Hans-Ingo Radatz (Heidelberg)
Das Gedicht 'Os oficios de Bran' von Álvaro Cunqueiro und der keltische Mythos um Bendigeidfran fab Llyr
in: Große, Sybille / Schönberger, Axel (Hg.): Dulce et decorum est philologiam colere: Festschrift für Dietrich Briesemeister zu seinem 65. Geburtstag, Berlin: Domus Editoria Europaea, S. 1077-1084.
Nicht nur in seiner Dissertation zum lyrischen Werk Rosalía de Castros, sondern auch in seinem weiteren Wirken hat Dietrich Briesemeister immer wieder Interesse an Sprache, Literatur und Kultur Galiciens bewiesen - nicht zuletzt auch zum Thema der Keltophilie in Galicien (vgl. Briesemeister 1989). Als Hommage an Dietrich Briesemeisters Galicieninteresse möchte ich daher im folgenden Aufsatz die keltischen Wurzeln eines Gedichts von Álvaro Cunqueiro zurückzuverfolgen.

Das Gedicht Os oficios de Bran gehört zu dem Zyklus Herba aquí ou acolá, der 1980 im Rahmen der der Obra en galego completa erstmals veröffentlicht wurde; als eigenständiger Gedichtband erschien Herba aquí ou acolá 1988 zweisprachig in der vielbeachteten (und vom spanischen Kultusministerium subventionierten) Reihe Colección Visor de Poesía des Madrider Visor-Verlags. Seitdem sind zwei einsprachig galicische Editionen gefolgt und der Band ist ins Katalanische (1993) und ins Baskische (1996) übersetzt worden.

Es handelt sich um ein Spätwerk, in dem das Thema Tod und Vergänglichkeit sich stärker in den Vordergrund drängt als in früheren Texten des Autors. Der Zyklus besteht aus zwei Teilen: I. As historias, II. Vellas sombras e novos cantos. Die Gedichte des zweiten Teils sind zumeist eine direkte poetische Auseinandersetzung des Autors mit dem nahenden Tod. Hier findet sich auch das Gedicht, das dem Zyklus seinen Namen gegeben hat, Herba aquí ou acolá ('Gras hier oder dort'); das 'Gras' des Titels ist eben das Gras, welches über dem Grab des Autors wachsen wird:
 
TODO pende en que ún esteña morto 
perguntando póla herba que nasce derriba 
coma por un novo corpo máis levián, 
abaneado pólo vento [...] (Cunqueiro 1988:96)
ALLES hängt davon ab, tot zu sein 
und nach dem Gras zu fragen, das über einem sprießt, 
wie nach einem neuen, leichteren Körper, 
der sich im Winde wiegt [...]
 
Diesem eher metaphysischen zweiten Teil gehen die konkreteren Gedichte in As historias voraus. Ihnen ist gemeinsam, daß sie alle einen mythischen Moment im Leben einer Gestalt aus der Geschichte oder der Literatur aufgreifen und poetisch umdeuten bzw. neu erschaffen. In den meisten, wenn auch nicht in allen Fällen, wird der intertextuelle Bezug entweder ausdrücklich genannt oder er ist zumindest leicht zu erkennen. Die Bandbreite der Bezüge umfaßt einen Großteil klassisch abendländischer Bildung: die Odyssee (Rückkehr des Odysseus), die Divina commedia (Liebe zwischen Francesca da Polenta und Paolo da Rimini im V. Canto des Inferno), den Danae-Mythos, das alte Testament (Paltiel, eine Nebenfigur aus dem alttestamentarischen Bürgerkrieg zwischen den Häusern Davids und Sauls, der in II Samuel 3, 14 erwähnt wird), der Tod Harold Godwinsons in der Schlacht von Hastings etc. Etwas exotischer, aber dennoch eindeutig zum allgemeinen okzidentalen Bildungsballast gehörig sind Scheherezades Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht, Harun Al-Raschid oder Dschingis Khan. Das Gedicht Os oficios de Bran eröffnet den ersten Teil und damit auch den gesamten Band, steht also an herausgehobener Stelle. Sein intertextueller Bezug verweist in den Bereich der keltischen Mythologie, ein Sujet, welches das Werk Álvaro Cunqueiros wie ein roter Faden durchzieht - man denke nur an den Roman Merlín y familia, der schließlich nicht nur auf den altfranzösischen Merlin der matière de Bretagne, sondern stets auch den altkymrischen Myrddin anspielt; oder auch an den Roman Las crónicas del sochantre, der in der keltischsprachigen Bretagne lokalisiert ist.

