    Die erste moderne kritische Edition des gesamten Marchschen Werks war die zweibändige Ausgabe des rossellonesischen Philologen Amadeu (oder Amédée) Pagès aus dem Jahre 1912 bzw. 1914, die insbesondere in ihrem Variantenapparat bis heute noch nicht als überholt gelten kann.(10) In den 50er Jahren erschien die kritische Edition von Pere Bohigas,(11) die sich allerdings nicht als radikaler Bruch mit dem Werk Pagès' versteht, sondern vielmehr auf dessen Grundlage (und auf Basis derselben Manuskripte) eine Revision der Pagèsschen Edition vornimmt; Bohigas liefert einen gegenüber Pagès reduzierten Variantenapparat und ist somit als wissenschaftlich-philologische Edition kein vollständiger Ersatz für Pagès 1912. Die kritische Edition von Joan Ferraté aus dem Jahre 1979(12) greift in ihrer Textkonstitution auf den Text von Bohigas 1952 zurück und verzichtet daher prinzipiell auf einen eigenen Variantenapparat; nur die relativ wenigen Abweichungen von der zugrundegelegten kritischen Edition Bohigas' sind im Anhang vermerkt, so daß Ferraté 1979 eigentlich nicht im strengen Sinne als «kritische Edition» bezeichnet werden kann. Die auffallendste Neuerung des Ferratéschen Textes ist dessen konsequente orthographische Modernisierung, auf die hier später noch eingegangen werden muß. Im Jahre 1989 erschien mit Robert Archers Anthologie von 58 Gedichten Marchs die bislang letzte kritische Edition Marchscher Werke, wenn auch bisher nur mit einer Auswahl.(13) Die Edition Archers, deren vollständige Veröffentlichung noch aussteht, geht im Grad ihrer orthographischen Modernisierung wieder fast bis auf den Stand von Bohigas 1952 zurück, bietet aber erstmals die Varianten eines bisher nicht berücksichtigten Manuskripts N und gelangt so zuweilen zu wirklich neuen Lesarten.

    Eine naheliegende Vorgehensweise hätte nun darin bestehen können, das Editionsproblem für den Originaltext der deutschen Ausgabe pragmatisch zu lösen und einfach den Text einer der kritischen Editionen zu übernehmen. Aus verschiedenen Gründen erschienen indes alle vier bereits publizierten Editionen für die Belange der zu erstellenden Anthologie nur bedingt geeignet. Mit Ausnahme von Ferraté weichen sie alle mehr oder weniger stark von der modernen katalanischen Orthographie ab und erschweren so unnötigerweise die Lektüre. Von allen vier Editionen kommt diejenige von Ferraté den genannten Anforderungen noch am nächsten, da sie den Text am stärksten der modernen Rechtschreibung anpaßt. Leider krankt sie allerdings, im Vergleich mit den anderen drei Ausgaben, allzu häufig am entgegengesetzten Problem, indem sie in vielen Fällen zu radikal, zuweilen sogar verfälschend modernisiert. Ferratés unkritische Gleichsetzung von `literarischem Katalanisch' mit dem modernen Katalanischen Barcelonas läßt ihn dem mittelalterlichen valencianischen Autor an einigen Stellen Formen in den Mund legen, die dieser niemals benutzt haben kann und die im Extremfall gar perfekte Reime zunichte machen. In anderen Fällen wiederum, wo eine Modernisierung konsequenterweise angeraten gewesen wäre, beläßt er aus unerfindlichen Gründen die irreführende, archaische Form.(14) Auch die Herausgeber einiger anderer March-Anthologien sind mit keiner der kritischen Ausgaben völlig einverstanden gewesen und haben den Text nach ihren eigenen Kriterien ediert. Mehr als von Ferraté habe ich mich daher bei der Textmodernisierung von den Editionen Arthur Terrys (Terry 1976) und Joan Fusters (Fuster 1987) leiten lassen. Besonders Fuster zeigt als Valencianer oft mehr Einfühlungsvermögen für die valencianische Lautung Marchs als alle anderen Editoren.

    Der Originaltext soll so gestaltet sein, daß er möglichst mühelos gelesen und skandiert werden kann. Der Leser soll mit einem Minimum an Ausspracheregeln die Aussprache des Textes zweifelsfrei ermitteln können. Dies ist in den kritischen Editionen nicht immer der Fall, wo die Graphien zuweilen zu einer ahistorischen oder gar sinnentstellenden Aussprache einzelner Wörter verleiten kann (Beispiele aus Bohigas 1952: «spirit», «ga», «cors» für espirit, ja, cos). Grundsätzlich wird der Text daher in der Graphie der neukatalanischen Schriftsprache wiedergegeben, deren Aussprache auch der interessierte Laie mit Hilfe mehrerer deutschsprachiger Publikationen (Lehrbücher, Sprachführer, einige Reiseführer etc.) leicht ermitteln kann. Dabei beschränkt sich der editorische Eingriff in den Text jedoch strikt auf die graphische Realisierung: Der Lautstand des Originaltextes bleibt stets streng gewahrt. Insofern darf diese orthographische Modernisierung und Vereinheitlichung des Textes keinesfalls mit einer neukatalanischen Übersetzung verwechselt werden. Um eine westkatalanische Aussprache zu gewährleisten, erläutert die Anthologie am Ende des Vorowrts kurz die wichtigsten valencianischen Aussprachebesonderheiten.(15)

    Die meisten katalanischen Editoren(16) haben beim Satz der Marchschen decasilabs auf eine Andeutung der Binnenzäsur nach der vierten Silbe im Druckbild verzichtet, wohl weil man von einem muttersprachlichen Leser erwartet, daß er den metrischen Einschnitt auch ohne diese Hilfe erkennt. Da die Zäsur für den Eindruck dieses Verses aber durchaus wichtig ist, deute ich dem deutschen Leser mit einer Lücke von drei Leerschritten ihre Lage an; es dürfte dabei kaum die Gefahr bestehen, den Leser zu verwirren, da sich eine Lücke im Text als Symbol für eine Zäsur von selbst erklärt - schlimmstenfalls wird sie einfach überlesen.

