
| Hinweis: Dieser "Reader" besteht aus den Teilnehmerbeiträgen einer Mallorcaexkursion deutschsprachiger Katalanisten; er war ursprünglich als eine "graue", interne Publikation in photokopierter, Copy-Shop-gebundener Form konzipiert. Nachdem nun bereits die "2. Auflage" vergriffen ist, die Nachfrage aber weiterhin nicht abreißt, habe ich beschlossen, nicht mehr ständig nachkopieren zu lassen und Büchersendungen zu verschicken, sondern stattdessen den gesamten Reader nach HTML zu konvertieren und auf dem Netz zugänglich zu machen. Angesichts der Natur dieser Publikation habe ich auf Feinheiten der Internet-Präsentation verzichtet und biete lediglich den Text und die ursprünglichen Abbildungen. Bei zwei Beiträgen (Radatz und Remberger) gehen dadurch die phonetischen Sonderzeichen verloren, wodurch diese Beiträge nur bedingt lesbar sind. Bei konkretem Interesse an diesen Beiträgen bitte ich um ein E-mail. |
| Vorwort 7
Pròleg i Dedicatòria 8 Maria Barbara Lange (Hamburg)
Lernen Spanischstudenten auch Katalanisch? (12) Außer Katalanisch spreche ich noch ... (14) Ich lerne Katalanisch, weil ... (16) Mallorca-Exkursion 1996 - Echos (19) Tourismus auf Mallorca: Problematik und Perspektiven 23 Anke Fellmann (Berlin)
Peter Pfeiffer (Dachau)
Bettina Trust (Dortmund)
Tilman Haug (Stuttgart)
Uta Eberhard (Mainz)
Agnes Holweck
Claudia Jünke (Köln)
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Hans Paschen (Stuttgart)
Ein Frühling auf Mallorca - Maria Antònia Salvà und die «escola mallorquina» 67
Leben und Werk von Maria Antònia Salvà (70) «Sol de març» von Maria Antònia Salvà (71) Zehn Jahre Normalisierung des Katalanischen auf Mallorca: Die Umsetzung des Normalisierungsgesetzes 77 Hans-Ingo Radatz (Frankfurt am
Main / Chemnitz)
Phonetik und Phonologie (102) Morphologie (108) Syntax (121) Lexik (124) Textproben (130) Bibliographie zum Katalanischen auf Mallorca (135) Der article salat und seinesgleichen - Die von ipse abgeleiteten Artikel in der Romania 139 Katja Uhlisch (Berlin)
L'Alguer: eine katalanische Sprachinsel auf Sardinien 151
Die Wiederentdeckung: (154) Der katalanische Dialekt von L'Alguer (155) Textbeispiele: (166) Die soziolinguistische Situation des Algueresischen heute (168) Auf katalanischen Spuren in Chile 175 |
Auch die Teilnehmer vorangegangener Mallorca-Exkursionen waren gebeten worden, Artikel oder Referate auszuarbeiten - allerdings meines Wissens nach stets vor Antritt der Reise. Ich bin aus mehr als einem Grunde von dieser bisherigen Praxis abgewichen. Referate während der Reise bringen es mit sich, daß Deutsche in Mallorca mit Deutschen über Mallorca sprechen; angesichts der hochqualifizierten Erklärungen der mallorquinischen Gastgeber erschienen mir Referate der notwendigerweise weniger informierten Exkursionsteilnehmer vor Ort entbehrlich. Etwas anderes wäre es gewesen, die Gruppenteilnehmer darum zu bitten, Referate für ein mallorquinisches Publikum vorzubereiten. Auch das schien mir indes problematisch; entweder man hätte Referate zu mallorquinischer Thematik gehalten und das Risiko in Kauf genommen, sich vor einem einheimischen Publikum zu blamieren; oder aber man hätte zu einem Thema nach Wahl des jeweiligen Referenten gesprochen und in Kauf genommen, daß der Bezug zwischen dem Vortrag und unserer Reise nicht mehr erkennbar gewesen wäre.
Bei allen genannten Bedenken gegenüber der bisherigen Praxis war ich allerdings ebenfalls überzeugt, daß wir es unseren mallorquinischen Gastgebern - aber nicht zuletzt auch uns selbst - schuldig waren, die Ergebnisse unserer Auseinandersetzung mit Mallorca, oder zumindest einen Aspekt davon, in schriftlicher Form festzuhalten. Das Ergebnis dieses gruppeninternen call for papers war insgesamt ein großer Erfolg. Die Tatsache, daß jeder, außer dem ganz allegemeinen Interesse für das vorbereitete Programm, auch noch zu einem konkreten und selbstgewählten Thema zu recherchieren hatte, riß uns ein wenig aus der Passivität, die sich leicht einstellt, wenn eine Reisegruppe im Bus von Ort zu Ort gefahren wird. Und die Qualität der Beiträge ist so, daß der eine oder andere beinahe so wie er ist publiziert werden könnte.
Momentan aber ist die Publikationsform noch die eines «Readers».
Mein Kriterium als «Herausgeber» war es, mich weitestgehend
auf die rein formale Erstellung der «Druckvorlage» zu beschränken.
Alle Beiträge, die mir aufgrund dieses call for papers eingegangen
sind, habe ich auch aufgenommen, und zwar in ihrer originalen inhaltlichen
Gestalt. Das Ergebnis ist eine sehr bunte Mischung, aber darum nicht weniger
interessant. Ich möchte alle Autoren dieses Bandes ermutigen, sich
um eine Publikationsmöglichkeit für ihren Artikel zu bemühen
(auch wenn dies noch einmal eine weitergehende Bearbeitung des Textes erforderlich
machen sollte); vielleicht kann dieser Reader dafür ja eine Hilfe
sein. Ob sich eventuell sogar die Möglichkeit ergeben sollte, einen
Kern der hier versammelten Aufsätze in Buchform zu veröffentlichen,
wird die Zukunft zeigen müssen.
Maria Barbara Lange va aprofitar l'ocasió de tenir una bona colla d'alemanys catalanòfils a mà per confrontar-los amb un qüestionari sobre les motivacions que els havien induïts a interessar-se per aquesta llengua.(1)
Els tres següents treballs tracten temes de geografia: Jens Wiegand recull material estadístic sobre el fenomen del turisme a Mallorca i en fa ressaltar les seves perspectives al futur i els problemes que s'hi associen. Anke Fellmann descriu la «morfologia d'una illa» i dóna una visió geològica de Mallorca i de l'arxipèlag balear. Peter Pfeiffer s'ha interessat per la vida econòmica tradicional de la Serra de Tramuntana i dels vestigis que avui en dia en resten.
Segueixen dos articles relacionats amb aspectes arquitectònics de Ciutat. Bettina Trust investiga els famosos patis de les cases senyorials mentre que Tilman Haug situa l'estudi que Josep Sert construí per a Joan Miró dins de l'obra d'aquest eminent arquitecte català.
Un altre bloc de quatre treballs tracta temes de la literatura mallorquina. En el seu article «'La Balanguera' - l'himne inoficial de Mallorca», Uta Eberhard es va proposar de traçar l'origen d'una cançó que aleshores encara era «l'himne inoficial» i que mentrestant ja ha passat a esser-ho de forma plenament oficial. Agnes Holweck investiga el tractament del tema del turisme dins la novel.la Cròniques de la molt anomenada ciutat de Montcarrà de Maria Antònia Oliver. Claudia Jünke proposa una lectura de Baltasar Porcel com a una crònica dels canvis socials que ha soferts Mallorca (i més particularment Andratx) durant les darreres dècades. I Hans Paschen, finalment, dóna una evaluació crítica de l'obra de la «poetêsa» llucmajorera per antonomàsia, Maria Antònia Salvà, i la situa dins de l'anomenada escola mallorquina.
Amb cinc contribucions la secció més numerosa és la següent que tracta de temes lingüístico-filològics. Carsten Sinner ha investigat, fins a quin punt la política de nomalització lingüística ja ha aconseguit el seu propòsit de reinstaurar el català com a llengua normal a tots els àmbits lingüístics de la societat mallorquina; els seus resultats són, si no alarmants, com a mínim preocupants. Hans-Ingo Radatz intenta caracteritzar el català de Mallorca fent ressaltar els aspectes més destacables en què aquesta varietat es diferencia del català estàndard principatí. Heike Lehnert presenta el fenomen de l'article «salat» en la seva dimensió històrica i el situa dins la Romània en general. Katja Uhlisch s'ha ocupat dels arabismes del català tot concentrant-se en aquells que són típicament baleàrics. I Eva Maria Remberger, finalment compara el mallorquí amb l'altre gran dialecte illenc de la llengua catalana - l'alguerès.
El reader conclou amb l'article de la xilena Belma Camacho Aguirre qui ha seguit les pautes de conqueridors i simples imigrants catalans al seu país.
Hans-Ingo Radatz, Chemnitz
Am 3. März 1996 begann zum nunmehr achten Mal eine zweiwöchige Kulturreise nach Mallorca, bei der die Balearische Regierung 25 Katalanisten einlud, ... wozu eigentlich? Das ging aus dem Aushang des Katalanischen Kulturbüros Frankfurt, der an zahlreichen deutschen Universitäten zur Bewerbung um die Teilnahme an der Mallorca-Exkursion 1996 einlud, nicht hervor. Dem Schreiben war lediglich zu entnehmen, daß sich das Angebot «vor allem an wissenschaftlich und kulturell tätige Katalanisten» aus dem gesamten deutschsprachigen Raum richtete. Desweiteren wurde informiert, der Nachweis von Katalanischkenntnissen werde vorausgesetzt, die Teilnehme an einer Vorbesprechung sei erforderlich, das Halten eines Referates Bedingung und das Mitbringen festlicher Kleidung für diverse offizielle und festliche Anlässe angebracht.
Die Vorbesprechung erbrachte immer noch keine Aufklärung über den genauen Zweck der Reise. Wir - die Auserwählten, deren Bewerbung angenommen worden war - erfuhren, irgendwie gehe es den mallorquinischen Veranstaltern der Exkursion wohl darum, vom massentouristischen Image des Teutonengrills mit seinen Hochhausburgen und den Deutsch- bzw. Englischkenntnisse anpreisenden Restaurants wegzukommen. Für das noch ursprüngliche Hinterland sollte geworben werden. Nicht zuletzt sollte der Besuch auch eine ermutigende Wirkung auf diejenigen engagierten Mallorquiner haben, die sich für eine sprachliche Normalisierung einsetzen (und natürlich eine entmutigende auf deren Gegner).
Auch jetzt, nach der Exkursion, bei der wir so weit wie möglich
ferngehalten von jeglichen touristischen Einrichtungen die wirklich wunderschönen
wechselhaften Landschaften Mallorcas zu Wasser und zu Land durchfahren
und auch durchwandert haben, nachdem wir in den verschiedenen Kommunen
- z.T. über Medien wie Zeitung und Fernsehen - unsere Signalwirkung
entfaltet sowie die kulinarischen Spezialitäten studiert, kurz zwei
Wochen lang die mallorquinische Gastfreundschaft in vollen Zügen genossen
haben, ist es mir immer noch unmöglich die Frage zu beantworten. Ich
weiß, daß etliche meiner Reisegefährten dieses gewisse
Gefühl der Verwirrung mit mir teilen, das nach der sicherlich für
alle gelungenen Reise zurückblieb. Für mich ist jedoch die Frage
nach dem Zweck der Exkursion vor einer weiteren Frage etwas in den Hintergrund
gerückt. Hatte ich nämlich vor der Reise angenommen, daß
es sich bei den Teilnehmern allesamt (mit Ausnahme meiner werten Person,
ich studiere Englisch und Spanisch und lerne Katalanisch «nur so»)
um jene aufgerufenen «wissenschaftlich und kulturell tätigen
Katalanisten» handelte und ich selbst eher zufällig auf die
Teilnehmerliste geraten sei, so hatte ich mich hierin geirrt. Wie ich im
Laufe zahlreicher Gespräche, zu denen sich bei Busfahrten und Wanderungen
auf der Reise oft Gelegenheit bot, feststellte, waren die meisten bezüglich
der katalanischen Sprache ebensolche Amateure wie ich und es gab sogar
einige, die sich dem Katalanischen erst in theoretischer Form, wie z.B.
beim vergleichenden Studium der romanischen Sprachen, beschäftigt
hatten. Andere wiederum befaßten sich gar nicht mit dem wissenschaftlichen
Studium irgeneiner Sprache und hatten dies auch niemals getan. Diese Erkenntnis
veranlaßte mich dazu, der Frage nachzugehen «Wer lernt eigentlich
Katalanisch?».
Um näheres über die Persönlichkeiten und eventuelle Gemeinsamkeiten meiner Mitreisenden herauszufinden, deren gemeinsamen Nenner ja für mich zunächst lediglich eine wie auch immer geartete Beziehung zur katalanischen Sprache darstellte, erstellte ich zunächst einen Fragebogen. In diesem stellte ich unter anderem Fragen über Fremdsprachenkenntnisse, Studienfächer und Details über das Interesse des Einzelnen am Katalanischen. Auf diese Weise erhoffte ich mir, zu so etwas wie der Beschreibung eines Prototypes des Katalanischstudenten zu gelangen. Von 25 Exkursionsteilnehmern fanden sich immerhin 17 bereit, meine 20 Fragen über 'sich, das Katalanische und den ganzen Rest' ausführlich zu beantworten.
Ich stellte fest, daß sich unter den Befragten zehn Frauen und
sieben Männer mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren befanden.
Mit zwei Ausnahmen, bei denen das Studium schon einige Zeit zurücklag,
handelte es sich bei allen noch um Studenten, wobei ich einen frischgebackenen
Hochschulabsolventen und mehrere Examenskandidaten zu letzteren dazuzähle.
Unter den angegebenen Studienfach-Kombinationen tauchten 14 auf, die das
Studium einer oder mehrerer Sprachen beinhalteten. Dabei wurde unter vielem
anderem 10 mal Spanisch und zwei mal Romanistik angegeben, die anderen
beiden Philologen befaßten sich mit Französisch und allg. Sprachwissenschaften.
Es wiederholten sich noch vier mal Französisch als Kombination mit
Spanisch, vier mal das Nebenfach Pädagogik und ebenfalls vier der
angegebenen Nebenfächer stammten aus der Germanistik. Ansonsten war
keine Regelmäßigkeit zu erkennen. Die drei 'Nichtphilologen'
studierten Mathematik, Wirtschaftswissenschaften und Geschichte.
Eine erste Überraschung war bei diesem Ergebnis, daß nur ein einziges mal Katalanisch überhaupt als Studienfach auftauchte. Eine weitere Überraschung erlebte ich, als ich mich an die Überprüfung der einzigen für mich ersichtlichen Gemeinsamkeit machte, dem Studium des Spanischen, das doch immerhin zehn von den 16 Katalanisch lernenden Studenten betrieben. Ich entwarf einen weiteren Fragebogen, um meine These 'Die Wahrscheinlichkeit, daß ein deutscher Spanischstudent Katalanisch lernt, ist hoch' zu überprüfen. Dieser Fragebogen war sehr kurz und allgemein gehalten. Er fragte nur nach etwaigem allgemeinem Wissen über Katalonien, Kenntnissen des Katalanischen und dem Interesse an dieser Sprache und ich verteilte ihn an 20 Teilnehmer eines Einführungsseminares in das Studium der spanischsprachigen Literatur an der Universität Hamburg. Wie ich hinterher erfuhr, war die sprachliche Gliederung der Iberischen Halbinsel Bestandteil der unmittelbar vorhergehenden Seminarsitzung gewesen und deshalb sollte man die Tatsache, daß 19 der 20 Befragten Katalonien einigermaßen richtig in eine Europakarte einzeichnen konnten, nicht als überraschend ansehen. Bemerkenswert ist dennoch, wenn auch am Rande, daß fast alle Seminarteilnehmer, in deren Seminarordner sich gleich vorne an eine exakte Karte der Iberischen Halbinsel und ihrer Sprachgebiete befand, Katalonien kleiner als in Wirklichkeit und als einen in etwa um Barcelona zentrierten Halbkreis einzeichneten. Nur einer der Befragten (interessanterweise nicht der Katalane, der sich unter ihnen befand...) zog die Balearen in seine Zeichnung mit ein.
Bei der Frage nach der katalanischen Sprache und was sie darüber
wüßten, antwortete die mit sieben größte Gruppe der
20 Befragten mit «eine romanische Sprache». Sechs antworteten
mit «eine der vier in Spanien gesprochenen Sprachen» bzw. «(offizielle
/ Amts-) Sprache in Katalonien» und fügten zum Teil «unter
Franco verboten» hinzu. Die restlichen sieben Antworten waren unterschiedlich,
wie z.B. «anders als Spanisch», «Spanischer Dialekt»,
«enthält spanische und französische Dinge», «keine
Ahnung» etc. Nach Verständnis des Katalanischen befragt ergab
sich folgendes:
| Verstehen das Katalanische | Beherrschen das Katalanische | |
| ja | 2 | 1 |
| ein bißchen | 4 | 1 |
| kaum | 2 | 1 |
| gar nicht | 12 | 17 |
Zu meiner Enttäuschung stellte sich heraus, daß es sich bei
den einzigen beiden, die über aktive Kenntnisse des Katalanischen
verfügten, um einen Katalanen und einen in Hamburg studierenden Schweden
handelte: Spätestens an diesem Punkt mußte ich meine These 'Die
Wahrscheinlichkeit, daß ein deutscher Spanischstudent Katalanisch
lernt, ist hoch' für widerlegt erklären. Zumindest zu Beginn
seines Studium (ich hatte die Teilnehmer eines Einführungskurses befragt)
tut er das offensichtlich nicht! Auf die vorsichtig formulierte Frage «Könntest
Du Dir vorstellen, Katalanisch zu lernen?» bekam ich von den 19 Nichtkatalanen
eine dementsprechende Antwort:
| Interesse am Katalanischlernen: | Anzahl der Befragten |
| ja | 2 |
| unter gewissen Umständen vielleicht | 4 |
| nein | 12 |
| keine Antwort | 1 |
Was war es also, was die Teilnehmer der Mallorca-Exkursion untereinander
verband? Ich ging nun daran, die Angaben auszuwerten, die die Exkursionsteilnehmer
über ihre Fremdsprachenkenntnisse gemacht hatten.
Von den 17 befragten Gruppenteilnehmern verfügten 16 über
aktive Kenntnisse der Katalanischen Sprache. Weiterhin gaben die Befragten
an, über folgende Sprachkenntnisse zu verfügen:
| Anzahl | Sprache |
| 16 | Englisch, Französisch |
| 15 | Spanisch |
| 8 | Latein |
| 5 | Italienisch, Russisch |
| 3 | Altgriechisch, Portugiesisch |
| 2 | Rumänisch |
| 1 | Afrikaans, Altenglisch, Bretonisch, Galicisch, Kiswahili, Niederländisch, Okzitanisch, Tschechisch, Walisisch (Kymrisch) |
| Durchschnittliche Punktzahl | Sprache |
| 8 | Englisch, Spanisch |
| 7 | Französisch, Katalanisch, Portugiesisch, Tschechisch |
| 6 | Altgriechisch, Kiswahili, Latein, Niederländisch |
| 5 | Altenglisch, Bretonisch, Italienisch, Okzitanisch, Walisisch (Kymrisch) |
| 4 | Galicisch, Rumänisch, Russisch |
| 1 | Afrikaans |
Dieses Ergebnis stimmte generell durchaus mit den bei der Frage nach
den Studienfächern gewonnenen Erkenntnissen überein - und war
darüberhinaus wenig sensationell (lediglich die Anzahl der jeweils
beherrschten Sprachen überraschte mich, es waren durchschnittlich
sechs - andererseits: schließlich studierten ja nunmal die meisten
der Befragten Sprachen ...). Ich stürzte mich nun auf die Gründe,
die die Einzelnen für ihr Interesse an Katalanisch angegeben hatten.
Vielleicht würde ich ja hier eine Gemeinsamkeit aufdecken.
Zunächst einmal begann ich mit der Frage, wie die Sprachkenntnisse meiner Mitreisenden zustandegekommen waren und seit wann sie Katalanisch lernten. Es stellte sich heraus, daß von den 16 Befragten, die über aktive Katalanischkenntnisse verfügten, neun zunächst vor Ort, z.B. bei Spanischkursen in bzw. Urlaubsreisen nach Katalonien, angefangen hatten, Katalanisch zu lernen. Fünf andere hatten ihre Karriere als Katalanisten direkt mit dem Belegen von Kursen an der Uni begonnen. Zwei weitere Befragte hatten außerhalb Kataloniens aber zunächst privat mit dem Erlernen des Katalanischen begonnen. Von den Befragten gaben weiterhin sieben an, längere Zeit in Katalonien verbracht zu haben (durchschnittlich acht Monate). Vier Personen hatten dort regelmäßig Urlaub gemacht, eine Person hatte schon einmal einen Sprachkurs dort besucht und für fünf der Befragten war die Exkursion nach Mallorca die erste Reise in katalanischsprachiges Gebiet gewesen. Bis auf einen der 16 Befragten hatten jedoch alle irgendwann einmal auch Kurse an einer deutschen Universität belegt. Bei den 14 definierten «noch-Studenten» stellte sich eine, wie ich fand überraschend kurze, durchschnittliche Katalanisch-Studienzeit von drei Semestern an deutschen oder spanischen Hochschulen heraus.
Was aber waren nun genau die Gründe, die die Einzelnen zum Erlernen einer Sprache veranlaßt hatten, für die andere (z.B. die von mir befragte 'Kontrollgruppe' von Hamburger Studenten) so wenig Interesse aufbringen können und die 15 von 16 der Befragten nach eigenen Angaben nur bei Kursen an der Uni oder bei gelegentlichen Aufenthalten in Katalonien überhaupt anwenden können? Schon der erste Blick auf die hierzu gegebenen außerordentlich ausführlichen Antworten zeigte mir, daß man offensichtlich einen guten und nicht in wenigen Worten zu erklärenden Grund haben muß, um Katalanisch zu lernen.
Die Antworten gaben die unterschiedlichsten Kombinationen von Gründen für das Katalanischlernen an. So kurze Antworten, wie «Ich lerne einfach gerne Sprachen», «Ich habe eine katalanische Freundin» oder «Ich suchte einen Ausgleich zu meinem [nichtphilologischen] Studium» waren die Ausnahme. Auch die Antworten «Ich lerne Katalanisch, weil ich dadurch mit wenig Aufwand einen für mein Studium nötigen Lateinersatz habe. Außerdem finde ich die Sprache exotisch» oder «Ich betrachte Katalanisch als freiwillige Ergänzung zum Hispanistikstudium und lerne es aus persönlichem Interesse» waren noch relativ kurz. Andere hatten sich im Rahmen ihres Studiums in Deutschland «am Rande» mit Katalanisch beschäftigt, hatten dabei persönliche Kontakte zu Katalanen geknüpft und waren so beim Studium der Sprache gelandet. Wie schon oben erwähnt, hatten viele vor Ort erste Erfahrungen mit der Katalanischen Sprache gemacht und dort mit deren Erlernen begonnen. Ihre Studien in Deutschland waren also zum großen Teil lediglich eine Wiederhinwendung zum einmal geweckten Interesse. Einen speziellen Fall bildete eine ExKunststudentin, die unbedingt in Barcelona hatte Kunst studieren wollen und deshalb Katalanisch lernte. Über Katalanischkurse bei der Rheinisch-Westfälischen Auslandsgesellschaft war ihre Begeisterung an den romanischen Sprachen so gewachsen, daß sie am Ende das Studienfach wechselte (sie war übrigens die einzige aus der Gruppe der Befragten, die, wenn auch im Nebenfach, tatsächlich Katalanisch studierte).
Auf der Suche nach einer Gemeinsamkeit, die alle Befragten verband, stieß ich schließlich auf eine Gruppe von Worten, die in den komplizierten individuellen Begründungen der Befragten für ihre Begeisterung am Katalanischen immer wieder auftauchten: «persönlich», «privat», «Freunde», «Freundschaft» etc. (an diesem Punkt hatte ich fast schon aufgeben und zu dem Schluß kommen wollen, daß die einzige Übereinstimmung bei den Antworten die Abwesenheit von Gemeinsamkeiten sei und demzufolge die einzige mögliche Schlußfolgerung in «Nur Individualisten lernen Katalanisch!» bestünde). Bei emeuter Lektüre der Antworten ergab sich dann, daß bei 11 der 16 katalanischsprechenden Befragten in der Palette der angegebenen Gründe die Freundschaft zu Katalanen einer der Hauptgründe für ihr Interesse am Katalanischen war. Dies war für mich ebenso überraschend wie einleuchtend und obwohl ich über keine statistischen Angaben darüber verfüge, warum deutschsprachige Studenten andere Sprachen wie Englisch, Spanisch oder Französich lernen, wage ich doch zu behaupten, das hierbei die Antworten deutlich anders ausfallen würden. Bestätigt wird in meinen Augen diese Vermutung durch die Antworten der Hamburger Spanischstudenten, die ihren Mangel an Interesse am Katalanischen zum Beispiel damit begründeten, daß sich durch den Erwerb dieser Sprache kein neues Reiseland für sie erschließen würde oder daß die Anzahl der Sprecher zu gering sei.
Obwohl die «privaten / persönlichen Gründe» für das Katalanischlernen die augenfälligste Gemeinsamkeit darstellten, wurden sie selten als einzige Begründung angeführt. Leider offenbarten sich im Laufe meiner Untersuchungen über die Motivation der Katalanisch Lernenden die Mängel des von mir erstellten Fragebogens. So war die Frage «Warum lernst Du Katalanisch?» ganz offensichtlich zu allgemein gestellt und auch wenn ich durch die Antworten auf andere Fragen («Wie / Wo hast Du Katalanisch gelernt?», «Seit wann lernst Du Katalanisch?») zum Teil die gegebenen Antworten ergänzen konnte, war eine erschöpfende systematische Klärung der Motivation nicht möglich. Anderen Interessierten möchte ich deswegen empfehlen, im Falle einer etwaigen Untersuchung dieses Themas von Anfang an eine Interessenkombination vorauszusetzen und gegebenenfalls bei eigenen Untersuchungen ihre Fragen dementsprechend zu formulieren. Dabei sollte auch auf die weiteren Zusammenhänge eingegangen werden. So scheint mir zum Beispiel die von mir ermittelte hohe Anzahl der von den Einzelnen erlernten Sprachen relevant. Zusammen mit der mehrfachen Bekundung eines allgemeinen Interesses an Sprachen, etwa der Art «ich lerne einfach gerne Sprachen» oder «romanische Sprachen interessieren mich im allgemeinen» könnte man hier unter Umständen zu dem Ergebnis gelangen, daß die Wahrscheinlichkeit, daß jemand, der schon fünf Fremdsprachen spricht, unter denen sich eine oder mehr romanische Sprachen, insbesondere Spanisch, befinden, als nächste Fremdsprache Katalanisch erlernt, recht hoch ist. Auf jeden Fall, wenn er sich dann irgendwie mit Katalanen anfreundet ... Hier bietet sich mit Sicherheit noch ein weites Feld zur Untersuchung an.(2)
So unterschiedlich wie die Motivation der Katalanisch Lernenden begründet
war, so einheitlich äußerten sie sich über die Lehrmethoden.
Positive Bewertungen waren in den meisten Fällen an die Persönlichkeit
der Lehrenden gebunden, die über Begeisterungsfähigkeit verfügten
und sich zum Teil mit großem Engagement und viel Phantasie den individuellen
Wünschen der meist kleinen Gruppen anpaßten. Ansonsten wurde
den Bedürfnissen deutscher Studenten nicht angepaßtes, für
spanische Muttersprachler entworfenes Lehrmaterial bemängelt und kritisiert,
daß der Unterricht unsystematisch und didaktisch schlecht aufbereitet
sei. Die weitgehende Vernachlässigung von über Hörverstehen
und Sprechfähigkeit hinausgehendem Wissen wurde in den meisten Fällen
als Mangel der Lehre empfunden (Während die meisten Befragten angaben,
über recht gute passive Kenntnisse des Katalanischen zu verfügen,
beklagten sie mangelnde aktive Beherrschung der Sprache, vor allem beim
Schreiben). Weitere Schwierigkeiten des Lernens wurden auf alles andere
als homogene Gruppen und die geringe Anzahl an Unterrichtsstunden an deutschen
Universitäten geschoben. Alle Befragten gaben an, ihre Kenntnisse
noch erweitern zu wollen, wenn auch in unterschiedlicher Form und mit unterschiedlicher
Zielsetzung.(3) Niemand wollte dies jedoch
an der Universitat de les Illes Balears tun - womit ich wieder bei
meiner Frage nach der Zielsetzung der Reise angelangt wäre, oder anders
formuliert, der Frage danach, was die Reise den Einzelnen beteiligen gebracht
hat.
Wie schon gesagt, zu einem Studium auf Mallorca hat sie keinen angeregt, unsere Exkursion. Hätte sie das gesollt? Die durchweg negativen Antworten auf die Frage nach Möglichkeit und Interesse an einem Studium auf Mallorca sprechen nicht nur gegen das eingeschränkte Angebot der Uni und gegen die isolierte Insellage, sondern haben gewiß auch mit unserem Besuch der Universität zu tun. Hier wurden wir unter anderem fälschlicherweise für Erstsemester der Kunstgeschichte an der Uni gehalten und ausführlich über den Verlauf unseres zu beginnenden Grundstudiums informiert (das war uns mindestens genauso peinlich wie der sympathischen Kunstdozentin, die man über uns gänzlich falsch informiert hatte).
Außerdem wurden wir an der Uni (und nicht nur dort) mehrfach daraufhin angesprochen, daß nach Jahren des einseitigen Besuches von Deutscher Seite jetzt endlich die Zeit für eine Einladung mallorquinischer Studenten gekommen sei. Dies zeugte nicht nur von der schon erwähnten allgemeinen Uninformiertheit über unsere Gruppe (Wir repräsentierten weder eine deutsche Universität, mit der man einen Austausch organisieren könnte, noch war unsere Kulturreise auf Einladung der Universität Mallorca erfolgt. Außerdem bietet die Uni gar keine Möglichkeit zu einem Germanistikstudium, so daß es - sollte man der Forderung nach einem Austausch in irgend einer Form nachgehen wollen - fraglich bleibt, wer denn überhaupt an einem Austausch interessiert sein könnte.) sondern wirkte noch dazu in der erfolgten Form einer Aufforderung zu einer längst fälligen, aber seit langem verweigerten Leistung recht unhöflich.
Es bliebe zu überlegen, ob man unter diesen Gesichtspunkten entweder den Besuch der Uni bei zukünftigen Exkursionen radikal umgestaltet, der nicht nur in seiner jetzigen Form bei keinem der Befragten großes Interesse an einem Studium auf Mallorca hervorrief, sondern noch dazu von vielen bei der Frage nach negativen Erfahrungen angeführt wurde, oder diesen Punkt eventuell sogar ganz von dem Veranstaltunsplan streicht. Zumindest solange ein Deutschstudium auf Mallorca ohnehin nicht möglich ist und somit von Seiten der mallorquinischen Studenten kein näheres Interesse an einem Kontakt zu deutschen Studenten erwartet werden kann. Vor einem weiteren Besuch der Universität müßten aber wenigstens die dortigen Veranstalter die Zusammensetzung und Interessen der Gruppe zur Kenntnis nehmen, so daß es den interessierten Studenten der Gruppe möglich würde, zu erfahren, wie sich denn - falls auf der Insel möglich - ein Studium ihrer jeweiligen Fächer dort gestalten könnte bzw. was für andere interessante Studienmöglichkeiten die Universität bietet.
Insgesamt stellte der nicht gelungene Besuch an der Universität jedoch eine Ausnahme dar. Nach dem «bemerkenswertesten» Erlebnis gefragt, erhielt ich auf meinem Fragebogen eine derartige Fülle von überwiegend begeisterten Antworten, daß allein dies ein Thema für sich wäre. Neben den Naturschönheiten und Sehenswürdigkeiten wurde die große Gastfreundschaft erwähnt und das überwältigende Erlebnis, für das bloße Erlernen einer Sprache Anerkennung zu bekommen. Das bezeichneten viele der Befragten als eine (in diesen Ausmaßen und dieser Form?) neue und schöne Erfahrung, die sich in meinen Augen nahtlos in das Bild der durch persönliche Erfahrungen und Kontakte und Bestätigung geprägten Motivation der Katalanisch Lernenden einfügt.
Danach gefragt, ob sie die Reise noch einmal machen würden, antworteten jedoch nur fünf der Befragten mit einem vorbehaltlosen «ja». Natürlich ist die Reise ja auch nur als einmalige Veranstaltung geplant, die nur einen ersten Eindruck vermitteln soll und kann. Es wäre nicht sinnvoll, sie in genau der Form zu wiederholen (jedenfalls nicht für diejenigen, deren Katalanischkenntnisse ausgereicht hatten, den Ausführungen unser Gastgeber einigermaßen zu folgen). Es gibt aber noch einen anderen Grund für die zurückhaltende Reaktion der Beteiligten. Hatten sie in der Regel zunächst angegeben, ohne konkrete Erwartungen die Reise angetreten zu haben, antworteten überraschen viele später auf die Frage, was aus ihren Erwartungen geworden sei etwa «es war toll, aber ...», also mit einer Einschränkung. So frei war also doch keiner von Erwartungen gewesen.