Wegen seiner relativen Kürze sei das Gedicht hier vollständig zitiert; mein Übersetzungsversuch mag als Lesehilfe dienen:
 
Os oficios de Bran 

BRAN deitándose sobre o río 
a cabeza nunha ribeira, os pés noutra, 
dixo: Quén é o deus que seña a ponte! 
E asi o pobo e o gando poideron pasar 
dun país a outro. 

Deixaban o país onde anoitece 
polo país onde amence. 

Bran non sentía sobre o seu corpo 
o peso da xente, dos guerreiros e dos bois. 

Algo máis lle pesaron 
as mulleres preñadas, e os cegos 

que por moito que volvesen a cabeza 
nunca verían a brétema nos outeiros natíos. 

O derradeiro en pasar foi o cantor 
acordando unha cantiga nova no maxín, 
e nos beizos, coa voz, procurando 
un matiz que tiñan as rulas de Poente. 

Non podían tirar da alma un refrán: 

Deixo o meu corazón nunha ponla de salgueiro 
á noite, a chuvia, ao xelo! 

Bran sentíu nos seus rís o peso 
da saudade do cantor 
e pra que en Nacentes poidese 
faguerlle o corazón seu un novo niño 
mandou que pola chaira o seguisen 
os salgueiros da ribeira, agás un 
que Bran deixou pra el, 
por si un día deixaba de ser deus 
e pasaba a ser cantor de paisaxes perdidas. 

Ao erguerse, Bran veu unha calandra 
abaneando unha ponliña, e dixo: 

Animula, vagula, blandula! 

Eso que era un deus, Bran da erguida cabeza, 
e non lle gostaban os paxaros, 

nin as volvoretas dos recordos.

Die Arbeiten des Bran 

BRAN, der sich quer über den Fluß legte, 
den Kopf am einen Ufer, die Füße am anderen, 
sprach: Wer der Gott ist, der sei auch die Brücke! 
Und so konnten das Volk und die Viehherden 
von einem Land ins andere gelangen. 

Sie verließen das Land, wo die Nacht anbricht 
für das Land, wo der Morgen dämmert. 

Bran spürte kaum auf seinem Körper 
die Last der Menschen, der Krieger und der Rinder. 

Etwas schwerer drückten ihn schon 
die schwangeren Frauen; und die Blinden, 

die, so sehr sie den Kopf auch zurückwenden mochten, 
niemals den Nebel über den heimatlichen Hügeln sehen würden. 

Der letzte, der den Fluß überquerte, war der Barde, 
der sich gerade an ein neues Lied zu erinnern versuchte 
und auf den Lippen, mit der Stimme, suchte er 
ein Detail, das den Turteltauben des Westens eigen war. 

Ein Sprichwort ging ihnen allen nicht aus dem Kopf: 

Auf dem Ast einer Weide überlasse ich mein Herz 
der Nacht, dem Regen, der Kälte! 

Bran spürte auf seinen Nieren die Last 
der Schwermut des Barden, 
und um es diesem im Lande des Sonnenaufgangs zu ermöglichen, 
seinem Herzen dort ein neues Nest schaffen, 
befahl er den Weiden des Flußufers, 
daß sie ihm durch das Tal folgen sollten - alle bis auf eine, 
die Bran für sich selbst zurückbehielt, 
für den Fall, daß er eines Tages aufhören sollte, Gott zu sein, 

um stattdessen ein Sänger verlorener Landschaften zu werden. 