    In der Interpunktion des katalanischen Originaltextes habe ich mich vornehmlich an Ferraté 1979 angelehnt; während die meisten Herausgeber eher sparsam mit der Zeichensetzung umgehen, setzt Ferraté auffallend viele Kommata. Besonders nützlich für das Leseverständnis ist sein Prinzip, an syntaktisch ungewöhlicher Stelle eingefügte Syntagmen und Appositionen durch Kommata abzutrennen. Als Beispiel für dieses Prinzip mag Vers [XI: 36] in der Edition von Bohigas und Ferraté dienen:

    Bei der hohen syntaktischen Komplexität vieler Marchscher Verse erscheint diese diskrete Hilfestellung über die Interpunktion äußerst nützlich.

    Die graphische Modernisierung des katalanischen Originals

    Im Folgenden sollen nun die verschiedenen Möglichkeiten und Konsequenzen erörtert werden, die sich aus den obengenannten Kriterien ergeben. Der häufigste Fall einer notwendigen orthographischen Modernisierung läßt sich charakterisieren als `geläufiges Wort in unüblicher Schreibung'. Steht beispielsweise bei March das Adverbialpronomen <hi> zuweilen als <hy> [CV: 28](17) oder auch enklitisch verschmolzen als <mi> (= m'hi) [CV: 9], so ist doch dabei unzweifelhaft, daß diese orthographische Variation keinerlei phonetische Auswirkungen hat und daß alle Varianten für dieselbe Aussprache [i] stehen. Da das moderne Katalanische den Buchstaben <y> nur in der Verbindung <ny> kennt, verstößt die Graphie <hy> gegen die orthographischen Regeln; zudem existiert das Adverbialpronomen <hi> auch im modernen Katalanischen. Durch die einheitliche Schreibung dieses Lexems als <hi> wird in dieser Edition also überflüssige graphische Allomorphie verhindert; zudem werden aus moderner Sicht exotisch wirkende Schreibungen für ganz gewöhnliche Wörter vermieden, die historische Kontinuität der katalanischen Literatursprache dokumentiert und das Textverständnis erleichtert, ohne daß dabei im geringsten in die lautliche Gestalt des Textes eingegriffen werden müßte.(18)

    Ein anderer Fall ist der eines nicht geläufigen Wortes in geläufiger Schreibung, beispielsweise das im modernen Katalanischen ungebräuchliche <arma> im Sinne von «Seele» (mod. Kat.: <ànima>); wenn <arma> auch kein gebräuchliches neukatalanisches Wort ist, so verstößt es doch auch nicht gegen die modernen Orthographiekonventionen und wird daher unverändert belassen - eventuelle Verständnisprobleme sind lexikalischer und nicht orthographischer Natur und werden daher nicht in der Edition sondern in Übersetzung und Glossar behandelt.

    Ein weiteres Problem sind Verbformen, die vom modernen Zentral-Schriftkatalanischen nicht vorgesehen sind, beispielsweise die endvokallosen Formen der 1. Person Singular Präsens, deren Auslautverhärtung im Altkatalanischen meistens graphisch wiedergegeben wird: trop (von trobar), etc. Die moderne katalanische Orthographie ist hinsichtlich der Auslautverhärtung allgemein etwas inkohärent (vgl. sap, 3. Sg. von saber, dagegen perd, 3. Sg. von perdre). Ich folge daher folgender Regel: Wo eine Form im Standardkatalanischen existiert, respektiere ich die normative Schreibung, ob sie die Auslautverhärtung nun markiert oder nicht; wo die Form dagegen nicht oder nur dialektal existiert, gilt der Grundsatz der größtmöglichen graphischen Morphemkonstanz und die Auslautverhärtung wird somit nicht graphisch realisiert (ihre phonetische Realisierung ist ohnehin durch die allgemeinen phonologischen Regeln des Katalanischen gesichert). Entsprechend dieser Regel schreibe ich daher trob (von trobar), etc. und nicht trop etc. Auf diese Weise erkennt der ungübte Leser leichter die dazugehörigen Infinitive und verfällt nicht auf Phantasieverben wie beispielsweise *tropar. Im übrigen wird dieselbe Regel auch von modernen zeitgenössischen balearischen Schriftstellern wie Carme Riera und Gabriel Janer Manila befolgt.

    Ein anderer wichtiger Aspekt der orthographischen Gestaltung ist die Repräsentation der im Katalanischen häufigen Elisionen, beispielsweise im Bereich enklitischer Pronomina. Die Segmentierung von Pronominalgruppen ist für den Leser häufig ein wichtiges Problem beim Verständnis des Originaltextes. Die inkohärenten Schreibungen im Altkatalanischen verlangen selbst von katalanischen Muttersprachlern zuweilen einige Konzentration; umso größere Schwierigkeiten bereiten sie dem ungeübten deutschen Leser. In den Editionen mittelalterlicher Manuskripte finden sich zwei verschiedene Methoden, diese Elisionen zu verschriftlichen: den sogenannten «punt volat» der altokzitanischen Schreibtradition («Yom dolch») und den Apostroph («Ajuda'm Déu»). In den Manuskripten findet man zudem auch noch häufig die nicht weiter kenntlich gemachte Verschmelzung zu einem Wort:

    Bei Ausiàs March, sowie bei metrischen Texten überhaupt, finden sich besonders viele Elisionen, da zu den allgemein gebräuchlichen noch zahlreiche weitere hinzutreten, die durch die metrischen Gegebenheiten des Verses bedingt sind. Generell wird in den Manuskripten der überwiegende Teil der metrisch erforderlichen Synalöphen auch graphisch realisiert. Im Falle der metrisch bedingten Elisionen sind nicht nur Pronomina und Artikel sondern zuweilen sogar die Anfangs- und Endvokale anderer lexikalischer Elemente betroffen: «plaer me covéxir» [I: 28], «quin son temps vid ha feta» [LXXVI: 33], «quem dav Amor» [VIII: 20]. Während der zeitgenössische, muttersprachliche Leser hier die fehlenden Elemente meistens mühelos ersetzte, bilden sie für einen deutschen Leser mit Kenntnissen des Katalanischen oder einer anderen romanischen Sprache eine nicht zu unterschätzende Schwierigkeit, da er Wörter nicht wiedererkennt, die er sich normalerweise hätte erschließen können. Die modernisierenden Editionen(20) ergänzen die fehlenden Laute nach Maßgabe der modernen Rechtschreibung. Da es sich häufig nur um die Verschriftlichung von Synalöphen handelt, die für minimal erfahrene katalanische Leser auch ohne diese Hilfe selbstverständlich sind, ist diese Lösung für ein katalanisches Publikum sicher sinnvoll. Für ein deutsches Publikum ist allerdings eine modifizierte Version noch geeigneter.