Offensichtlich hatten viele angenommen, sie würden mehr Gelegenheit zum Sprechen haben. Von den Befragten gaben nur diejenigen an, ihre Sprachkenntnisse erweitert zu haben, die bis dahin noch nie katalanischen Boden betreten hatten und deren Kenntnisstand nach eigener Einschätzung niedrig war. Diese äußerten sich auch durchweg zufriedener über die Reise. Hier wiederholt sich in meinen Augen der auch an den Sprachkursen bemängelte Unterschied der Sprachniveaus. Vielleicht ist es möglich, den unterschiedlichen Wissensständen der Beteiligten in irgendeiner Form Rechnung zu tragen. Meiner durch den Fragebogen gewonnenen Meinung nach empfiehlt sich die Reise dementsprechend nicht für Studierende mit längerer oder tiefgehenderer Katalonienerfahrung - es sei denn, sie sind darauf vorbereitet (und bekommen dazu die Gelegenheit) sich mit über Allgemeinheiten hinausgehenden Themen selbstständig zu befassen.
Die erklärte Enttäuschung über mangelnde Gelegenheit zur Anwendung der Katalanischkenntnisse liegt nach meiner Meinung an der Unklarheit, die über die Zielsetzung der Reise herrscht und könnte vermieden werden. Zu diesem Punkt schrieb eine der Befragten, viel habe sie nicht dazugelernt, nur «small talk mit batles » machen. Auch machte sich nach der Reise Frust darüber breit, daß viele Mallorquiner sich weigern, mit Ausländern anders als auf Spanisch zu kommunizieren. Gerade darin offenbart sich nun aber für mich ein Grund für unsere Einladung. Bestünde nicht genau dieses Problem, machte es gar keinen Sinn, eine Truppe Katalanisch lernender Deutscher über die ganze Insel zu führen.
Als besondere Erfahrung wurde außerdem erstaunlich oft das Leben
und Reisen mit einer Gruppe angeführt. Auch ich habe den Kontakt zu
so vielen ähnlich interessierten Altersgenossen als einen der größten
Pluspunkte der Reise empfunden. Die vielen angeregten Gespräche auf
unseren Fahrten und Spaziergängen werde ich in guter Erinnerung behalten
und ich glaube, ein paar neue Freunde habe ich auch gewonnen! Um so erstaunter
war ich, als ich die Fragebögen auswertete und merkte, wie wenig ich
im doch letztendlich überhaupt über meine Mitreisenden erfahren
hatte. Das empfinde ich im Nachhinein als Verlust und würde mir für
weitere Gruppen wünschen, daß die Gruppenleitung der großen
Bedeutung, die die Interaktion der Gruppe für das Gelingen der gesamten
Reise hat, mit noch mehr Engagement Rechnung trägt.
Spanien ist nach Frankreich das touristisch meistfrequentierte Urlaubsziel der Welt.(4) Der Reiseverkehr konzentriert sich vor allem an den Küsten des Mittelmeeres und auf den spanischen Inseln. Als Synonym für den auf Sonne und Strand gerichteten Massentourismus steht die Baleareninsel Mallorca.
Bis in die 50er Jahre waren die Balearen ein zutiefst agrarisch geprägter Raum, ein chronisches Abwanderungsgebiet, das von der Industrialisierung Europas nicht erreicht wurde. Dieses Bild hat sich im Laufe weniger Jahrzehnte radikal gewandelt: Zwei massive Wachstumsschübe in den 60er und 80er Jahren machten die Inseln zu einem Aktivraum, der mit nahezu einem Drittel der spanischen Hotelkapazitäten 18% der Deviseneinnahmen des Landes erwirtschaftet (vgl. Kulinat 1986:31). Jährlich besuchen die Insel rund 6 Millionen Touristen.
Seit 1950 hat sich die Einwohnerzahl der Balearen nahezu verdoppelt, die Inseln erwirtschaften das höchste Pro-Kopf-Einkommen Spaniens bei der niedrigsten Arbeitslosigkeit.(5) Im Sommer werden außerdem ca. 30.000 Saisonarbeiter vom spanischen Festland beschäftigt.
Die Kehrseite des schnellen Reichtums ist das, was unter dem Schlagwort 'Balearisierung' zusammengefaßt wird: Auflösung einer gewachsenen Kulturlandschaft, wirtschaftliche Monostruktur, Zersiedlung, Spekulation, Umweltbelastung und -zerstörung. Allmählich beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, daß die Weiterentwicklung des bisherigen wilden Wachstums nicht endlos fortgesetzt werden kann. Bereits 1984 wurden aus der Einsicht, daß der Tourismus seine eigenen Grundlagen, nämlich die Sauberkeit von Wasser und Landschaft zerstört, von der autonomen Regierung die ersten Gesetze zur Selbstbeschränkung erlassen. Dennoch kam es in den Boomjahren 1986 bis 1990 nochmals zu einem 20%igen Zuwachs an Hotelkapazitäten.
Offiziell werden auf Mallorca etwa 277.000 Betten gezählt, die unangemeldeten 'schwarzen' Unterkünfte werden auf weitere 100.000 geschätzt.(6)
Die urbane Ausdehnung fand bisher ohne Rücksicht auf sensible Ökosysteme oder ästhetische Gesichtspunkte statt. Inzwischen sind rund 80% der geeigneten Küstenstreifen bebaut. Im touristischen Expansionsprozeß wurde das gewachsene regionale Wirtschaftsgefüge der Insel völlig umgestaltet. Zwischen Küsten und Binnenland prägten sich tiefe innerinsulare Disparitäten aus: Tourismusinduzierte Verdichtungen machen die Küsten zu Aktivräumen, während die Binnenregionen von Stagnation und abnehmenden Nutzungsansprüchen betroffen sind. Diese sind von Abwanderung und Überalterung der Bevölkerung gekennzeichnet.
Der überwältigende Erfolg der Tourismusbranche hat darüberhinaus eine (möglicherweise gefährliche) wirtschaftliche Monostruktur entstehen lassen. Die agrarische Nutzung der Binnenräume nimmt immer weiter ab, seit 1981 wurde ein Rückgang der Zahl der aktiven Landwirte um 65% verzeichnet.(7) Insgesamt sank der Anteil der Beschäftigten im Primären Sektor von 40,2% (1955) auf 3,7% (1990) (vgl. Schmitt 1993:462). Heute sind zwei Drittel der aktiven Bevölkerung im Dienstleistungssektor beschäftigt. Auch die Industrie orientiert sich am Tourismus, im Sekundären Sektor dominiert die Bauwirtschaft, neben Kunsthandwerk, Lederverarbeitung und Bekleidungsproduktion. Der Anteil des Tourismus am Sozialprodukt beläuft sich auf konstant über 70%.
Der augenfälligste Effekt des Fremdenverkehrsbooms ist die exzessive Raumbelastung in den küstennahen Verdichtungsräumen. Zum Wildwuchs der Urbanisationen trug die Unzulänglichkeit der administrativen Organisation bei, die der Boden- und Immobilienspekulation keine Grenzen setzen konnte. Bis heute existieren praktisch keine überregionalen Raumordnungskompetenzen. Bebauungs- und Flächennutzungspläne werden auf Gemeindeebene, nach lokaler Interessenlage erstellt.
Bestehende Vorschriften werden halbherzig umgesetzt. Nach einer Statistik des Govern Balear waren bis 1989 über 25% der Apartmentgebäude ohne offizielle Genehmigung errichtet worden, weiteren 17% wurde die Genehmigung erst nachträglich erteilt (vgl. Breuer 1992:23).
Die Expansion des Fremdenverkehrssektors hat zu einer Reihe schwerer Umweltprobleme geführt. Wegen übermäßiger Entnahme von Grundwasser ist Meerwasser in die, aufgrund des Karstcharakters der Insel ohnehin begrenzten unterirdischen Wasserreservoirs eingedrungen.(8) Vielerorts müssen wegen des hohen Nitratgehalts teure Wasseraufbereitungsanlagen errichtet werden. Besonders akzentuiert wird die Wasserproblematik durch die Nachfragespitze von Intensivlandwirtschaft und Tourismus in den trockensten Monaten. Im Sommer 1995 wurden täglich 35.000 Kubikmeter Trinkwasser von Tarragona nach Palma verschifft. 1998 soll das Problem durch die Inbetriebnahme einer Meerwasseraufbereitungs- und Entsalzungsanlage in der Bucht von Palma gelöst werden (vgl. Motz 1995:87).
Auch die Abwasserproblematik ist nicht vollständig gelöst. Zwar sind inzwischen fast alle Gemeinden mit Kläranlagen ausgestattet, doch kommt es zu saisonalen Überlastungen, so daß ungeklärte Abwässer ins Meer gelangen. Die Yachthäfen mit derzeit etwa 15.000 Liegeplätzen verfügen über keinerlei Abwasserentsorgungssystem. Für die kommenden Jahre ist die Konstruktion zusätzlicher Sporthäfen für eine Gesamtkapazität von 25.000 Booten geplant, was jedoch angesichts mangelnder Nachfrage vermutlich nicht vollständig verwirklicht wird.(9) Der angestrebte Bau von bis zu 44 neuen Golfplätzen wird den Wasserhaushalt der Insel weiter belasten, auch wenn die Autonome Regierung inzwischen die Auflage erteilt hat, daß nur geklärtes Brauchwasser verwendet werden darf.(10)
Zur Müllentsorgung ist inzwischen eine 165 Millionen Mark teure Verbrennungsanlage errichtet worden, deren Inbetriebnahme sich jedoch auf unabsehbare Zeit verzögert, da keine Deponie für die Verbrennungsrückstände verfügbar ist.(11) Die «massenhaft» existierenden wilden Müllkippen sind bisher nicht administrativ erfaßt, geschweige denn Maßnahmen zu ihrer Beseitigung eingeleitet worden.(12)
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die 'üblichen' Umweltprobleme stark urbanisierter Räume durch die Naturcharakteristika und die extreme saisonale Belastung Mallorcas eine deutliche Akzentuierung erfahren. Inzwischen hat die Beeinträchtigung der natürlichen Umwelt in einigen stark belasteten Gebieten zu einem Rückgang der Besucher geführt.(13)
Um 1990 trat der Tourismus auf Mallorca in eine depressive Phase ein, vor allem ausgelöst durch den massiven Rückgang britischer Besucher aufgrund der dort abnehmenden Realeinkommen. Von 1989 bis 1991 sank die Zahl der britischen Touristen um eine Million (vgl. Breuer 1992:45). Die Krise wurde jedoch durch den Ausfall der jugoslawischen Konkurrenz, den Rückgang des Tourismus im östlichen Mittelmeer aufgrund des Golfkriegs und die Einbeziehung Ostdeutschlands durch massive Werbung und Billigangebote abgefedert.
Unter diesen Eindrücken setzt sich auch innerhalb der politischen Führung der Balearen die Erkenntnis durch, daß umfangreiche Maßnahmen zur zukünftigen Sicherung des Besucherstroms notwendig sind, zumal das Umweltbewußtsein in den Herkunftsländern der Reisenden ausgeprägt ist. Die Autonome Regierung der Balearen setzt in ihrer Zukunftsplanung vor allem auf eine Qualitätsverbesserung des touristischen Angebots und die Attraktion zahlungskräftigerer Kunden. Bisher läßt sich in der Angebotsstruktur der Insel das Image des Billigurlaubsziels klar nachweisen: Nur 0,6% der Hotels entsprechen dem Fünf-, 8,5% dem Vier-Sterne-Standard (vgl. Breuer 1992:53). Zukünftig sollen die Unterkunftskapazitäten nicht weiter wachsen, bestehende aber aufgewertet werden. 1995 wurden 22 Hotels und 13 Apartmentkomplexe mit 3.615 Betten abgerissen. Gleichzeitig entstanden aber neue Unterkünfte mit 4.500 Betten.(14) Darüberhinaus befinden sich eine Reihe von Infrastrukturprojekten im Bau, wie die Erweiterung der Zubringerautobahn und ein neuer Abfertigungsterminal für den zur Hochsaison völlig überlasteten Flughafen Palma.(15)
Neben der Qualitätsverbesserung strebt die Administration eine Diversifizierung des touristischen Angebots an. Sie setzt auf eine Einbeziehung der ländlichen Regionen, z.B. durch die Erschließung der Serra Tramuntana mit Wanderwegen und Unterkünften. Ein Drittel der Inseloberfläche wird durch ein Naturschutzgesetz (Llei d'Espais Naturals, 1991) erfaßt, das in seiner Schutzfunktion völlig unzureichend erscheint. Es kann maximal dazu dienen, die ausgewiesenen Gebiete vor flächenhafter Bebauung zu bewahren. Tatsächlich haben sich einige der touristisch attraktiven Räume zu besonders einträglichen Spekulationsobjekten entwickelt.(16) Die Schwäche der spanischen Naturschutzgesetzgebung wird auch am Beispiel der Insel Cabrera deutlich, die nach Ankündigung der Regierung in Madrid 1996 wieder für militärische Manöver genutzt werden soll.(17)
Eine mittel- bis langfristige Prognose zur Tourismusentwicklung Mallorcas
abzugeben, erscheint angesichts der Vielzahl der Einflußfaktoren
kaum möglich. Die Ansätze zur Verbesserung der Umweltqualität
und Reduzierung der Hotelkapazitäten sind sicherlich richtig, gehen
aber nicht weit genug. Welche Ergebnisse die forcierte Integration der
Binnenräume in die touristische Wirtschaft zeitigen wird, muß
sich derzeit eher auf dem Niveau einer Glaubensfrage bewegen. Die ökonomische
Perspektive der Insel hängt unter anderem stark von der Entwicklung
der Lebenshaltungskosten in Spanien, der wirtschaftlichen Situation der
Heimatländer der Besucher und der internationalen Konkurrenz ab.
Bosque Maurel, Joaquín / Vilà Valentí, Joan (Hrsg.) (1992): Geografía de España, Bd. 9: Cataluña y Baleares, Barcelona.
Breuer, Toni et al. (1992): Tourismus auf Mallorca. Bilanz, Gefahren, Rettungsversuche, Perspektiven. Zu den Grenzen touristischen Wachstums, Bensberger Protokolle 77, Bergisch Gladbach.
Kulinat, Klaus (1986): «Fremdenverkehr in Spanien», in: Geografische Rundschau 38:1, 1986, S. 28-35.
Motz, Roland (1995): Mallorca. Ein Reisebuch in den Alltag, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Schmitt, Thomas (1993): «Tourismus und Landschaftsschutz auf Mallorca», in: Geografische Rundschau 43:7-8, S. 459-467.
Mallorca mag in der öffentlichen Meinung der Inbegriff von Massentourismus und «Urlaubsglück» sein; doch ein preisgünstiger Urlaub mit Sonne, Strand und Meer ist bei weitem nicht alles, was die Insel Mallorca ihrem Besucher zu bieten hat. Mit ihren 3600 km2 ist die Insel von einer Landschaft bezaubernder Schönheit geprägt, die ihren Ursprung in einer komplizierten morphotektonischen Entstehungsgeschichte findet, welche heute in einer interessanten Erdoberflächengestaltung zum Ausdruck kommt. Jedem Besucher, der sich dem Reiz der Landschaft nicht von vornherein verschließt, wird sich beeindrucken lassen. Besonders auffällig sind beiden Gebirgs- bzw. Hügelländer, die im Nordwesten und Südosten ohne weitere Übergangszone aus der Zentralebene herausragen. Der größte Teil der zentralen Ebene wird von Roterde überdeckt, die besonders in Erscheinung tritt, wenn in den Herbstmonaten der Boden für die Wintersaat gepflügt wird und dann Erde mit einem kräftigen Rotton zu tage tritt. Dem Besucher, der ein wenig genauer hinschaut, werden bizarren Karstformationen auffallen, die sehr eindrucksvoll im Bereich der Ostflanke des Puig Major zu beobachten sind.
Die folgenden Zeilen sollen nur einen Abriß der morphologischen Entstehung und ihrer äußeren Erscheinungsmerkmale darstellen. Sie laden ein, Fragen zu stellen, Neugierde zu wecken und bei einem Besuch Mallorcas, der Landschaft etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Die Entstehungsgeschichte der Insel umfaßt einen Zeitraum von 300 Mill. Jahren und reicht vom Karbon, dem Steinkohlezeitalter, über die Wüsten des Buntsandsteins und den Hochseezustand des Erdmittelalters bis zu den tertiären Salzwüsten und noch späteren sintflutartigen Niederschlägen der jüngsten Erdgeschichte. Der Ursprung des morphotektonischen Aufbaus der Inselkette der Balearen entspricht dem eines alpinen Bauplans. Die Balearen sind das Bruchstück eines zirkummediteranen alpidischen Faltengebirgssystems, welches als ausgedehnter Gebirgsbogen, von den betischen Kordilleren Südspaniens ausgehend, weit in das Mittelmeer hineinragt. Malloca weist eine orographische Dreigliederung auf, die sich landschaftlich eindeutig darstellt und bei allen Fahrten über die Insel klar in Erscheinung tritt.
Den gesamten West- und Nordwestteil Mallorcas nimmt das Hauptgebirge,
die Serra de Tramuntana ein. Es ist das einzige Gebirge der Insel,
das mit seinem über 1000m hohen Rand den Blick auf das Meer versperrt.
Die Serra de Tramuntana steigt am Puig Major, der höchsten
Erhebung Mallorcas, bis auf 1445m empor. Hier erscheint das Gebirge von
steilen Schluchten, zum Teil wilden Canyons durchschnitten. Das Gegenstück
dazu bildet im Osten der Insel
die
Serra de Llevant. Auch hier erheben sich Berge, die allerdings gerade
eine Höhe von 561m erreichen und bei weitem nicht durch dieselbe Schroffheit
geprägt sind, die das Hauptgebirge charakterisieren. Zwischen diesen
beiden Gebirgs- bzw. Hügellandschaften eingebettet liegt das weite,
stellenweise leicht hügelige mallorquinische Flachland als zentrale
Landschaftseinheit: es pla. Die Ebene, die zum großen Teil
aus Meeresablagerungen des Tertiärs und dem Abtragungsschutt der Berge
besteht, wird nur an zwei Stellen von größeren Hügelland-Komplexen
durchragt. Die ältesten Gesteine wurden in den westlichen Bergen Mallorcas
gefunden; besonders gut zu sehen an den steilen und schroffen Küstenkliffs.
Mit der Entdeckung von dunklem Schiefer und Sandsteinen der Karbonzeit
vor erst einigen Jahren, konnte endlich mit Gewißheit behauptet werden,
daß die Balearen tatsächlich eine gemeinsame Entwicklung aufweisen
und eine Fortsetzung der Betischen Kordilleren darstellen. Zuvor kannte
man diese alten Gesteine nur von Mallorcas Nachbarinsel Menorca. Die Frage,
ob Menorca sich eventuell aus einer anderen Region des Mittelmeeres herangeschoben
hat, ist heute geklärt (Bäsemann 1994:88).
Das Gebirge der Serra Nord und der Serra de Llevant, sowie die aufragenden Hügelland-Komplexe der Mittelzone bestehen aus mesozoischem Kalkgestein, vornehmlich des Jura vor 180 Mill. Jahren. Die Insel ist bis zu 90 Prozent verkalkt. Auch unter den tertiären und quartären Ablagerungen der heutigen Zentralebene befindet sich Kalkgestein. Vor den großen Kontinentalverschiebungen des späten Erdmittelalters präsentierte sich die Insel als ein große Fläche ebener Sedimente. Durch Urkräfte des Erdinneren wurde Mallorca zusammengedrückt und verkleinerte sich dabei um mindestens 55 Prozent. Die Ablagerungen des Jura wurden regelrecht zerfetzt und mehrfach übereinandergeschoben. Die Folge war die Heraushebung der heutigen Gebirgs- und Hügellandformationen. Am Cap de Formentor, wo die Faltensättel wieder unter den Meeresspiegel abtauchen und sich Felsvorsprünge ausgesprochen landschaftlicher Schönheit zeigen, lassen sich die mehreren hundert Meter dicken, übereinandergeglittenen Gesteinspakete besonders gut beobachten. Im Tertiär wurde die niederen Bereiche der Insel vollständig vom Meer überflutet. Die Gesteine der Trias, des Jura sowie der Kreide wurden von den Ablagerungen des jüngeren Tertiärs überlagert. Durch heftige Niederschläge des Quartärs wurden riesige Schuttmengen vornehmlich aus der Serra Nord in das Flachland transportiert, die Risse und Schluchten dieses Gebirges wurden weiter vertieft (Winkler 1926). Desweiteren löste das im Regenwasser und so auch im Bodenwasser enthaltene Kohlendioxid große Mengen von Kalk auf, was zur Verkarstung der Gebirgs- und Hügelregionen der Insel fuhrte. Die herausgehobene Lage, die große Klüftigkeit, Reinheit und Mächtigkeit des Kalkgesteins erhöhten die Verkarstungsfähigkeit. In den verschiedenen Höhlen, besonders im Gebiet der Serra de Llevant, in fruchtbaren, ausgefüllten Hohlformen (sog. Poljen) des Hauptgebirges und der bizarren Karrenlandschaft, die allerdings lokal beschränkt ist, finden die Karsterscheinungen ihre besondere Ausprägung.
Nähert
man sich der höheren Kordillere an der Nordwestseite Mallorcas vom
Inneren der Insel aus, bemerkt man zunächst wenig von der Verkarstung.
Das ändert sich auch kaum, wenn man das Gebiet an seinem Fuß
zur Fruchtbaumebene betritt. Auffälliger, nackter Karst fehlt vollkommen.
In ausgedehnten Bereichen stehen Pinuswälder, teilweise mit Steineichenarealen
bedeckt. Erst im Gebiet der zentralen Ketten fällt auf, daß
zahlreiche Poljen auftreten, in denen Ackerbau möglich ist, weil sie
mit (roter) Erde und Schutt aufgefüllt sind und die Bodenstruktur,
Wasser zu speichern. Es ist ein besonderes Merkmal dieses Küstengebirges,
daß in Höhen über 500 m plötzlich eine, wenn auch
beschränkte Ackerbauzone mit Einzelhöfen auftaucht, während
in den tieferen Lagen nur in einzelnen Tälern Feldbau-Terrassen mit
Mandelbäumen oder Oliven möglich sind. Die Auffälligkeit
dieser Erscheinung wird nur von der bezaubernden Karrenlandschaft übertroffen.
Das Karstgebirge des Nordens hat hier eine bizarre Formenwelt entstehen
lassen, die in ihren scharfkantigen Karrenfeldern und den spitzen Karrengraten,
die immer bis in das feinste gegliederte Lösungsrillen aufweisen,
an Kleinformen aus dem tropischen Karst erinnert. Die einzelnen Karren
sind mehrere Meter hoch und laufen kegelförmig nach oben aus. Sie
stehen dicht nebeneinander und lassen die einzelnen Kalkbänke erkennen,
aus denen sie hersausgearbeitet worden sind. Besonders eindrucksvoll sind
solche Formen in der Nähe der Straße, die das Gebirge von Inca
am Gebirgsfuß bis zur Küste bei Sa Calobra quert, so auch in
der Nähe des berühmten Klosters von Lluc. Ähnliche Formen
zeigen sich an den Kalkfelsen unmittelbar an der Felsenküste der Bucht
von Sa Calobra. Auf der Südseite, die dem Inneren der Insel zugekehrt
ist, wurden gleiche Formen nirgends gefunden. Die Begründung liegt
in der allgemein viel trockeneren Gebirgsseite als die Küstenseite,
die fast alle niederschlagsbringenden Winde aus westlicher und nordwestlicher
Richtung abfängt.
Wie in weiten Teilen der Mittelmeerländer, so ist auch auf Mallorca die Terra rossa weit verbreitet. Die über den Kalkstein entstandene Terra rossa zeichnet sich durch ihre rote auffällige Farbe aus, die dem mitteleuropäischen Boden fremd ist. Der überwiegende Teil der weiten Zentralebene ist mit Terra rossa bedeckt. Besonders ist, daß diese Roterde-Decke nicht über dem Muttergestein aufliegt, sondern eindeutig als transportierter Boden erkannt werden kann. Auch in Schuttdecken an den Hängen findet sei sich eingelagert Es geht eindeutig aus mehreren Profilen hervor, daß die Terra rossa zusammen mit den Hangschuttdecken herabgewandert ist und sich heute teilweise noch an den Hängen selbst, größtenteils aber in den Mulden und Ebenen der Insel befindet. Auch im Hügelland der Serra de Llevant sind die Hänge meistens frei von einer mächtigeren Bodendecke. An der Ostküste der Insel reichten schuttreiche Roterden am Abfall der Serra d'Artà bis zum Meeresspiegel in der Bucht von Canyamel herab. An der Strandlinie war solcher Roterdeschutt durch die Brandungswellen völlig verfestigt und als eine Bank erhalten, die streckenweise aus dem Sandstrand herausschaute. Ohne Zweifel kann es sich dort nur um fossile Roterde handeln. Noch auffälliger als in den Schuttdecken findet man die Terra rossa innerhalb des Küstengebirges in den weiten Talsenken und vor allem in den großen Poljen. Sie sind überall mit Schutt des Kalkgesteins und überwiegend Toterde aufgefüllt. Die Roterde, die dem Verwitterungsmaterial und der Bodenbildung auf den angrenzenden Hängen entstammt und zusammen mit dem Schutt in die Poljen transportiert wurde, bildet heute die wertvollste Grundlage für einen Ackerbau im Gebirge, nachdem er von der Ebene ab bis in Höhenlagen von 500m über NN nirgends vorhanden ist.
Auch wenn auf Mallorca die Roterde eindeutig als Verlagerungsprodukt
beobachtet werden konnte, so kann man nicht davon ausgehen, daß sie
nur als solche vorkommt. Es gibt ebenso Vorkommen von mediterraner Terra
rossa, die über ihrem Muttergestein liegen und noch in keiner Weise
umlagert worden sind. Allerdings lassen sich von Mallorca keine Beobachtungen
darauf zurückführen, daß sich die Roterde auf der Insel
auch heute noch bildet oder gar eine überwiegend rezente Erscheinung
sei. Untersuchungen beweisen, daß die Roterdevorkommen auf der Insel
schon zu den letzten Interglazialzeiten vorhanden war und eine relativ
junge Bodenbildung darstellt. Die ausbleibende Bildung von Roterde in der
heutigen Zeit ist wohl auf die geringen Niederschläge zurückzuführen.
Neben der jahreszeitlichen Verteilung von Niederschlägen mit genügend
hohen Sommertemperaturen muß eine ausreichende Menge für die
Rotverwitterung zur Verfügung stehen, die auf Mallorca außerhalb
des Küstengebirges nicht vorhanden ist. Alle, diese im vorstehenden
Text erwähnten Vorgänge und Erscheinungen stehen in einem engen
zeitlich-genetischem Zusammenhang. Um die morpho-genetischen Entstehung
Mallorcas ausführlich und exakt erklären zu können, erscheint
diese Ausführung nicht ausreichend. Sie bietet dem leser jedoch eine
Anregung, sich eingehender mit diesem Thema zu befassen und Freude an Steinen
zu entwickeln. Denn wer Augen hat zu sehen, kann auf Mallorca innerhalb
weniger Stunden die Jahrmillionen der Erdgeschichte durchwandern.
Bäsemann, H. (1994): «Aus den Steinen lesen», Merian Mallorca, S. 88-92.
Breuer, Th. et al. (1992): Tourismus auf Mallorca, Bensberg.
Chroback, S. M. / Nass, A. (1987): Studienhilfe zur Geologie, Berlin.
Mensching, H. (1955): «Karst und Terra rossa auf Mallorca», Erdkunde 9, S. 188-189.
Winkler, A. (1926): «Der tektonische Aufbau der
Insel Mallorcas», Zeitschrift für Geomorphologie 2, S.
172-183.
Am überraschendsten für einen Erstbesucher Mallorcas ist, daß man bei Ausflügen nach Inca, Santa Maria del Camí oder Campanet die ganze Zeit in einer Ebene an einem Gebirge entlang fährt - der Serra de Tramuntana. Sie erstreckt sich über achtundachtzig Kilometer entlang der Nordwestküste Mallorcas. Die von Südwesten nach Nordosten verlaufenden Gebirgszüge schützen den Rest der Insel vor den kalten Nordwinden, fangen aber auch einen Großteil des Regens ab.
Man kann drei Regionen der Serra unterscheiden (vgl. Alzina et al. 1982, I:16-21). Der regenarme Westen, von Andratx und Calvià über Esporles bis Valldemossa, ähnelt mit seinen runden Hügeln einem Mittelgebirge. Markantester Gipfel ist der Puig de Galatzó. Zwischen Valldemossa und dem Puig Tomir gelegen, umfaßt die zentrale Region des Gebirges Orte wie Deià, Sóller und Lluc und mit Gipfeln wie Massanella, L'Ofre und dem Puig Major acht der neun Tausender auf Mallorca. An der Küste ist das Klima feucht und auch im Winter mild, in den höher gelegenen Gebieten fehlt der Baumbewuchs, was das spektakulär erodierte Karstgestein hervorhebt. Die nordöstlichen Ausläufer vom Puig Tomir bis zur Bucht von Pollença und dem Cap de Formentor bilden die dritte Region. Breite Täler, die in sandigen, nach Nordosten gerichteten Buchten münden, und niedrige Berge, die nach Nordwesten fast senkrecht ins Meer abfallen, kennzeichnen die Landschaft. Die früher weit verbreiteten Steineichenwälder der Serra sind heute durch Buschland und Pinien auf wenige Täler zurückgedrängt worden.
Wer in den Bergen wandert, wird überall mit den Anzeichen dafür konfrontiert, daß die Menschen hier schon vor langer Zeit versucht haben, hier ein Auskommen zu finden. Am augenfälligsten sind die Spuren, die die Landwirtschaft hinterlassen hat. Obwohl es nicht durch Funde belegt werden kann, wird angenommen, daß unter den Römern, wie andernorts im Mittelmeerraum, der Anbau von Getreide, Wein und Oliven auf Mallorca eingeführt wurde (vgl. Alzina et al. 1982, I:112). Mit zunehmender Besiedlung der Insel wurden auch im Gebirge Wein, Oliven, und an windgeschützten Stellen mit ausreichend Wasser Obst sowie Gemüse angebaut. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts dominierte der Olivenanbau. Dessen wichtige Rolle ist an den Hainen erkennbar, die sich auf Terassenfeldern ungeachtet der steilen Berghänge in bis zu achthundert Meter Höhe erstrecken. Am eindrucksvollsten kann man dies im Talkessel oberhalb von Biniaraix sehen, wo man allem Anschein nach am liebsten auch noch in die senkrechten Wände Terassen für die Olivenbäume gebaut hätte.
Bereits im 18. Jahrhundert wurden - durch das milde Klima an den Küsten der zentralen Region begünstigt - in Deià, Sóller und Fornalutx Zitronen und Orangen produziert und sogar nach Südfrankreich exportiert (vgl. Alzina et al. 1982, I:229). Mit der Öffnung des Tunnels von Cerbère gewannen jedoch die Produzenten der iberischen Halbinsel einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren mallorquinischen Konkurrenten: Weil sie ihre Ware damit billiger anbieten konnten, kamen die Zitrusexporte aus Mallorca zum Erliegen. Heutzutage verfaulen die Orangen und Zitronen in Sóller an den Bäumen, weil es billiger ist, sie aus València einzuführen als sie für den Verkauf zu ernten. Für die Touristen machen sie den besonderen landschaftlichen Reiz von Sóller aus.
Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden auf Mallorca verstärkt die zu jener Zeit einträglicheren Mandel-, Johannisbrot- und Feigenbäume sowie Kartoffeln angepflanzt. In der zentralen Region der Serra de Tramuntana blieb der Olivenanbau vorherrschend, im westlichen und östlichen Teil waren neben Oliven Getreide, Gemüse und mancherorts Johannisbrot die wichtigsten landwirtschaftliche Erzeugnisse. Heute werden im kleinen Stil auch Kirschen, Pfirsiche und exotische Früchte wie Kiwis angebaut. Trotz all dem wird, durch das Gelände bedingt, nur ein Drittel der Gesamtfläche der Serra landwirtschaftlich genutzt, wobei Sóller mit 63% und Deià mit 55% deutlich über dem Durchschnitt liegen (Daten von 1981; vgl. Alzina et al. 1982, II:396).
Die einzige nennenswerte Viehzucht beschränkt sich heutzutage auf Schafe und Ziegen. Letztere sind allerdings den Forstleuten ein Dorn im Auge, da sie sich, freilaufend und in den abgelegeneren Gipfelregionen inzwischen ausgewildert, über Baumsetzlinge hermachen und so die Aufforstungsversuche der letzten Jahre sabotieren. Deshalb kann es einem Besucher des auf staatlichem Grund gelegenen Refugi des Tossals Verds durchaus passieren, daß ihm der Hüttenwirt eine selber geschossene Ziege zum Mittagessen serviert.
Neben der Landwirtschaft gab es in den Bergen auch andere Tätigkeiten, die heute nicht mehr ausgeübt werden, deren Spuren man aber heute noch sehen kann. Selbst aufmerksamen Wanderern müssen beispielsweise die vielen moosbewachsenen Steinkreise in den Steineichenwäldern auffallen: Es handelt sich dabei um die Überreste der Holzkohleherstellung, die erst in den fünfziger Jahren, mit der zunehmenden Verwendung von Butan in den Haushalten, aufgegeben wurde.