Als er sich erhob, bemerkte Bran eine Lerche, 
die einen Ast schüttelte, und er sprach: 

Animula, vagula, blandula! 

Denn er war ein Gott, Bran mit dem erhobenen Haupt, 
und er mochte die Vögel nicht, 

ebensowenig wie das Schmetterlingsgeflatter der Erinnerungen.

 
César Antonio Molina, der Herausgeber der zweisprachigen Ausgabe von Herba por aquí e por acolá, belegt in seiner Anmerkung zu diesem Gedicht, daß Cunqueiro bereits 1971 mit dem keltischen Bran-Mythos vertraut war, da er in diesem Jahr ein Fragment der von Kuno Meyer edierten "Reise Brans, des Sohns von Febal" ins Galicische übersetzt hatte. Allerdings scheint Molina die Bedeutung dieses altirischen Texts für Cunqueiros Gedicht zu überschätzen, während er die eigentliche Quelle nicht zu kennen scheint. Die Figur des Bran schillert in der altkeltischen Mythologie zugegebenermaßen in allen Regenbogenfarben und ist äußerst schwer zu fassen. Zu unterscheiden sind zumindest ein altirischer, d.h. gälischer Bran, ein altkymrischer, d.h. brittonischer Bran, sowie eine spätere irische Christianisierung in der Gestalt des heiligen Brandan oder Brendan.

In einem altirischen eachtrae, das wahrscheinlich schon im 7. Jahrhundert erstmals niedergeschrieben wurde, wird berichtet, wie Bran, Sohn des Ferbal, durch eine zaubermächtige Musik in einen tiefen Schlaf verfällt und dort eine Vision aus der als paradiesische Insel dargestellten Anderwelt hat. Wieder erwacht, sticht Bran sofort mit siebenundzwanzig Gefährten in See, um das im Traum geschaute Land Tir na mBan zu finden. Sie begegnen auf ihrer Reise dem keltischen Meeresgott Manannán mac Lir (der im kymrischen Mabinogion unter gänzlich anderen Umständen als Bruder Brans unter dem Namen Manawydan fab Llr(1) wieder auftaucht), der ihnen den Weg zur "Insel der Frauen" weist; auf diesem Eiland leben Bran und seine Gefährten ein Jahr in paradiesischer Sorglosigkeit, bis sie, den Warnungen der Frauen zum Trotz, ihrem Heimweh nach Irland nachgeben und die Heimfahrt antreten. Dort angelangt müssen sie allerdings erkennen, daß mittlerweile in der diesseitigen Welt Jahrhunderte vergangen sind; der erste der Gefährten, der irischen Boden betritt, zerfällt sofort zu Staub und Bran muß wieder - und nunmehr auf ewig - in See stechen.

Der heilige Brendan, wie er uns beispielsweise in der Navigatio Sancti Brendani Abatis aus dem 9. Jahrhundert entgegentritt, bewahrt in seiner Vita noch die Schlüsselelemente seines heidnischen Vorgängers: die Seereise, das zauberische Elementund die Entdeckung eines fremden Wunderlands. Der heilige Brendan und seine Gefährten sollen ihre siebenjährige Seereise mit seinem lederbespannten Boot im Stil der irischen curraghs unternommen haben und als erste Europäer amerikanischen Boden betreten haben. Dieser gälische Bran/Brendan war also vor allem ein märchenhaft Seefahrer - als Brücke aber fungiert er nirgends.