    Für die deutschsprachige Ausgabe wurde daher daher folgende Regel zugrunde gelegt: Wo möglich, wurden die Elisionen nach Maßgabe der modernen katalanischen Orthographie wiedergegeben; aus «sit he donada colpa» [CV: 93] wird somit «si t'he donada colpa». Wo die moderne Norm keine Elision vorsieht, wurden die fehlenden Vokale ergänzt; aus «plaer me covéxir» [I: 28] wird demnach «plaer me cové eixir». Dabei wurden aber alle ergänzten Teile durch Kursivdruck markiert, um dem Leser die interessante Lesehilfe zu bewahren. Er weiß dadurch, daß alle kursiv gesetzten Buchstaben lediglich zum besseren Verständnis ergänzt sind, im Original aber nicht auftauchen und beim Lesen nicht mitgelesen werden dürfen, da sonst das Versmaß verletzt wird. Besonders interessant ist diese Hilfe in den Fällen, wo die allgemeinen Regeln der katalanischen Metrik eine phonetische Elision erwarten lassen, die aber ausnahmsweise aus Gründen des Versmaßes unterdrückt werden muß.(21) So würde man unter normalen Umständen eine Sequenz wie que aquella unter Verschleifung der beiden aufeinandertreffenden Vokale dreisilbig lesen. In Vers [CV: 102] ist allerdings nur die viersilbige Lesung que / a- / -que- / -lla möglich, was in den Manuskripten durch Nicht-Verschmelzung der beiden Wörter, in meiner Edition dagegen durch das Fehlen der normalerweise zu erwartenden Kursivsetzung angedeutet wird:

    Es gibt neben den metrischen auch gute linguistische Gründe für die Markierung der ergänzten Elemente. Besonders im Falle der sogenannten pronoms recolzats reforçats <em, et, ens, es>(22) würde sich durch stillschweigendes Ergänzen der vorgeblich elidierten Vokale der Eindruck eines ahistorischen Lautstandes ergeben. Wer nämlich «quem dav Amor» [VIII: 20] ohne die Kursivsetzung zu «que em dava Amor» ergänzt, erweckt den Eindruck, es hätte im Katalanischen des 15. Jahrhunderts bereits ein freies Pronomen <em> gegeben, die alten enklitischen Formen hätten bereits einen eigenen Stützvokal entwickelt (das sogenannte reforçament). Dies ist aber keineswegs der Fall; die entsprechenden freien Formen sind bei Ausiàs March ausnahmslos <me, te, nos, se>, während <em, et, ens, es> immer enklitisch sind und stets mit einem punt volat an den vorausgehenden Vokal angebunden sind. Um das Schriftbild weitestmöglich dem modernen Katalanischen anzunähern, ergänze ich auch in diesen Fällen ein e, kennzeichne es aber durch die Kursivsetzung eindeutig als (in diesem Fall ahistorischen) Zusatz des Herausgebers; leider hat keine der bisher publizierten Editionen, die diese Ergänzung vornimmt, die ergänzten Vokale als Zusatz gekennzeichnet. Mit geringen Einschränkungen gilt das Gesagte auch für den maskulinen bestimmten Artikel: Die modernen Formen <el> und <els> sind zu Marchs Zeiten noch weitgehend ungebräuchlich. Die freien Formen lauten <lo> und <los> und nur nach Vokalen erscheinen die enklitischen Varianten <l> bzw. <ls>. Auch hier habe ich ein kursiv gesetztes e ergänzt.
     

    Einzelprobleme der Textedition

    Die schwankende Graphie der Manuskripte bei einigen besonders häufigen Elementen wie der Konjunktion e bzw. i/y oder dem Subjektpronomen der 1. Person Singular erforderten weitere grundlegende editorische Entscheidungen. Der Auszählung A. G. Haufs zufolge, der die Edition von Bohigas zugrunde liegt, erscheint das Subjektpronomen der 1. Person Singular im überlieferten Marchschen Gesamtwerk 409 Mal in der Form yo und nur ganze zwei Mal in der Form jo (Hauf 1983: 182, 222). Es könnte also naheliegend erscheinen, die Schreibung yo einfach zu übernehmen, doch ist sie wegen der Verwendung von <y> nicht mit der neukatalanischen Orthographie vereinbar und müßte daher nach den weiter oben genannten Kriterien adaptiert werden, nach denen er originale Lautstand unter Verwendung des modernen katalanischen Grapheminventars dargestellt werden sollte. Die naheliegendste Lösung scheint auf den ersten Blick die Verwendung des entsprechenden modernen Pronomens <jo> zu sein, doch bedeutet dies bei näherer Betrachtung einen unerwünschten Eingriff in den Lautstand.(23) Der Buchstabe <y> steht bei March konsequent für den Vokal [i] bzw. für den palatalen Semivokal [j], während <j> und <g> stets die stimmhafte alveolo-palatale Affrikate bezeichnen.(24) Die Graphie <jo> würde also dem modernen Leser, der den valencianischen Lautstand Marchs konsequent nachzuvollziehen sucht, fälschlicherweise eine Affrikate suggerieren. Sowohl Marchs eigene Graphie (bzw. die der zeitgenössischen Schreiber) als auch die Aussprache des entsprechenden Pronomens im modernen Valencianischen(25) legen es dagegen nahe, daß March an eine Aussprache [jo] gedacht haben muß. Diese Aussprache wird im Rahmen des neukatalanischen Grapheminventars am ehesten durch die Schreibung <io> gewährleistet, die in der vorliegenden Edition daher konsequent verwendet wird. Genaugenommen müßte allerdings <iò> geschrieben werden, da <io> im Katalanischen keinen Diphtong bildet und die Aussprache sonst ['ijo] und nicht [jo] wäre. Diesem formalen Argument steht allerdings ein bereits etablierter Gebrauch entgegen, da das altkatalanische <yo> auch außerhalb der March-Forschung in zahlreichen modernisierenden Editionen mit <io> wiedergegeben wird (auch Fuster 1987 verwendet <io>).(26)