Der Wald wurde in etwa fünf Hektar große Flächen, sogenannte ranxos, unterteilt. Darauf baute der Köhler (carboner), der entweder auf eigene Rechnung arbeitete oder Angestellter des Grundbesitzers war, einen Meiler (una sitja). Holzkohle wurde stets im Frühjahr und Sommer hergestellt. Bevor die ersten Regenfälle im September einsetzten, wollte man auf alle Fälle mit der Arbeit fertig sein. Der angezündete Meiler bedurfte zudem ständiger Überwachung, weshalb mehrere Personen, oft der Köhler und seine Familie, den Sommer über in kleinen, fensterlosen, mit Stroh bedeckten Steinbaracken lebten. Deren Mauerreste sind heute noch zu sehen. Nach Möglichkeit sollten die ranxos nur alle sieben Jahre genutzt werden, um dem Baumbestand ausreichend Zeit zur Regenerierung zu geben (vgl. Llofriu 1992:29). Daß zuweilen auch dort Reste von Meilern zu finden sind, wo heute kein Wald mehr ist, zeigt, daß diese Erholungsphase wohl nicht immer eingehalten wurde. Wer sich vom Refugi des Tossals Verds auf den Weg zum Puig de Massanella macht, bekommt einen guten Eindruck, wie intensiv die Wälder einst genutzt wurden: Während des vierzigminütigen Aufstiegs durch das Tal Comella des Prat passiert man gut zwanzig dieser alten Meiler.
Der Meiler
selber hat ein rundes, ebenes Fundament aus Steinen, das mit einer dünnen
Schicht Tonerde bedeckt wurde. Darum herum schichtete man einen Ring aus
Steinen, die locker genug zusammengefügt wurden, um von unten her
wenig Luft durchzulassen. Beim Aufhäufen des Holzes blieb in der Mitte
ein Loch als Rauchabzug frei. Der Stapel wurde dann mit grünen Zweigen,
Stroh und schließlich Erde dicht abgedeckt. Durch Öffnen oder
Verschließen der entsprechenden Spalten zwischen den Steinen konnte
die Luftzufuhr so geregelt werden, daß das Holz gleichmäßig
verkohlte, ohne zu verbrennen. Während der ein bis eineinhalb Wochen,
die beim Brennen vergingen, verlor das Holz vier Fünftel seines Gewichts.
Ein Meiler von sieben Metern Durchmesser ergab ca. zweieinhalb Tonnen Holzkohle
(vgl. Mayol/Capellà 1990:31-33). Hauptabnehmer der Holzkohle war
Palma.
Steigt man von Valldemossa aus durch das Tal Coma des Cairats in Richtung Puig des Teix auf, findet man auf dem Weg in einem Wald einen Kohlemeiler, der durch Erklärungstafeln didaktisch erschlossen ist. Gleich in der Nähe liegt man ein rundes, zwei Meter tiefes und etwa einen halben Meter dick ausgemauertes, in den Boden gegrabenes Loch. Über dem Boden sind die Mauern mehr als zwei Meter breit und oben ist es offen. Die Ringmauer bildet keinen ganzen Kreis. Es ist als Kalkofen ausgeschildert.

Normalerweise wurde der Kalk im Sommer gebrannt. Doch bis es soweit war, mußten erst geeignete Steine aus der Umgebung herbeigeschafft und Brennholz gesammelt werden. Äste und dünne Stämme sammelte man selber, verwendete aber auch das Holz, das die Köhler für ihre Zwecke nicht brauchen konnten. Hinzu kamen Ausbesserungsarbeiten an den Steinhütten, in denen die Kalkbrenner während der ganzen Zeit lebten. Sie wurden manchmal auch von den Köhlern übernommen, wenn sie leer standen und nicht zu weit entfernt waren.
Nach eventuell anfallenden Ausbesserungsarbeiten am Ofen wurde seine Innenmauer mit Lehm bedeckt, um sie vor den Flammen zu schützen - sonst wäre sie mitgebrannt worden - und der Ofen innen mit nur grob bearbeiteten, großen Steinen kuppelartig aufgemauert. Eine Öffnung in der Kuppel, etwa in Bodenhöhe, wurde auch beim fast vollständigen Zumauern des seitlichen Zugangs der Ofenmauer nicht verdeckt, da man durch ihn das Brennholz nachschob. Über die Kuppel wurden kleinere Steine bis in die Höhe der Ofenmauer gefällt und in die Höhlung kam das Holz. Die Spalten zwischen den nur lose aufeinanderliegenden Steinen ließen genügend Luft durch, damit das Feuer nicht erlosch.
Während der etwa drei Wochen des Brennens mußten täglich zehn bis zwölf Bündel Holz à dreißig bis vierzig Kilogramm durch das kleine Loch unten in der Zugangsmauer nachgeschoben werden. War der Brennvorgang schon fortgeschritten, wurde der Kalkofen von der Mitte ausgehend nach und nach mit Lehm abgedeckt, um die Flammen nach außen zu zwingen damit auch die dort liegenden Steine gebrannt wurden. Im Verlauf des Brennens verringerte sich das Gewicht des Kalksteins um die Hälfte (Ordinas i Marcé 1995:52-61). Bei jedem Brennvorgang wurden hundert bis hunderfünfzig Tonnen Kalk hergestellt, in manchen sogar die dreifache Menge (Mayol/Capellà 1990:35).
In der Serra de Tramuntana findet man die Überreste von Kalköfen insbesondere auf der Südseite der Berge, da es von hier aus leichter war, den Kalk nach Palma zu transportieren, als den Weg über das Gebirge nehmen zu müssen. Sie sind jedoch nicht ausschließlich auf die Serra beschränkt; standortbestimmend war in erster Linie das Vorhandensein geeigneter Ausgangsstoffe. Aus genau diesem Grund findet man die Spuren einer weiteren inzwischen aufgegebenen Tätigkeit nur in den höher gelegenen Regionen der Serra.
Von den vierzig bekannten cases de neu, deren Reste man in der Serra de Tramuntana findet, verteilt sich die Mehrzahl auf die Tausender der zentralen Region. So sind zehn am Puig de Massanella, neun am Puig Major, fünf an Es Teix und drei am Tomir gelegen; die restlichen sind auf die anderen Gipfel verteilt. Mit einer Ausnahme liegen sie zwischen 700 und 1400 m über dem Meeresspiegel. Erst kürzlich wurde ein solches 'Schneehaus' in 200 m Höhe entdeckt, bei Artà in der Serra de Llevant (vgl. Consell Insular. 1994).
Im Prinzip handelt es sich bei den Schneehäusern um ausgehöhlte Vertiefungen, die innen mit Stein, jedoch ohne Gebrauch von Mörtel, ausgemauert wurden. Die annähernd rechteckigen Bauten waren etwa vier bis acht Meter tief, fünf bis acht Meter breit und 10 bis 16 Meter lang - je nach dem Gelände. Die Mauern ragten etwa einen Meter über den Boden hinaus. An einer der kurzen Seiten war eine kleine Eingangstür, durch die man hineingehen konnte, worauf man mit Hilfe einer Leiter und Vertiefungen in der Mauer unterhalb der Tür nach unten gelangte. Auf den langen Seiten hatte das Gebäude jeweils zwei oder drei kleine Fenster im Abstand von zwei Metern. Üblicherweise waren die Bauten mit Stroh bedeckt, in Fartàritx gibt es jedoch ein Schneehaus mit erhaltenem Steindach.
Neben dem Lagergebäude war meist ein rechteckiges, fensterloses Steinhaus, in dem zehn Menschen während den 10 bis 14 Tage des Schneesammelns übernachteten. Diverse Mauern und Terassen in der Nähe der cases de neu sind keine Zeichen landwirtschaftlicher Nutzung, sondern sollten das Einsammeln des Schnees erleichtern. Gepflasterte Zugangswege, die teilweise heute noch gut erhalten sind, führten zu den abgelegeneren Schneehäusern (vgl. Reynés i Trias 1994:29-31).
Durch die Fenster wurde der Schnee in die Lagerhäuser eingefüllt und komprimiert. Schmelzwasser konnte ungehindert abfließen da die Mauern nicht vermörtelt waren. War der Schnee gut abgedeckt und die Zugänge des Schneehauses isoliert, hielt er sich bis weit in den Sommer hinein und es wurden immer wieder die jeweils benötigten Mengen ins Tal transportiert und verkauft. Daß das Schneesammeln nur eine Nebentätigkeit war, zeigt das Schneehaus bei Pastoritx in der Nähe von Valldemossa. Es liegt gerade oberhalb mehrerer Kohlemeiler.
Der gesammelte Schnee wurde an die Gastronomie, die Speiseeis und Erfrischungsgetränke daraus herstellte, an Krankenhäuser, die es z.B. brauchten, um Blutungen zu stillen oder - mit Öl vermengt - um Verbrennungen zu heilen, oder an Privatleute geliefert, die sich diesen Luxus leisten konnten. Auch wurden Lebensmittel wie Fisch auf Märkten damit frisch gehalten (vgl. Valero i Martí 1989:75). Mit dem Entstehen von Eisfabriken ab der Mitte des letzten Jahrhunderts wurden die Schneehäuser nach und nach aufgegeben, obwohl am nördlichen Puig de Massanella noch bis mindestens 1927 Schnee zusammengetragen wurde (vgl. Llofriu 1992:75).
Neben diesen inzwischen nicht mehr praktizierten Berufen gibt es noch andere Möglichkeiten, in der Serra ein Auskommen zu finden. Ein Beispiel für einen wiederbelebten traditionellen Beruf ist der des marger de pedra seca. Damit die alten Steinwege, Begrenzungsmauern, Terassenfelder oder Häuser nicht verfallen, gründete die Gemeinde Sóller vor zehn Jahren die Escola Taller de Marges. Man wollte so den Weg, der von Sóller durch den Talkessel von Biniaraix, an Olivenhainen vorbei und streckenweise sehr exponiert, zum Ofre führt, vor dem Verfall bewahren. Heute ist dieser Weg ein beliebter Tagesausflug geworden. Seit 1989 sind die dortigen Lehrgänge eine durch das Consell Insular de Mallorca anerkannte Berufsausbildung (vgl. Reynés i Trias 1994:42f). Etwa fünfzehn Maurer haben die einjährige Berufsausbildung bereits abgeschlossen. Ein Beispiel für die Arbeiten der Schule ist die restaurierte ehemalige Possessió Tossals Verds, die heute als Berghütte genutzt wird, sowie die umliegenden Terassenfelder (marjades) und der Wanderweg, der hinter der Hütte beginnt. Ziel der Ausbildung ist, neben dem Erhalt der alten Bauten, die Weiterführung architektonischer Traditionen und die Verringerung der Arbeitslosigkeit.
Die Bemühungen,
alte Wege in der Serra de Tramuntana wieder in einen bequem begehbaren
Zustand zu bringen, werden aber auch mit Blick auf den Tourismus unternommen.
Mangels breiter Sandstrände ist der Tourismus an der Costa de Tramuntana
und der Bucht von Pollença weniger stark entwickelt als anderswo
auf Mallorca, da an den steilen Küsten der Platz für ausgedehnte
Hotel- und Feriensiedlungen nicht vorhanden ist. Valldemossa, Lluc und
Sóller sind, ebenso wie der westliche Teil der Serra aufgrund seiner
Nähe zu Palma, vom Tagestourismus gekennzeichnet. Abends, wenn die
Busse abgefahren sind, kehrt wieder Ruhe ein. Auch in den Bergen ist man
eher allein unterwegs - es sei denn man trifft zufällig auf eine Reisegruppe
des DAV-Summit Clubs samt mallorquinischem Bergführer.
Um den Tourismus in den Bergen zu fördern und so Arbeitsplätze
zu schaffen, soll in den nächsten fünf Jahren eine Kette von
fünf bewirteten Berghütten mit Übernachtungsmöglichkeit
im Stile des Refugi des Tossals Verds aufgezogen werden. Baut man
dann noch die alten Wege der Köhler, jene zu den Schneehäusern
führenden sowie die alten Verbindungs- und Schmugglerrouten wie vorgesehen
zu Wanderwegen, die eine wenig anspruchsvolle Längsbegehung der Serra
ermöglichen sollen, aus, ergibt sich daraus eine Vielzahl neuer Arbeitsstellen.
Es wird wohl also auch in Zukunft möglich sein ein Auskommen in der
Serra de Tramuntana zu finden.
Alzina, Jaume et al. (1982): Història de Mallorca, Palma: Moll.
Consell Insular de Mallorca (1994): Itineraris a peu per la Serra de Tramuntana - Puig de Massanella, Palma: Edicions del Consell Insular de Mallorca.
Llofriu, Pere (31992): Caminant per Mallorca, Palma: Moll.
Mayol Serra, Joan / Capellà Coll, Miquel (1990): Son Moragues. Guia de passeig, Palma: Edicions Icona.
Ordinas i Marcé, Gabriel (1995): Els forns de calç a Santa Maria del Camí, Santa Maria de l Camí: Edicions de l'Ajuntament.
Reynés i Trias, Antoni (1994): Les construccions de pedra en sec a Mallorca, Mallorca: Edicions del Consell Insular de Mallorca.
Valero i Martí, Gaspar (Hrsg.) (1989): Elements
de la societat pre-turística mallorquina, Palma: Edicions de
la Conselleria de Cultura.
Abgesehen von den zahlreichen «offiziellen» Sehenswürdigkeiten im Bereich sakraler und profaner Architektur, wie der Kathedrale, der Lonja, dem Castell Bellver usw., weist die Stadt Palma eine Besonderheit auf, die ihr bauliches Bild nicht weniger prägt als die genannten Beispiele. Gemeint ist die große Zahl städtischer Herrenhäuser, beziehungsweise deren markantestes Element: der für Palma so typische Innenhof oder pati. Dieser wird von den Einheimischen auch «pati on hi plou» genannt, wohl um ihn, wie Maria Antònia Oliver meint, von den gewöhnlichen großen Eingängen mit Überdachung zu unterscheiden, die längst nicht so viel Ansehen genießen wie jene.
Die patis
waren früher, im Gegensatz zur heutigen Zeit, ständig für
Passanten geöffnet und wurden als halböffentliche Orte für
Versammlungen genutzt. Einige von ihnen hatten sogar Wasserstellen, die
für den Gebrauch der gesamten Nachbarschaft bereitstanden. Den Kaufleuten
boten die Innenhöfe bis ins 17. Jahrhundert Gelegenheit, ihre Waren
auch bei geschlossener Börse zu handeln.
Patis, die zu zwei Straßen hin Ausgänge hatten, wurden
auch als Durchgänge genutzt; es konnte sogar passieren, wie P. de
Montaner anmerkt, daß Leichenzüge auf dem Weg zum Friedhof die
Abkürzung durch den pati nahmen und den Ort für einen
kurzen Halt und ein Gebet nutzten. Ebenso erklärt Montaner, daß
ein am frühen Morgen offenstehender Torflügel - die patis
wurden nachts geschlossen - den bevorstehenden Tod eines Bewohners des
Hauses ankündigte. Von dieser Sitte berichtet auch Erzherzog Ludwig
Salvator. Hiermit wurde allerdings nicht nur zur Trauer aufgerufen, sondern
gleichzeitig angezeigt, daß die Habe des Sterbenden nun bald zur
Versteigerung kommen würde - ein, laut Montaner, bis Ende des 17.
Jahrhunderts üblicher Brauch. Sollte der Vorübergehende das Portal
jedoch sperrangelweit geöffnet und mit Zweigen geschmückt vorfinden,
so durfte er sich das Recht nehmen, ins Haus zu kom
men
und sich dort zu einer Erfrischung einladen zu lassen. Ein solches Zeichen
bedeutete nämlich die Geburt eines Kindes, wobei das Geschlecht desselben
an der Sorte der Zweige abzulesen war: Lorbeer wies auf einen Jungen, Myrte
auf ein Mädchen hin. Die Einladung ins Haus galt übrigens Angehörigen
jeden Standes, wie auch sonst der Innenhof ständig von Personen verschiedenster
Herkunft bevölkert war, was zum Beispiel aus einer Lithographie aus
dem Jahre 1842 hervorgeht, die den Innenhof von Can Vivot darstellt.
Im ganzen diente der pati also keineswegs nur der Verzierung
und Verschönerung des Hauses, sondern vielmehr ordnete und bündelte
er das häusliche und öffentliche Leben. Außerdem sorgte
er im Sommer durch Schatten und Feuchtigkeit für Kühle, und bei
Regen bot er den Vorübergehenden unter seinen Arkaden Unterstand.
Seine Aufgabe lag also nicht zuletzt darin, die Unbequemlichkeiten der
engen, wenig ventilierten Straße zu lösen.
Zur Entstehung des Innenhofs
Der Innenhof an sich hat seinen Ursprung in der mediterranen Tradition. Alexandre Cirici sieht seine Vorläufer in der altägyptischen Tempelarchitektur, in der der Innenhof die Bedeutung einer Reinigungsstätte hatte, die dem eigentlichen Kultraum vorgelagert war. Innenhofanlagen im Bereich der Profanarchitektur sind im gesamten Mittelmeerraum zu finden, doch gibt es Unterschiede: In Italien zum Beispiel wurden sie vorzugsweise für große, außerhalb der Stadt liegende Paläste verwendet, wogegen in Andalusien selbst das ärmlichste Haus seinen patio hat. Die typische Form des katalanischen pati wäre zwischen beiden Beispielen einzuordnen; er ist normalerweise Teil der von der reicheren, häufig adligen Bevölkerung errichteten Stadtpaläste und hat seinen Ursprung in der Romanik.
Cirici sieht den pati als bezeichnenden Ausdruck der katalanischen Baukunst, für die der Innenraum wichtiger war als der Außenraum. Dies wird vor allem in der Gotik deutlich, in der der pati eines Hauses häufig dessen ausgestaltetster Bestandteil ist, während beispielsweise die Fassade sehr viel schlichter ausfällt.
Schließlich sollte man noch auf die interessante Etymologie des
Wortes pati hinweisen, das laut Corominas ebenso wie das okzitanische
Wort pàtu, pàti eigentlich «eixida o
corral adjacent a una casa» bzw.»solar sense edificar»
bedeutet und dessen Ursprung noch weitgehend ungeklärt ist. Mit ähnlicher
Bedeutung wie heute taucht es bereits bei Francesc Eiximenis und Joanot
Martorell auf. Interessant ist aber vor allem, daß das kastilische
Wort patio, das heute einen so typischen Teil spanischer Häuser
bezeichnet, eben dem katalanischen pati entlehnt wurde, und das
nicht vor Ende des Mittelalters. Für Corominas ist klar
[...] que patio és un mot que va entrar
a Castella amb larquitectura renaixentista dels peristils i grans patis
palacians; i, essent lògic que això hi penetrés des
de la façana mediterrània de la Península, el manlleu
del català sexplica senzillament.
Schließlich legt er dar, daß das Wort patio etwa
seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Gebrauch war, weist aber darauf hin,
daß
[...] encara durant molt de temps se solia tractar del
pati dun edifici públic, o dun palau o almenys una casa rica,
das heißt, die Definition entsprach noch der katalanischen Form
des Innenhofs.
Die Entwicklung der patis in Palma
Das Straßennetz
von Palma war nach der Eroberung der Insel im Jahre 1229 in seinem Zustand
belassen worden und sollte bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht verändert
werden. Dagegen wurden die von den Arabern errichteten Bauwerke fast alle
zerstört Die neuen Bewohner der Stadt bauten ihre Häuser nach
dem Vorbild ihrer Heimat; die Reicheren unter ihnen - Adlige und reiche
Kaufleute - ließen sich ihre Herrenhäuser im Stil der Stadtpaläste
von Barcelona errichten, also als Innenhofanlagen.
Der typische pati hatte zur Straße hin ein breites Eingangstor, durch das auch Wagen fahren konnten, mit anschließender kleiner Vorhalle. Im Erdgeschoß verfügte er über Durchgänge zu den zur Straße liegenden Läden sowie zu den Stallungen. Häufig gab es einen Brunnen. Eine meist rechts vom Eingang gelegene offene Treppe führte zur planta noble oder principal, die über Galerien erschlossen war. Ein weiteres Element mallorquinischer patis waren die sogenannten estudis, die, im Zwischengeschoß gelegen, über eine kleine Tür am Treppenabsatz oder in der Vorhalle erreichbar waren. Sie dienten meist als Verwaltungsbüros, oder, bei entsprechender Größe, als Wohnungen für unverheiratete Erben. An den pati schloß sich außerdem häufig ein durch Holzgitter abgeteilter Garten an, dessen Größe der des Hauses angepaßt war. Diese Gärten sind teilweise heute noch erhalten, zum Beispiel im carrer dels Horts, der ihnen seinen Namen verdankt.
Auffällig ist, daß die patis im Laufe der Jahrhunderte
zwar verändert wurden, jedoch kaum neue hinzukamen. Dies lag zum großen
Teil an dem auf Mallorca bis zum 19. Jahrhundert herrschenden Erbrecht,
dem fideïcomís, das die Veräußerung des Erbgutes
verbot. Da die Besitzer der anliegenden Gebäude natürlich ebenfalls
an dieses Recht gebunden waren, waren auch Erweiterungen der vorhandenen
Anwesen kaum möglich. Nur in wenigen Fällen konnten kleine angrenzende
Gebäude hinzugekauft werden, die wegen ihrer geringen Bedeutung nicht
unter das fideïcomís fielen. Schließlich gab es
noch die Möglichkeit der Verbindung zweier Anwesen durch Einheiraten
in die Nachbarfamilie.
Beispiele aus verschiedenen Stilepochen
Die meisten patis wurden im Laufe der Zeit zumindest in den Details dem jeweiligen Zeitgeschmack angepaßt, einige wurden grundlegend umgebaut. Einer der am vollständigsten erhaltenen patis aus der Zeit der Gotik ist der von Can Oleo (c/de l'Almudaina nº 4) der, um 1400 entstanden, zudem zu den ältesten gehört. Es handelt sich hier um die typische Form des patis mit an der rechten Wand angebauter gerader Treppe, die zum principal führt. Anders als in anderen patis aus derselben Zeit ist auch das Treppengeländer erhalten, das mit seinen eingesetzten Rosetten ein einzigartiges Beispiel dafür ist, wie in der Gotik der Aufgang zur planta noble gestaltet wurde.
Im 16. und 17. Jahrhundert kam es dann zu den ersten Veränderungen, wobei die Bedeutung der patis dadurch unterstrichen wird, daß sie entsprechend der aus Italien kommenden Einflüsse umgebaut wurden, die Fassaden dagegen meist gotisch erhalten blieben. Es ist allerdings anzumerken, daß der Einfluß der italienischen Renaissance sich zwar oberflächlich in vielen dekorativen Elementen, wie etwa den sogenannten «Grotesken», bemerkbar machte, die grundlegenden gotischen Strukturen jedoch als eine Art «Nationalstil», mit dem sich die mallorquinische Bevölkerung identifizierte, beibehalten wurden.
Aus dieser Zeit stammt unter anderem der pati von Can Oleza (c /de Morey nº 9). Er wird auf das zweite Viertel des 16. Jahrhunderts datiert, und zwar aufgrund der Grotesken, die auf Einflüsse des Architekten Juan de Salas hinweisen. Möglicherweise war es sein Schwager, Jaime Bruguera, der den Bau ausführte. Kennzeichnend für diese Zeit sind die niedrigen, von Marmorsäulen mit stark ausgeprägter Entasis getragenen Bögen, die zudem sehr weit sind, was den Eindruck entstehen läßt, sie könnten die auf ihnen ruhende Last kaum tragen. Zudem handelt es sich hier um ein Beispiel der außerhalb der països catalans kaum zu findenden Form des patis, die von Cirici als pati modulat bezeichnet wird. Diese ist gekennzeichnet durch die unterschiedliche Zahl von Bögen im Erd- und Obergeschoß, wodurch sich der Eindruck von zwei verschiedenen Rhythmen ergibt. Can Oleza zeigt zudem die mallorquinische Eigenart dieser Form, in der einer langgestreckten Arkade im Erdgeschoß eine dreibogige loggia im Obergeschoß zugeordnet wird. Florentinische Einflüsse werden schließlich unter anderem an den Säulen, sowie an den profilierten Bronzebalustern der zweiläufigen Treppe und der Galerie deutlich. Insgesamt handelt es sich hier um ein typisches Beispiel der italienisch beeinflußten patis und wurde zudem von A. Byne als das am vollständigsten erhaltene Gebäude aus dieser Zeit bezeichnet. Anzumerken wäre vielleicht, daß ein ähnlich vollständiges Gebäude, SEstorell, von Mr.Byne gekauft, demontiert und mit nach Amerika genommen wurde, wo es anscheinend in einem Hafenlager verlorenging.
Andere Beispiele aus derselben Zeit sind die weniger herausragenden, aber doch interessanten patis von Can Truyols (c/ de St. Roc nº 3) und Can Llorenç Villalonga (c/ de lEstudi General nº 15), die beide etwa aus der Mitte des 16. Jahrhunderts stammen. Bereits aus dem 17. Jahrhundert ist der Hof von Can Mas del Pla del Rei (Pl. de lAlmoina nº 3), dessen Eingang manieristische Anklänge zeigt.
Das 18. Jahrhundert schließlich brachte wieder tiefgreifende Veränderungen in der profanen Architektur mit sich und stellte einen Bruch mit der Tradition dar. Ganz deutlich waren die Einflüsse der französischen Architektur, die über die Bourbonen eingeführt wurde. Für die patis bedeutete dies erhebliche Eingriffe in die bestehende Bausubstanz. Bei den Treppen beispielsweise wurde häufig nur noch der Standort beibehalten, die Form hingegen der veränderten Mode angepaßt.
Der erste große Stadtpalast, an dem der neue Stil deutlich wird, ist Can Vivot (c/ de Can Savellà nº 13). Der Besitzer Juan Sureda hatte für die Treue zu Philip V den Titel «Marqués de Vivot» verliehen bekommen. Das Anwesen hatte er Anfang des 18. Jahrhunderts geerbt und es durch Kauf von Nachbarhäusern erweitern können. Der Plan für die Umgestaltung wurde jedoch nach Meinung von Sebastián López erst nach 1725 begonnen. Es entstand ein Hof von beachtlichen Dimensionen, der über eine ebenfalls große Vorhalle mit der Straße verbunden ist. Interessant ist die Anordnung der Arkadenreihen: die Schmalseiten rechts und links des Eingangs sind von jeweils einem langgestreckten Bogen überspannt, der Eingangsbereich selbst hingegen ist zweigeteilt und auf der ihm gegenüberliegenden Seite gibt es drei Arkaden, deren mittlere sich über den Fuß der Treppe wölbt. Hervorzuheben sind auch die Säulen selbst, die mit ihren stark geschwollenen Schäften aus rotem Marmor auf den französischen Einfluß hinweisen. Ganz grundlegend ist aber die Tatsache, daß hier nicht nur die Dekoration barocke Züge aufweist, sondern daß sich vielmehr in der Gesamtstruktur, und da vor allem in der Lösung der Treppe, der Form nach eine sogenannte Kaisertreppe, ein ganz neues Raumverständnis zeigt, das bis dahin in Palma keine Vorgänger hatte.
Ein zweites Beispiel für den neuen Stil ist Can Berga (Pl. del Mercat nº 12), dessen pati, laut Josep Pla, der größte von ganz Palma ist. Er weist große Ähnlichkeiten mit Can Vivot auf, erreicht aber nicht ganz dessen Raumeindruck.
Der dritte große palau aus dem 18. Jahrhundert ist schließlich Can Sollerich (c/ de St. Gaietà nº 10), früher Casa Morell genannt. Hervorstechendstes Merkmal sind die bauchigen Säulen aus rotem Marmor, der aus dem Landgut von Sollerich stammt. Die Treppengestaltung ist sozusagen das Gegenstück zu Can Vivot: Zwei rechts und links vom Durchgang zu den Stallungen liegende Seitentreppen verbinden sich über diesem zu einer einzigen. Insgesamt wirkt dieser pati, nicht zuletzt wegen der dünnen, geschnörkelten Metallgeländer, überaus feingliedrig und elegant.
Abschließend ist zu sagen, daß überraschend viele dieser
alten patis erhalten sind. Maßnahmen wie der Umbau von Can
Sollerich zu einem Kulturzentrum geben ihnen zudem einen Teil ihrer früheren
Atmosphäre zurück: Sie werden wieder zu den belebten Orten des
Austauschs und der Zusammenkünfte, die sie einmal waren.
Cirici, Alexandre (1968): Larquitectura gòtica catalana, Barcelona.
Cirici, Alexandre (21975): Larquitectura catalana: Barcelona.
Corominas, Joan: Diccionari etimològic i complementari de la llengua catalana, Barcelona, 1986.
Erzherzog Ludwig Salvator (1989): Die Balearen, Faksimile der Ausgabe von 1897, Palma de Mallorca.
Matheu Mulet, Pedro Antonio (1958): Palma de Mallorca monumental, Madrid.
Montaner, P. de / Miralles, E. (1973): Patis de Palma, Palma de Mallorca.
Oliver, Maria Antònia / Tony Catany (s.a.): Les Illes, Barcelona.
Pla, José (= Josep) (1950): Guía de Mallorca,
Menorca e Ibiza, Barcelona.

Anfänge und erster Kontakt mit den Protagonisten der Modernen
Architektur
Josep Lluís Sert kann mit Fug und Recht als der Vorreiter der Modernen Architektur in Spanien bezeichnet werden. Bereits als Student knüpft er enge Verbindungen zum bekanntesten Vertreter der Moderne überhaupt, dem gebürtigen Schweizer Le Corbusier. Le Corbusier, damals nur in Fachkreisen bekannt, hatte gerade eines seiner bekanntesten Häuser fertiggestellt, die Villa Savoie bei Poissy, als Sert 1927 zum ersten Mal nach Paris kommt. Er wird auf die Bücher Le Corbusiers aufmerksam und macht nach seiner Rückkehr nach Barcelona seine Freunde und Kommilitonen mit den Hauptwerken «Vers une Architecture» und «Urbanisme» bekannt. In der noch stark traditionell orientierten Escola Tècnica Superior de Barcelona, an der Sert seit 1923 studiert, sorgen diese Bücher für große Aufregung. Daraufhin gründet er mit einigen Kommilitonen eine Protestbewegung gegen die akademische Richtung der Lehre. Die Gruppe lädt Le Corbusier nach Barcelona ein und organisiert mehrere Vortragsreihen und Ausstellungen. So wird die Verbindung zwischen Sert und Le Corbusier weiter vertieft. Nach seinem Diplom im Jahre 1929 holt Le Corbusier ihn nach Paris und beteiligt ihn am Projekt für den Völkerbundpalast in Genf. Im selben Jahr nimmt Sert am IIème Congrès International d'Architecture Moderne (CIAM) in Frankfurt am Main teil. Als einer der wenigen Teilnehmer aus Spanien gehört Sert damit zur Gründergeneration der Modernen Architektur.
Kennzeichnend für die große Bewegung des Aufbruchs ist die sehr ernsthafte Auseinandersetzung mit Kunst. Der Kubismus und die immer weitergehende Abstraktion in der Malerei und der Bildhauerei stellen neue Aufgaben an Architekten. Sert, der sich neben seinem Studium schon intensiv mit Malerei beschäftigt hat, bewegt sich im Zirkel von Malern, die später als große Avantgardisten anerkannt werden sollen: Joan Miró, Fernand Leger und Alexander Calder. Unter anderem war er Mitglied der ADLAN (Amics de l'Art Nou), einem Verein, dem auch Cineasten und Musiker angehörten. Wie eng damals Architektur und Kunst verknüpft waren, macht die Vorstellung eines Projekts von Sert für ein Feriendorf an der Costa Brava aus dem Jahr 1929 deutlich, das er im Rahmen der Austellung «Moderne Kunst» in den Galeries Dalmau der Öffentlichkeit präsentierte. Neben Kunstwerken und Plastiken wurde auf dieser Ausstellung, im selben thematischen Rahmen, auch Architektur gezeigt.
Neben der Teilnahme am IIIème Congrès Intemational
d'Architecture Moderne in Brüssel gründet er 1930 den GATCPAC,
den Grup d'Arquitectes i Tècnics Catalans in Barcelona. Am
Tag der Ausrufung der Autonomen Katalanischen Republik, dem 14. April 1931,
werden die Geschäftsräume des Architektenkollektivs eingeweiht,
zu dem neben Sert auch Josep Torres i Clavé, Sixte Illescas und
Joan-Baptista Subirana gehören. Die Gruppe erhält in der Folgezeit
mehrere Aufträge der Katalanischen Regierung für Schulbauten
und andere öffentliche Gebäude. Das politische Engagement für
Katalonien soll Sert allerdings später noch zum Verhängnis werden.
Neben den Bauprojekten wird auch die Zeitschrift 'A. C.' (Documents
d'Actitivitat Contemporània) herausgegeben.
Der Weltaustellungspavillon für Paris
1937 ist das Renommee Serts bereits so groß, daß er von der spanischen Regierung mit Planung und Bau des spanischen Pavillons für die Weltausstellung in Paris beauftragt wird. Zusammen mit Luis Lacasa entwirft Sert in kürzester Zeit und mit äußerst geringen Mitteln einen dreigeschossigen Pavillon aus Stahl mit großer Zugangsrampe und einem elektrisch ein- und ausfahrbaren Sonnendach. Im Pavillon selbst werden große Photowände und Spanische Volkskunst gezeigt. Hauptattraktion aber sind die Werke der Avantgardisten. Picasso zeigt sein Wandbild 'Guernica', Calder 'Mercury Fountain' und Miró den 'Katalanischen Bauem und die Revolution'. Darüberhinaus war noch eine totemähnliche Plastik mit dem Titel 'Das spanische Volk hat einen Weg, der zu einem anderen Stern führt' von Alberto Sánchez und 'Montserat' von Julio González zu sehen. Moderne Architektur traf hier mit zeitgenössischer Kunst zusammen.