Es ist offensichtlich, daß es nicht dieser Bran gewesen sein kann, der Cunqueiros Gedicht inspiriert hat. Diese Inspiration stammt vielmehr aus dem altkymrischen Mabinogion, einer Sammlung mythischer Erzählungen, die zwar nur in relativ jungen, mittelkymrischen Manuskripten überliefert ist, in ihrem Kern aber noch weit in die Zeit vor der römischen Eroberung Britanniens zurückreicht.(2) Als "Mabinogion" im engeren Sinne bezeichnet man einen Zyklus von vier auf den ersten Blick nur lose miteinander verbundenen, archaischen Erzählungen, den sogeannten "vier Zweigen" (pedeir ceinc), die starke Spuren einer langen oralen Überlieferung zeigen; insbesondere ist im Laufe der oralen Überlieferung der eigentliche Kern der vier Erzählungen aus dem Blickfeld verschwunden und von verschiedenen Nebenhandlungen so weit überlagert worden, daß die ursprüngliche Gestalt nur noch hypothetisch rekonstruiert werden kann: Nämlich die übernatürliche Geburt, jugendlichen Taten, Verheiratung und Tod des Pryderi. In der überlieferten Form ist dieser Pryderi nun allerdings in allen vier Zweigen auf den Rang einer Nebenfigur reduziert. Die eigentlichen Zusammenhänge dürften vom Endredakteur nur noch rudimentär verstanden worden sein. Die Szene aus Os oficios de Bran findet sich im zweiten Zweig, einer Erzählung mit dem Titel Branwen uerch Lyr.(3) Auf den ersten Blick erscheint es, als käme eine Figur namens Bran darin überhaupt nicht vor, denn der Protagonist heißt hier nicht mehr einfach nur "Bran", sondern vielmehr "Bendigeidfran", ein Name, der sich aus dem vorangestellten Adjektiv bendigeid, einem oberflächlich keltisierten Latinismus benedictus, und dem alten Namen Brân zusammensetzt, wobei der Anfangskonsonant von Brân durch regelmäßige Lenisierung zu 'f' (sprich [v]) mutiert wurde. Thomson (1961:19) hält diese Namensform für einen späten christianisierenden Eingriff eines mönchischen Schreibers.

Die Erzählung zeigt kaum Ähnlichkeiten mit dem irischen eachtrae: Bendigeidfran, Sohn des Llr, sitzt eines Tages auf dem Felsen von Harlech, in Begleitung seines Bruders Manawydan und seiner beiden Halbbrüder Nisien und Efnisien, als sie eine Flotte von dreizehn prächtigen Schiffen erblicken, die sich aus Richtung Irland der Küste nähern. Es stellt sich heraus, daß diese Schiffe Matholwch, dem König von Irland gehören, der zur "Insel der Mächtigen" (Ynys y Kedeirn = Großbritannien) aufgebrochen ist, um von Bendigeidfran die Hand seiner Schwester Branwen zu erbitten. Es wird beschlossen, seinem Wunsch zu entsprechen und ein Hochzeitsfest in Aberffraw auf der Insel Anglesey auszurichten. Auf diesem Hochzeitsfest kommt es allerdings zum Eklat, weil der streitsüchtige Efnisien ohne erkennbaren Grund sämtliche Pferde der irischen Gäste verstümmelt. Matholwch schickt sich angesichts dieser unerträglichen Beleidigung an, grußlos nach Irland zurückzukehren, doch gelingt es Bendigeidfran schließlich, durch Entschuldigungen und eine großzügige Entschädigung die Lage wieder zu entspannen und den irischen König zum Bleiben zu bewegen. Um den Frieden zwischen beiden Ländern zu festigen, macht Bedigeidfran Matholwch einen magischen Kessel zum Geschenk, mit dessen Hilfe es möglich ist, Tote wieder zum Leben zu erwecken.