    Die Konjunktion und taucht bei Bohigas in den Varianten e (2232 Mal) i (38 Mal) und y (338 Mal) auf.(27) Fuster behandelt die Variation zwischen e und i in seiner modernisierenden Textedition als willkürlich und vereinheitlicht konsequenterweise zu e. Die Distribution von e und y / i erscheint aber keinesfalls willkürlich: Die Grundform ist, anders als im Neukatalanischen, das archaische e, das bei March auch tatsächlich den Lautwert [e] gehabt haben dürfte. y / i dagegen ist die enklitische oder proklitische Variante, die mit einem vorangehenden oder folgenden Vokal einen Diphthong bildet - der semikonsonantische Charakter, den die Konjunktion in diesem Falle annimmt, wird von den Schreibern durch die Graphie y / i angedeutet; eine nicht-klitische, freie Form <i> (= und) wie im Neukatalanischen existiert zur Zeit Ausiàs Marchs noch überhaupt nicht. Es gibt gute Gründe, diese Variation auch in der modernisierten Edition beizubehalten und nicht (wie Fuster 1987) ausnahmslos e zu schreiben. Es handelt sich nicht um eine rein orthographische Variation, sondern um zwei Allomorphe mit weitgehend komplementärer Distribution. Tatsächlich ist die Unterscheidung auch metrisch von Bedeutung, denn e ist stets silbenbildend, y / i dagegen nicht; so weiß der Leser sofort, daß «bé i mal pensats» [LXXVII: 16] viersilbig und «i el tall» [XXIII: 15] zweisilbig zu lesen ist. In den beiden folgenden Beispielen dient die unübliche Verwendung von e vor Vokal dagegen als Hinweis, daß aus metrischen Gründen keine Synalöphe möglich ist und der Leser weiß somit, daß «un bell cos e honest» [XXIII: 18] sechssilbig und «e ocupat» [XXIII: 38] viersilbig zu lesen ist.

    Daß die enklitischen Personalpronomina im Katalanischen dialektal betont sein können, ist ein wohlbekanntes Phänomen, welches heute noch im Balearischen und im Rossellonesischen beobachtet werden kann.(28) Offensichtlich war diese Betonung zu Marchs Zeiten noch weiter verbreitet als heute, denn es finden sich bei ihm zahlreiche Indizien dafür. Zum einen sind dies metrische Erwägungen, so beispielsweise in [CV: 193]: «Tu creïst mé perquè l'ànima salve», wo das enklitische Pronom auf die vierte Silbe fällt, auf die letzte Silbe vor der Binnenzäsur also, die stets betont ist. Dem trägt Bohigas durch Akzentuierung Rechnung. In den Versen [XXVIII: 10-11] sprechen dagegen phonetische Argumente für die Akzentuierung des Pronomens: «mil hòmens justs, menys d'alguna mercè, / car tots mos ginys yo solt per trahir-me;». Dem Reimschema entsprechend sollen die Versenden miteiander reimen und daß dies scheinbar nicht der Fall ist, liegt an der Edition von Bohigas, die hier gleich an zwei Stellen unbefriedigend ist. Zum einen ist das Pronomen offensichtlich betont zu lesen und daher akzentuiert zu edieren, d.h. `trair-mé'. Zum anderen ist der accent greu auf mercè ein unangebrachter ostkatalanischer Dialektalismus, da dieser Vokal bei March geschlossen war (die moderne valencianische Aussprache ist ebenfalls mercé).(29) Die enklitischen Pronomina waren also mit Sicherheit in einigen Positionen betont. Um den Schein falscher Reime oder fehlerhafter Verse zu vermeiden, akzentuiere ich die Pronomina wo nötig, auch wenn dies im modernen Standardkatalanischen nicht vorgesehen ist.

    Anders als in der modernen katalanischen Orthographie hatte der Buchstabe <g> zu Marchs Zeiten auch vor Mittel- und Hinterzungenvokalen (vor allem vor <a>) häufig den Wert des modernen <j>, wie man an den folgenden Beispielen (alle aus Bohigas 1952) ersehen kann: «platga» (= platja, [II: 1]), «menga» (= menja, [XIII: 17]), «ga» (= ja). Entsprechend finden sich auch zahlreiche Fälle, in denen die velare Qualität des <g> vor <a> durch die Schreibung <gua> sichergestellt werden soll: «entengua» (= entenga, [LXXXVII: 1]), «preguar» (= pregar, [XCVI: 20]), «guasta» (= gasta, I:42). Hier muß in einer modernisierenden Edition selbstverständlich die moderne Graphie verwendet werden. In dem Vers «E sin lo cel Déu me vol allogar» [XIII: 32] muß daher sicher <allotjar> ediert werden (so bei Fuster und Terry), auch wenn Ferraté, Archer und Pujol die Manuskriptform belassen.

    Die Palatalisierung von <l> am Wortanfang wurde zu Marchs Zeiten noch nicht durchgehend orthographisch realisiert; da sie aber mit Sicherheit bereits eine phonetische Realität war, habe ich in diesen Fällen die moderne Schreibung <ll> verwendet.

    Das Wort cors (Körper, Leib) erscheint bei Bohigas regelmäßig in dieser Graphie; es ist sicher, daß dies zu Marchs Zeiten bereits eine historische Schreibung war und das <r> längst verstummt war. Ein klares Indiz dafür findet sich in Gedicht Nr. X, wo March cors auf gos, mos und dors reimen läßt (Verse 21, 24, 25 und 28). Um eine unsinnige Aussprache des <r> in cors und dors zu vermeiden, schreibe ich konsequent cos und dos, was zudem der modernen Schreibung dieser Wörter entspricht.
     

    Zum Glossar

    Herkömmliche Glossare setzen beim Benutzer weitreichende Grundkenntnisse der entsprechenden Fremdsprache voraus. Flektierte Formen (selbst suppletive) und Varianten erscheinen dort stets unter der Grundform, die herauszufinden für Laien zuweilen recht problematisch sein kann. So muß man beispielsweise wissen, daß man die Verbformen fiu, féu, fan unter dem Eintrag «fer» zu suchen hat, während fui, fou und fón beim Verb «ésser» zu finden sind. Glossare in Chrestomathien (z.B. Appels Provenzalische Chrestomathie o.ä.) begleiten gewöhnlich kritische Texteditionen, die nicht zuletzt auch unter sprachwissenschaftlichem Aspekt studiert werden sollten. Insofern ist dort die Versammlung sämtlicher flektierter Formen eines Wortes in einem einzigen Eintrag durchaus wünschenswert und sinnvoll. Der interessierte Philologe kann so auf einem Blick ermitteln, welche Formen eines bestimmten Wortes sich im Text finden. Das Anliegen der neuen March-Anthologie war jedoch ein anderes: Der Text wurde orthographisch modernisiert und regularisiert und somit, vom Gesichtspunkt der historischen Sprachwissenschaft aus, all dessen beraubt, was ihn interessant machen könnte. Stattdessen sollte die zweisprachige Edition den Zugang zum fremdsprachlichen literarischen Kunstwerk so weit wie möglich vereinfachen. Sie wendet sich also nicht an Sprachwissenschaftler, sondern an Literaturwissenschaftler und -liebhaber, bei denen im übrigen keine spezifischen Katalanischkenntnisse vorausgesetzt werden. Aus diesem Grunde wurden die Einträge ins Glossar anders gestaltet.