Die immer abstrakter werdende Kunst paßte nicht mehr in einen
dekorativen Rahmen, was die Aufgabe sehr schwierig machte. Serts gutem
Kunstverständnis und einem engagierten Gedankenaustausch zwischen
Planern und Künstlern war es zu verdanken, daß ein Gebäude
entstand, das die Kunstwerke voll zur Geltung brachte. Sert hat die Aufgabe
selbst so umrissen:
Wie der Architekt Thematik und Material des auszustellenden
Werkes sowie dessen Gehalt, Aussagekraft und Bezüge zu berücksichtigen
hat, so muß auch der Künstler die Eigenschaften von Raum, Raumfolgen
und Raumbeziehungen einfühlend erfassen. Bei all dem spielt das Licht
eine wesentliche Rolle und - bei Gebäuden, die Ausstellungen beherbergen
sollen - auch der Weg, den der Besucher nimmt, sowie die Beziehungen zwischen
offenen und geschlossenen Räumen (zit. nach Freixa 1980:130).
Die Pariser Jahre und das amerikanische Exil
Nach Beendigung des Projekts bleibt Sert in Paris und arbeitet an den
Thesen der CIAM. Sein Partner Josep Torres i Clavé fällt im
Bürgerkrieg. Der Exodus spanischer Flüchtlinge nach Frankreich
beginnt. Auch nach dem Bürgerkrieg bietet sich Sert keine Möglichkeit
zur Rückkehr. Als politischer Architekt wird er geächtet und
erhält Berufsverbot, was ihn veranlaßt in die USA auszuwandern.
In der Folgezeit wendet sich Sert verstärkt der Stadtplanung zu und
veröffentlicht eines der Hauptwerke des CIAM: 'Can our Cities Survive?',
ein Lehrbuch, das die Thesen des CIAM enthält und ein radikales Umdenken
in der Stadtplanung fordert.
Das Atelier für Joan Miró
Erst 1955 realisiert Sert sein erstes Gebäude nach dem II. Weltkrieg
in Europa. Es handelt sich um das Ateliergebäude für seinen langjährigen
Freund Joan Miró auf der Baleareninsel Mallorca. Mirós Atelier
liegt außerhalb von Palma an einem mit Hilfe von Steinmauem terrassierten
Hang. Durch den Neubau der Fundació Pilar i Joan Miró
ist allerdings unserer Tage vom Urzustand nicht mehr viel zu sehen. Das
Atelier wirkt gegenüber dem langgezogenen Neubau ausgesprochen klein.
Trotzdem hat es, dank der minutiösen Konservierung durch die Kuratoren,
seinen Charme erhalten. Das von drei Ebenen zugängliche Gebäude
sitzt auf zwei Terrassen. Ein Patio wird gegen Norden von der gekrümmt
verlaufenden Steinmauer der höher gelegenen Terasse abgeschlossen.
Es ist zwei Stockwerke hoch und erhält sein Licht, wie bei Malerateliers
üblich, von einem durchlaufenden Fenster in der Nordwand. Die Deckengewölbe
sind in wechselnder Höhe angebracht, wodurch der Raum zusätzliches
Licht und seine markante Silhouette erhält. Durch die in Primärfarben
gehaltenen Lüftungsblenden entsteht ein sehr heiteres Bauwerksbild.
Im östlichen Teil ist eine Decke eingezogen; im unteren Bereich befindet
sich eine Kochgelegenheit und ein Bad, im oberen Teil bildet der Raum eine
Galerie mit mehreren Zeichentischen aus, die sich zum Atelier hin öffnet
und große Fenster nach Süden aufweist. Durch ein ausgeklügeltes
System von Schiebetüren kann die Raumdisposition verändert werden.
Zwischen einer vollkommen Trennung des 'Wohnbereichs' und einer gänzlichen
Durchlässigkeit lassen sich beliebig viele halboffene und halbgeschlossene
Zustände herbeiführen. Sert hat so einen sehr belastbaren und
stark veränderbaren Grundriß geschaffen. Das Haus wirkt, trotz
seiner kleinen Kurbatur, dank seiner exponierten Lage und der aufgeregten
Dachform, dominant. Das vor Jahren noch einsam gelegene Haus ist mittlerweile
vom Stadtwachstum Palmas eingeholt und von üblichen Profanbauten der
Vorstädte umgeben.
Die Fondation Maeght und weitere Künstlerhäuser
Durch den Bau des Ateliers auf Mallorca wurde Aimé Maeght, der Galerist Mirós, auf Sert aufmerksam. Er beauftragte ihn 1964 mit Planung und Bau der Fondation Maeght in St.-Paul-de-Vence. Das ungleich größere Bauvorhaben für ein Museum für Zeitgenössische Kunst ist wie viele Bauten Serts modular aufgebaut. Ein Weg durch die Ausstellung bestimmt den Grundriss. Die fensterlosen Wände haben einzig die Aufgabe, die Kunstwerke zu tragen und werden von den für Sert so charakteristischen Oberlichtern erhellt. Zuvor hatte Sert noch ein Haus für den Maler Georges Braque entworfen, das 1960 fertiggestellt wurde. Die drei Baukörper der Anlage sind um einen zentralen Patio angeordnet, wobei zusätzlich auf Seiten des Ateliertraktes und des Schlafzimmertraktes jeweils noch ein weiterer Patio hinzukommt. So entsteht eine Folge von offenen und geschlossenen Räumen, die durch Blickverbindungen miteinander in Beziehung stehen. Auch hier findet man die aus einem Viertelzylinder geformten Oberlichter.
Es ist daher nicht verwunderlich, daß der Auftrag für das
Centre d'Estudis d'Art Contemporani der Fundació Joan
Miró in Barcelona ebenfalls an Sert vergeben wurde. Noch einmal
gelingt ihm damit ein großer Wurf. Im Jahr der Fertigstellung beschließt
das Colegi Oficial d'Arquitectes de Catalunya i de les Balears einstimmig,
Sert wieder als Vollmitglied aufzunehmen - eine kleine Wiedergutmachung
für den langjährigen Präsidenten des CIAO, Preisträger
aller bedeutenden Architekturpreise und Professor der besten Architekturschulen
der Welt.
Freixa, Jaume (1980): Josep Lluís Sert, Zürich: Les Editions d'Architecture.
Sert, Josep Lluís (1947): Can our Cities Survive?
An ABC of urban problems, their analysis, their solutions, Cambridge:
The Harvard University Press.
Quan la parella ve de noces,
ja veu i compta sos minyons,
veu com davallen a les fosses
els que ara viuen d'ilusions,
els que a la plaça de la vila
surten a riure i a cantar.
La balenguera fila, fila,
la balenguera filarà.
Bellugant l'aspi el fil cabdella,
i de la pàtria la visió
fa bategar son cor de vella
sota la sarja del gipó.
Dins la profunda nit tranquila,
destria l'auba qui vendrà.
La balenguera fila, fila,
la balenguera filarà.
De tradicions i d'esperances
tix la senyera pel jovent,
com qui fa un vel de nuviances
amb cabelleres d'or i argent
de la infantesa qui s'enfila,
de la vellura qui se'n va.
La balenguera fila, fila,
la balenguera filarà.
Im Jahre 1909 erschien der Gedichtband Cap al Tard von Joan Alcover
i Maspons (1854 Palma de Mallorca-1926 ebd.), in dem sich auch La Balenguera
befindet. Alcover greift dort auf die ersten beiden Verse des folgenden
mallorquinischen Volksliedes zurück:
La Balanguera fila, fila,
la Balanguera filarà;
posau foc a sa caldera:
sa caldera bullirà.
1925-1927 vertonte Amadeu Vives Roig (1871 Collbató-1932 Barcelona)
das Gedicht Alcovers, und durch die Interpretationen des Liedes vom Orfeó
Català, einem von Vives und Lluís Millet i Pagès 1891
in Barcelona gegründeten Gesangverein, bis zu Maria del Mar Bonet
wurde es in ganz Katalonien sehr populär. Weil man die Figur mit der
Heimat identifizierte, wurde das Lied zu einer Art Hymne Mallorcas, vor
allem zu Zeiten, in denen man nicht expliziter werden konnte.
Balenguera (Balanguera) kommt vermutlich über den lokalen Gallizismus
Bolangera von frz. boulangère (Bäckerin). Balenguera / Bolangera
/ Boulangère meint eine weibliche Person, auf die in verschiedenen
Volkstänzen Bezug genommen wird, bzw. ist der Name dieser Tänze.
Ausgangspunkt bildet wahrscheinlich La Boulangère a des écus,
ein Reigen auf ein französisches Volkslied aus dem 18. Jahrhundert,
dessen erste Strophe wie folgt lautet:
La Boulangère a des écus
Qui ne lui coûtent guère,
La Boulangère a des écus
Qui ne lui coûtent guère.
Oui, elle en a, je les ai vus,
J'ai vu la Boulangère,
J'ai vu la Boulangère.
Auf katalanischem Gebiet findet man in einer Liedversion zu dem Volkstanz
Bolangera den Geldaspekt fast wörtlich übersetzt wieder:
La Bolangera en té un colom
que amb la cua escombra el forn
i amb les ales la pastera
tota, ballant la Bolangera.
La Bolangera en té un conill
que..., etc.
La Bolangera en té diners
que no li costen gaire,
si els n'ha guanyats filant
de Ripoll a Ridaura.
La Bolangera del tupí, die Version aus Castelló de la
Plana, zeigt eine starke Ähnlichkeit mit der mallorquinischen Balanguera:
La Bolangera del tupí
sense foc la fa bullir;
feu-li foc i bullirà,
la Bolangera dinarà.
Die meisten Versionen sprechen von Ofen und Brottrog oder von einer
webenden Alten, die einen Kessel nicht näher definierten Inhalts zum
Kochen bringt. Je nachdem hat diese alte Frau mehr oder weniger von einer
Zauberin, Wahrsagerin oder Hexe, bei Alcover schließlich wird sie
als eine Art Schicksalsgöttin dargestellt, die den Lebensfaden spinnt.
Möglich ist, daß auf Mallorca eine Verwechslung mit einer altherkömmlichen
Muse oder Parze stattgefunden hat. Es kann jedoch auch sein, daß
es sich um den Namen einer Person handelt, die den Leuten im Gedächtnis
geblieben ist. Dieser Name rief mit der Zeit durch seine etymologische
Bedeutung die der mythischen Figur zugeschriebene Rolle hervor. In diesem
Falle handelt es sich um den Personennamen Berenguer / Berenguera - manchmal
in Balenguera oder Berenguela umgewandelt -, der in Beziehung zu einer
wundertätigen bzw. als Hexe verrufenen Bäckerin steht. Tatsächlich
wurde Berenguer / -era verallgemeinernd für Personen oder Figuren
verwendet, die mit berühmten Gegenständen zu tun haben, z.B.
in der Redewendung en Pau, en Pere o en Berenguera, analog zum Kastilischen
fulano, zutano y perengano (Herr X, Herr Y und Herr Z).
Albet, Montserrat / Cahner, Max (1971): [«Balanguera, la»], in: Max Cahner et al. (Hrsgg.): Gran Enciclopèdia Catalana, Barcelona: Enciclopèdia Catalana, Band 3, 67.
Alcover, Joan (1951): Obres completes, Barcelona: Editorial Selecta.
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1) Maria Antònia Oliver (Manacor, 1946) wird der sogenannten
«generació dels setanta»(18)
zugeordnet und veröffentlichte 1970 ihren ersten Roman Crònica
d'un mig estiu, in dem die Geschichte eines Vierzehnjährigen vom
Land erzählt wird, der ohne Vertrag in einem Hotel auf Mallorca als
Page arbeitet. Der zweite Roman Olivers Cròniques de la molt
anomenada ciutat de Montcarrà erschien 1972. In diesem Roman
greift sie wiederum das Thema des Tourismus auf Mallorca(19)
auf, welches aber eine andere Behandlung als in ihrem ersten Roman erfährt.
Während in ihrem ersten Roman das Thema realistisch und sozialkritisch
dargestellt wird, verbindet Oliver in ihrem zweiten Roman realistische
mit fantastischen Elementen. Diese fantastischen Elemente haben ihren Ursprung
in den mallorquinischen Rondalles, so tauchen Figuren wie Bernadet Fill
de Rei, Estel d'Or, les jaies Xaloc i Bigalot, fades und gegants
auf. Die Verbindung von Realität und Fiktion bei der Darstellung des
Tourismus soll im Folgenden untersucht werden.
2) Der Roman Cròniques de la molt anomenada ciutat de Montcarrà hat eine klar strukturierte Handlung, die auf drei zeitlichen Ebenen verläuft. Es wird die Geschichte der Familie Caimari-Bibiloni durch drei Generationen hindurch erzählt; die drei Erzählstränge werden abwechselnd verfolgt, so daß die Parallelen zwischen den verschiedenen Generationen und den stattfindenden Begebenheiten sichtbar werden. Gleichzeitig spannt sich damit der Bogen des Aufstiegs und Verfalls dieser Familie, der mit dem apokalyptischen Untergang Mallorcas und einer einzigen Überlebenden, Joana, endet. Außerdem wird die Geschichte Mallorcas dieses Jahrhunderts durch diese Familiensaga beispielhaft reflektiert.
Die erste Generation, Margalida Bibiloni und Bernat Caimari, wandert
zu Beginn des Jahrhunderts nach Südamerika aus, um dort zu Geld zu
gelangen, kehrt wieder nach Mallorca zurück und kann sich von neuem
in Montcarrà etablieren:
En Bernat i na Margalida eren, amb tota la família,
com una síntesi del poble, d'ascendència foravilera i menestrala,
havien emigrat i tornat per invertir els seus afanys i entregar els seus
fills a la terra que els havia vist néixer, i s'havien convertit
en industrials rics i benarribats a tot arreu, benrebuts a les cases de
més prestigi i noblesa, de més arrel montcarranera, estimats
per pobres i rics, per foravilers i vilatans, i fins i tot pels seus treballadors.
(OLIVER 1991:211)
Für die zweite Generation ist nicht nur die Industrialisierung und der zunehmende Tourismus prägend, sondern auch die Guerra Civil auf dem Festland, die zur ideologischen Konfrontation innerhalb der Familie führt. Wiederum verlassen zwei Familienmitglieder, Joan Caimari und Toni Picó, die Insel, um auf verschiedenen Seiten zu kämpfen.
Die dritte Generation, Joana, Jaume und Pere, «els tres primers
grans desertors de la molt anomenada ciutat de Montcarrà»
(121), ist sich des Niedergangs der Insel bewußt und verläßt
deswegen aus verschiedenen Gründen Mallorca, «a la recerca de
tot allò que no havien pogut trobar a Montcarrà» (122).
Joana studiert an der Universität in Barcelona, Pere geht nach Paris,
wo er die Studentenbewegung aktiv miterlebt, und Jaume verliert sich auf
der Suche nach amourösen Abenteuern. Joana kehrt als einzige nach
Mallorca zurück, um die Zerstörung und den Untergang der Insel
zu erleben. Mit ihr endet die Geschichte der Familie Caimari-Bibiloni und
der Stadt Montcarrà.
L'encanteri que feia segles surava damunt la família»
(15) wird drei Generationen lang aufgebrochen. Damit erfüllt sich
die Prophezeiung, «que una fada havia fet [...] al primer dels seus
avantpassats: d'ell creixeria una estirp que tots els pobles anomenarien
pels grans fets que duria a terme. (15)
Diese Prophezeiung erfüllt sich aber im negativen Sinne, so daß
sich «l'encantament» am Ende über die gesamte Insel legt.
3) Im Kapitel Ic wird die Situation der Insel im Jahr 1964 geschildert.
Der Glaube an übernatürliche Dinge, an die Insel als Königreich
von Riesen und Feen, die Welt der Rondalles, ist verloren gegangen und
wurde durch «somnis d'urbanitzacions, de ciutats modèliques,
de fàbriques ultramodernes, d'organització capitalística»
(42) ersetzt. So ist ist die Insel nicht mehr wie in früheren Jahrhunderten
durch Piraten bedroht, sondern durch die Touristen, die Eroberer der Insel
des 20. Jahrhunderts.
[...] les companyies urbanitzadores, els morros rossos
i d'estranya parla, els pirates del segle vint, la [l'illa; d. Vf.] s'havien
feta seva, com en temps remots els pirates de bandera negra i calavera
blanca arribaven i destruïen, robaven i assolaven possessions a punta
de sabres. Ara ho feien a punta de devises i els illencs, enlluernats pels
diners fàcils i a vegades invisibles, no lluitaven contra ells per
tal de conservar allò que era seu, no giraven l'esquena al mar:
s'hi aliaven i hi anaven de cara. (42)
Von Seiten der Mallorquiner besteht also keinerlei Widerstand gegen
den Tourismus, sondern alle sind beherrscht von «aquella follia de
doblers i prestigis, d'aventures i de luxe, que planava per Montcarrà
com un corb famolenc» (41). So hat sich auch das äußere
Bild Montcarràs grundlegend verändert:
Montcarrà havia esdevingut un gran poble i els montcarraners ciutadejaven, tiraven casals avall per fer-ne cases de pisos amb un luxe que anys enrera no haurien cregut ni tan sols sospitat poder tenir, i convertien les barraques de foravila en castells de somni [...]. (39)
[...] grans hotels, noves urbanitzacions, noves botigues
de souvenirs s'eregien majestuosament en el paisatge illenc, tapant-lo,
refent-lo, destruint-lo.» (195)
Zwar hat der Tourismus der Insel zu einem wirtschaftlichen Aufschwung
verholfen, dieser bleibt aber einseitig, da er gleichzeigt die Landwirtschaft
und die traditionelle Industrie zerstört.
[...]a l'hora de batre, no volien gastar diners en cap màquina i la feina se la carregava la pobra mula amb cucales i els pagesos[...] (44)
Més del seixanta per cent dels propietaris d'empreses
turístiques eren de Montcarrà. Com sempre, primer havia començat
un i tot d'una l'havien seguit els altres, l'havien imitat una munió
de famílies, de potentats industrials que, també tots ells,
havien invertit els guanys dels seus negocis en aquell gegant, amb peus
de fang, llaminer i enlluernador, que era el turisme. I tota la indústria
de Montcarrà havia anat perdent, s'havia anat esbucant [...].»
(195)
Gleichzeitig entsteht auch ein kulturelles Vakkuum, da keinerlei kulturelle
Einrichtungen bestehen: «Montcarrà era una nova babel, sense
teatres, sense ateneus culturals, sense agrupacions artístiques,
sense cors parroquials[...].»(44) Ebenso haben sich durch den Tourismus
nicht nur die Gesellschaftsstruktur, sondern auch die traditionellen Moralvorstellungen
und Verhaltensweisen grundlegend verändert. So gibt der Tourismus
neue Möglichkeiten zu Heldentaten, wie sie auch schon in den Rondalles
erzählt wurden:
En Bernadet fill de rei ja no anava a matar el drac a
les muntanyes esquerpes de terres llunyanes: rendia castells les torres
dels quals eren pits exuberants inexpugnables i sexes voltats de boscos
espessos de vegetació espinosa i, per fer-ho, ja no li calien les
tres vellanes de la bona jaia, es bastava amb la seva espasa aguerrida
per molts segles de lluites i baralles amb altres fills de rei de països
desconeguts que, a la fi, tanmateix l'havien vençut i s'havien ensenyorit
de la seva illa. Però com en Bernat fill der rei sempre havia estat
aventurer, no es va voler conformar amb la inactivitat a què el
volien sotmetre els vencedors i posava setges als seus castells, robava
les seves dones, feia negoci amb els seus doblers i vivia feliç,
almanco més tranquil que en aquells temps immemorials en què
uns altres moros de pell més fosca es volien apoderar de la seva
terra. (39-40)
Die modernen Prinzessinnen, die es zu erobern gilt, sind nun die nordeuropäischen
Touristinnen:
En Bernadet fill de rei de l'any 1964 havia fet escola
i molts d'altres Bernadets, Miquels, Tomeus i Jaumes l'acompanyaven als
seus corremons a la recerca de fades morganes d'ulls blaus, estatura gegantina
i cabellera escandinava, talment viquingues ardoroses que llençaven
llurs trenes de la finestrella de la torre del castell perquè els
trobadors mallorquins s'hi enfilassin i apagassin son foc. Pocs eren els
privilegiats que arribaven a dalt, la majoria queien a mig camí,
les man llagades i les anques planes de l'esclat, car, a l'illa el terra
ja no era de cotó sinó de quitrà, negre i brillant,
i més dur que una post de forner. Els qui entraven per la finestra
contaven meravelles d'aquelles dames i els seus coneixements amorosos;
havien de viure dels records durant tot l'any perquè no totes les
temporades eren bones per fer aquella mena d'incursions i, a més
a més, les Margalides, les Catalines i les Joanotes no volien saber
res d'aquells joglars esbojarrats que vivien de l'aire del cel i de l'alè,
poc alimentós tanmateix, de les seves duquesses de malucs arrodonits.
(40)
Und selbst die Bauern gehen dieser neuen Beschäftigung mit Eifer
nach, soweit es ihre Arbeit zuläßt:
[...] el diumenge, tornarien Bernadets fill de rei, llança
a la mà, a la conquesta d'emperadrius xineses o de princeses alemanyes,
i el dilluns, altre cop dins la gerreta. (44)
Wegen dieses allgemeinen moralischen Verfalls werden, sobald der Sommer
kommt, von Geistlichen «exercicis espirituals de les filles de Maria»
(44) für junge Mädchen organisiert, durch die sie für die
«perills que voltaven ses filles a la platja, entre aquelles dones
de vida dissipada d'altres països on el catolicisme no era religió
oficial» (45) gewappnet werden sollen. Ebenso wird versucht, Einfluß
auf die Verhaltensweise der Männer zu nehmen, indem ihnen mit den
Höllenfeuern gedroht wird, was aber augenscheinlich keinen Erfolg
hat:
Per acabar la temporada venien predicadors externs que
parlaven clar als homes, fadrins i casats, que en matèria sexual
no hi havia diferència d'estat civil, i els terrors de l'infern
eren encara més esglaiadors [...]. I al cap d'una setmana de commentaris,
la gent tornava a fer la seva, i en Toni Ximbomba, el més devot
de tot el poble, feia de gigolo i empaitava velles per les coves
de Manacor i pels poblats talaiòtics de Son Vall, com en Joan-quan-va-arribar-aquelles-sabatotes-encalçava-ses-al·lotes-per-darrere-es-campanar.
(45)
Diese Veränderung der Insel auf allen Ebenen bleibt nicht ohne
Folgen. Im Kapitel Vc beginnt schließlich der Exodus der Touristen,
gefolgt von einem Großteil der Mallorquiner. Über die Insel
und die verbleibenden Bewohner legt sich wieder der Zauber, aus dem Mallorca
zu Beginn des Romans aufgetaucht war:
I començaren a adormir-se i a no despertar-se.
El dormissó dels gegants havia fet efecte i aviat tota l'illa restà
silenciosa, sense un bri de moviment. Nomès na Joana i na Margalida
havien resistit l'encantament [...]. (205)
Im Schlußkapitel bleibt schließlich nur noch Joana, die
Zeugin wird, wie die Insel von den gegants zurückerobert und
zerstört wird und zuletzt untergeht. Am Ende ist Joana selbst zu einer
Märchenfigur geworden, sie trägt einen Goldstern auf der Stirn,
wie Catalineta aus den Rondalles, «la germana garrida de l'estel
al front» (42). So hat sich schließlich die durch den Tourismus
verdrängte Welt der Rondalles mit dem Untergang der Insel gerächt,
und nur Joana bleibt als einzige Hoffnung auf einen Neubeginn.
I de tot allò només restava ella, jove per sempre, damunt una Roqueta, com un llumeret blau que cridaria navegants i aventurers per romandre amb ella una santa nit.
I encara hi deu ser si no se n'és anada. (236)
4) Wie durch die Aneinanderreihung der Zitate deutlich wurde, geht Oliver auf alle Veränderungen, die der Tourismus auf der Insel ausgelöst hat, ein. Es werden die äußeren Veränderungen, die Urbanisierung der Insel, die sozio-ökonomischen Veränderungen, die durch die einfließenden Devisen der Touristen entstehen, wie auch der Kontrast zwischen den Wert- und Moralvorstellungen der Mallorquiner und der Ausländer angesprochen.
Was Olivers Roman von den zur gleichen Zeit entstehenden, sich mit dem gleichen Thema auseinandersetzenden Romanen unterscheidet, ist ihr Verzicht auf eine rein sozialkritische Darstellung des Themas, wie es in anderen, so auch ihrem ersten Buch geschieht. Dadurch daß sie den Bezug zur Welt der mallorquinischen Rondalles sucht, Figuren und Ereignisse aus den Rondalles mit aktuellen parallel setzt und so die stattfinden Veränderungen, die der Tourismus auslöst, beschreibt, gewinnt die erzählte Geschichte eine neue Dimension hinzu und geht über die rein realistische Darstellung hinaus. Sprachlich ensteht dadurch eine sehr subtile Ironie, die in den längeren Zitaten zu den 'modernen' Abenteuern der Mallorquiner besonders anschaulich wird.
Oliver gelingt es also nicht nur, anhand der Familiensaga der Caimari-Bibilonis Mallorcas Geschichte dieses Jahrhunderts widerzuspiegeln, sondern auch die realistische Beschreibung des Tourismusbooms auf der Insel mit der fantastischen Welt der Rondalles zu verbinden.
Der unbedachte Umgang mit der Insel, ausgelöst durch die Profitgier
der Mallorquiner den Tourismus betreffend, wird am Schluß symbolisch
durch die gegants der Rondalles mit dem apokalyptischen Untergang
Mallorcas gerächt. Die Kritik an den negativen Auswirkungen des Tourismus
wird in das Erzählen einer 'modernen' Rondalla verpackt. Damit ist
Oliver in ihrem Roman die Verbindung von realistischen und fantastischen
Elementen auf eine besondere Weise geglückt.
Arnau i Segarra, Pilar (1995): «El turisme com a motiu de creació literària: la narrativa mallorquina (1968-1980)», Zeitschrift für Katalanistik 8, S. 136-152.
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Llompart, Josep M. (1992): La narrativa a les Illes Balears, Palma de Mallorca: Moll.
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com a motiu de creació literària a Mallorca (1960-1990).
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Baltasar Porcel ist der wohl bekannteste Schriftsteller der seit den fünfziger Jahren in Erscheinung getretenen Generation mallorquinischer Autoren, zu der neben ihm auch Gabriel Janer Manila, Maria Antònia Oliver, Antònia Vicens und Guillem Frontera gehören. Vor allem auf dem Gebiet des Romans läßt sich seit dem Erscheinen von El mar von Blai Bonet, dem Vorläufer und Initiator, eine spezifisch mallorquinische Erzähltradition ausmachen, mit einer vom Mallorquinischen geprägten Sprache und einer auf die Insel bezogenen historischrealistischen Thematik (Triadú 1982:216). Neben Romanen umfaßt das Werk des 1937 in Andratx geborenen Porcel vor allem auch Theaterstücke und journalistische Arbeiten, außerdem verschiedene Erzählungen.
Bevor er mit Solnegre sein umfassendes Romanwerk beginnt, macht
sich Porcel zunächst als Theaterautor und Journalist einen Namen.
Er schreibt für die Zeitschriften «Serra d'Or» und «Destino».
1958 erhält er für das ein Jahr später veröffentlichte
Theaterstück Els condemnats, ein existentialistisch-realistisches
Stück, den Premi Ciutat de Palma de Teatre. Dieses Werk macht
ihn in der Literaturszene bekannt. Über das absurde Theater (La
simbomba fosca, 1962) kommt er schließlich, wie auch parallel
in seinen Romanen, zu einem historischen Realismus. 1962 erscheint Història
d'una guerra, ein an die Brechtsche Montagetechnik angelehntes Stück
und der erste Versuch, katalanisches Theater in der Tradition des epischen
Theaters zu schaffen. Sein dramatisches Gesamtwerk erscheint 1965 unter
dem Titel Teatre. Auch wenn sich Porcel im folgenden mehr und mehr
dem Roman zuwendet, begleiten Theater und Journalismus seine schriftstellerische
Karriere weiterhin. Seine journalistische Laufbahn erreicht ihren Höhepunkt
Ende der sechziger und in den siebziger Jahren, in denen er vor allem als
Autor von Reisereportagen brilliert (beispielsweise Arran de mar (1967),
Viatge a les Balears men (1968), Crònica d'atabalades navegacions
(1971), Camins i ombres (197 sowie originelle, in ihrer Art später
imitierte Interviews führt (Grans cata d'ara (1972).
Seine journalistischen Arbeiten bedeuten für ihn auch einen größeren
kommerziellen Erfolg, ein breites Publikum und hohes Prestige. Wie auch
in seinen Romanen, erweitert er ab Mitte der siebziger Jahre sein Interessenfeld.
Er beginnt, sich auch für fremde Kulturen zu interessieren (China:
una revolución en pie, 1974).
In Porcels Romanwerk lassen sich zwei Phasen unterscheiden. Den umfangreicheren ersten Teil stellt dabei die Evokation von Mythen und Legenden seines Geburtsortes Andratx dar, mit der er zum Hauptvertreter des «realisme històric» wird (Riquer 1988:260). Damit schlägt er denselben Weg ein wie die zeitgenössischen Vertreter der «novela social» in der spanischen Literatur. Porcel verfaßt Romane in der Tradition des «tremendismo» Celas und betont mit Vorliebe die Schattenseiten des Daseins: brutale Gewalt, zwanghafte Situationen, deformierte Figuren, die von Leidenschaften wie Machthunger geleitet werden.
In Solnegre, seinem 1961 erschienenen und mit dem Premi Ciutat de Palma ausgezeichneten kurzen Roman setzt Porcel zwei Pole: auf der einen Seite den Protagonisten, einen existentialistischen Antihelden, auf der anderen Seite das Dorf Solnegre, ein realistisches und dennoch verfremdetes Abbild von Andratx. Die Hauptfigur erinnert mit ihrer völligen Gleichgültigkeit und dem absurden Verbrechen, in das sie verwickelt ist, an den Fremden von Camus. Die Beschreibung des Dorfes zeichnet sich vor allem durch die genaue Darstellung des ländlichen mallorquinischen Lebens aus, durch die Beschreibung des Kampfes zwischen Menschen und dem armen, unwirtlichen Land. Die Brutalität, die das Leben prägt, verbindet diesen Roman mit dem «tremendismo» Celas.
Der folgende Roman, La lluna i el 'Cala Llamp' (1963) orientiert sich noch mehr an dem objektivistischen Realismus der spanischen «novela social» (Riquer 1988:258). Mit diesem Werk wird der katalanische «realisme històric», bis dahin lediglich theoretisch erhofft, zur Realität. Der Roman beschreibt eine mehrtägige Küstenschiffahrt, schildert fast dokumentarisch die tägliche Arbeit der Menschen, ist äußerst handlungsarm und ohne individuellen Protagonisten. Es geht hier nicht mehr wie in Solnegre um die Darstellung psychologischer Vorgänge, sondern vielmehr um den Versuch, eine Realität direkt und objektiv darzustellen, um eine Bewußtwerdung beim Leser hervorzurufen.
1965 erscheint der wahrscheinlich vor La Lluna i el 'Cala Llamp' verfaßte Roman Els Escorpins. Eher erscheint die mallorquinische Landschaft nicht wie im vorausgegangenen Roman oder im folgenden Werk Els argonautes als Reproduktion von Eindrücken aus der persönlichen, familiären oder geographischen Biographie des Autors, also der Gegend von Andratx. Der Raum figuriert lediglich als Schauplatz für die Ereignisse (Triadú 1982:218).
Els argonautes (1968) bildet mit Solnegre und La Lluna i el «Cala Llamp eine Trilogie (Triadú 1982:219). Wieder wird auf fast dokumentarische Weise das Leben der Menschen in Andratx geschildert, diesmal ist es eine Schmugglergeschichte. Trotz Abschweifungen in andere Gegenden (Palma, Barcelona, Galicien, Kuba) ist der Keim des Romans die Gesellschaft von Porcels Heimatort. Bemerkenswert ist vor allem die historische Dimension des Werkes: Der Autor rekonstruiert einen Teil der mallorquinischen Gesellschaft, vom Bürgerkrieg bis in die sechziger Jahre. Diesmal sind sowohl die Aspekte des Abenteuerromans als auch die des «tremendismo» auf ein Minimum reduziert.
Mit Els argonautes hat Porcels Werk einen kritischen Punkt im
Hinblick auf sein Engagement im Rahmen des «realisme històric»
erreicht. Difunts sota els ametllers en flor, 1970 erschienen
und mit dem Premi Josep Pla ausgezeichnet, wird von Riquer (1988:262)
als bestes Werk des Autors hervorgehoben-, er betont jedoch, daß
dieser Roman schon wenig mit der Tradition des «realisme històric»
gemein hat. Eher als um einen Roman handelt es sich bei diesem Werk um
eine Sammlung eigenständiger Geschichten. Porcel zeichnet hier ein
breites Bild der Welt von Andratx. Beeinflußt von Juan Perucho und
Álvaro Cunqueiro, ersetzt Porcel in diesem Roman das Engagement,
die Botschaft von Solidarität mit einer Landschaft und ihren Menschen
durch einen starken Individualismus. Difunts sota els ametllers en flor
leitet damit den Übergang in eine andere Schaffensphase des Autors
ein.