Matholwch und seine junge Frau Branwen kehren schließlich nach Irland zurück, wo sie eine Zeit lang harmonisch zusammen leben und ein gemeinsamer Sohn namens Gwern geboren wird. Nach einiger Zeit flammt allerdings unter den irischen Edelleuten erneut der Wunsch auf, für die in Aberffraw erlittene Schmach Rache zu nehmen und Matholwch wird gezwungen, seine Frau zu verstoßen und sie als Küchenmagd in die Hofküche zu verbannen, wo sie täglichen Mißhandlungen ausgesetzt ist. Obwohl die Iren ein Embargo jeglichen Kontakts mit Großbritannien verhängen, um Branwens Bestrafung zu verbergen, gelingt es dieser dennoch mithilfe eines magischen Vogels, ihren Bruder über ihr trauriges Los zu informieren. Dieser bricht sofort mit seiner ganzen Heermacht auf, um Irland zu erobern.

Bendigeidfran wird als Riese dargestellt, der wegen seiner Größe in kein Schiff paßt und daher neben seiner Flotte die Irische See zu Fuß durchwatet. Die Hirten Matholwchs erblicken voller Schrecken einen sich bewegenden Wald mitten im Meer, der sich der Küste nähert, dazwischen ein Gebirge, das von zwei Bergseen flankiert wird. Keiner der Ratgeber des Königs vermag mit diesem Bericht etwas anzufangen, bis Branwen befragt wird; sie weiß sofort, worum es sich handelt, nämlich um die Haare, Nase und Augen ihres Bruders, der zu ihrer Rettung naht.

In Panik ziehen sich die Iren über den Fluß Shannon zurück und brechen alle Brücken hinter sich ab. An dieser Stelle nun kommt es zu der Szene, die Cunqueiro in seinem Gedicht verarbeitet hat:
 
Bendigeiduran a doeth y'r tir, a llynghes y gyt ac ef, parth a glann yr auon. Bran der Gesegnete ging ans Land, und die gesamte Flotte mit ihm, in Richtung des Flußufers.
'Arglwyd', heb y wyrda, 'ti a wdost kynnedyf yr auon, ny eill neb uynet drwydi, nyt oes bont arnei hitheu. 'Häuptling', sprachen die Edelleute, 'du kennst die Eigenart des Flusses: Niemand kann ihn durchwaten, noch gibt es eine Brücke[, um ihn zu überqueren].
Mae dy gynghor am bont?' heb wy. Was ist dein Ratschluß bezüglich der Brücke?', sprachen sie.
'Nit oes', heb ynteu, 'namyn a uo penn bit pont. Mi a uydaf pont', heb ef. 'Es gibt keinen', sprach er, 'außer daß derjenige, der der Anführer ist, eine Brücke sein soll. Ich werde eine Brücke sein', sprach er.
Ac yna gyntaf y dywetpwyt y geir hwnnw, ac y diharebir etwa ohonaw. Und so wurde zum ersten Mal dieser Ausspruch getan, und er wird bis heute als Sprichwort verwendet.
Ac yna guedy gorwed ohonaw ef ar traws yr auon, y byrwyt clwydeu arnaw ef, ac yd aeth y luoed ef ar y draws ef drwod. (290-7) Und dann, nachdem er sich quer über den Fluß gelegt hatte, wurden Planken auf ihm befestigt und sein Heer gelangte über ihn hinweg auf die andere Seite.
 
Die Iren versuchen nun, Bendigeidfran freundlich zu stimmen, indem sie ihm zu Ehren eine riesige Halle bauen, in der sie ihn empfangen - eine völlig neue Erfahrung für den britischen Halbgott, der wegen seiner immensen Größe bislang noch nie ein Gebäude gefunden hatte, daß ihn hätte aufnehmen können. Die zweihundert Krieger, die die Iren als Hinterhalt überall in der Halle in Getreidesäcken verborgen haben, werden von Efnisien unschädlich gemacht, indem er einem nach dem anderen den Schädel zerquetscht. Iren und Briten schließen Frieden und besiegeln diesen mit einem großen Fest. Doch wieder sorgt Efnisien für einen Eklat; als man ihm den jungen irischen Thronfolger Gwern auf den Schoß setzt, schleudert er diesen so plötzlich ins offene Herdfeuer, daß niemand ihn mehr zu retten vermag. Erneut bricht ein erbitterter Kampf aus, in dem die Briten zu unterliegen drohen, weil die Iren ihre gefallen Krieger immer wieder aufs neue in ihrem magischen Kessel zu neuem Leben erwecken. Efnisien gelingt es, als Ire verkleidet lebendig in den Kessel geworfen zu werden und diesen von innen zu sprengen, wobei nicht nur der Kessel, sondern auch sein Herz zerspringt.