    Grundsätzlich erscheinen im Glossar sämtliche Wörter des edierten Textes, d.h. auch jede einzelne Verbform erhält einen eigenen Eintrag, in dem außerdem stets auch noch der zugrundeliegende Infinitiv angegeben ist. Wer also die Form fón nachschlagen will, muß dazu nicht wissen, daß sie zu dem Infinitiv ésser gehört, sondern erhält diese Information (und andere) aus dem Eintrag fón selbst, der lautet:

    fón, 3. Pers. Sing. Perf. von «ésser», sein.

    Im Falle von Substantiven, Adjektiven und Partizipien ist stets nur die Grundform Maskulin Singular angegeben, wenn Maskulin Plural und Feminin Singular durch einfaches Hinzufügen eines -s bzw. eines -a zur Grundform, sowie die Feminin Plural-Form durch Umwandlung des Singular-a's zu -es gebildet werden können. Ist dies nicht der Fall, so erhalten die abweichenden Formen ihren eigenen Eintrag. Man wird daher, wenn man Formen wie culpes, àncores, vella, vells und velles sucht und nicht findet, unter culpa, àncora und vell nachschlagen, eine Transferleistung, die man auch von Nicht-Katalanisten erwarten kann. Nach dem gleichen Prinzip erhalten Plurale wie braços, hòmens und bons und Feminin-Formen wie plena einen eigenen Eintrag, da sie nicht aus *braço, hòmen, bon, plen sondern aus braç, hom(e), bo, ple abgeleitet und somit unregelmäßig sind.
     

    Zur deutschen Übersetzung

    Im deutschen Sprachraum sind zwei Herangehensweisen an die Übersetzung mittelalterlicher Lyrik zu beobachten, die von grundlegend verschiedenen Auffassungen darüber ausgehen, was eine Lyrikübersetzung zu leisten hat, und was nicht. Die traditionellere Schule setzt sich das Ziel, alle formalen Merkmale des Originals auch in der Übersetzung zu reproduzieren und sowohl das Metrum als auch das Reimschema zu übernehmen. Man glaubt durch rigorose Übernahme aller erkennbaren Formelemente quasi automatisch den Gesamteindruck des Originals ins Deutsche zu übertragen. Als Beispiel für diese «klassische» Übersetzungstradition mag hier Franz Wellners Übersetzung der ersten Strophe von Bernat de Ventadorns Kanzone «Non es meravelha s'ieu chan»(30) dienen: Während also traditionellerweise die Frage nach der prinzipiellen Übersetzbarkeit metrischer lyrischer Gebilde sehr optimistisch gesehen wurde, hat sich in den letzten Jahrzehnten eine radikal anders orientierte Position entwickelt, die ihre Übersetzungen nurmehr als bescheidene und in engem Zusammenhang mit dem Originaltext zu betrachtende Lesehilfe sieht. Ein Beispiel für diese Haltung ist Dietmar Riegers Übersetzung derselben Strophe des Bernart de Ventadorn: Beide Übersetzungen überzeugen indes nur sehr bedingt, selbst wenn man die grundverschiedenen Zielsetzungen berücksichtigt. Wellners zweifellos virtuose und technisch versierte Übersetzung will alles übertragen: den exakten Sinn, das Metrum und die Reime. Dabei ist es jedoch sehr fraglich, ob man der angestrebten Wirkungsadäquatheit durch sklavisches Kopieren aller formalen Merkmale des Originals wirklich am nächsten kommt. Bei aller technischen Schwierigkeit, die eine gereimte metrische Übersetzung mit sich bringt, kann man dem Übersetzer andererseits doch vorwerfen, daß er es sich auf der konzeptuellen Ebene zu einfach macht: Sowohl das Metrum wie auch die Reime fordern unerbittlich ihren Preis bezüglich der Texttreue. Dabei bleibt es angesichts des Ergebnisses, selbst wenn man die (im Vergleich mit Rieger) ungleich freiere Übersetzung zu akzeptieren bereit ist, immer noch fraglich, ob das Resultat den Preis rechtfertigt. Wellners Übersetzung hat mit dem Original zwar gemein, daß beide Texte Gedichte mit achtsilbigen Versen und einem Reimschema abbacddc sind: Der große und letztlich entscheidende Unterschied besteht indes darin, daß das Gedicht des Trobadors ein überzeugendes, das Elaborat Wellners dagegen, bei allem handwerklichen Geschick, ein eher mediokres Gedicht ist. Am auffälligsten dürfte wohl der Flickreim «quillt / füllt» sein, doch auch das Reimwort «strafft» kann einen Beigeschmack «nach Übersetzung» nicht verhehlen. Die Achtsilber des Originals sind hier übertragen worden in stets männlich ausgehende jambische Vierheber, die allerdings durch übergroße Perfektion langweilig und leiernd wirken: Es fehlt das richtige Maß an schwebenden Betonungen, die einen alternierenden Vers im Deutschen lebendig werden lassen.(31) Das forsche «Ja» am Beginn des fünften Verses wirkt unfreiwillig komisch und ist allzu offensichtlich vom metrischen Zwang diktiert.