Etwa ab 1975 internationalisiert und kosmopolitisiert sich die Haltung Porcels, was nicht nur in seinen journalistischen Arbeiten, sondern auch in seinen Romanen zum Ausdruck kommt. Bereits in Cavalls cap a la fosca (1975, «Premi Prudenci Bertrana») wird diese Erweiterung des thematischen und erzähltechnischen Horizonts deutlich. Porcel entwirft die Saga einer Familie aus Andratx. Schauplatz ist nicht mehr nur die Insel, sondern auch Paris und Afrika. Beschwor der Autor bisher immer eine relativ zeitgenössische Geschichtsperiode, so geht er hier bis ins siebzehnte Jahrhundert zurück. Im Gegensatz zu den vorangehenden Romanen werden hier auch philosophische Reflexionen eingeflochten und die Rekonstruktion der unmittelbaren Vergangenheit des Protagonisten versucht.
Die beiden folgenden Romane reflektieren den Wandel in Porcels Interessenbereich sehr deutlich. Les pomes d'or (1980), ein Abenteuerroman, spielt in Schwarzafrika und dem östlichen Mittelmeerraum. Dieser kosmopolitische Horizont erweitert sich in dem 1984 erschienenen Els dies immortals. Porcel beschreibt die Lebensgeschichte eines mallorquinischen Abenteurers, die eng mit Afrika und seinem dort lebenden Sohn im Zusammenhang steht.
Les primaveres i les tardors (1986) beschreibt einen konkreten Moment des Jahres, nämlich ein weihnachtliches Essen. Der Roman ist insofern widersprüchlich, als daß er einerseits einen Schritt zurück bedeutet im Bezug auf die eher kosmopolitische Haltung der beiden vorangegangenen Romane (Schauplatz ist wieder Andratx), andererseits aber auch im Hinblick auf die impizierte Weltdarstellung eine Neuordnung in Porcels Erzählkunst bedeutet (Riquer 1988:368).
Porcels Interesse liegt also auf der Beschwörung einer mythischen
Welt seines Heimatortes Andratx. Mit einem über weite Strecken agressivem
Ton veranschaulicht er den Kampf des Menschen mit sich selbst und gegen
eine feindliche Umwelt (Riquer 1988:369). Espadaler faßt das Anliegen
des Dichters folgendermaßen zusammen:
[...] Baltasar Porcel [...] ha elaborado un mundo mitico cuyo centro es Andratx [...], un mundo de gentes desarraigadas, lanzadas a aventuras en las que lo mágico tiene un papel fundamental, y que Porcel trata con un estilo abarrocado y tremendista en ocasiones, adecuado al mundo violento y primario que describe. (Espadaler 1989:200)
Mit dieser Thematik steht er nicht allein («Selbstfindung durch
die Erschließung der autobiographischen oder historischen Vergangenheit
ist eines der zentralen Themen der mallorquinischen Literatur [...]»
(Hösle 1982:86), sondern findet seinen Platz in der Erzähltradition
der Baleareninsel.
Carbonell, A. / Espadaler, A. M. / Llovet, J. / Tayadella, A. (1979): Literatura catalana dels inicis als nostres dies. Barcelona: Edhasa.
Espadaler, A. M. (1989): Literatura catalana, Madrid: Taurus.
Hösle, Johannes (1982): Die katalanische Literatur von der Renaixença bis, zur Gegenwart, Tübingen: Max Niemeyer Verlag.
Riquer, Martí de / Comas, Antoni / Molas, Joaquim (1988): Història de la literatura catalana. Vol. V.- Part Moderna. Barcelona: Editorial Ariel.
Triadú, J. (1982): La novela catalana de postguerra.
Barcelona: Edicions 62.
In seiner Darstellung der modernen katalanischen Literatur charakterisiert Hösle (1982) die «mallorquinische Dichterschule» als eine Richtung, die dem «noucentisme» nahesteht und deren an der antiken Dichtung orientierter Formalismus schließlich zu einem Hemmschuh für die weitere Entwicklung der Lyrik auf den Balearen geführt hat. Für ihn sind die Hauptvertreter der mallorquinischen Dichterschule Miquel Costa i Llobera und Joan Alcover, denen sich eine Reihe von unbedeutenden Epigonen anschließt.
In Hösles Kurzdarstellung erscheint die Lage einheitlicher als sie sich beim näheren Hinsehen zeigt. Der Begriff der «escola mallorquina» ist zunächst einmal schon nicht eindeutig betreffs des Umfangs der Periode und mithin der dazugehörigen Autoren. Llompart (1988) unterscheidet drei Auffassungen: im weitesten Sinn ist die mallorquinische Dichterschule der Beitrag Mallorcas zur katalanischen Renaixença überhaupt und umfaßt mithin den Zeitraum von der Romantik (Tomàs Aguiló, Marià Aguiló, Pons i Gallarza) bis zu den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts; in einem engeren Sinne umfaßt sie die Dichtung ab der Jahrhundertwende bis zu den 50er Jahren (Costa i Llobera, Alcover und deren Schüler) und im eigentlichen, engen Sinne nur die Schüler der Meister der Jahrhundertwende (Maria Antònia Salvà, Llorenç Riber, Miquel Ferrà; Guillem Colom, Miquel Forteza, Joan Pons Marquès). In diesem Sinn soll auch hier die mallorquinische Dichterschule als eine durch eine Anzahl gemeinsamer ästhetischer Zielsetzungen charakterisierte Gruppierung mallorquinischer Dichter aufgefaßt werden, die ihr Werk in den ersten fünfzig Jahren des 20. Jahrhunderts schaffen und publizieren und die von Costa i Llobera und Alcover programmatisch initiierte Dichtung fortsetzen (Llompart 1988:8f.).
Im Rahmen dieser Eingrenzung werden drei Phasen unterschieden (Casals 1995). Den Anfangspunkt für die als Phase der Konsolidierung der «escola mallorquina» bezeichnete Etappe (1903-1921) bildet das Buch von M. dels Sants Oliver «La literatura en Mallorca» (1903), das einen Beitrag zur Klärung der Frage der Sprachnormalisierung und der Nationalität darstellt. Die Autoren schreiben nun nicht mehr kastilisch, wie noch in der Zeit der theoretischen Ausbildung durch Costa i Llobera und Joan Alcover. Dieser Phase der Konsolidierung folgt eine der weiteren Selbstbesinnung auf die mallorquinische Eigenart in den Jahren 1921-1936, in der die Zeitschriften «Almanac de les Lletres» (1921-1936) und «Nostra Terra» (1928-1936) erscheinen. Die «neue Generation» (1936-1950), vertreten durch Miquel Dolç (1912) und Marià Villangómez (1913) bleibt den poetischen Normen der «escola mallorquina» noch treu, bis sich bei Bartomeu Rosselló-Pòrcel (1913) der Bruch mit dieser Tradition artikuliert.
Die ästhetischen Normen der «escola mallorquina» stehen
in mancher Hinsicht, und nicht nur durch die zeitliche Koinzidenz, in Kontakt
mit dem katalanischen «Noucentisme», eher als mit dem «Modernisme».
Der «Noucentisme» kann als eine gegen die Romantik gerichtete
Bewegung beschrieben werden, die die Erneuerung durch die Errichtung einer
«natürlichen» und traditionellen Ordnung in der neuen
Gesellschaft anstrebt. In der Lyrik schlug sich diese Bewegung in einer
klassizistisch überformten Dichtung volkstümlicher Inspiration,
einem Interesse für die archaischen und populären Traditionen
des Landes und einer idyllisierenden Naturbetrachtung nieder. Gegenüber
dem «modernisme», der in dem Bestreben nach Erneuerung viele
Berührungspunkte mit dem «noucentisme» aufweist, ist dieser
jedoch durch die Ablehnung sozialrevolutionärer und dekadenter Haltungen
gekennzeichnet. Sein Ziel ist die «obra civilista», ein harmonisches
Gemeinwesen, das durch die harmonische Vereinigung der Gegensätze
von sozialer Stabilität und kultureller Dynamik Bestand hat:
Bastiu la Ciutat futura, arquitectes, manobres de San Francisco! [...] un cop haureu creat un bell edifici, un cop haureu empresonat un ritme en ses pedres, ja encara que el foc l'abrusi, l'edifici viurà, i viurà eternament, perquè perdurarà son ritme. (Zitiert in Casals 1995:274).
Für die Charakterisierung der ästhetischen Orientierung der «Escola mallorquina» wie sie sich um die Jahrhundertwende herausgebildet hat, soll schließlich noch ein Blick auf die Positionen von Costa i Llobera und Alcover geworfen werden.
Miquel Costa i Llobera (1854-1922) definiert seine Poetik in dem Vortrag
«La forma poètica», den er im Jahre 1904 im Ateneu von
Barcelona hielt (Obres Completes 1947:437-444). In deutlicher Bezugnahme
auf die Erneuerungsbestrebungen der Lyrik wie sie vornehmlich im Frankreich
der Jahrhundertwende laut werden, versucht Costa i Llobera eine Positionsbestimmung,
die bei aller Liberalität der Grundhaltung doch eine wenig risikofreundliche
Einstellung gegenüber diesen Veränderungen zeigen, wenn es etwa
heißt: «...les innovacions, lluny de repugnar-me com a algú,
m'encanten i em refresquen l'esperit [...] però que no sien deformacions!»
(442). Die Begründung für die harmonisierende Bestrebung, die
einen Mittelweg zwischen der Dichtung des Parnaß («l'importància
del 'savoir faire'») und dem Symbolismus («l'encant de la simplicitat
candorosa») sucht, wird schließlich, ganz im Sinne des Zeitgeistes,
in den Wesenszügen der katalanischen Nation gesucht:
Posseint, doncs, una llengua per essència i tradició tan apta a assimilar-se formes poètiques distintes, bé podem trobar la novetat sense precisió de caure en l'extravagància.» (443).
Welcher Art etwa die metrischen Erneuerungen sein könnten, zeigt
sich in den «Visions de la Palestina» (1908), in denen sich
Costa i Llobera des biblischen Langverses bedient. Auch hier steht wieder
die Tradition als Quelle der Erneuerung im Vordergrund. Bezüglich
des Gehalts ist die Dichtung auf die Wiederherstellung des Ideals in Zeiten
religiöser Krise ausgerichtet, ohne daß der Dichtung dabei eine
besondere Funktion als sprachkritischen Unternehmens zukäme. In «Salutació
poètica per la fundació dels Jocs Florals de Colonya»
(1899) heißt es pathetisch:
«De Pàtria, Fe i Amor alçant l'escut,
armau nous caballers de poesia;
i feta amb ells una Creuada sia
que reconquisti l'ideal perdut!» (Obres Completes
, 1947:70)(20)
Auf den ersten Blick weniger präskriptiv äußert sich
in ähnlichen Umständen Joan Alcover (1854-1926) in seinem Vortrag
«Humanització de l'Art» (30.4.1904; in Obres Completes
1951:221-232): «En coses d'art [...] jo som partidari de la llibertat
absoluta.» (221). Im Laufe seiner Ausführungen wird aber in
der gleichen Weise wie bei Costa i Llobera die Sorge vor der «Entartung»
artikuliert, die durch das Buch von Max Nordau - das seit 1894 auf französisch
vorliegt - Eingang in die Diskussion gefunden hatte. Alcover hebt in dem
besagten programmatischen Vortrag auf die Frage nach der gesellschaftlichen
Wirksamkeit ab, der er die Dichtung des Elfenbeinturms als negatives Bild
gegenüberstellt. Auch hier wieder wird ein ausgleichender mittlerer
Standpunkt gesucht, kein «Entweder-oder» sondern ein «Weder-Noch»
bzw. «Sowohl-als-auch». Dieser mittlere Weg wird zugleich wiederum
als der den mallorquinischen Bedingungen angemessenste angesehen. Diese
Haltung findet schließlich Ausdruck in einer Preisrede auf Maria
Antònia Salvà aus dem Jahre 1918, in der es heißt:
He dit a una banda, no sé a on: 'El país
canta per boca del poeta [...] Voleu triomfar fora de Mallorca? Siau mallorquins'.
Aquesta veritat es fa patent en la poesia de Na Maria Antònia. Flor
de sentiment, flor d'enginy, flor d'exquisida ruralitat, tota ella mallorquineja;
i per això agrada tant, aquí i a l'altra banda del canal.
I noteu que no ha seguit la petja de ningú; ha duit a la interpretació
de l'ànima i la fesomia de Mallorca una nota personal, i no ha escollit,
per cantar-los, els paratges esplèndids i grandiosos del país,
predilectes del turisme, sinó altres aspectes més humils
que li són familiars: els aspectes consagrats per la comunicació
habitual de la naturalesa amb la vida del poeta.» (Obres Completes
1951:281).
Zusammenfassend können als Merkmale der Poetik der «escola
mallorquina» festgehalten werden: klassische Ausgewogenheit und Formstrenge;
thematische Beschränkung auf Natur und Landschaft; religiöse
Gestimmtheit verquickt mit klassischem Humanismus; Suche nach einer mallorquinischen
Identität.
Maria Antònia Salvà i Ripoll wurde am 4.November 1869 in Palma de Mallorca geboren. Sie verlor ihre Mutter bald nach ihrer Geburt. Den größten Teil ihres Lebens verbrachte sie auf dem Stammsitz der Familie («S'Allapassa») nahe bei Llucmajor oder in Ciutat, unterbrochen nur von einer Reise ins Heilige Land (1907). Sie stand in Kontakt mit Costa i Llobera und den anderen Dichtern des «noucentisme» der mallorquinischen Dichterschule wie Miquel Ferrà, Josep Carner und Gueran de Liost. Ihr erster Gedichtband («Poesies») erschien 1910 in Mallorca. Dem folgen weitere Gedichtsammlungen 1926 «Espigues en flor»; «El retorn» (1934); «Llepolies i joguines» (1946); «Cel d'horabaixa» (1948); «Lluneta del pagès» (1952) und der Erinnerungsband «Entre el record i l'enyorança» (1955). Des weiteren hat sie sich als Übersetzerin betätigt. Zu ihren Übersetzungen gehören u.a. die Gedichte «Les Iles d'or» (1873) und das Versepos «Mirèio» (1859) von Frédéric Mistral (Übersetzung 1910 bzw. 1917) und der Roman «I Promessi Sposi» (1825) von Alessandro Manzoni (Übersetzung 1923). Schließlich ist ihre Herausgebertätigkeit von Werken Ramon Llulls in Zusammenarbeit mit Mateu Obrador zu erwähnen. (Font i Obrador 1995). Sie starb am 29. Januar 1958 in Llucmajor.
Wie schon in der zitierten Erklärung von Joan Alcover anklingt, ist die Lyrik von Maria Antònia Salvà geprägt durch die Hinwendung zur mallorquinischen Landschaft in einem religiös gestimmten Gefühl, vermittelt durch eine musikalische Sprache, die ohne Aufdringlichkeit und mit schlichter Diskretion die Landschaft mit einer poetischen Einfühlung beleben will. Gegenüber dem oratorischen Ton, wie er etwa in der zitierten Strophe von Costa i Llobera anklingt, ist die Lyrik Salvàs ausgesprochen intimistisch, auch wenn ihr der hymnische Gestus, wie er sich in der klassizistischen Grußformel «Salut ...» ausdrückt, nicht ganz fremd ist.
Im folgenden sollen an einem Textbeispiel die aufgeführten poetischen
Orientierungen der «escola mallorquina» und ihre individuelle
Ausgestaltung bei Maria Antònia Salvà illustriert werden.
| Sol de març | Märzsonne |
| Blocs grisencs d'un temps primer
per on la cabra pastura; tanyades de romeguer... -Fou talaiot o claper l'enderroc que encara dura?... |
Graue Blöcke aus erster Zeit
dort wo die Ziege weidet; Sprosse von Brombeersträuchern... War das Geröll, das noch besteht einst ein 'Talaiot' oder 'claper'? |
| Entre les pedres antigues
hi creixen amb ufanor les vaumes i les ortigues, sempre juntes, sempre amigues... - Oh l'estranya germanor!- |
Zwischen den alten Steinen
wachsen mit stolzer Haltung die Malve und die Brennesseln immer zusammen, immer befreundet oh seltsame Bruderschaft! |
| L'aire hi roman aturat;
el temps fila, fila d'esma... I en la muda soledat que besa el sol de Quaresma, floreix un lliri morat. |
Die Luft regt sich nicht an diesem Ort
die Zeit verstreicht, verstreicht in einem fort und in der stummen Einsamkeit die die Sonne der Fastenzeit küßt blüht eine violette Lilie. |
| (Antologia poética, 1957:67; aus: «Espigues en flor») |
(1) Ein Talaiot ist ein turmartiges megalithisches Bauwerk, möglicherweise eine Wehranlage oder Lagerraum, mit unterschiedlichem Grundriß von ca. 15 m Durchmesser, das aus Steinblöcken mittlerer Größe zu ca. 8 m Höhe aufgeschichtet ist. Von ihnen gibt es über tausend allein auf Mallorca und beispielsweise finden sich fünf (zwei mit quadratischem, drei mit rundem Grundriß) in «Capocorb Vell» bei Llucmajor, deren Ausgrabung 1910-20 von Josep Corominas Roca vorgenommen wurde. Zu diesen frühgeschichtlichen Bauten gibt es ein Gedicht von Maria Antònia Salvà in «Lluneta del pagès», das den Titel «Talaiots» trägt.
(2) Claper ist die Bezeichnung für ein mit Felsblöcken
bedecktes Feld, die man speziell für die Ruinenfelder der megalithischen
Zyklopenbauten verwendet («claper de gegants«).
Das Gedicht erscheint zunächst wie eine Momentaufnahme mallorquinischer Landschaft an einem sonnigen Märztag, an dem die ersten Anzeichen des Wiedererwachens der Natur von einem nicht weiter hervortretenden Betrachter wahrgenommen werden. Eine diskrete, unterschwellige Emotion belebt die Szenerie, die in der letzten Zeile, in dem plötzlichen Erscheinen der Lilie, kulminiert.
Die semantische Analyse erlaubt es, in einer vorläufigen Anordnung der Inhaltselemente, vier Bereiche auszumachen, denen sich fast alle sinntragenden Worte zuordnen lassen: die steinerne Welt des Ruinenfelds (blocs, talaiot, claper, enderroc, pedres), die in der ersten Strophe evoziert wird; die pflanzliche und tierische Welt (cabra, tanyades, romeguer, creixen, vaumes, ortigues, floreix, lliri) und die Zeit (març, temps primer, dura, aturat, fila), die in allen drei Strophen präsent sind und schließlich abstrakte Ausdrücke (ufanor, germanor, soledat, Quaresma), je zwei Ausdrücke in der zweiten und dritten Strophe, die eine teils religiöse teils kriegerische Welt evozieren. Während die ersten beiden Bereiche in einem Gegensatz stehen (tot - lebendig) vermitteln die beiden anderen zwischen ihnen in einer Weise, die im folgenden näher betrachtet werden soll.
Fügt man zu diesem ersten Befund die Distribution der Verben hinzu (1. Strophe «fou», und im Nebensatz «pastura» und «dura»; in der 2. Strophe «creixen» und in der 3. Strophe «roman», «fila», «besa», floreix»), so kann man als erste Schlußfolgerung betreffs des inneren Verlaufs der «Momentaufnahme» festhalten, daß sich die Szenerie zunehmend belebt: Während zunächst das Ruinenfeld unbeweglich daliegt, steigt aus diesem toten Feld am Ende die violette Lilie wie ein neues Lebenszeichen auf. (Dieser Auffassung scheint zunächst zu widersprechen, daß das «höchste» Lebewesen, das überhaupt erwähnt wird, die Ziege, gleich zu Beginn erscheint. Allerdings ist festzustellen, daß diese Erwähnung keine wirkliche Präsenz dieses Tiers evoziert, sondern nur ein imaginiertes Detail der Landschaft darstellt, das durch die Relativkonstruktion «per on» gewissermaßen dynamisiert wird: dies ist bloß der Ort, wo die Ziegen vorbeikommen. Vor allem aber ist es der Gebrauch des bestimmten Artikels, der die Präsenz des Tieres in einen Raum der reinen Vorstellung entrückt.)
Dieser Befund wird durch die Analyse anderer Ebenen des Textaufbaus gestützt. So weist die Syntax eine zunehmende Komplexität auf, die der Strophengliederung entspricht: nach einer verb-losen Reihung einzelner Gegenstände in den Zeilen 1-3 folgt in der ersten Strophe eine Frage (Z.4-5); in parallelem Aufbau setzt sich die zweite Strophe aus einem Aussagesatz (jetzt mit Verb) und einem Ausruf zusammen, während schließlich die dritte Strophe an zwei kurze Aussagesätze (Zeile 1 und 2) einen dreizeiligen Aussagesatz schließt, der wie eine Synthese der ganzen Situation darstellt. Die «lliri morat» am Ende erscheint nun wie ein mystisches Ergebnis der Einwirkung nicht nur der Sonne, sondern auch der «estranya germanor» von «vaumes i ortigues».
Die Bewegung, die die syntaktische Struktur des ganzen Gedichts aufweist, läßt sich, gewissermaßen in reduzierter Form bereits, in den ersten beiden Zeilen an dem Zusammenwirken von Syntax und Rhythmus aufzeigen: «Blócs griséncs d'un témps primér / per on la cabra pastúra;[...]»: während die erste Zeile in strenger rhythmischer Abfolge von betonten und unbetonten Silben zwei gleichartige Syntagmen verbindet (jeweils Substantiv und Adjektiv) und sozusagen den gleichförmigen Ablauf unerfüllter Zeit wiedergibt, löst sich in der zweiten Zeile dieser einförmige Rhythmus in einen freien Fluß der Bewegung auf, der seinen Akzent erst auf der letzten Silbe erhält.
Auch das Reimschema entspricht dem Befund eines «dialektischen» Aufbaus. Während die ersten beiden Strophen bei gleicher Abfolge der Reimwörter (a'ba'a'b; cd'ccd') nur einen Wechsel in der Alternanz von männlichem und weiblichem Reim aufweisen, zeigt die dritte Strophe eine gewissermaßen «gelöste» Alternanz (e'fe'fe'). Schließlich weist die Vokalstruktur eine ähnliche Bewegung auf: während in der ersten Strophe die betonten Vokale o -e -a vorherrschen, tritt in der zweiten Strophe mehrfach betontes i dazu, während in der dritten gewissermaßen ein Ausgleich stattfindet mit der Hervorhebung eines betonten i in dem bedeutungsschweren «lliri» der letzten Zeile.
Der an die Strophen gebundenen Bewegung der Szenerie entspricht auch ein Wandel in der Sprechhaltung des lyrischen Subjekts: an keiner Stelle tritt es explizit hervor, drückt sich aber, wie schon erwähnt, in der sich verändernden Form der Sätze aus. Den ganz «unpersönlichen» Aufzählungen folgt in der ersten Strophe eine Frage, und in der zweiten ein Ausruf. Die dritte Strophe enthält kein syntaktisches Element der impliziten Ich-Kundgabe, stattdessen aber das überraschende und geheimnisvolle Erscheinen der Lilienblüte, in einem über drei Zeilen sich erstreckenden Satz, der durch zwei Bilder («muda soledat» und «besa el sol») sich als besonders ausdrucksvoll abhebt, so daß man vielleicht sagen könnte, daß hier der subjektive Ausdruck ganz in dem äußeren Geschehen aufgegangen ist.
Eine Deutung der gesamten Szenerie muß dieses Erscheinen der Lilienblüte in Betracht ziehen: wie gesagt wird der Eindruck erweckt, daß die Wiedergeburt («Lilie») aus der Wirkung von Märzsonne und geheimnisvoller Bruderschaft der unscheinbaren Pflanzen entsteht. Die Lilie als ein Symbol mit tiefverwurzelter Tradition(21) gibt diesem Erscheinen noch zusätzlich Gewicht in diesem Zusammenhang.
Zusammenfassend läßt sich das Gedicht vielleicht als eine Landschaftsminiatur bezeichnen, in der das subjektive Erleben auf einen Moment religiöser Gestimmtheit gerichtet ist.
Das Thema des Frühlings und einzelne Motive dieses Gedichts werden
von Maria Antònia Salvà auch andernorts verwendet: so in
«Espigues en flor» in den Gedichten «Primaveral»,
«Cançó de maig» u.a. In dem zuletzt genannten
Gedicht findet sich auch wieder die Lilie, diesmal aber ganz eindeutig
der Mutter Gottes zugeordnet:
[...]El vostre nom aterra
la Serp que fa pecar;
sóu lliri de la terra
i estrella de la mar / [...] (Espigues en flor, 1981:82).
Die Gemeinschaft von «vaumes» und «ortigues»
wird in in der «Lloança de les flors camperoles» aus
«El retorn» (1981:127) aufgegriffen:
[...] / / Brava ortiga, virtud tens que salva,
així com la malva
que és tota bondat
quin bo fan en concòrdia amiga
la malva i l'ortiga
costat per costat! / / [...].
Auch bei Costa i Llobera, dem von Maria Antònia Salvà
bewunderten Meister, findet sich das Thema des Frühlings und zwar
auch in Verbindung mit der Mutter Gottes. So heißt es in dem ebenfalls
«Cançó de maig» betitelten Gedicht aus den «Noves
Poesies» von 1907:
| Cantau, oh cors! Somriu la Primavera,
i amb son encís de germinal virtud fa rebrollar les fonts de joventut pel món ja vell, com en sa edat primera. [...] |
Singt, Herzen. Der Frühling lächelt,
und mit seinem Zauber keimender Tugend läßt er die Quellen der Jugend wieder neu wachsen in der schon alten Welt, wie in seiner ersten Zeit. [...] |
| Oh Verge Mare! com per temps enrera,
encara avui la nostra pàtria et sent. Oh estel d'aquesta pàtria renaixent, fes-la florir en nova primavera.» |
Oh Mutter Gottes, wie in früherer Zeit
fühlt sich noch heute unser Vaterland. Oh Stern dieses wiedererstehenden Vaterlands, laß sie in einem neuen Frühling erblühen. |
Um schließlich aber auch die Grenzen der Ausdrucksmöglichkeiten
der traditionsverhafteten «escola mallorquina» zu verdeutlichen,
mag ein Vergleich mit einem ähnlichen Motiv aus einem Gedicht von
Antonio Machado dienen, in dem die poetische Reduktion des Ausdrucks noch
weiter getrieben ist. In «Orillas del Duero» aus den Soledades
(1902) heißt es:
[...] Entre las hierbas alguna humilde flor ha nacido,
azul o blanca. ¡Belleza del campo apenas florido,
y mística primavera! [...].
Der freie Vers allein erlaubt hier schon eine Beweglichkeit, zu der
die Verse von Maria Antònia Salvà sich nicht aufschwingen.
Alcover, Joan (1951): Obres completes, Barcelona: Editorial Selecta.
Costa i Llobera, Miquel (1947): Obres completes, Barcelona: Biblioteca perenne.
(1988) Els poetes de l'Escola Mallorquina, 2 vols., Prolèg de Josep Maria Llompart, Palma: Ed. Moll.
Salvà, Maria Antònia (1910): Poesies. Palma: Estampa de les filles d'en Joan Colomar.
Salvà, Maria Antònia (1957): Antologia poètica, amb un apèndix de proses i traduccions, tria i pròleg de Josep Carner, Barcelona: Ed. Selecta.
Salvà, Maria Antònia (21981): Espigues en flor, pròleg de Josep Carner, Mallorca: Ed. Moll.
Salvà, Maria Antònia (21981): Lluneta del pagès, Mallorca: Ed. Moll.
Salvà, Maria Antònia (31994):
Selecció de poemes, Llucmajor: Imprenta Moderna.
Bou, Enric (1987): «La poesia noucentista», in: Martí de Riquer et al. (ed.): Història de la literatura catalana. Vol. IX, Barcelona: Ariel, 99-152.
Casals, Glòria et al. (191995): Literatura catalana amb textos comentats, Barcelona: edicions 62.
Castellanos, Jordi (19986) «L'escola mallorquina», in: Martí de Riquer et al. (ed.), Història de la literatura catalana. Vol. VIII, Barcelona: Ariel, 325-377.
Fuster, Joan (1956): La poesia catalana, 2 vols., Palma: Ed. Moll.
Font i Obrador, Bartomeu (1995): Maria Antònia Salvà i Mateu Obrador. Testimoni vivencial (1903-1908), Llucmajor: Papers de l'Allapassa 8.
Hösle, Johannes (1982): Die katalanische Literatur von der Renaixença bis zur Gegenwart, Tübingen: Niemeyer.
Llompart, Josep Maria (1964): La literatura moderna a les Balears, Mallorca: Ed. Moll.
Llompart, Josep Maria (1988): «Pròleg», in: Els poetes de l'escola mallorquina, Palma: Ed. Moll, 7-24.
Oliva, Salvador (1988): Introducció a la mètrica, Barcelona: Quaderns Crema.
Pons i Marquès, Joan (1976): Crítica
Literària, 2 vols., Palma de Mallorca: Ed. Moll.
Nach zehn Jahren Llei de Normalització Lingüística und dreizehn Jahren Estatut ist man auf Mallorca leider weit davon entfernt, die hochgesteckten Ziele erreicht zu haben; die Umsetzung und Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben bereiten sichtlich Schwierigkeiten. Das Hauptproblem ist, daß das Normalisierungsgesetz sehr allgemein gehalten ist, in vielen Fällen handelt es sich eigentlich eher um Empfehlungen und Zugeständnisse. Ein Vergleich mit Katalonien, wo ungefähr zur gleichen Zeit mit der Normalisierung begonnen wurde, zeigt, daß auf den Balearen bei weitem nicht das erreicht worden ist, was möglich wäre, erst recht nicht das, was man angestrebt hatte. Um die Konfliktpunkte aufzuzeigen, die sich im Laufe der letzten zehn Jahre herauskristallisiert haben, sollen einige der wichtigsten bzw. problematischsten Artikel des Normalisierungsgesetzes kommentiert werden.
Mit der Spanischen Verfassung von 1978 und dem am 25. Februar 1983 verabschiedeten Estatut d'Autonomia de les Illes Balears wurde das Katalanische neben dem Kastilischen kooffizielle Sprache. Der autonomen Region fiel die ausschließliche Zuständigkeit für den Unterricht der katalanischen Sprache in Übereinstimmung mit den staatlich vorgegebenen Lehrplänen zu. Am 29. April 1986 wurde vom Govern Insular das Normalisierungsgesetz, Llei 3 / 1986 de Normalització(22) Lingüística, verabschiedet, am 28. August 1986 folgten Bestimmungen über Katalanischunterricht und Erteilung von Unterricht in katalanischer Literatur in der nichtuniversitären Lehre.(23) Am 10. September 1987 wurde im Bulletín Oficial del Estado eine Verordnung über den zeitlichen Umfang des Katalanischunterrichts an den Schulen veröffentlicht, und schließlich verabschiedete die Junta de Govern am 16. Februar 1988 das Reglament d'ús intern i normalització del català a la Universitat de les Illes Balears. Damit wurden die gesetzlichen Voraussetzungen für die sprachliche Normalisierung auf den Balearen geschaffen.
In Artikel 2 des Normalisierungsgesetzes ist in wenigen Worten gesagt,
wo das Hauptproblem des Versuches einer sprachlichen Normalisierung liegt:
La llengua catalana és la llengua pròpia
de les Illes Balears i tots tenen el dret de conèixer-la i d'usar-la.
(Conselleria 1986:9).
Es ist die Rede vom Recht, Katalanisch zu sprechen. Nach wie vor haben alle Spanier das Recht und die Pflicht, die kastilische Sprache zu sprechen, niemand kann aber gezwungen werden, Katalanisch zu sprechen, auch nicht Lehrkräfte oder Staatsangestellte, Postbeamte oder Universitätsprofessoren; niemand hat also die Pflicht, Katalanisch zu sprechen.
Damit sind natürlich alle Bestrebungen, die Stellung des Katalanischen
zu stärken, erschwert. So ist beispielsweise die Frage, ob der Unterricht
an der Universitat de les Illes Balears (UIB) auf Katalanisch zu halten
ist, an die Bereitschaft der Hochschullehrers gebunden, sich dieser Sprache
zu bedienen. In Artikel 25.1. des Normalisierungsgesetzes heißt es:
Els professors i els alumnes en els centres d'ensenyament
superior tenen el dret a emprar oralment i per escrit la llengua oficial
de la seva preferència. (Conselleria 1986:17).
Entscheidet sich der Unterrichtende für das Kastilische, so wirkt
er damit natürlich maßgebend auf die Sprachwahl des Schülers
ein. Unter 25.2 heißt es:
El Govern de la Comunitat Autònoma i les Autoritats
Universitàries tenen el compromís d'assegurar a través
de cursos i d'altres mitjans la comprensió i ús de la llengua
catalana, oral i escrita, per part de professors i alumnes en l'ensenyament
universitari. (Conselleria 1986:17).
Die Einflußnahme durch das Normalisierungsgesetz geht über die Durchführung von Katalanischkursen nicht hinaus.
Unter 22.1. des 'Reglament d'ús intern i normalització
del català a la Universitat de les Illes Balears' wird die Organisation
freiwilliger Katalanischkurse für das Universitätspersonal festgelegt:
La UIB ha d'organitzar cursos voluntaris de català
per a tot aquell personal al seu servei que no tengui els coneixements
de català necessaris per exercir les seves funcions. (Junta 1988:561).
In der Praxis stellt sich hier das Problem, daß es rechtlich keine
Möglichkeit gibt, das Katalanischniveau der Hochschullehrer zu überprüfen.
Das Reglament sieht in Artikel 23 vor, daß
a totes les bases que regulin les convocatòries
per proveir llocs de treball de la UIB [...] i als concursos de mèrits
destinats a la promoció interna s'hi ha d'incloure la pràctica
obligatòria d'un exercici amb l'objectiu d'acreditar que el nivell
de coneixement de català que posseeix l'aspirant correspon al nivell
assignat a cada lloc. (Junta 1988:561).