Die Schlacht endet schließlich zu Gunsten der Briten; Irland bleibt völlig entvölkert zurück, doch auch auf britischer Seite überleben nur sieben Krieger, unter ihnen der tödlich verwundete Bendigeidfran. Er befiehlt seinen Männern, ihm den Kopf abzuschlagen und diesen mit dem Gesicht in Richtung Frankreich im Weißen Hügel zu Llundein (= London) zu begraben, um Britannien so vor allen Invasionen zu schützen. Branwen stirbt aus Kummer über das Unglück, dessen Ursache sie geworden ist, als sie ihren Fuß wieder auf britischen Boden setzt.

Es spricht vieles dafür, daß Cunqueiro den gesamten zweiten Zweig des Mabinogion überhaupt nicht gekannt hat, sondern lediglich in einem Werk der Sekundärliteratur wie beispielsweise Jean Markales L'epopée celtique en Bretagne (Markale 1970) auf die Szene gestoßen ist, in der Bran zur Brücke für sein ganzes Volk wird. Dafür spricht schon die Tatsache, daß er seinen Helden schlicht "Bran" nennt, während das Epitheton bendigeid im Mabinogion untrennbarer Namensbestandteil geworden ist. Doch die ganze Szene ist bei Cunqueiro in einen anderen Kontext transponiert: Nicht eine Armee, sondern ein ganzes Volk überquert da den Fluß. Es ist keine Kriegsszene, sondern vielmehr ein Massenexodus, eine Emigration - ein Thema, das gerade für einen galicischen Autor mehr als naheliegend ist. Doch man fragt sich, wohin diese Menschen überhaupt gehen. Im Rahmen der Gesamtthematik von Herba aquí ou acolá drängt sich zumindest als eine Lesart die Interpretation auf, daß der überquerte Fluß kein anderer als der Styx ist. Bran erschiene damit als eine Art unkonventioneller keltischer Charon, der die Heere der Toten in die Anderwelt geleitet. Jedenfalls ist die andere Seite keinesfalls ein düsterer Ort, sondern vielmehr ein Land der Hoffnung: "Deixaban o país onde anoitece / polo país onde amence". Bran erscheint in seinem sprichworthaften Ausspruch "a uo penn bit pont" bei Cunqueiro nicht als "penn", d.h. 'Anführer' oder 'Häuptling', sondern er mutiert vielmehr zu dem zurück, was er im Kern stets war, nämlich ein (Halb-)Gott: "Quen é o deus que seña a ponte!" Damit situiert Cunqueiro die Szene noch weiter im Bereich des Mythischen, als es die altkymrische Erzählung tut. Er bedient sich dieses Versatzstücks einer altkeltischen Erzählung gänzlich unbekümmert für seine eigenen Zwecke und verwandelt so ein heroisches und kriegerisches Motiv in ein Symbol des Abschieds und des Übergangs in einen anderen Daseinszustand.

Wenn die Keltophilie vieler galicischer Intellektueller auf historisch unhaltbaren Annahmen über die ethnische Herkunft des galicischen Volks beruht - mit jeder kulturellen Übernahme von der Art, wie Os oficios de Bran es zeigt wird die celtic connection der Galicier etwas realer. Nicht irgendwelche mythischen Breogans machen das keltische Element der galicischen Kultur aus, sondern vor allem das weitverbreitete Gefühl einer kulturellen Affinität, das dazu führt, daß man sich in Galicien allgemein stärker für keltische Kultur interessiert, als anderswo. So verstanden, sind die Galicier tatsächlich ein klein wenig keltischer als das restliche Spanien.