    Wenn von formal bedingten Abweichungen von inhaltlichen Vorgaben des Originals die Rede ist, könnte hier der Eindruck entstehen, daß der Preis für die Einhaltung des Metrums und der für die Beibehaltung der Reime sich einfach addiert. Dies ist aber keinesfalls der Fall: Die formalen Beschränkungen schaukeln sich häufig eher gegenseitig hoch und verstärken sich dadurch überproportional. Selbst wenn sich nämlich eine Ideenfolge relativ zwanglos zu einem Vers formen sollte, so gebietet der Zwang, ein passendes Reimwort in den Vers zu integrieren doch in den meisten Fällen eine andere syntaktische Struktur. Insofern ist Friedhelm Kemp beizupflichten, wenn er schreibt:

    Wenn an der Übersetzung Wellners also zu kritisieren wäre, daß sie alles will und gerade dadurch scheitert, so wäre an der Übersetzung Riegers das Gegenteil zu kritisieren; in vollkommener Umkehrung der traditionellen Übersetzer-Hybris, ein wirkungsäquivalentes neues Kunstwerk schaffen zu wollen, kapituliert Rieger, noch bevor sich das erste Problem präsentiert hat und flüchtet sich in die Scheinobjektivität des «Übersetzens was da steht».(32) Sie «philologisiert» den Text durch verschämt in eckige und runde Klammern hinzugefügte Interpretationshilfen. Überall, wo mehr als wörtliches Übertragen nötig wird, verläßt Rieger der Mut zum wirklichen Übersetzen. Seine Version hat nichts mehr von einem Gedicht und der Leseeindruck ist der einer unversöhnlichen Diskrepanz zwischen dem lyrischen Inhalt und der Prosaform. Dieser ungewollte Verfremdungseffekt ergibt sich besonders, wenn der Inhalt traditioneller Lyrik in Prosa wiedergegeben wird. Dieser Eindruck bestätigt, was Hanno Helbling bemerkt: Auf der Basis dieser Überlegungen habe ich in meinen March-Übersetzungen versucht, beide Extrempositionen zu vermeiden. Aus der Anfangsentscheidung, die Werke als literarische Kunstwerke zu präsentieren, folgt, daß sich eine reine Interlinearversion nicht anbietet. Andererseits lehrt die Erfahrung, daß gereimte Übersetzungen in den meisten Fällen wegen der übergroßen Entfernung vom Wortlaut des Originals die Bezeichnung «Übersetzung» nicht mehr verdienen. Es lag daher ein Kompromiß nahe, der darin besteht, die metrische Struktur des Originals zwar locker nachzubilden, auf die Reime jedoch zu verzichten. Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung ist es ohnehin das Metrum, das einen Vers konstituiert, während der End-Vollreim lediglich die klangliche Verzierung einer metrisch bedingten Zäsur darstellt. Im Übrigen hat der Endreim in den romanischen Sprachen einen durchaus anderen Status als im Deutschen mit seinem starken Wurzelakzent und seinen reduzierten tonlosen Nebensilben: Die Verwendung des Metrums hat gegenüber einer Prosa-Übersetzung zahlreiche Vorteile: Der Leser empfindet unmittelbar, daß er es mit einem poetischen Text zu tun hat, wodurch der oben geschilderte, unerwünschte Verfremdungseffekt vermieden wird. Die beschränkte Silbenzahl gewährleistet zudem, daß jedem einzelnen Vers in der Übersetzung exakt derselbe Raum gewährt wird, wie im Original, daß also die Gewichtung der einzelnen Gedanken mit der des Originals identisch ist; in Prosaübersetzungen geschieht es leicht, daß man, räumlich unbeschränkt, verschiedene Verse in unterschiedlichem Maße paraphrasiert und damit diese Gleichgewicht stört. Der metrische Zwang des Verkürzens erzeugt zudem ganz natürlich sprachliche Erscheinungen wie Elisionen («ist's», «richtge», «bessres») und archaisierende Konstruktionen, die traditionell mit lyrischem Sprechen assoziiert werden, in einer Prosaübersetzung aber unmotiviert und unangemessen wirken.(33)

    Die Wahl des deutschen Versmaßes ist prinzipiell unproblematisch, da romanische Hendekasyllaba im Deutschen üblicherweise durch jambische Fünfheber wiedergegeben werden. Unter den jambischen Fünfhebern wäre es theoretisch der sogenannte Vers commun, der dem Marchschen Metrum am nächsten käme, da er neben der freien Alternation männlicher und weiblicher Versausgänge auch die feste Binnenzäsur nach der vierten Silbe festschreibt: oooó /oooooó(o). Da es mir in der metrischen Übersetzung aber nicht um ein exaktes Nachbilden des Marchschen Verses ging, konnte auf die zusätzliche Komplizierung durch die feste Zäsur verzichtet werden, da der so erzielte Effekt den zusätzlichen Verlust an Texttreue nicht zu rechtfertigen vermag.(34) Das gewählte Versmaß der Übersetzung sind also reimlose jambische Fünfheber ohne feste Binnenzäsur mit fakultativer elfter Silbe, ein Versmaß, das allgemein als «Blankvers» bezeichnet wird. Die Entsprechung von Blankversen und Marchschen decasílabs ist wegen der Verschiedenheit der metrischen Prinzipien (romanische Silbenzählung versus germanische Akzentzählung)(35) natürlich nur eine ungefähre:

    Als schwächste Form metrischer Gestaltung ist der Blankvers aber ein idealer Kompromiß zwischen der Maximalforderung völliger formaler Identität und der Minimalversion völliger Auflösung in eine Prosaparaphrase.(36)

    Auch diese minimale Metrisierung fordert natürlich einen Preis, doch scheint dieser weit leichter vertretbar, als der, den Wellner zu zahlen bereit war. Ich habe außerdem (anders als Rieger) überall dort, wo es nötig erschien interpretierend übersetzt, ohne dies im Text ständig kenntlich zu machen. Im Gesamtkonzept meiner Edition wird dieser behutsamen Freiheit in der Übersetzung durch ein vollständiges Glossar Rechnung getragen, welches es auch nicht sprachkundigen Lesern jederzeit erlaubt, die jeweilige übersetzerische Lösung mit dem Originalwortlaut zu vergleichen. Insofern mindert die metrische Übersetzung nicht (wie sonst üblich) die Brauchbarkeit der Edition auch für universitäre Seminare und Übungen.