Bei den Ausschreibungen von Arbeitsplätzen kann die Universität
zwar ein bestimmtes Katalanischzeugnis oder den Nachweis einer Prüfung
als Einstellungsvoraussetzung zugrunde legen, danach aber kann von niemandem
verlangt werden, auch tatsächlich Katalanisch zu sprechen. In Artikel
4 des Reglament vom 16. Februar 1988 heißt es zwar:
El personal al servei de la Universitat de les Illes Balears
s'adreçarà als ciutatans normalment en català, però
respectarà la tria que aquests facin de la llengua en què
volen ser atesos. (Govern 1988:557)
Ein Besuch an der UIB oder auch nur einige Telefonate, so Cathy Sweeney, Leiterin des mit der sprachlichen Normalisierung innerhalb der Universität betrauten Servei Lingüístic der UIB, zeigen jedoch schnell, daß die Realität anders aussieht, das Kastilische ist nach wie vor sehr viel häufiger zu hören als das Katalanische.
Nicht einmal die Einstellungsbedingungen der öffentlichen Einrichtungen
sind bezüglich der Katalanischkenntnisse eindeutig. Obwohl es in Artikel
16.2 des Normalisierungsgesetzes (Conselleria 1986:14) heißt:
A les proves selectives que es realitzin per a l'accés
a les places de l'Administració dins l'àmbit territorial
de les Illes Balears, s'ha de tenir en compte, entre altres mèrits,
el nivell de coneixement de les dues llengües oficials, la ponderació
del qual determinarà l'Administració per a cada nivell professional,
gab es im März 1996 beispielsweise noch keine Empfehlungen oder Vorschriften, wie die Auswahlverfahren an der Universitat de les Illes Balears auszusehen haben oder welche Bedingungen für die verschiedenen zu besetzenden Stellen gelten sollen. Es gibt nicht einmal eine Liste aller Stellen, Voraussetzung für die Ausarbeitung der Einstellungskriterien.
Diese Probleme finden direkten Niederschlag in der Statistik über
die Verwendung des Katalanischen an der UIB. Der Servei Lingüístic
der UIB führte im Studienjahr 1994 / 95 eine Umfrage über die
Verwendung des Katalanischen in der Lehre durch und befragte dabei die
Studenten und Lehrkräfte nach verschiedenen Aspekten der Verwendung
des Katalanischen im Unterricht, nach
l'exposició oral (classe), els exàmens (en quina llengua es formulen les preguntes), l'exposició escrita (pissarra) i la bibliografia. (UIB 1996a:29).
Die Ergebnisse (UIB 1996a:40) zeigen, daß das Katalanische weit
von einer 'normalen' Situation entfernt ist:
| Percentatges globals - Curs 1994-95 | català | castellà | cat./cast. |
| Classes | 54,4% | 41,7% | 3,8% |
| Pissarra | 51,4% | 47,6% | 0,9% |
| Exàmens | 50,5% | 48,2% | 1,2% |
aus: (UIB 1996a:40)
| Ús global en tot l'àmbit docent: | català | castellà | cat./cast. |
| Percentatge | 52,16% | 45,88% | 1,96% |
aus: (UIB 1996a:40)
Im Vergleich zu einer 1992-93 durchgeführten Untersuchung wurde festgestellt, daß die Verwendung des Katalanischen in den Studiengängen Ciències Empresarials, Infermeria, Informàtica de Gestió, Informàtica de Sistemes, Filologia Hispànica, Química und Informàtica zurückgegangen ist. Zudem stellte sich heraus, daß das Katalanische zwar immer mehr im mündlichen Bereich verwendet wird, schriftlich aber das Kastilische an Bedeutung gewinnt. Beunruhigend ist aus der Sicht des Katalanischen, daß sich das Kastilische vor allem in den mit der Wirtschaft vernetzten Fachbereichen durchsetzt, die auf die Gesellschaft bezogen stark prägenden und somit multiplikativen Charakter haben.
In Artikel 2.4. des Normalisierungsgesetzes heißt es: «Ningú
no podrà esser discriminat per raó de la llengua oficial
que empri» (Conselleria 1986:9). Auch dieser Abschnitt ist leider
nur in Grenzen wahr geworden. Die Tatsache, daß es noch immer Gerichte
gibt, an denen des Katalanischen nicht mächtige Richter wirken, führt
in einigen Fällen, wenn beispielsweise ein Kläger darauf besteht,
sein Anliegen auf Katalanisch vorzubringen, dazu, daß Gerichtsdolmetscher
eingesetzt werden müssen. Heißt es doch in Artikel 5.1. des
Normalisierungsgesetzes:
Els ciutadans poden dirigir-se als jutges i tribunals
a fi d'obtenir la protecció judicial en relació al dret d'emprar
qualsevol de les dues llengües oficials, d'acord amb la legislació
vigent. (Conselleria 1986:10).
Es versteht sich eigentlich von selbst, daß dabei die Unvoreingenommenheit des (kastilischsprachigen) Richters nicht immer unbeeinflußt bleibt.
«Les modalitats insulars de la llengua catalana seran objecte d'estudi i protecció, sense perjudici de la unitat de l'idioma» liest man in Artikel 2.5 (Conselleria 1986:9). Dieser Passus ist bisher eher halbherzig berücksichtigt worden. Eine 1991 unter mallorquinischer Leitung durchgeführte Umfrage bezüglich der sprachlichen Gewohnheiten der Bewohner Kataloniens, des País Valencià und der Balearen liegt noch im März 1996 unveröffentlicht am Fachbereich für Katalanische Philologie und Allgemeine Linguistik der Universitat de les Illes Balears, aus administrativen Gründen ist eine Publikation bisher unterblieben. Auch der Grad der Verwendung des Katalanischen in den ajuntaments ist bisher nur ungenügend untersucht worden. Die in Artikel 40.2 und 40.3 geforderte Umfrage über die Lage des Katalanischen auf den Balearen, die Erstellung einer soziolinguistischen Karte der Balearen und eine regelmäßige Revision bzw. Wiederholung dieser Unternehmungen ist niemals ernsthaft in Angriff genommen bzw. zwar begonnen, aber nicht den Vorgaben entsprechend weitergeführt worden.
Zudem ist noch immer ein politisch motivierter Disput um die von institutioneller Seite und von Linguisten verteidigte Einheit des 'Festlandkatalanischen' mit den auf den Inseln gesprochenen Dialekten des Katalanischen im Gange, der von den balearischen Tageszeitungen zusätzlich noch angeheizt wird. Die Zeitungen überlassen diversen pro- und antikatalanischen bzw. pro- und antimallorquinischen Personen oder Gruppierungen (Lobby per la Independència, Plataforma per sa llengua mallorquí etc.) nur zu gerne Spalten für Kommentare oder drucken Leserbriefe zu diesem Thema ab.(24) Auf diese Weise kann die Verunsicherung der Mallorquiner bezüglich ihrer Sprache nicht beruhigt werden, vielmehr untermauert es die noch immer verbreitete Auffassung, das Katalanische sei dem Kastilischen nicht ebenbürtig. Einziger Gewinner dieses Twists ist also das Kastilische.
Im Normalisierungsgesetz ist der Schutz der Einheit des Katalanischen
vorgesehen («sense perjudici de la unitat de l'idioma»), nicht
einmal die Politiker halten sich jedoch an diesen Artikel, wenn sie sich
öffentlich dahingehend äußern, daß auf Mallorca nicht
Katalanisch, sondern Mallorquinisch gesprochen wird. Moll schreibt zu dieser
Problematik, daß
aquesta disposició hauria de bastar per suprimir
les suspicàcies de dos grups minoritaris avui enfrontats, que desorienten
la gran massa de gent de bona voluntat, que vol mantenir la seva llengua
i la veu amenaçada per uns suposats 'imperialistes' que li volen
'imposar el català', o per 'gonellistes' que la volen fer mil bocins.
(Moll 1990:163).
Und dennoch lehnt das Ajuntament de Calvià, fast genau zehn Jahre nach der Verabschiedung der Llei de Normalització Lingüística, im März 1996 ab, sich nach den Vorschriften des Normalisierungsgesetzes zu richten, mit der Begründung, man wolle nicht, daß dem Katalanischen eine größere Bedeutung zukommt als dem Mallorquinischen.
In der Einleitung zu ihrem Buch La nostra llengua erklärt
die gebürtige Menorquinerin Aina Moll:
[A Mallorca] vaig trobar [...] un clima popular d'enfrentament
i d'una certa crispació per motius lingüístics, que
no havia conegut mai en forma tan aguda. [...] les discussions i els malentendesos
sobre llengua i dialecte venien de lluny, i reverdien periòdicament:
cada dos o tres anys, una 'polèmica d'En Pep Conella' omplia durant
una temporada la secció de Cartes al Director dels diaris; reapareixia
l'eslògan 'mallorquí sí, català no' i tornàvem
a sentir parlar d'imperialisme català i del perill catalanista.
(Moll 1990:8-9).
Artikel 4 des Normalisierungsgesetzes schreibt vor:
Els poders públics han d'adoptar les mesures necessàries per a fer efectius la promoció, el coneixement i l'ús normal de la llengua catalana. (Conselleria 1986:9).
Auch hier zeigt ein Blick auf die gegenwärtige Situation, daß
diese Vorschrift bisher nicht ausgereicht hat, eine Normalisierung in allen
Bereichen zu erlangen. So haben z.B. die sehr vage formulierten Vorschriften
des Normalisierungsgesetzes mit sich gebracht, daß die Maßnahmen
zur Normalisierung nur eingeschränkten Erfolg haben. Das Problem liegt
also ähnlich wie bei den Einstellungsbedingungen der öffentlichen
Einrichtungen oder bei den Möglichkeiten, die Katalanischkenntnisse
der Beamten zu überprüfen. Gerade auf der Ebene der Gemeinden
ist es schwierig, die Befolgung der Normalisierungsvorschriften zu überprüfen
bzw. zu steuern:
Malgrat que la declaració d'oficialitat del català
a les Illes Balears data del 1983, any d'aprovació de l'Estatut
d'Autonomia, s'ha de dir que en línies generals - sempre hi ha algunes
excepcions destacables - els nostres ajuntaments encara no s'han adaptat
a la nova situació lingüística que imposa l'Estatut.
(Vives i Mascaró 1989:6)(25).
Gerade die Verwendung des Katalanischen im Rahmen der Ajuntaments
ist aber von zentraler Bedeutung für die Normalisierung. Artikel 6.2
des Normalisierungsgesetzes schreibt vor:
La llengua catalana i la llengua castellana són llengües oficials a la Comunitat Autònoma de les Illes Balears i han d'esser emprades preceptivament per l'Administració segons la forma regulada per la llei. (Conselleria 1986:10).
Aber noch 1990 schreibt Aina Moll in ihrer Arbeit 'La nostra llengua':
Hem de fer molts esforços [...] fins que tots els funcionaris siguin capaços de'exercir les seves funcions en la llengua pròpia de les Illes [...]. (Moll 1990:159).
Bisher haben aber z.B. auf Mallorca nur sechs ajuntaments einen Servei de Normalització Lingüístic (Alcúdia, Inca, Llucmajor, Manacor, Palma de Mallorca und Pollença). Das zurückhaltende Verhalten der Gemeinden spiegelt sich wieder in der bei weitem nicht normalisierten Situation des Katalanischen auf dieser Ebene. Allerdings - oder gerade deswegen - schreibt Miquel Vives i Mascaró: «[...] pràcticament no s'han fet estadístiques de l'ús del català a l'administració local de les Illes» (Vives i Mascaró 1989:5).
Über die Conselleries schreibt Moll (1990:157):
El grau de normalització és molt diferent d'una Conselleria a l'altra, tal com els ciutadans tenen ocasió de comprovar, però no tenim en aquests moments dades concretes de la situació.
Das Parlament ist die am weitesten normalisierte Institution, was sicherlich
daran liegt, daß es recht jung ist und bereits gemäß den
rechtlichen Vorgaben strukturiert wurde. Die öffentlichen Einrichtungen,
die Gemeinden etc. haben die Aufgabe, der Bevölkerung als Beispiel
voranzugehen. Vives i Mascaró (1989:7) schreibt:
[els ajuntaments] han de predicar amb l'exemple com a condició indispensable per emprendre la segona obligació: estendre'n l'ús a tots els àmbits de la vida ciutadana».
Das ist aber oftmals nicht so:
encara queden municipis en què no s'han canviat
-en tot o en part- els noms dels carrers; sense anar més enfora,
encara no s'han canviat la denominació de molts de vials de Palma.
(Vives i Mascaró 1989:14).
Daran hat sich auch im März 1996 noch nichts geändert. Die
Beschilderung ist in vielen Fällen nicht oder unzureichend normalisiert.
Artikel 15.1 des Normalisierungsgesetzes aber schreibt vor:
La retolació pública, es farà en llengua catalana, acompanyada si calgués de signes gràfics que en facilitin la comprensió als no catalano-parlants. La retolació en català i castellà s'emprarà quan així ho aconsellin les circumstàncies socio-lingüístiques. (Conselleria 1986:14).
Diese Vorschriften werden bei weitem nicht immer befolgt. Dazu berichtet
Aina Moll:
[...] a les ciutats grans, sobretot a Palma, i a les zones
turístiques, el percentatge de rètols normalitzats - considerant
com a normals els que estan en català i els que estan en les dues
llengües - es encara molt petit. (Moll 1990:188).
Tatsächlich sieht man in ganz Mallorca dem Normalisierungsgesetz
nicht entsprechende Schilder. Natürlich hat man große Fortschritte
gegenüber der Situation bei Verabschiedung des Normalisierungsgesetzes
erzielt, man ist aber noch weit von den angestrebten Zielen entfernt, da
nicht einmal die öffentlichen Einrichtungen den Gesetzen folgen:
El propi Govern i el MOPU incompleixen aquesta normativa
cada dos per tres [...]. Convé que els ajuntaments no segueixin
aquest exemple de l'administració autonòmica i la perifèrica.
(Vives i Mascaró 1989:14).
Encara queden moltes plaques en castellà, sobre
tot a Ciutat(26). En els taulers d'anuncis
hi ha situacions molt diverses, segons les institucions i l'interès
personal dels seus dirigents. (Moll 1990:96).
Die persönliche Haltung der Verantwortlichen ist also entscheidend
für den Grad der Normalisierung. Interessant ist in diesem Zusammenhang,
daß noch immer einige der politischen Parteien Mallorcas des Katalanischen
nicht mächtige Parteisprecher haben. Diese Umstände haben Signalcharakter
und tragen dazu bei, daß bei weiten Teilen der Bevölkerung die
Notwendigkeit, das Katalanische zu fördern, nicht gesehen wird. In
Artikel 15.2 des Normalisierungsgesetzes heißt es:
A tots els rètols, indicacions i escrits en general,
bilingües, la primera versió ha de ser la catalana, com a llengua
pròpia de les Illes Balears, i la segona, la castellana. (Conselleria
1986:14).
Ein Besuch des Postgebäudes im Zentrum von Palma zeigt, daß den gesetzlichen Vorgaben nur unzureichend genügt wird, nicht einmal ein Drittel der Schilder bzw. Beschriftungen oder Aushängen folgte im März 1996 den Vorgaben. Ähnlich im Straßenverkehr: Schilder mit Aufschriften wie «muelles comercials / molls comercials» oder «aeropuerto / aeroport» sind zwar erfreulicherweise zweisprachig, dennoch aber nicht den Vorgaben entsprechend. Erstaunlich sind der Norm nicht gerechte Schilder an öffentlichen Gebäuden, so wie «Uso exclusivo bomberos» oder «Salida de Vehículos / Vado permanente» am Consolat de Mar, dem Sitz des Govern Balear in Palma. Noch immer sieht man besprühte, teilweise oder ganz übersprühte Hinweis- und Straßenschilder, was nicht wenig Polemik über dieses Thema ausgelöst hat. Dies ist nur ein Beleg mehr für die Unnatürlichkeit der Situation auf Mallorca.
Die Frage nach der Beschilderung ist ein sehr wichtiger Ansatzpunkt
der Normalisierung, wie dies auch Aina Moll erkannt hat:
Senyalització i retolació són grans
elements d'identificació colectiva, per la nostra pròpia
identificació com a poble i perquè realcen la nostra personalitat
als ulls del visitant estranger. (Moll 1990:98).
In Artikel 14.3 des Normalisierungsgesetzes steht:
El govern de la Comunitat Autònoma ha de reglamentar la normalització de la retolació pública, respectant, en tots els casos, les normes internacionals que l'Estat hagi subscrit. (Conselleria 1986:14).
Bezeichnend ist, daß es keine genau formulierten Kriterien für
die öffentliche Beschilderung (Verkehrswege etc.) gibt. In Inca beispielsweise
verwendet man die von der Generalitat de Catalunya herausgegebenen
Vorgaben, vom Departament de Política Territorial i Obres Públiques
erarbeitete Kriterien. Den ajuntaments liegen nur Vorschläge,
nicht jedoch Vorschriften vor. Somit ist die Beschilderung in den meisten
der mallorquinischen Gemeinden nicht einheitlich und nicht vollständig
normalisiert, da jede Gemeinde anderen (oder überhaupt keinen) Richtlinien
folgt. Erschwerend wirkt die Tatsache, daß es in einem Zusatzartikel
zum Normalisierungsgesetz (Disposició Transitòria 2ª;
Terminis per a l'adapció de rètols) heißt:
Tots els rètols indicadors a què fa referència
l'article 14, i que no són escrits en català, o que ho són
incorrectament, han de ser escrits correctament en aquesta llengua en el
termini màxim de tres anys [...]. (Conselleria 1986:24).
Artikel 14.1. des Normalisierungsgesetzes sieht vor: «Els topònims
de les Illes Balears tenen com a única forma oficial la catalana»
(Conselleria 1986:13). Dieser Vorschrift wird nicht durchgängig Rechnung
getragen. Einerseits gibt es noch immer Schilder, die mit den kastilischen
Namen von Lokalitäten versehen sind, andererseits gibt es noch andere
Nichtbeachtungen dieses Artikels. In diesem Zusammenhang ist der Fall Maós
besonders interessant. Maó liegt zwar nicht auf Mallorca, es handelt
sich bei dieser Stadt jedoch um ein besonders gutes Beispiel für den
Umgang mit dem Normalisierungsgesetz, warum ich denn trotzdem darauf eingehen
möchte.
Siebzehn Jahre nach der Veröffentlichung des Dekretes(27),
in dem die offizielle Form der Ortsnamen geregelt ist, hat die Gemeinde
Maó noch immer den offiziellen Namen nicht normalisiert. Dieses
Dekret enthält einen Artikel, der allen Gemeinden und den Consells
Insulars vorschreibt, in Übereinstimmung mit dem Normalisierungsgesetz
alle Ortsnamen den offiziell vorgeschriebenen anzupassen. Neben der kastilischen
Schreibung Mahón stehen die früher übliche katalanische
Schreibung Mahó und die der Rechtschreibreform entsprechende
Form Maó.
Atès el fet que Mahó és la
grafia tradicional amb què apareix habitualment documentat el dit
topònim, el conflicte es produeix amb les normes ortogràfiques
actuals, que preveuen la desaparició tant de les h rememoratives
d'una antiga consonant perduda, com de les h indicadores de hiatus
schreibt der menorkinische Philologe Moll i Gòmez de la Tía
(1987:60), und sagt weiter:
Em deixa una mica perplex que una h de més o manco
pugui arribar a ser un problema que entrebanqui la normalització
del nom de la capital de la nostra illa [Menorca]. (Moll i Gòmez
de la Tía 1987:60).
Artikel 17 des Normalisierungsgesetzes legt fest:
«El català, com a llengua de les Illes Balears, és
oficial a tots els nivells educatius» und in Artikel 18.1 folgt:
«Els alumnes tenen dret a rebre l'ensenyament en la seva llengua,
sigui la catalana o la castellana» (Conselleria 1986:14). Eine Schwierigkeit
bei der Realisierung dieser Artikel stellt die Tatsache dar, daß
die Balearen die einzige nichtkastilischsprachige autonome Region Spaniens
sind, die keine Kompetenzen auf dem Bereich der schulischen Bildung hat:
El fet que siguem l'única Comunitat amb llengua
pròpia dins un territorio MEC(28)
monolingüe castellà ens ho fa encara més difícil,
ja que les convocatòries de places les ha fetes durant anys el Ministeri
d'Educació i Ciència, ignorant per complet el nostre fet
lingüístic específic, mentre les de Catalunya, València,
Galícia i el País Basc són objecte de convocatòries
particulars. (Moll 1990:165).
Die Lehrpläne kommen aus Madrid und auch die Entscheidung über die Anzahl der Katalanischstunden ist (per Decret Central) nicht auf Mallorca gefällt worden. Lediglich die Lehrpläne für das Fach Katalanisch werden vom Govern Insular gemacht. Die Frage über die Anzahl der Unterrichtsstunden in katalanischer Sprache wird dann für jede Schule oder Gemeinde individuell entschieden. 1996 werden nur ca. 20% der erteilten Unterrichtsstunden auf Katalanisch erteilt, dazu kommen dann 3-4 Wochenstunden Katalanischunterricht. Es ist mehr oder weniger Sache der Schulen, im Einklang mit den Eltern das Ausmaß des Katalanischen als Unterrichtssprache festzulegen. Die ajuntaments haben die Kosten für die notwendigen Einrichtungen und Gebäude zu tragen, mehr Kompetenz haben sie im Prinzip nicht.
Artikel 18.2 des Normalisierungsgesetzes gibt den Eltern Mitbestimmungsrecht
bei der Wahl der Unterrichtssprache ihrer Kinder:
[...] En tot cas, els pares o tutors poden exercir en
nom de llurs fills aquest dret [a rebre l'ensenyament en la seva llengua],
instant a les autoritats competents perquè sigui aplicat adequadament.
(Conselleria 1986:14f).
Zur Beteiligung der Eltern und der Lehrkräfte bei der Entscheidung
über den Unterricht in katalanischer Sprache schreibt Aina Moll:
Encara hi ha gent que considera que l'ensenyament obligatori
del català és una imposició: castellanoparlants que
troben innecessari aprendre la llengua de l'illa on viuen [...] i illencs
que pensen que no val la pena aprendre-la a escola [sic]. [...] els castellanoparlants
qui menyspreen la nostre llengua no són els treballadors [...] sinó
certs sectors de classes acomodades o del funcionariat, acostumats que
tothom canvia de llengua per a tractar amb ells [...]. I entre els autòctons,
es tracta de gent que veu el castellà com a llengua de prestigi
i la llengua pròpia com a inferior [...]. (Moll 1990:167).
Die Einstellung der Mallorquiner zu ihrer Sprache hat sich als langfristig schwierigstes Problem herauskristallisiert. Viele Mallorquiner glauben, daß man die kastilischsprechenden Personen nicht dazu zwingen kann, Katalanisch zu lernen, da ihnen diese Sprache 'nichts nutzt'. Dies zeigt, daß die Einstellung der Mallorquiner zu ihrer Sprache in den letzten Jahrzehnten stark korrumpiert wurde.
Es ist bemerkenswert, wie sehr sich die Gesellschaft Mallorcas von der
Kataloniens unterscheidet, was verdeutlicht wird durch die Einstellung
der Zuwanderer gegenüber dem Katalanischen: In Katalonien erachten
viele Immigranten das Katalanische als Ausdruck höherer Bildung und
besserer sozialer Stellung: «Entre els immigrants existeix 'la
alienación de que lo catalán es superior'» (Pérez
Fustegueras 1976). Ganz anders in Mallorca, wo selbst die von dort stammenden
Personen am Nutzen ihrer Sprache zweifeln. Die Einstellung, daß
das Katalanische einer kastilischsprachigen Person auf Mallorca zu nichts
nutzt, ist Aina Moll zufolge darauf zurückzuführen, daß
die Mallorquiner das Katalanische nicht normal verwenden: Erst wenn die
Situation des Katalanischen auf Mallorca normalisiert sei, werde das Katalanische
'etwas nutzen', genaugenommen werde es dann im Alltag notwendig sein. Noch
immer verhalten sich die Mallorquiner jedoch nach den alten Verhaltensmustern
aus Zeiten, als das Katalanische verboten war:
la gran majoria [dels ciutadans] passen automàticament
al castellà quan es troben davant una finestreta de qualsevol servei
públic (Moll 1990:159),
und Strubell schreibt:
No hi ha cap sector urbà important on el catalanoparlant
no cedeixi de llengua davant de persones de llengua habitualment no catalana
(Strubell 1987:117).
Dazu kommt eine weitere Gefahr für das Katalanische auf Mallorca: der größte Teil der gemischten (katalanisch-kastilisch) Familien, ungeachtet der Tatsache ob Mutter oder Vater der kastilischsprachige Elternteil sind, entscheiden sich für das Kastilische als 'Sprache der Familie'. Und Moll (1990:166) schreibt: «[...] un nombre molt elevat d'escolars - que a Palma supera el 50% - tenen el castellà com a llengua familiar». Diese Zahlen dürften kaum jemand erstaunen, erinnert man sich daran, daß laut der Einwohnerstatistik von 1986 45,1% der Mallorquiner zwischen 25 und 45 Jahren außerhalb der Balearen geboren wurden und 35,3% kein Katalanisch sprechen.
Das in diversen Publikationen beschriebene Phänomen, daß
die Katalanen sofort vom Katalanischen zum Kastilischen wechseln, sobald
ein Kastilischmuttersprachler dazukommt, ist ein deutliches Zeichen dafür,
wie tief das Kastilische in die Domänen des Katalanischen eingedrungen
ist(29). Diese Erscheinung kann in groben
Zügen auf die Situation auf Mallorca übertragen werden, wenn
auch die soziokulturellen Voraussetzungen in verschiedenen Punkten divergieren.
Die Katalanen selbst haben nur eingeschränkt das Selbstvertrauen oder
Selbstverständnis, ihre Sprache in direkter Konkurrenz zum Kastilischen
zu gebrauchen. Auf Mallorca, wo die Oberschicht eher bereit war, das Kastilische
anzunehmen, fehlt dem Katalanischen die Prestigekomponente, die in Katalonien
entschieden zur Normalisierung beiträgt. Ponç Pons schreibt
dazu(30):
[...] tenim una mentalitat, i fins i tot una ideologia,
clarament diglòssica. Sempre ens han dit que el castellà
és la 'lengua del Imperio' i a més sabem que la parlen 300
milions. Té un prestigi. Un valor social. Per açò,
la burguesia menorquina (sobretot a Maó) parlava, per marcar les
diferències, en castellà. I per açò, la gent
que normalment ralla, viu i pensa en català, troba que aquesta,
la nostra, és una llengua que és apta per emprar a casa,
però que la ràdio, el cinema, l'ensenyament, els diaris [...],
tot allò que és important i ho ha d'entendre molta gent és
normal que es faci en castellà. (Pons 1987:105).
Emili Boix Fuster bemerkt bei seinen Untersuchungen in Barcelona, daß
die Bereitschaft, im Umgang mit Personen, die das Katalanisch nicht als
Muttersprache haben, noch immer sehr groß ist: «Los hablantes
del catalán sentían una especie de obligación implícita
de cambiar al castellano si se dirigían a un castellanohablante.»
(Boix Fuster 1993:102(31)). Dazu kommt
noch, daß für viele oder gar die meisten der Katalanischmuttersprachler
die Annäherung an das Kastilische bzw. das Überwechseln zum Kastilischen
das am wenigsten problematische Verhalten ist, «que els fa córrer
menys el risc d'ésser categoritzats negativament pels altres»
(Boix Fuster 1993:185). Und das ist auf Mallorca nicht anders. Aina Moll
berichtet über ihre Erfahrungen im Unterricht:
M'ha passat moltes vegades que alumnes meus de català
que són capaços de parlar-lo, o alumnes d'altres grups que
són mallorquins, m'interpelin en castellà; o un parell d'alumnes
entrin a la meva classe parlant entre ells en català, em demanin
en català permís per donar una informació al grup
i passin a expressar-se en castellà per a la comunicació
colectiva. (Moll 1990:168).
Besonders im Kontakt zu ihnen nicht bekannten Personen neigen die katalanischsprechenden
Personen dazu, Gespräche auf Kastilisch zu beginnen. Sehr aussagekräftig
erscheint mir in diesem Zusammenhang die Beobachtung Boix Fusters, daß
die Jugendlichen auf das Aussehen der Gesprächspartner oder die Häufigkeit
von Interferenzen in den katalanischen Äußerungen
ihres Gegenübers intuitiv reagieren und die Sprache wechseln. So heißt
es über einen der Jugendlichen in einer von Boix Fuster untersuchten
Gruppe, er habe «l'aspecte d'un jove treballador d'un barri metropolità»
(Boix Fuster 1993:186). Schon die Kleidung kann, als Zeichen der Schichtzugehörigkeit
etc. zum Codeswitching führen. Aina Moll meint dazu:
Són comportaments propis de la llarga situació
diglòssica que hem patit, i és necessari corregir-los urgentment
si no volem que el procés de normalització quedi colapsat.
(Moll 1990:168).
Allerdings heißt es über Katalanischmuttersprachler bei Boix Fuster, daß sie sich sozudagen im Recht fühlten, sich gegenüber den Mitgliedern ihrer Gruppe auf Katalanisch auszudrücken, auch wenn kastilischsprachige Personen anwesend waren, «de tal manera que aquests podien tenir un context espectador català» (Boix Fuster 1993:10). Das Katalanischverständnis war dabei ziemlich wichtig, nicht dagegen das Sprachvermögen. Hier wird deutlich, daß es nicht unbedingt notwendig ist, katalanisch zu sprechen. Aber es ist auf alle Fälle das Verhalten der Katalanischsprecher, welches es den Kastilischsprechern leicht macht, ohne das Katalanische auszukommen.
Bastardas i Boada zeigt in seiner Arbeit von 1985, daß eines der Hauptprobleme der sprachlichen Integration der nicht aus Katalonien stammenden Bevölkerung aus linguistischer Sicht darin besteht, daß die Immigranten nicht dazu kommen, katalanisch zu sprechen, da die Katalanen ihnen nicht die Gelegenheit dazu bieten. Dasselbe gilt unbedingt für Mallorca, wo das Kastilische den beruflichen und noch mehr den außerschulischen Alltag weiter dominiert. Typisches Beispiel dafür ist, daß Katalanen miteinander kastilisch reden, wenn ein Nichtkatalane dabei ist, und dies auch, wenn sie wissen, daß diese Person katalanisch versteht oder gar spricht. Ähnliche Erfahrungen machen viele Besucher Mallorcas, Spanier genauso wie Ausländer, die sich mit dem Katalanischen versuchen: Nachdem sie auf katalanisch angesprochen worden sind und auf katalanisch geantwortet haben, setzt der Gesprächspartner das Gespräch in kastilischer Sprache fort; der Akzent reicht aus, die Katalanen dazu veranlassen, die Sprache zu wechseln, und das, obwohl offensichtlich die erste Frage verstanden worden ist.
Dieses Verhalten der katalanischsprachigen Bevölkerung gefährdet
die Normalisierung besonders, so Pilar Vinent, Leiterin des Servei de
Normalització Lingüística des Consell Insular
von Menorca. Gerade im Verhalten gegenüber den Behörden und öffentlichen
Stellen sollten die Bürger sich selbstbewußter und anspruchsvoller
zeigen, um die zuständigen Personen zur Normalisierung zu bewegen
und damit selbst dazu beitragen:
Els ciutadans, doncs, podem col.aborar emprant sempre el català en les relacions amb l'administració; negant-nos a acompanyar un escrit que nosaltres presentem en català de la seva corresponent traducció castellana; exigint que se'ns lliuri qualsevol escrit, document, certificat etc. en català, perquè hi tenim dret. (Vinent 1987:162).
Die typische, das Kastilischen bevorteilende, in Zeiten der Diktatur erzwungene Sprecherhaltung ist zwar von freieren sprachlichen Verhaltensweisen abgelöst worden, aber in einer sprachlichen Umgebung, in der die Mehrheit der kastilischsprechenden Bevölkerung keine Notwendigkeit sieht, das Katalanische zu benutzen, wird das Kastilische über kurz oder lang vielleicht doch 'siegen', da es so auch für die Katalanischsprechenden zur Gewohnheit wird, das Kastilische dem Katalanischen vorzuziehen.
Bei einigen jungen Katalanischsprechenden, die normalerweise auch im Gespräch mit Kastilischsprechenden an ihrer Muttersprache festhalten, ist zu beobachten, daß sie bei längeren Gesprächen mit Kastilischsprechern sozusagen umkippen, d.h. nach und nach immer mehr Interferenzen in ihrem Katalanisch haben, ganze Sätze auf Kastilisch sagen, im Satz die Sprache wechseln usw. Im großen und ganzen kann man aber sagen, daß sich wohl die meisten der katalanischsprechenden Mallorquiner in ihrem sprachlichen Verhalten stark an ihrer Umwelt orientieren und sich ihr anpassen.
Von großer Bedeutung für die Normalisierung sind die Medien.
Die Medien stellen einen der großen Bereiche dar, in denen die Standardform
einer Sprache verwendet wird und sind für eine Sprachgemeinschaft
von enormer Wichtigkeit. Unter Soziolinguisten stellt sich darum oft die
Frage, ob die Medien nicht vielleicht von gleicher oder gar größerer
Bedeutung für die sprachliche Normalisierung sind wie die schulische
Bildung. Aina Moll weist in diesem Kontext darauf hin, daß
l'escola és més important des del punt de
vista de la formació de ciutadans capaços de viure en la
nostra llengua [el català], de fer-ne un ús actiu en tota
circumstància. (Moll 1990:173f).