Bibliographie
 

  • Botheroyd, Sylvia / Botheroyd, Paul (1992): Lexikon der keltischen Mythologie, München: Eugen Diederichs Verlag.
  • Briesemeister, Dietrich (1959): Die Dichtung der Rosalía de Castro, Dissertation, München.
  • Briesemeister, Dietrich (1989): "Keltentum und Nationalismus in Galicien", in: Drescher, Horst / Völkel, Hermann (Hrsg.): Nationalism in Literature - Literarischer Nationalismus: Literature, Language, and National Identity, Frankfurt am Main: Peter Lang, 347-358.
  • Evans, Simon (1964): A Grammar of Middle Welsh, Dublin: The Dublin Institute for Advanced Studies (Mediaeval and Modern Welsh Series; Supplementary Volume).
  • Jones, Gwyn / Jones, Thomas (Hrsg.) (1982): The Mabinogion, illustrated by Alan Lee, Hendrik-Ido-Ambacht (The Netherlands): Dragon's Dream.
  • Markale, Jean (1970): L'Épopée celtique en Bretagne, Paris: Payot.
  • Mühlhausen, Ludwig / Zimmer, Stefan (Hrsg.) (1988): Die vier Zweige des Mabinogi (Pedeir Ceinc y Mabinogi), mit Lesarten und Glossar, Tübingen: Niemeyer.
  • Thomson, Derick S. (Hrsg.) (1961): Branwen Uerch Lyr, Dublin: The Dublin Institute for Advanced Studies (Mediaeval and Modern Welsh Series; 2).
  • Williams, Ifor (Hrsg.) (21951): Pedeir Keinc y Mabinogi, allan o Lyfr Gwyn Rhydderch, Caerdydd: Gwasg Prifysgol Cymru.
  • Editionen
     

  • Cunqueiro, Álvaro (1996): Han - hemengo jendea, traducido por Mikel Iriarte Cilveti, Euba-Zornotza: Ibaizabal Edelvives (Übersetzung ins Baskische).
  • Cunqueiro, Álvaro (1993): Herba aquí o allà, traduït per Jordi Domènech Soteras, Barcelona: Península Edicions 62 (Els llibres de l'escorpí. Poesia universal del segle XX; 9) (Übersetzung ins Katalanische).
  • Cunqueiro, Álvaro (1991): Herba aquí ou acolá, Vigo: Galaxia (Dombate; 14).
  • Cunqueiro, Álvaro (1988): Herba aquí ou acolá / Hierba aquí o allá, edición bilingüe, traducción de César Antonio Molina, Madrid: Visor (mit kastilischer Übersetzung).
  • Cunqueiro, Álvaro (1987): Herba de aquí e de acolá, Vigo: Galaxia.
  • Cunqueiro, Álvaro (1980): Obra en galego completa, Tomo I: Poesía - teatro, edición de Miguel González Garcés, Vigo: Galaxia (Erstveröffentlichung von Herba aquí ou acolá).



  • 1. Der Vater von Manannán / Manawydan, Bran und Branwen ist der keltische Gott Lir / Llr, der im kulturellen Bewußtsein des gebildeten Europa vor allem in Form des Shakespeareschen King Lear in Erinnerung geblieben ist.

    2. Die beiden wichtigsten Manuskripte sind das White Book of Rhydderch (c. 1300-25) und das Red Book of Hergest (c. 1375-1425).

    3. Ich verwende für diese Darstellung die Edition von Thomson (1961); den mittelkymrischen Text zitiere ich nach der kanonischen Ausgabe Pedeir Keinc y Mabinogi von Ifor Williams (21951).