    Ich möchte die vorangegangenen Gedanken gern als ein Plädoyer für eine Editionsform zweisprachiger Lyrikbände verstanden wissen, die den Leser nicht mit dem komplexen und zuweilen schwer zugänglichen Kunstwerk allein läßt, sondern ihm alle nur denkbaren Hilfestellungen für seinen persönlichen Zugang anbietet. Bei aller Hilfestellung sollte dabei aber nie das literarische Kunstwerk zu einem Gegenstand ausschließlich philologischen Interesses degradiert werden - die diskursive Auseinandersetzung mit dem Text sollte, so wichtig sie auch sein mag, nie in Konflikt mit der ureigenen und primären Funktion aller Literatur geraten: der ganz individuellen Leseerfahrung und dem Erlebnis von Kunst als Kunst.


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    Anmerkungen:

    1. Ausiàs March: Gedichte (altkatalanisch und deutsch), (aus dem Altkatalanischen übersetzt, ediert sowie mit einer Einleitung und einem Glossar versehen von Hans-Ingo Radatz), Frankfurt am Main: Domus Editoria Europaea (Axel Schönberger Verlag), 1993, ISBN: 3-927884-43-X.

    2. Vgl. beispielsweise den Eintrag «March» in Bd. 14 der Brockhaus-Enzyklopädie, wo es lakonisch heißt: «gilt als der bedeutendste katalan. Dichter des MA».

    3. Bereits 1893 kündigte Otto Denk an, daß er «eine Monographie über Ausias March nebst einer deutschen Übersetzung seiner Werke zum Druck vorbereite» (Denk 1893: 371), doch gelangte dieses Projekt leider nie zur Ausführung. Karl Vossler scheint in March nicht weiter als einen Trobador unter vielen gesehen zu haben und berücksichtigt den Dichter in seiner Anthologie Romanische Dichter nur mit fragmentarischen Übersetzungen zweier Gedichte, nämlich den Strophen 1-3 von Nummer XXXIX sowie der Strophe 4 von Nummer XVIII (Vossler 1940). Die einzigen mir bekannten deutschen Übersetzungen vollständiger Gedichte Marchs sind die Prosaübersetzungen von I, XIII, XXIII, XLVI und LXXXVII in der Magisterarbeit von Sabine Sattel (Sattel 1992), die voraussichtlich in Kürze in überarbeiteter Form als zweiter Band der Reihe «Katalanistische Studien» im Frankfurter Verlag Domus Editoria Europaea erscheinen wird.

    4. Dieser bedauerliche und dennoch sehr realistische Befund verweist zugleich auch auf ein wichtiges Argument für die Verbreitung katalanischer (baskischer, walisischer etc.) Kultur in Deutschland: Diese Nationalkulturen, die nicht zugleich Staatskulturen sind, erinnern daran, daß Staat und Nation eben nicht notwendig zusammenfallen müssen und daß die kulturelle Vielfalt Europas ungleich größer ist, als die staatliche Vielfalt. Diese Einsicht wird in der Zukunft von großer Bedeutung sein, denn nur auf ihrer Basis ist zu verhindern, daß sich das zu schaffende geeinte Europa zu einem alles nivellierenden Moloch entwickelt.

    5. Diese Schwierigkeit war March selbst bereits bewußt: «Molts són al món que mos dits no ntengueren [...]» (XCIV: 57). Joan Fuster schreibt dazu: «Fatigós i fort, aspre i subtil, és el llenguatge - l'estil - d'Ausiàs March [...] Ausiàs no posseeix el do de la paraula musical, de la forma graciosa, de l'abundància decorativa, però sí el de la intensitat, el de la síntesi roent i resolutòria.» (Fuster 1982: 22-23).

    6. Die Eindeutschung des katalanischen Begriffs Corona d'Aragó stellt ein Problem dar. Klar abzulehnen ist ein im deutschen Schrifttum weit verbreiteter Sprachgebrauch, einfach «Aragón» zu schreiben, auch wenn der gesamte Staatenbund gemeint ist (so z.B. im Spanien-PLOETZ, Freiburg/ Würzburg: Ploetz, 1986). Angesichts der führenden Rolle, die Katalonien und die katalanische Sprache innerhalb der Corona d'Aragó spielten, erscheint die katalanische Sprachregelung «corona catalano-aragonesa» zwar durchaus vertretbar, doch handelt es sich um eine moderne Prägung, die in einem wissenschaftlichen Kontext die historische Bezeichnung zumindest nicht völlig verdrängen kann. Da Katalonien selbst nie den Status eines Königreichs hatte ist der Ausdruck «katalanisch-aragonesische Krone» im strengen Sinne nicht verwendbar. Ich wähle daher den Begriff «Aragonesische Krone», wobei die Großschreibung des Adjektivs andeutet, daß beide Wörter gemeinsam einen Eigennamen bilden; das Teilkönigreich wird dagegen als «Königreich Aragonien» bezeichnet. Eine Fußnote sollte, wo möglich, diesen Unterschied erklären und darauf hinweisen, daß diese historische Bezeichnung sachlich irreführend ist. Im weiteren Text kann aber durchaus vom «katalanisch-aragonesischen König» die Rede sein, zur Verdeutlichung kann statt «Aragonesische Krone» auch einmal von der «katalanisch-aragonesischen Konföderation» gesprochen werden.

    7. Vgl. z.B. Bohigas 1952-1959, Archer 1989, Pujol 1992.

    8. Masoliver / Sobré 1985.

    9. Die meisten Anthologien überlassen dabei dem Frühwerk den bei weitem größten Raum; Pujol 1992 beschränkt sich gar völlig auf die Cants d'amor, trotz einer generellen Tendenz der letzten Jahre, im lange Zeit wenig beachteten Spätwerk Marchs einen wesentlichen, wenn nicht den wesentlichen Schwerpunkt im Marchschen Gesamtwerk zu sehen. Allein die zweisprachige Anthologie von Joaquim Molas und Pere Gimferrer (Gimferrer / Molas 1981) gesteht den Gedichten des Spätwerks den gleichen Raum zu, wie den Cants d'amor. In der deutschen Anthologie ist das Spätwerk nur mit einem einzigen Gedicht vertreten, dem Cant espiritual, der aber durch seinen Umfang von 224 Versen das Spätwerk insgesamt doch angemessen repräsentiert.

    10. Les obres d'Auzias March, 2 Bde., Barcelona: Institut d'Estudis Catalans 1912-1914.

    11. Ausiàs March: Poesies, 5 Bde., Barcelona: Barcino, 1952-1959.

    12. Les poesies d'Ausiàs March - Introducció i text revisat per Joan Ferraté, Barcelona: Edicions dels Quaderns Crema, 1979.