Die Medien erfordern und vermitteln nur passive Kenntnisse einer Sprache,
sie ermöglichen ein besseres Verständnis der Sprache. Allerdings
bieten sie den Vorteil, daß sie allen Personen den Zugang zur Sprache
ermöglichen, insbesondere Radio und Fernsehen, die in so gut wie allen
Haushalten existieren. In Artikel 27 des Normalisierungsgesetzes wird darum
formuliert:
El Govern de la Comunitat Autònoma ha de promoure
el coneixement i desenvolupament de la llengua i cultura catalanes, especialment
des de la perspectiva de les Illes Balears, en tots els mitjans de comunicació
social
und unter 28.2. heißt es:
El Govern de la Comunitat Autònoma ha d'impulsar
la normalització de la llengua catalana a les emissores de ràdio
i canals de televisió estatal o privats, a fi de promoure l'ús
del català com a llengua pròpia de les Illes Balears. (Conselleria
1986:18).
Die Bilanz im März 1996 ist dürftig: es gibt bisher keine
einzige katalanischsprachige Tageszeitung auf Mallorca (wobei im Mai 1996
eine kastilischsprachige Tageszeitung auf Katalanisch umgestellt werden
soll) und es gibt keinen katalanischsprachigen balearischen Fernsehsender,
der Gemeindeniveau übersteigen würde. Wenn man bedenkt, daß
in der katalanischen Provinz Girona zwei katalanischsprachige Tageszeitungen
erscheinen (Punt Diari und Diari de Girona), erstaunt es,
daß es auf den Balearen mit einer fünf mal höheren Bevölkerungszahl
keine katalanischsprachige Tageszeitung gibt. Artikel 30.2 besagt:
En qualsevol cas, el Govern Balear de la Comunitat Autònoma
farà les gestions necessàries per a facilitar als ciutadans
de les Illes Balears la recepció de les emissores de televisió
en llengua catalana dependents d'altres comunitats autònomes. (Conselleria
1986:18f).
Dem entsprechend hat man den Bewohnern der Balearen den Empfang von TV3 und Canal33 (Katalonien) sowie von Canal Nou (País Valencià) ermöglicht. Die Behörden der Balearen haben aber keine ernsthaften Bemühungen unternommen, einen eigenen Fernsehsender oder eine eigene Radiostation zu gründen, wie das in Katalonien oder Valencia geschehen ist.
Die Zielstellung, die Produktion oder Vorführung von Filmen in
katalanischer Sprache oder von katalanisch untertitelten oder synchronisierten
Filmen (vgl. Artikel 31 des Normalisierungsgesetzes) zu fördern, sind
nur in verschwindend geringen Ausmaß realisiert worden. Ein Blick
in die Kinoprogramme von Palma de Mallorca zeigt dann auch eine herausragende
Vormachtstellung des kastilischsprachigen Kinos. Miquel Vives i Mascaró
greift diesbezüglich die Methoden der Normalisierungspolitik bzw.
-kampagnen an, wenn er schreibt:
Més que les grans campanyes publicitàries
- que també són útils - crec que són més
efectives les campanyes subtils, quotidianes, lentes però constants.
Així, si un ajuntament organitza un cicle de cinema en català,
val més anunciar-lo simplement com a cicle de cinema. (Vives i Mascaró
1989:15).
Eines der wichtigsten bzw. unumgänglichen Ziele des Normalisierungsgesetzes, die in Artikel 40.1. geforderte «conscienciació popular», steht deutlich merkbar auf sehr schwachem Fundament. Die meisten Publikationen, die sich mit der Normalització Lingüística beschäftigen, kritisieren, daß die Normalisierungskampagnen eher zu Prestigezwecken der Politiker als zur wirklichen Förderung des Katalanischen verstanden werden. Man wirft den Politikern vor, sich nicht am Normalisierungsgesetz zu orientieren («els nostres polítics s'han de creure el que han legislat» (Vives i Mascaró 1989:17)) und gibt zu bedenken, daß eine Normalisierung nur dann möglich ist, wenn sich die Bürger über die Ziele im Klaren und mit den Maßnahmen vertraut sind, da nur so die notwendige Einbindung der Sprecher in den Normalisierungsprozeß gesichert ist. Es reicht nicht, Vordrucke in den Ämtern auf Katalanisch bereitzuhalten, es ist erforderlich, daß die Bürger von sich aus nach diesen Formularen fragen.
Das Regionalprogramm des staatlichen Fernsehens, TVE Balears, sendete Anfang der neunziger Jahre ein von Aina Moll moderiertes Programm, das die Bürger über die Normalisierungskampagne und über bestehende Mißverständnisse aufklären sollte. In diesem Programm wurden u.a. Themen wie Mallorquí oder Català diskutiert, die einzelnen Artikel des Normalisierungsgesetzes wurden erklärt und auf Fragen der Zuschauer eingegangen. Die Aufklärung der Bürger bzw. ihre stärkere Einbeziehung in die Normalisierungsmaßnahmen ist notwendig, um eine tatsächliche Normalisierung, also nicht nur der öffentlichen Einrichtungen und Schulen, sondern auch der privaten Bereiche, zu garantieren.
Gerade private Firmen sind auf Mallorca nur in sehr geringem Ausmaß 'normalisiert', die Geschäfte haben kastilische Schilder oder katalanische Schilder mit kastilischen Untertexten, oft sieht man in den Türen der Geschäfte kastilische Schilder mit den Ladenöffnungszeiten (abierto / cerrado). Aina Moll kritisiert, daß manche Geschäfte ihren katalanische Name nur aus folkloristischen Gründen tragen, während die Besitzer es vorziehen, ihre Kundschaft auf kastilisch zu bedienen. Sie weist darauf hin, daß man nicht von Normalisierung sprechen kann, wenn sowohl die Rechnungen als auch die gesamte Korrespondenz einer Firma in kastilischer Sprache geschrieben werden.
In Katalonien hat man in den letzten Jahren die Normalisierungsfrage 'popularisiert', d.h., bei weiten Teilen der Bevölkerung ist das Bewußtsein, daß eine sprachliche Normalisierung nur möglich ist, wenn man sein Recht, Katalanisch zu sprechen auch wahrnimmt, tief verankert. Man hat eine sehr positive Einstellung zum Katalanischen aufgebaut und auch in den Bereichen, in denen es traditionell lange Zeit nicht vertreten war, ist das Katalanische nicht mehr wegzudenken. Die Katalanen haben verstanden, daß sie selbst für das Bestehen des Katalanischen eintreten müssen, aber auch, daß gute Kenntnisse ihrer Sprache gesellschaftliche Vorteile bringt. Das Katalanische hat dadurch in der Meinung der Bevölkerung eine starke Aufwertung erfahren, was wiederum zu einer starken Präsenz des Katalanischen in der privaten Werbung, im Handel und auch in den großen Firmenketten geführt hat. Es ist also der gesellschaftliche Druck, der zur Normalisierung der nichtstaatlichen bzw. außerschulischen Bereiche führte.
Auf Mallorca herrscht dieser Druck seitens der Bevölkerung nicht,
was die passive Haltung sowohl des Klein- und Mittelhandels als auch der
größeren Firmenketten erklärt. Auf Mallorca haben es diese
Firmen 'nicht nötig', ihre Kunden auf Katalanisch zu umwerben, da
die Bürger dies nicht erwarten bzw. fordern. Nur durch eine Bewußtmachung
dieser Problematik bei den Mallorquinern kann meiner Meinung nach die Normalisierung
erfolgreich weitergeführt werden. Sicherlich hat sich auf Mallorca
seit Ende der Diktatur die Situation des Katalanischen völlig verändert,
von Normalisierung kann aber noch lange nicht gesprochen werden.
UIB: Universitat de les Illes Balears
Conselleria: Conselleria d'Educació i Cultura del Govern Balear, Direcció General de Cultura
Junta: Junta de Govern
Ajuntament d'Inca (1991): Ús del català dins l'àmbit administratiu, Inca: Ajuntament d'Inca.
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Das Katalanische gelangte auf die Balearen, nachdem der katalanisch-aragonesische
König Jaume I. «der Eroberer» Mallorca im Jahre 1229 von
den Mauren zurückerobert und unter den an der Expedition beteiligten
katalanischen und aragonesischen Adligen aufgeteilt hatte. Die Inseln Menorca
und Eivissa (span. «Ibiza») wurden 1287 bzw. 1235 ebenfalls
katalanisch. Ein eigenständiges Königreich Mallorca mit Hauptstadt
im rossellonesischen Perpinyà (frz. «Perpignan») dauerte
nur von 1276 bis 1349, dann fielen die Inseln wieder an die Katalanisch-Aragonesische
Krone. Entsprechend blieb das Katalanische dort ununterbrochen Amtssprache,
bis im Jahre 1716 mit dem Dekret von Nueva Planta das Kastilische in dieser
Funktion an seine Stelle trat. Der Einfluß des Kastilischen blieb
jedoch eng begrenzt auf den Bereich von Administration, Bildung und Literatur
und erreichte damit nur einen minimalen Anteil der Bevölkerung -
«laut einer Statistik aus dem Jahre 1835 waren zu
diesem Zeitpunkt auf Mallorca nur 8,7% der Bevölkerung alphabetisiert.
Bis nach dem Bürgerkrieg ergab sich, besonders in ländlichen
Gegenden, nur selten die Gelegenheit, außer von einem Lehrer, Polizisten
oder Beamten, Kastilisch gesprochen zu hören. [...] In der Nachkriegszeit,
mit dem massiven Zuzug kastilischsprachiger Einwanderer und Beamter und
dem Sprachwechsel Innerhalb des Bürgertums [...], beobachten wir einen
gewissen Grad von Kastilianisierung, besonders in Ciutat [i.e. Palma; H.-I.
R.] und den touristischen Zentren, die jedoch in den ländlichen Bereichen
weiterhin praktisch gleich Null bleibt...» (übersetzt aus Veny
1983:79).
Aufgrund ihres ländlichen Charakters und der Insellage haben die Balearen an den großen europäischen Geistesströmungen der Neuzeit nur am Rande oder mit großer Verspätung teilgehabt und sind daher stark konservativ geprägt, weshalb sich ein politischer Regionalismus im 19. Jahrhundert nicht entwickelte. Dadurch ergibt sich ein unterschwelliger ideologischer Konflikt mit Katalonien, wo Aufklärung, Regionalismus, Liberalismus, Arbeiterbewegung, Anarchismus und Atheismus eine breite Basis fanden. In Verbindung mit der kulturellen und wirtschaftlichen Dominanz Barcelonas entwickelte sich «Katalonien» auf den Balearen zu einem populär-populistischen Feindbild. Ähnlich wie in València, geriet während der sogenannten «decadència» der katalanischen Literatur auch auf den Balearen das Bewußtsein von der sprachlich-kulturellen Einheit der Katalanischen Länder verloren; der Name der eigenen Sprache geriet bei den breiten Bevölkerungsschichten in Vergessenheit und machte regionalen Bezeichnungen wie «maiorquí», «eivissenc» oder «menorquí» Platz. Die literarische Wiederbelebung des Katalanischen in der Renaixença fand zwar auch auf den Balearen Anhänger, blieb dort jedoch ein minoritäres Phänomen, nicht zuletzt, weil die Autoren eine literarische, pan-katalanische Literatursprache verwendeten, von der sich die Katalanischsprecher der Balearen durch jahrhundertelange Isolation und fehlende Alphabetisierung entfremdet hatten.
Diese innerkatalanische Diglossie zwischen einer schriftsprachlichen «koinè» und den ausschließlich gesprochenen dialektalen Varianten war auf den Balearen solange dort das Katalanische als Schriftsprache gebraucht wurde typisch und hat sich erst in diesem Jahrhundert zu einem Problem entwickelt. Traditionell wird in allen Darstellungen des Katalanischen als einzige nennenswerte Dialektaufteilung stets die Unterteilung in Ost- und Westkatalanisch angeführt, wobei man das Hauptaugenmerk auf einige wenige lautgesetzliche Regelmäßigkeiten legt. Tatsächlich sind aber, bei einer etwas globaleren Betrachtung von Morphologie, Phonologie und Lexikon, die balearischen Dialekte diejenigen, die sich am meisten von der katalanischen Standard-Schriftsprache unterscheiden. Während beispielsweise die Verständigung zwischen einen Barceloniner (Ostkat.) und einem Lleidataner oder Valencianer (Westkat.) völlig problemlos möglich ist, ergeben sich zwischen dem Festland- und dem Inselkatalanischen durchaus Schwierigkeiten. Das Mallorquinische dürfte wohl derjenige Iberoromanische Regiolekt sein, der sich sprachlich am stärksten vom Kastilischen entfernt.
Die große sprachliche Distanz zwischen dem gesprochenen Idiom und der normativen Schriftsprache stellt heute für die sprachliche Normalisierung ein großes Problem dar. Zwar ist das Katalanische in der autonomen Gemeinschaft Balears erste Amtsprache, doch hat die Mehrheit der (kastilisch alphabetisierten) Mallorquiner Schwierigkeiten, im normierten Standardkatalanischen ihre eigene Sprache wiederzuerkennen. Man sieht darin vielfach einen barceloninischen «Kulturimperialismus», von dem man die eigene kulturelle Eigenständigkeit subjektiv noch stärker bedroht sieht als vom ständig wachsenden Einfluß des Kastilischen. Ähnlich den valencianischen «Blaveros» gibt es auf Mallorca die sogenannten «Gonelles», die in (zumeist kastilischsprachigen) Leserbriefen gegen die angebliche katalanische überfremdung polemisieren und für eine mallorquinische Schriftsprache «sa llengo maiorquina») mit einer kastilisierenden Patois-Graphie eintreten.(32) Besonders kastilischsprachige Immigranten benutzen diese innerkatalanischen Auseinandersetzungen als Rechtfertigung dafür, die Landessprache nicht zu erlernen «... si ni los mismos mallorquines se aclaran!»). Besonders in gebildeten Kreisen beginnt sich jedoch, bei allein Lokalpatriotismus, langsam wieder eine gesamtkatalanische Sichtweise durchzusetzen.
Die Berührungsängste mit anderen katalanischen Varietäten
werden auch dadurch langsam schwinden, daß sowohl das katalanische
Fernsehprogramm TV 3 als auch, seit kurzem, der valencianische Canal 9
auf den Balearen empfangen werden können und sich wachsender Beliebtheit
erfreuen. Während die Durchsetzung des Katalanischen als Schriftsprache
auf den Balearen noch mit großen Problemen zu kämpfen hat, ist
das gesprochene Balearische dem Bericht der Fundación Faessa aus
dem Jahre 1970 zufolge derjenige spanische Regiolekt mit dem höchsten
Prozentsatz an Sprechern, die die Sprache «überwiegend»
verwenden, nämlich 83% - selbst das Galicische kommt in dieser Rubrik
nur auf 72% (zitiert nach Berschin et al. 1987:43).
Register des mallorquinischen Katalanisch
- Standardkatalanisch in der Norm des Institut d'Estudis Catalans (IEC); diese Varietät wird auf den Balearen zuweilen in administrativen Texten verwendet.
- leicht modifizierte, regionale Schreibvariante (wie es sie ähnlich auch im im Land València gibt)
- Wiedergabe dialektaler Texte auf Basis der IEC-Graphie nach dem Prinzip, nur dort von der Normgraphie abzuweichen, wo es der dialektale Lautstand erfordert, z.B. die Märchen von Alcover (Balearen) und Enric Valor (València).
- populäre Notierungen dialektaler Texte, charakterisiert durch Abwesenheit standardkatalanischer Einflüsse, Uneinheitlichkeit in der Wiedergabe desselben Lauts bzw. etymologisch verwandter Elemente und starken kastilischen Einfluß.
- regionale Alternativnormen, wie sie ähnlich auch im Land València
von einigen antikatalanistischen Gruppen vertreten werden. Diese Normen
unterscheiden sich in der Substanz oft nur graduell von den «populären
Notierungen»; der eigentliche Unterschied zu diesen besteht in ihren
ideologischen Konnotationen. Die Vertreter dieser Graphien (in València
blaveros und auf Mallorca gonelles genannt) verwenden für
ihre Publikationen vornehmlich das Kastilische, so daß ihre Graphien
ausschließlich als symbolischer Ausdruck einer Ablehnung des Katalanischen
gesehen werden müssen, während ihre Bedeutung als tatsächliches
Medium schriftlichen Ausdrucks gleich Null ist.
mündlich:
- Standardkatalanisch in der Norm des IEC; diese Varietät gibt es auf den Balearen praktisch nicht als gesprochene Varietät.
- leicht modifizierter, regionaler Standard: dies ist die Sprache der Fernseh- und Radionachrichten, öffentlicher Ankündigungen, abgelesener öffentlicher Reden sowie gebildeter Sprecher in formalen Situationen. Das regionale Standardregister ist charakterisiert durch:
- mehr oder weniger starke dialektale Färbung im Bereich der Phonetik;
- Verwendung der Verbalmorphologie entsprechend dem regionalen Standard (z.B. jo som statt jo sóc, tengui statt tingui oder cantàssim statt cantéssim);
- Verwendung des literarischen Artikels;
- weitgehend entdialektalisierte Lexik.
- formales Mallorquinisch;
die Veränderung der Sprachensituation seit dem Ende der Diktatur hat es mit sich gebracht, daß gerade im Bereich der Politik viele Mallorquiner in Machtpositionen gelangt sind, die einen formalen Gebrauch der Landessprache erfordern, ohne das Lesen und Schreiben auf Katalanisch jemals erlernt zu haben. Dieses Register wird im Prinzip in denselben Domänen verwendet, wie der regionale Standard, und zwar von all denjenigen Sprechern, die diesen nicht beherrschen. Das formale Mallorquinisch ist gegenüber dem regionalen Standard vor allem charakterisiert durch:
- Verwendung des balearischen Artikels;
- stärker dialektalisierte Lexik;
- direkte Kastilianismen und kastilische Lehnübersetzungen, besonders bei den domänenspezifischen schriftsprachlichen Wendungen.
- urbanes Mallorquinisch;
dies ist die allenthalben akzeptierte Varietät des alltäglichen Gesprächs, besonders der jüngeren Sprecher;
- ländliches Mallorquinisch;
diese Varietät schließlich wird noch auf dem Lande sowie von den älteren Generationen in der Stadt verwendet. Die Sprecher haben typischerweise Schwierigkeiten mit dem Spanischen, daß sie mit markiertem Akzent und Interferenzen auf allen Ebenen sprechen. Das «ländliche» unterscheidet sich vom «urbanen» Mallorquinisch in folgenden Punkten:
- Maximalausprägung aller dialektalen Charakteristika;
- Archaismen auf allen Ebenen;
- differenziertere Lexik in den Bereichen des traditionellen Lebens (Pflanzen, Tiere, Landwirtschaft etc.).
Es gibt heute ein mallorquinisches Schriftkatalanisch, daß sich im Wesentlichen an der katalanischen Standardsprache nach den Normen des Institut d'Estudis Catalans orientiert, in einigen Aspekten aber davon abweicht. Diese Abweichungen liegen vor allem im Bereich der Lexik und der Verbalmorphologie. Der balearische Artikel wird nur zur Wiedergabe von Oralität verwendet und ist ansonsten ungebräuchlich.
Gegenstand dieser Untersuchung ist das urbane Mallorquinisch, wie es gleichermaßen von Sprechern mit und ohne schriftkatalanische Kenntnisse gesprochen wird, wie man es täglich im Radio (z.B. Ràdio Balear, «Ràdio Jove»), in den regionalen Fernsehprogrammen sowie im Alltagsgespräch in den Straßen von Palma hört. Von subdialektaler Variation wird hier weitgehend abstrahiert werden: Das Ziel dieses Buches ist es nicht, mit der minutiösen Präzision eines Sprachatlas' die gesamte dialektale Vielfalt zu dokumentieren, sondern vielmehr, das Mallorquinische (als eine hinreichend einheitliche Varietät) dem gesprochenen Standardkatalanischen Kataloniens gegenüberzustellen. Entsprechend dieser Aufgabenstellung ist dies Buch keine «Grammatik des Mallorquinischen», da es bei Weitem nicht alle Aspekte grammatikalischer Beschreibung abdeckt, sondern sich auf diejenigen beschränkt, in denen sich das Mallorquinische vom der Standardsprache unterscheidet: Es ist vielmehr ein mallorquinisches Komplement zur allgemeinen Grammatik des Katalanischen. Wer sich bisher über die gesprochene Sprache Mallorcas informieren wollte, war darauf angewiesen, sich diese Information aus zuweilen entlegenen und verstreuten Quellen zusamenzusuchen (z.B. aus Alcovers Bolletí) bzw. Literatur zu verwenden, deren ursprüngliche Zielsetzung genau entgegengesetzt war, nämlich den zahlreichen Werken zum Gebrauch mallorquinischer Dialektsprecher, die das Lesen und Schreiben in der Standardvarietät erlernen wollen. In derartigen Publikationen, deren Sinn und Zweck natürlich über jeden Zweifel erhaben ist, erscheint das Dialektale jedoch stets als das ohnehin Bekannte, das überwunden werden soll, nicht aber als eigentlicher Gegenstand des Interesses. Nachdem nun aber dieser Markt angemessen abgedeckt war, schien es an der Zeit, endlich auch eine umfassende Präsentation des Dialekts selbst zu unternehmen.
Die sprachpolitische Situation ist heute so gefestigt, daß es
niemand mehr in den Sinn kommen dürfte, hinter einer derartigen Publikation
die Proklamation einer eigenständigen Sprache «Mallorquinisch»
zu vermuten. Mallorquinisch ist die gesprochene katalanische Varietät
Mallorcas, ebenso wie das Valencianische die gesprochene katalanische Varietät
des Landes València ist. Als gesprochene Varietäten besitzen
sie genau dieselbe Dignität und Existenzberechtigung, wie die gesprochenen
Varietäten von Tarragona, Lleida, Girona oder Barcelona. Was das gesamte
Sprachgebiet hingegen eint, ist die allen gemeinsame Schriftsprache.
Wie in allen romanischen Sprachen hat auch im Mallorquinischen die Wortgrenze
nur einen geringen Einfluß auf die verschiedenen Assimilationen,
Dissimilationen und ähnliche Prozessen; wo nicht eigens anderweitig
vermerkt, gelten alle im weiteren aufgeführten phonologischen Regeln
auch über die Wortgrenze hinweg, ja finden gerade dort am häufigsten
ihre Anwendung.
-- Der Öffnungsgrad von à. Betontes a in Wörtern
wie Calvià, cantar, balear ist merklich geschlossener als
im Zentralkatalanischen und liegt irgendwo auf halbem Wege zwischen [a]
und [æ]. Mit Rücksicht auf die Lesbarkeit der Transkriptionen
wird hier allerdings [a] transkribiert. [Lit.: Hadwiger 1907]
-- Unbetontes o. Das Mallorquinische ist zwar ein ostkatalanischer
Dialekt, weshalb eigentlich zu erwarten wäre, daß unbetontes
o hier (ebenso wie im restlichen Ostkatalanischen) zu [u] angehoben würde.
Dies ist allerdings im überwiegenden Teil der Insel nicht der Fall
(eine Ausnahme bildet Sóller ???). Es heißt daher:
| homo | [mo] | Mann |
| Tomeu | [tomu] | Personenname |
| posar | [poza] | setzen, stellen, legen |
-- Aussprache von é, è und e unter dem
Ton: Schwah balearicum. Eines der auffälligsten Merkmale des Mallorquinischen
ist ein zentraler Vokal, ähnlich dem -e in mare (in
ostkatalanischer Aussprache) oder den finalen -e im Deutschen; anders
als in den restlichen katalanischen Dialekten taucht dieser Vokal im Mallorquinischen
allerdings auch in betonter Stellung auf. Leider hilft das standardkatalanische
Schriftbild wenig bei der Entscheidung, welche Qualität der Vokal
im Mallorquinischen hat, denn sowohl für e als auch für
é und è finden sich Beispiele, in denen die
Aussprache weder [e] noch [], sondern vielmehr zentralisiert ist, nämlich
[](33):
| trompeta | [tm'pt] | Trompete |
| quin és? | [kins] | welcher ist es? |
| francès | [fnss] | französisch |
Als erste Orientierung mag die Beobachtung dienen, daß dem mallorquinischen
Schwah in der großen Mehrheit der Fälle ein standardkatalanisches
offenes e [] entspricht; doch wie die Beispiele cafè [kf],
cert [st] oder èxit [dzit] zeigen, daß
diese Regel leider nicht umkehrbar ist: Es entspricht eben nicht jedem
standardkatalanischen offenen e ein mallorquinisches Schwah. Die Realisierung
des betonten e wird dadurch zu einem der größten Probleme bei
der Beschreibung des Mallorquinischen, und zwar sowohl in historischer
(Herleitung aus vulgärlateinischen Etyma) als auch in synchronischer
Hinsicht, d.h. bei der Herleitung der mallorquinischen Aussprache aus dem
standardkatalanischen Schriftbild.
-- Reduktion des Suffix -ia zu -i. Das unbetonte
Suffix -ia wird regelmäßig zu -i verkürzt:
| Alcúdia | [kuði] | Ortsname |
| València | [vnsi] | Ortsname |
| paciència | [psjnsi] | Geduld |
| independència | [indpndnsi] | Unabhängigkeit |
| quina gràcia! | [kin gasi] | wie lustig! |
Dasselbe gilt auch für die entsprechende (ebenfalls unbetonte)
Pluralendung -ies:
gràcies [gasis]
tendències [tndnsis]
Wo das finale -a allerdings zur Unterscheidung von m./f. unentbehrlich
ist, bleibt es erhalten:
Antoni [ntni] aber: Antònia [ntni]
-- Monophtongisierung von ua zu o. Die Vokalgruppe
ua wird in unbetonter Position regelmäßig zu o reduziert, wodurch
sich zuweilen Alternationen ergeben wie in quatre [kwat]
/ quaranta [koant]. Weitere Beispiele sind:
| aigua | [aio] | (Wasser) |
| qualque pic | [kkpic] | (ab und zu) |
| quarter | [kte] | (Kaserne) |
| guanyar | [goa] | (gewinnen) |
| llengua | [jego] | (Sprache, Zunge) |
| Pasqua | [pasko] | (Ostern) |
| quaresma | [kom] | (Fastenzeit) |
Dasselbe Phänomen erzeugt zuweilen Hyperkorrekturen wie z.B. quantrabàndol
statt contrabàndol.
... no hi veig raóns / en quantra ... (Alcàntara Penya
1987:29)
-- Sporadische Diphtongierung von [o] und [i]. In einigen Wörtern,
die nur in Form einer Liste erfaßbar sind, hat das Mallorquinische
unbetontes i und unbetontes, geschlossenes o diphthongiert:
hei
Eivissa
heu
aufegar
auvêia
-- Metaphonie von e zu i. Eine Reihe von Wörtern
zeigen eine abweichende metaphonische Entwicklung des Tonvokals, wenn die
folgende Silbe ein i enthält. In diesem Falle tritt an Stelle
eines standardkatalanischen e [] ein i. Allerdings handelt
es sich hier um einen sporadischen Prozeß, der nur in Form einer
Wortliste erfaßbar ist:
| dialektal | phonetisch | normativ | Bedeutung |
| sípia | [sipi] | sèpia | Tintenfisch |
| bístia | [bisti] | bèstia | (wildes) Tier |
| síquia | [siki] | sèquia | offene Zisterne |
| nirvi | [nivi] | nervi | Nerv |
| espícies | [espisis] | espècies | Gewürze |
| sínia | [sini] | sènia | Bewässerungskanal |
-- Standardkatalanisch -tz- wird regelmäßig als [z] realisiert.
-- Die Dissimilation von s zu t vor Sibilanten
| piscina | [pitsin] | Swimmingpool |
| les sis | [tsis] | sechs Uhr |
| Te pos sucre? | [t ptsukr] | Möchtest Du Zucker? |
(auch als Interferenz im Spanischen: ¿Tienes sed? [tjnetst];
las siete [atsjt])
auch bei s + [] und s + []:
gràcies, Xavier [gasjtavie]
des joc [ddk]
-- Die Palatalisierung von [k] und []. Der Laute [k] und [] erfahren im Mallorquinischen vor a eine Palatalisierung, deren Stärke von Sprecher zu Sprecher variiert. Dieses Phänomen ist eher typisch für das ländliche Mallorquinisch, findet sich aber, zumeist schwächer ausgeprägt und weniger regelmäßig, auch in der Stadt.
[Lit.: Barnils 1915]
-- Die Konsonantengruppen -pt- und -ct-. In den
Konsonantengruppen pt und ct wird das erste Element an das zweite assimiliert,
wodurch ein geminiertes [tt] bzw. langes [t:] entsteht.
| acte | [att] | Akt |
| correcte | kortt] | korrekt |
| escric tant | [skittan] | Ich schreibe so viel |
| apte | [att] | fähig |
| corrupte | [korutt] | korrupt |
| sap tant | [sattan] | er weiß so viel |
-- Die Konsonantengruppen -ps und -cs. In den Konsonantengruppen
ps und cs wird der Verschlußlaut in seinem Artikulationsort an den
folgenden Sibillanten assimiliert, so daß sich in beiden Fällen
der dentale Plosiv [t] ergibt.
| saps? | [sats] | weißt du? |
| Pepsi | [ptsi] | Markenname |
| tres pics(34) | [ts pits] | drei Mal |
| amics | [amits] | Freunde |
| conecció | [kontsjo] | Verbindung |
| tampoc són tants | [tmptson tans] | so viele sind es auch nicht! |
| èxit | [dzit] | Erfolg |
| exemple | [dzmp] | Beispiel |
| absurd | [dzurt] | absurd |
-- Die Konsonantengruppen -sps, -sts und -scs.
| discs | [dits] | Schallplatten |
| gusts | [guts] | Geschmäcker |
| trists | [tits] | traurige |
-- -[] und -[t] vor Konsonant. Die finalen Sibilanten -[] und -[t]
tendieren dazu, in Kontakt mit einem darauffolgenden Konsonanten auszufallen.
| faig feina | [faj fjn] | ich arbeite |
| pareix mentida! | [pj mntið] | kaum zu glauben! |
-- Rhotazismus. Postvokalisches -s wird im Kontakt mit einem darauffolgenden
stimmhaften Konsonanten oft zu einem einfachen r-Schlag []:
es més bo [ m ß] (der Beste)
Dieses Phänomen präsentiert sich allerdings nicht völlig
regelmäßig und gehört dem maximal dialektalen Register
an. Bei ländlichen Sprechern findet es sich auch als Interferenz im
Kastilischen, z.B. in buenos días [bwnoðias].
-- Standardkatalanisch -tll- = mallorquinisch -tl-. Der
standardkatalanischen Graphie -tll- entspricht im Katalanischen
die Aussprache [:] bzw. [], oft mit einem fakultativen [d]-Vorschlag: [md].
Diesem Graphem entspricht im mallorquinischen Schriftkatalanischen die
Graphie -tl-, das als l-Geminate gesprochen wird:
| ametlla | [m] | Mandel |
| batlle | [ba] oder [bad] | Bürgermeister |
-- Aussprache von r. Das einfache, nur einmal angestoßene
<r> in Wörtern wie però ist im Mallorquinischen typischerweise
leicht retroflex, ohne dadurch allerdings wie im Englischen zu einem Kontinuanten
zu werden. Im Zentralkatalanischen (und auch im Kastilischen) wird [] durch
eine schnelle, waagerechte Zungenbewegung gegen die Alveolen erzeugt; im
Mallorquinischen dagegen wird die Zungenspitze zuerst leicht nach oben
(bzw. nach hinten) gebogen, um dann gegen die Alveolen und damit wieder
in die Waagerechte zu schnellen. Der retroflexe Charakter ist von Sprecher
zu Sprecher verschieden stark ausgeprägt.
-- Aussprache von finalem -r. Im Gegensatz zum Standard(ost)katalanischen
wird finales -r im Mallorquinischen nie ausgesprochen - selbst in einsilbigen
Wörtern nicht:
mar mall.: [ma] kat.: [ma]
-- Exkreszenz bei Wörtern auf -i. Bei Wörtern die auf
-i enden, läßt sich vielfach eine Tendenz beobachten, diese
durch ein nicht-etymologisches t abzuschließen:
somni [smit]
geni [nit]
col.legi [kit]
silenci [sinsit]
Auch: vataquit für vet aquí (vgl. Miralles)
Es handelt sich hierbei um einen Vulgarismus, der auch in Katalonien
nicht unbekannt ist. In schriftlichen Dialekttexten taucht das Phänomen
üblicherweise nicht auf.
-- Intervokalisches [w] wird zu [v].
| diuen | [ivn] | |
| creuen | [kvn] | |
| cacauets | [kkvts] | |
| coent(35) | [kovent] |
-- Hiatvermeidung durch eingeschobenes [v]. Sporadischer Prozeß,
der weder alle Sprecher noch alle in Frage kommenenden Vokalkombinationen
erfaßt. Typische Beispiele sind:
a on? [avn]
coet [kovt]
raó [rvo]
Traditionell ist der balearische Artikel auf den mündlichen Gebrauch
beschränkt, während im schriftlichen sowie im fömlichen
Register (z.B. in Predigten oder Ansprachen) auch auf Mallorca der schriftsprachliche
Artikel verwendet wird. Diese Regel gilt zwar auch heute noch prinzipiell,
doch wird sie zuweilen auch durchaus durchbrochen. Viele Sprecher mit ausschließlich
kastilischer Schriftkultur sind kaum in der Lage, konsequent lalat
zu sprechen. Zudem ist der balearische Artikel im Bewußtsein der
Sprecher ein wichtiges, wenn nicht das zentrale Unterscheidungsmerkmal
zum Standardkatalanischen, dessen sie sich bewußt sind; entsprechend
hoch ist auch der Identifikationswert.