    13. Ausiàs March: Cinquanta-vuit poemes, Edició i estudi de Robert Archer, Barcelona: Edicions 62, 1989.

    14. Vgl. beispielsweise [I: 42], wo er «guasta» beläßt, obwohl offensichtlich gasta gemeint ist, oder auch [XI: 36], wo er die okzitanisierende bzw. hyperkorrigierte Schreibung «llonyant» nicht zu llunyant korrigiert. An diesem zweiten Beispiel wird einmal mehr deutlich, daß Ferraté von einer ostkatalanischen Aussprache des Textes ausgeht.

    15. Auch Arthur Terry liefert in seiner Anthologie einen kurzen Abriß der katalanischen Aussprache und berücksichtigt dabei ausdrücklich die westkatalanischen Besonderheiten Valèncias (vgl. Terry 1976: 21-24).

    16. Außer Bohigas 1952.

    17. Wo nicht anders vermerkt, sind alle March-Zitate des theoretischen Teils der Edition Bohigas 1952 entnommen. Die römische Zahl bezeichnet das Gedicht, die arabische den Vers.

    18. Vgl. Curt Wittlins Artikel «El català antic, ¿Llengua morta?», in dem der Autor darauf hinweist, daß das mittelalterliche Katalanische für einen modernen Leser prinzipiell durchaus verständlich ist, sofern man es nur sachgemäß ediert. Einerseits sollte laut Wittlin der Editor dem Leser alle rein orthographisch und paläographisch bedingten Verständnisprobleme abnehmen, insbesondere aber sollte er darauf verzichten, den alten Text durch mißverstandene philologische Akribie mit modernen editorischen Zusätzen wie Varianten etc. unnötigerweise zu komplizieren: «l'autor lamenta que un filòleg es guanyi més prestigi si edita un text antic d'una manera que rebutja un lector no especialitzat que si li facilita la lectura» (Wittlin 1988: 34).

    19. Zum Vergleich hier dieselben Verse in meiner Edition:

    Així com cell qui en lo somni es delita

    e son delit de foll pensament ve,

    ne pren a mi, que el temps passat me té

    l'imaginar, que altre bé no hi habita.

    20. D.h. Fuster 1987, Terry 1976, Ferraté 1979 und Pujol 1992.

    21. Zur Synalöphe im Katalanischen vgl. Oliva 1988: 27-33.

    22. Vgl. Badia i Margarit 1984: 295-296; Radatz 1994.

    23. Joan Ferraté ediert durchgehend <jo> und überschreitet damit strenggenommen das Kriterium einer rein orthographischen Modernisierung (Ferraté 1979).

    24. Dies ist nicht nur auf der Grundlage der modernen valencianischen Aussprache wahrscheinlich, wo <ja, ge, gi, jo, ju> stets affrikat gesprochen werden, es läßt sich auch bei March selbst zuweilen an Reimen ablesen, so beispielsweise in [II: 1] und [II: 4], wo er platja mit haja reimen läßt.

    25. Der stimmhafte alveolo-palatale Reibelaut ist im Valencianischen nahezu gänzlich unbekannt und jedenfalls kein Phonem: «l'inventari de fonemes consonàntics del valencià es compon d'aquestes 23 unitats: [...]. Queda fora //, que, en tot cas, pot aparèixer com a variant combinatòria de //» Veny 1983: 161. In sämtlichen valencianischen Subdialekten wird <jo> als io realisiert (vgl. Veny 1983: 191-194).

    26. Arthur Terry verwendet in seiner Anthologie dieselbe Schreibung, ohne seine Motive näher zu erläutern (Terry 1976).

    27. Die Zahlen stammen aus Hauf 1983; sie dürften für i und y teilweise auch Schreibvarianten des Adverbialpronomens hi mit umfassen.

    28. Vgl. Veny 1983: 94.

    29. Man betrachte nur die Reimwörter der Verse 5, 8, 9 und 13 von Nr. LXXVII: , , mercè und sosté. Außer Fuster 1987 halten hier alle anderen Editoren an der normativen Akzentuierung fest und nehmen dafür sogar den (scheinbar) falschen Reim in Kauf.

    30. «Non es meravelha s'ieu chan/ mielhs de nulh autre chantador,/ que plus mi tral cors ves amor/ e mielhs sui faitz a son coman,/ cor e cors e saber e sen/ e fors' e poder hi ai mes;/ sim tira ves amor lo fres/ que ves autra part no m'aten.» (zitiert nach: Appel 1912: 55)

    31. Vgl. z.B. Asmuth 1984: 20-23.

    32. Rieger tendiert in seinem Bestreben um absolute Texttreue oft sogar dazu, völlig gängige idiomatische Wendungen des Altokzitanischen Wort für Wort zu übersetzen und den Leser damit mehr zu verwirren als zu leiten. So übersetzt er z.B. die Verse 53-54 aus dem Gedicht Farai un vers, pos mi sonelh von Guilhem IX von Aquitanien, «[...] quel fara parlar az estros / si de rens ment», folgendermaßen: «[...] die ihn auf der Stelle zum Reden bringen [wörtl.: reden machen] wird, / wenn er uns irgendwie [de re = eine Sache betreffend] täuscht [wörtl.: belügt]».

    33. Vgl. dazu exemplarisch Radatz 1991: 48.

    34. Die metrischen March-Übersetzungen ins Kastilische von Juan Ramón Masoliver und Pere Gimferrer verzichten ebenfalls auf die Wiedergabe der Binnenzäsur (vgl. Sobré 1985, Gimferrer / Molas 1981).

    35. Vgl. dazu Asmuth 1984: 50-54.

    36. Wegen seiner großen Nähe zur Prosa ist der Blankvers von deutschen Dichtern oft kritisiert worden: «es hat [...] nicht an Stimmen gefehlt, die den `barbarischen und armseligen Vers, der hoffentlich bald aus der Sprache verschwinden wird' (Platen), tadelten, weil er nicht feierlich genug sei. Von Schiller gibt es herbe Äußerungen über den `lahmen Fünffüßler', und selbst Goethe sprach einmal davon, daß er `die Poesie zur Prosa herunterzog'.» (Kayser 1984: 29). Da das metrische Empfinden des heutigen Lesers ohnehin weniger stark entwickelt sein dürfte, erscheinen die inkriminierten Defizite des Blankverses für das Anliegen der vorliegenden Anthologie eher als Vorteil denn als Nachteil.