-- Die Formen des balearischen Artikels vor Konsonant. Vor Konsonant
hat der Artikel im Maskulinum Singular und Plural die Einheitsform es.
Im Femininum wird dagegn zwischen Singular und Plural unterschieden, nämlich
sa im Singular und ses im Plural:
es cotxo (das Auto) es cotxos (die Autos)
sa casa (das Haus) ses cases (die Häuser)
-- Die Formen des balearischen Artikels vor s-. Wenn die auf
-s endenden Formen des Artikels mit Wörtern kombiniert werden, die
mit s- beginnen, ergibt sich die bereits beschriebene Dissimilation von
ss zu ts. Gerade beim Gebrauch der Artikel taucht dieses
Phänomen am häufigsten auf. Die Beachtung der Dissimilation macht
einen wesentlichen Teil des balearischen Artikelsystems aus.
| es senyor | [ts] | der Herr |
| es senyors | [tss] | die Herren |
| sa sopa | [s sp] | die Suppe |
| ses sopes | [stsps] | die Suppen |
-- Die Formen des balearischen Artikels vor Vokal. Wie im Standardkatalanischen
wird auch im Mallorquinischen der Vokal der Singularformen des Artikels
vor Vokal elidiert; es ergibt sich so die Einheitsform s', z.B.
s'amic, s'amiga (der Freund, die Freundin). Bei der Feminin-Plural-Form
ist lediglich die intervokalische Sonorisierung des -s zu beachten: ses
amigues (die Freundinnen) [szmis]. Das Maskulinum bedarf allerdings
etwas genauerer Betrachtung. Da das Pluralmorphem im Katalanischen praktisch
ausnahmslos durch -s realisiert wird, ergibt sich für die Pluralform
des Maskulin-Artikels ein phonologisches Problem, da dieser bereits im
Singular auf -s endet. Wie soll der Plural markiert werden, wenn nicht
durch -s? Durch Hinzufügen eines weiteren s stoßen auch hier
zwei s aufeinander, so daß als Resultat eigentlich [ts]
zu erwarten wären. Die zugrundeliegende Form des Maskulin-Plural-Artikels
wäre demnach [ts]. Vor Konsonant würden sich dadurch
allerdings ständig Konsonantengruppen ergeben, die der Phonotaktik
des Mallorquinischen entgegenlaufen. Um dies zu vermeiden, wird die Affrikate
[ts] hier regelmäßig zu [s] reduziert, wodurch die
Singular/Plural-Distinktion in diesen Fällen neutralisiert wird. Vor
Vokal dagegen gibt es keinen phonologischen Grund für diese Deaffrikatisierung,
und der Maskulin-Plural-Artikel erscheint daher in seiner vollen Form ets:
ets amics (die Freunde) [dzmits].
s'amic (der Freund)
ets amics (die Freunde) [dzmits]
s'amiga (die Freundin)
ses amigues (die Freundinnen) [szmis]
Wie im Standardkatalanischen gibt es auch im Mallorquinischen zwei Ausnahmen,
in denen die Elision des Artikels auch vor Vokal unterbleibt, nämlich
vor unbetontem i und u:
sa universitat, sa unió, sa ullada, aber: s'únic
etc.
sa infermera, sa intimitat, sa il.lusió, aber: s'illa
etc.
-- Die Sonderformen so/sos des balearischen Artikels. Vor der
Präposition amb kennt das traditionelle Mallorquinische im
Maskulinum die Allomorphe so, sos, die von den Etymologen als Relikt
eines lateinischen Ablativs ipso, ipsos interpretiert werden:
amb so cotxo [n so kto] (mit dem Auto)
amb sos amics [n sozmits] (mit den Freunden)
Durch die phonetische Ähnlichkeit (bzw. Homophonie) mit amb
findet man diese Sonderform zuweilen auch mit der Präposition en.
Allerdings scheint es heute immer stärker die Tendenz zu geben, auch
vor amb/en den normalen balearischen Artikel zu verwenden. Man hört
also durchaus auch amb es cotxo oder amb ets amics.
-- Der literarische Artikel im Mallorquinischen. Eine Reihe von Wörtern
und Ausdrücken wird jedoch nie mit dem balearischen sondern stets
mit dem standardkatalanischen Artikel gebildet. Dazu gehören eine
Reihe von Wörtern, unter denen viele religiöse oder anderweitig
ehrfurchtheischende Begriffe bezeichnen, ohne daß sich aus dieser
Beobachtung allerdings eine eindeutige semantische Regel formulieren ließe:
- la mar, el món, el cel (= religiös; aber es cel = physikalisch)
- la Mare de Déu, la Puríssima, la Verge, la Beata, el dimoni, el Papa, el bisbe, en nom del Pare i del Fii
- l'església, el rosari, la vera creu, l'orgue, la bíblia, la Seu
- la vila, el Palau
- el rei
- In feststehenden Wendungen wie: a l'acte, a la vista, al punt, a la primeria
- Bei der Angabe der Uhrzeit: És la una; Són les deu etc.
- l'horabaixa (aber auch s'horabaixa)
-- Die Allomorphe der Präposition a. Die Präposition a erscheint im Mallorquinischen vor Konsonant als a, vor Vokal dagegen im allgemeinen mit dem Allomorph an [n].
an aquests no'lse conêc
an en Pere no el conêc
no m'ho ha dit, an això
Die dialektale Graphie an ist zwar durch Alcover relativ fest
eingeführt, doch sieht man zuweilen auch eine Graphie nach französischem
Vorbild, die die eigentliche Präposition und das hiatvermeidende,
euphonische n durch Bindestriche abtrennt:
a-n-aquests no'lse conêc
Die schon im Standardkatalanischen zu beobachtende schwache Abgrenzung
zwischen den Präpositionen a und en wird durch dieses
Phänomen noch verschärft, da das prävokalische Allomorph
von a homophon mit en ist. In den meisten Kontexten ist der
Unterschied zwischen diesen beiden Präpositionen daher neutralisiert
und die Schreibung eine reine Konvention. Soweit wie möglich richtet
sie sich nach der standardkatalanischen Lösung:
an es jardins de Raixa (nicht: en es jardins de Raixa)
Zuweilen findet sich an sogar vor Konsonant, wo es dann durch
einen Stützvokal erweitert wird:
no m'ho ha dit, an-a jo
an-a qui vols que ho digui?
«... com hi ha persones an a qui agrada la variedat de colors
...» (Alcàntara Penya 1994:162)
Es gibt allerdings auch Fälle, in denen die Form a vor Vokal
verwendet wird. Regelmäßig ist das bei Toponymen der Fall, sofern
sie keinen Artikel beinhalten:
vaig a Amèrica / a Algaida / a Eivissa
Möglicherweise ist diese Regel aber auch allgemeiner zu fassen,
und das ausschlaggebende Element ist nicht die Tatsache, daß es sich
um Toponyme handelt, sondern vielmehr um unbestimmte Substantive (unter
denen dann die Toponyme lediglich den häufigsten Fall repräsentieren).
-- Kontraktionen des balearischen Artikels.
del port - des port
dels ports - des ports
de l'amic - de s'amic
dels amics - dets amics
pel port - pes port etc.
Im Mallorquinischen kontrahiert der Artikel nicht mit der Präposition
a:
an es camp
an ets amics d'en Tomeu no'lse conêc
Das gilt übrigens auch dann, wenn der literarische Artikel verwendet
wird:
an el Rei no el conêc personalment
«... aquesta part, dedicada an el licorista, ...» (Alcàntara
Penya 1994:147)
«... licors ... agradables en [= an] els paladars més
delicats.» (Alcàntara Penya 1994:147)
-- «Pronoms salats» vs. «Pronoms lalats». In
bestimmten Fällen verwendet das Mallorquinische Pronomina, die in
ihrer Form mit dem balearischen Artikel übereinstimmen:
faç tot quant me mana es qui tenga sa llampria
(RM VIII, 9)
Na Lionò es sa que m'agràda més. (EP, 164)
Die traditionelle Grammatik scheint keinen spezifischen Namen für
diese Pronomina zu kennen, doch könnte man sie antecedents pronominals
de clàusules relatives nennen.
mask.: fem.:
sing. es [que/ qui /de] sa [que/ qui/ de]
plur. es [que/ qui/ de] ses [que/ qui/ de]
Diese pronoms salats erscheinen nicht nur vor den Relativpronomina
que/qui sondern auch vor Komplementen, die von der Präposition
de eingeleitet werden:
essent es més jove, volgué esser es de davant (RM V, 7)
banderilles n'hi posaren de ses de señor y amigo
(FyF, 34)
Die pronoms salats beziehen sich immer auf ein bestimmtes Antezedens
mit bekanntem Numerus und Genus, d.h. entweder auf einen Eigennamen oder
auf eine NP mit bestimmtem Artikel. Sie sind typischerweise durch die Demonstrativa
aquest / aquell ersetzbar:
banderilles n'hi posaren d'aquelles de señor y amigo.
Wenn das Antezedens dagegen nicht bestimmt ist und Genus und Numerus
offen bleiben sollen, können die pronoms salats nicht verwendet
werden. Stattdessen erscheint hier das sogenannte pronom neutre,
das unveränderlich ist und lo lautet. Dieses in der Standardsprache
unbekannte Pronomen ist im Mallorquinischen höchst lebendig:
i es mestre va fer lo que li havia comanat (RM V, 14)
Tot lo que hey ha hagut, tot lo que heyá y lo que vendrá es per sa comedi y p'es teatro. (FyF, 49)
pareixía vera lo que deyen (FyF, 49)
no vulgueu esser més de lo que sou (RM V,14)
Wenn die pronoms salats eine gewisse Affinität zu den Demonstrativa
zeigen, so besteht dagegen beim pronom neutre eine ähnliche
Affinität zu den Indefinitpronomina allò und això
(die im Standardkatalanischen auch in eben dieser Funktion verwendet werden).
Das Mallorquinische hat durch die Wahlmöglichkeit zwischen es que
und la que eine interessante Präzisierungsmöglichkeit,
die das Standardkatalanische nicht kennt:
kat.: (El llibre blau) és el que vull. mall.: (Es llibre blau) és es que vull.
kat.: (Sortir d'aquí,) és el que vull. mall.:
(Sortir d'aquí,) és lo que vull.
-- Freie Personalpronomina, Subjekt. Die Subjektpronomina stimmen größtenteils
mit denen des Standardkatalanischen überein. Abweichend sind lediglich
die 1. und 2. Person Plural:
sing.: plur.:
1. jo noltros [ntos]
2. tu voltros [vtos]
3. ell / ella ells / elles
Neben der formalen Anrede mit vostè [vst] + 3. Pers. Sing.
ist auch die Anrede Vos + 2. Pers. Plur. noch weit verbreitet.
-- Freie Personalpronomina nach Präposition. Das Kastilische verwendet
nach Präpositionen in der 1. Pers. Sing. die Form mi (para
mi; a mi etc.) und in der 2. Pers. Sing. die Form ti (para
ti; a ti etc.). Das Standardkatalanische hat nur für die 1. Pers.
Sing. eine Sonderform: per a mi; a mi. In der 2. Pers. Sing. dagegen
erscheint das normale freie Pronom tu: per a tu; a tu. Das Mallorquinische
dagegen kennt (ebenso wie auch das Posselllonesische) überhaupt keine
Sonderformen nach Präposition:
a jo, per jo, amb jo etc.
-- Freie Personalpronomina, direktes Objekt. Die freien Objektpronomina
mit Funktion des direkten Objekts lauten im Mallorquinischen:
mask.: fem.:
sing. el, l' la, l'
plur. els/ else/ les/ los les
-- Freie Personalpronomina, indirektes Objekt. Die freien Objektpronomina
mit Funktion des indirekten Objekts lauten:
mask.: fem.:
sing. li li
plur. els/ else/ les/ los els/ else/ les/ los
-- Enklitische Pronomina. Nach Infinitiven, Gerundia und Imperativen
können im Katalanischen enklitische Objektpronomina erscheinen:
Va entrar sense saludar-la.
Tot saludant-la li va fer l'ullet.
Saluda-la!
Ebenso wie im Kastilischen bleibt die Betonung davon unberührt.
Das Mallorquinische dagegen bewahrt in diesen Fällen grundsätzlich
die altkatalanische Lösung, derzufolge enklitische Pronomina stets
den Wortakzent auf sich ziehen:
saludar-là; saludant-là; saluda-là!
[suð; suðn; suð]
Dabei ist zu beachten, daß der Vokal des Pronomens la []
unter dem Ton als schwah balearicum und nicht als [a] realisiert
wird: []. Das Infinitiv-r wird an das l des Pronomens assimiliert;
die so entstehende Geminate ist der einzige hörbare Unterschied, die
den Infinitiv in dieser Kombination vom Imperativ unterscheidet.
-- Das -r der Infinitive. Wie in allen ostkatalanischen Dialekten
ist das Inifinitiv-r im Mallorquinischen grundsätzlich verstummt.
Phonologisch handelt es sich dabei allerdings lediglich um die Elision
eines in der Tiefenstruktur weiterhin vorhandenen Elements, denn sowie
enklitische Pronomina an die Infinitivendnung angefügt werden, unterbleibt
diese Elision, und das -r erscheint wieder phonetisch. Die standardkatalanische
Realisierung dieses -r ist regelmäßig []:
servir-me
rentar-se
Im Mallorquinischen ergeben sich dadurch eine ganze Palette von Assimilations-
und Dissimilationsphänomenen:
rentar-mê [rntmm]
rentar-tê [rntt]
rentar-sê [rntts]
rentar-mòs [rntmms]
rentar-vòs [rntvs]
rentar-sê [rntts]
Die Verben der konsonantischen Konjugation, die auch orthographisch
nicht auf -r auslauten, haben im Standardkatalanischen auch bei pronominaler
Enklise kein -r:
veure's
prendre't
Zudem gibt es einige Ausnahmen:
conèixer - conèixe't
Im Mallorquinischen dagegen enden alle Infinitive phonologisch auf -r:
veurer-sê
pendrer-tê
conèixer-sê
-- Standardkatalanisch -itat, -etat = mallorquinisch -idat,
-edat.
universitat [univsiðat]
falsetat [fasðat]
activitat [attiviðat]
-- Die o-losen Formen der 1. Pers. Sing. der Verben. In der 1. Sing.
Präs. hat das Mallorquinische größtenteils einen älteren
Sprachzustand bewahrt als die Schriftsprache, die diese Formen bei den
regelmäßigen Verben auf -o bildet: canto, bato, sento.
Im Mallorquinischen ist diese Verbendung -o gänzlich unbekannt.
Wie im Altkatalanischen ist die regelmäßige Markierung der 1.
Sing. die Nullendung, d.h. der reine Verbstamm den man erhält, wenn
die Infinitivendung -ar, -re, -ir fortläßt:
jo cant; jo bat; jo sent;
Je nach Beschaffenheit des Verbalstamms kann dies allerdings zu Endungen
führen, die der Phonotaktik der Sprache zuwiderlaufen. Die Lösungen
sind vielfältig. Wenn die so entstandene Form auf einen Konsonanten
endet, wird dieser stets ausgesprochen. Vgl. die Formen von ficar, matar
und banyar-se:
jo fic [ fik]; jo mat [ mat]; jo me bany [ m ßa]
Diese Regel ist stärker als die allgemeine Regel, der zufolge finales
-r stets verstummt, so z.B. in den Formen von plorar, tirar
und girar:
jo plor [ p]; jo tir [ ti]; jo gir [ i]
Die generelle Unterscheidung zwischen r [] und rr [r]
bleibt auch in dieser Position erhalten, wie man z.B. bei der 1. Pers.
Sing. von xerrar erkennen kann: jo xerr [ r].
Stimmhafte Endkonsonanten unterliegen der allgemeinen Auslautverhärtung,
die allerdings in der regionalen Standardgraphie nicht zum Ausdruck kommt.
Die Beispielsverben sind trobar, negar und tudar:
jo trob [ tp]; jo neg [ nek]; jo tud [ tut]
Gruppen mehrer Konsonanten, die von der Phonotaktik nicht vorgesehen
sind, ergeben Problemfälle mit schwankenden Lösungen. Grundsätzlich
wird die Endung um die letzten Konsonanten verkürzt
jo compr [ kmp]; jo filtr [ fit]
Bei selteneren Verben scheint es die Tendenz zu geben, ansonsten unzulässige
Konsonantengruppen in diesem Fall möglichst auszusprechen, um die
Erkennbarkeit des Verbs nicht zu gefährden.
Wenn die Wurzel des Verbs auf i oder u endet, wird die
1. Pers. Sing. im regionalen Standard durch die Schreibung ii bzw.
uu gekennzeichnet, vgl. estudii (von estudiar) und
continuu (von continuar).
-- Die Flexion der «inchoativen» Verben vom Typus «servir».
Diejenigen Verben der 4. Konjugation, die durch das sogenannte Inchoativinfix
-eix- charakterisiert werden, enden in der 1. Sing. regelmäßig
auf -esc [-sk] (vgl. partir, avorrir-se, cedir):
jo partesc, jo m'avorresc, jo cedesc
Auch im Subjunktiv ist das Infix nicht -eix-, sondern [-sk-]:
que jo partesqui, que tu partesquis ...
-- Das Verb ésser. Der Infinitiv lautet auf Mallorquinisch
nicht ésser oder ser, sondern esser [s]. Auch die
1. Sing. Ind. weicht vom Standard ab und lautet som:
Jo som na Marga (Ich bin Marga.)
-- Die Flexion der 1. Konjugation (cantar). Das Mallorquinische
hat bei diesen Verben im Indikativ auch in der 1. und 2. Plur. das regelmäßige
-a- im Stammauslaut:
| mallorquinisch | Standard | |
| 1. sing. | cant | canto |
| 2. sing. | cantes | cantes |
| 3. sing. | canta | canta |
| 1. plur. | cantam | cantem |
| 2. plur. | cantau | canteu |
| 3. plur. | canten | canten |
Auch im Subjunktiv Präteritum bleibt der stammauslautende Vokal
durchweg als -a- erhalten, wodurch sich deutlich andere Formen ergeben:
| mallorquinisch | Standard | |
| 1. sing. | cantàs | cantés |
| 2. sing. | cantàsses | cantessis |
| 3. sing. | cantàs | cantés |
| 1. plur. | cantàssem | cantéssim |
| 2. plur. | cantàsseu | cantéssiu |
| 3. plur. | cantàssen | cantessin |
-- 2. Person Plural auf -eis. Die Verben dir, creure, veure,
treure und fer haben in der 2. Person Indikativ Plural auffällige
Formen, die der sonstigen Entwicklung im Katalanischen zuwiderlaufen:
deis dieu
creis creieu
veis veieu
treis treieu
feis feu
Auch im Imperativ:
creis-mê
Der Diphthong der 2. Person wurde analogisch auf die 1. Person übertragen:
deim diem
feim fem
Unter dem Einfluß dieser hochfrequenten Formen wird auch estar
zuweilen mit Diphthong flektiert:
esteim (estam) estem
-- Der Subjunktiv. Anders als im Standardkatalanischen gibt es im Mallorquinischen
nirgends eine Verwechslungsmöglichkeit zwischen Subjunktiv und Indikativ.
Wenn im Standardkatalanischen die Formen cantem und canteu
sowohl Subjunktiv als auch Indikativ sein können, gibt es diese Verwechslungmöglichkeit
im Mallorquinischen nicht, da die Indikativformen der 1. Konjugation hier
auf -am, -au enden und die Endungen -em, -eu damit eindeutig
als Subjunktive erkennbar sind:
Volen que hi anem [subj.] però no hi anam [ind.]
In den restlichen Fällen, in denen das Standardkatalanische nicht
zwischen dem Indikativ und dem Subjunktiv unterscheidet, haben sich im
Mallorquinischen analoge Bildungen mit velarem Infix gebildet:
Indikativ: Subjunktiv:
afegim afegiguem (etc.)
dormim dormiguem
perdem perdiguem
-- Der persönliche Artikel en und na. Anders als
im Festlandkatalanischen, wo der persönliche Artikel fast völlig
durch den bestimmten Artikel verdrängt worden ist, bzw. als archaischer,
leicht pompöser Ehrentitel empfundenwird, werden auf Mallorca noch
alle Formen des persönlichen Artikels umgangssprachlich verwendet.
Den bestimmten Artikel hört man in dieser Funktion nie.
en Pep, n'Antoni, na Margalida, n'Antònia
-- Der Gebrauch der Possessivartikel mon, ma, ton, ta etc. Die
kurzen Possessiva (Possessivartikel) werden praktisch nur in Verbindung
mit Verwandschaftsbezeichnungen verwendet. Dort allerdings sind sie beinahe
obligatorisch. Sie tendieren dabei dazu, eng mit ihrem Substantiv zu verschmelzen.
Viele Verwandschaftsbezeichnungen hört man praktisch nie in ihrer
schlichten Form.
a ca munpare; amb sonpare; sonpare d'en Pep
Diese Formen werden sogar in der Anrede gebraucht:
Mumare!
-- Verstärkung von Adverbien durch su-, assu-.
assuquí, assuquines
suara
sullà
-- Stellung der Objektpronomina bei Aufforderungen. Anders als im restlichen
katalanischen Sprachgebiet werden im Mallorquinischen bei Aufforderungen
oder Befehlen alle Objektpronomina vor das flektierte Verb gestellt, wenn
der Aufgeforderte gesiezt wird, d.h. wenn das Verb nicht im Imperativ sondern
im Subjunktiv steht.
Les me compri, aquestes olles!
«En vení es Batle, le hi [= l'hei = l'hi] diga,
tot quant m'ha contat li cont;
le hi esplic pedres menudes,
le hi faça compendre tot» (Alcàntara Penya
1987:29-30)
Se n'apunti els noms ...! (Serra 1986:132)
Li digui al senyor O'Hara ...! (Serra 1986:131)
Ens deixi els dos dies tots sols ...! (Serra 1986:133)
In diesem Aspekt der Pronominalsyntax stimmt das Mallorquinische mit
dem Italienischen überein.
-- Reihenfolge der Objektpronomina. Im Standardkatalanischen ebenso
wie in den restlichen romanischen Sprachen steht das nicht-enklitische
indirekte Objektpronomen regelmäßig vor dem direkten Objektpronomen:
Me la va contar la meva mare, aquesta historieta.
Te'ls donaré demà
Im Mallorquinischen ist diese Reihenfolge dagegen umgekehrt, d.h. das
direkte Objekt erscheint in diesem Fall regelmäßig an erster
Stelle:
La'm contà mumare, aquesta rondalla.
Allerdings entspricht dieses Beisp*iel in einer Hinsicht nicht mehr
dem modernen Sprachzustand, sondern vielmehr der leicht archaisierenden
Sprache der Rondaies mallorquines: Die Reihenfolge der Pronomina hat sich
zwar bis heute erhalten, doch werden in diesem Fall sämtliche Elisionen
blockiert. Statt des älteren la'm contà hört man
also heute:
La me contà mumare ...
Die folgende Übersichtstabelle enthält alle möglichen
Kombinationen von Objektpronomina. Mit * Markiert sind die aus pragmatischen
Gründen unmöglichen Kombinationen.
| Indirektes Objekt | |||||||
| DirektesObjekt | 1. sg. | 2. sg. | 3. sg. | 1. pl. | 2. pl. | 3. pl. | |
| 1. sg. | * | me te | me li | *me mos | *me vos | *m'els | |
| 2. sg. | te me | * | *te li | te mos | *te vos | *t'els | |
| 3. sg., m | el me | el te | l'hei | el mos | el vos | l'hei | |
| 3. sg., f | la me | la te | l'hei | la mos | la vos | l'hei | |
| 1. pl. | *mos me | *mos te | *mos li | * | *mos vos | mos els | |
| 2. pl. | *vos me | *vos te | *vos li | vos mos | * | vos els | |
| 3. pl., m | els me | els te | els hei | els mos | els vos | * | |
| 3. pl., f | les me | les te | les hei | les mos | les vos | *les els | |
Die Adverbialpronomina en und hi sowie die Indefinitpronomina (ho) stehen allerdings auch im Mallorquinischen nach dem pronominalen direkten Objekt.
-- Gebrauch des partitiven de. Nach den Quantifikatoren molt,
cap und quant(e)s erscheint im Mallorquinischen regelmäßig
die Präposition de:
Me fa molta de gràcia *
Tenc molta de por
Quants de fiis teniu?
Quants d'anys?
No n'hi havia cap de foraster
-- de + Adjektiv / Adverb in emphatischen Wendungen.
ohne pronominale Vorwegnahme: Que és de guapo!
Standardkatalanisch: «Que n'és, de guapo!»
andere emphatische Konstruktion:
Saps que les cuida de bé (les seves tortugues)!
«¡Sap que de porcs aquí es crien!
¡Sap que n'engreixam de molts!» (Alcàntara Penya
1987:30)
-- que als Einleitungspartikel der Satzfrage. Im kontinentalen
Katalanisch werden Satzfragen beinahe obligatorisch durch eine Partikel
«que» eingeleitet: «Que vols venir?». Im Mallorquinischen
ist dies unüblich und führt oft sogar zu Mißverständnissen
auf der Basis einer Fehlinterpretation von «que» als «què».
So erhält man auf ein standardkatalanisches «Que has sopat?»
leicht statt der erwarteten «ja»-oder-»nein»-Antwort
eine Aufzählung, was es zum Abendessen gegeben hat.
-- Gebrauch von que und qui als Relativpronomina.
l'any qui vé
-- Der präpositionale Akkusativ. Der präpositionale Akkusativ
wird von der Normative nur in eng umgrenzten Fällen zugelassen und
gilt ansonsten als Kastellanismus. In allen gesprochenen Varietäten
des Katalanischen geht seine Verwendung allerdings weit über den normativ
vorgesehenen Bereich hinaus, und nicht immer läßt er sich ohne
weiteres als rezenter Kastellanismus ohne echte Verwurzelung im Sprachsystem
abtun. Das Mallorquinische jedenfalls verwendet ihn vielfach auch in Bereichen,
in denen er schwerlich als Interferenzphänomen gelten kann:
| no ho sabia an això | no ho sabia, això | esto no lo sabía(36) |
| no la vull an aquesta | no la vull, aquesta | esta no la quiero |
| an en Pep, no el conêc | en Pep, no el conec | a Pepe no lo conozco |
Früher konnte das pretèrit perfet bei bestimmten
intransitiven Verben (der Bewegung) sowie bei reflexivem Gebrauch noch
mit dem Hilfsverb esser gebildet werden:
Jo som vengut. Ella és venguda.
Jo me som retirat. Ella s'és retirada.
Dieser Gebrauch wirkt allerdings zunehmend archaisch und ist aus dem
urbanen Mallorquinisch praktisch verschwunden. Dort hat sich bereits der
ausschließliche Gebrauch von haver als Hilfsverb durchgesetzt:
Jo he vengut. Ella ha vengut.
Jo m'he retirat. Ella s'ha retirat.
-- Konkordanz des participi passat.
-- Gebrauch von esser und estar. Im Zentralkatalanischen
ist estar unter dem Einfluß des Kastilischen in viele Bereiche
eingedrungen, in denen das Altkatalanische noch ésser verwendet
hatte. So schreibt z.B. der normative Gebrauch die Verwendung von ésser
vor, wenn eine (vorübergehende oder unveränderliche) Situierung
im Raum prädiziert wird, doch die umgangssprachliche Tendenz geht
im Prinzipat dahin, in diesen Fällen die kastilische Lösung mit
estar zu verwenden:
Ont està el Joan? - Està a la cuina.
Während der normative Gebrauch von ésser in diesen
Fällen im Prinzipat bildungssprachlich ist, entspricht er auf Mallorca
noch der allgemeinen Umgangssprache:
On és en Joan? - És a sa cuina.
Això era i no era. Bon viatge faça la cadernera. Per voltros qui escoltau, un aumud; i per mi, una barcella.
Idò
una vegada succeí que un homo se casà amb una dona, lo qual
no hauria tengut res de particular perque això és es nostro
pa de cada dia; però aquella dona li sortí bamba de tot,
i això sí que va tenir molt de particular per aquell pobre
homo, que n'arribà a dur un ventre, que ja no poria pus.
Perque heu de creure i pensar i pensar i creure que ademés d'esser tan bamba aquella mellenga era malfenera fins an es darrer clavier. Que no li parlassen d'anar a fora-vila, perquè deia que ets aires d'es camp li eren massa contraris, li farien aplegar xètiga. Perque li fes qualque cosa, s'homo li comprà una somada d'estopa perque filàs, almanco.
Sabeu que li va caure d'avall tota aquella estopada! però no en pogué defugir, d'haver de filar, perque s'homo fins i tot li féu amenaces de garrot.
Era s'hivernada i filava devora sa foganya, que casi sa flamada li llepava es gonellons.
Fila qui fila, quan s'estopa s'embuiava p'es seus dits, zas! tirava ets embuïns dins es foc.
Nota un dia que, en tocar ets embuïms dins es foc, ja no los veien pus; i se comprèn, perque es foc los consumia.
--Bon re-careta! -- diu ella --. De Barba-rotja nostro! (an es foc li deia En Barba-rotja.) Si que fas més via amb so filar que no jo! Ell, en tocar s'estopa, ja la tens filada! Lo que t'engoleixes es fil, gran golafre! Però ja el te trauré jo, vulgues no vulgues!
I què fa sa bamba? Prova de donar-li es serro que tenia a sa filoa, i ja ho crec que En Barba-rotja li fa fer flamada, i bona nit, serro!
--Així va això? diu sa bamba --. Li donaré tota sa somada d'estopa, la me filarà amb una exhalació, i llavò li faré treure totes ses fuades que haurà fetes! I primer el dimoni el se'n durà, an En Barba-rotja, que les m'haurà de treure totes quantes en tenga! Bona som jo per deixar-me tondre!
Dit i fet, se'n va a dur s'estopa, i hala bons braçats dins es foc! i es foc, zas! l'encenia, feia una gran flamada, i bona nit pastora!
I n'hi va dur sa bamba de braçats d'estopa fins que n'hi hagué gens; i ja ho crec que es foc tota la consumí.
Aleshores sa bamba diu:
--Bono, Barba-rotja! ara que t'he donada tota s'estopa i l'has filada tan de pressa, vénguen ses fuades que has fetes!
En Barba-rotja callà, com se suposa, i no féu ensigne de res, com si ho haguessen dit a sa paret.
Com sa bamba veu allò, enverga crit dient: --Uei? i com estam aquí, Barba-rotja? No t'he dit que em traguesses ses fuades més que depressa? Que et penses porer-hi bovejar gaire amb mi? Mira que te'n duràs un mal porro! que diràs: oli m'hi és caigut!
En Barba-rotja feia sa seva via cremant dins sa foganya es quatre tions que el mantenien.
Aquí sa bamba acaba sa paciència, i ja és partida a dir:
--Ell tu pareix que ems fas oreies de cònsol i que et vols riure de mi! Aviat en seré sortida! Jo t'assegur que sabràs què cosa és! Ara mateix! ara mateix!
I què fa sa toixarruda? S'aborda a una aixada que veu allà devora, i xadada ve i xadada va an es cul de sa foganya! i brasa per la dreta i brasa per l'esquerra! i cendra a l'aire! i sa bamba, xadades an es cul de sa foganya!
--Ja les trobaré, ja, a ses fuades, gran nonengú de Barba-rotja! és ací davall que les tens amagades! Jo t'assegur que no t'ha de valer Sant Pere! Totes quantes fuades tengues, han de venir dins ses meves ungles!
Lo gustós era que, per més xadades i xadades que pegava dins sa foganya, no sortia cap fuada ni res que s'hi assemblàs, sinó macs, tests i terra.
Tan endins se féu, que clac! amb s'aixada fér una olla que hi havia endins de tot. Treu aquella olla, i què me'n direu? Ell fonc plena de dobles de vint en peça, d'aquelles tan grogues tan grogues.
--Què dimoni són aquestes rotlanetes grogues? --deia sa bamba --. Jas! i són ferrussons! Bono! i què los he reprémer, tants de ferrussons?
Amb això passa un oller cridant:
--Hala qui em compra aquestes olls! No badeu massa, si hi voleu esser a temps! Hala qui les me compra!
Aquella bamba sent aquell saluet, i surt an es portal, i crida s'oller dient:
--Vol dir veneu aquestes olles?
--Sí fa! --diu s'oller--. I feis via si hi voleu esser a temps!
--Jo, com a donar-vos diners, no pot esser, perque no tenc una creu! Lo que sí que les vos barataria amb una olla de ferrussons que he trobada en es cul de sa foganya.
--Una olla de ferrussons? -- s'exclama s'oller--. Veiam-los què dimoni són?
--Valos-t'ací! -- diu sa bamba.
I li presenta s'olla al raset de dobles de vint en peça.
Com s'oller veu allò, s'exclama:
--Jau totes ses olles que duc! i venguen es ferrussons!
Sa bamba se n'estoja dos per rotlana de sa filoa, i dóna tots ets altres a s'oller, qui li deixà totes ses olles que duia i fuig com la bala amb s'olla de ferrussons, de pressa si m'agafau!
Sa bamba se mira ses olles, i s'exclama:
--Bono! i què he de fer ara tant d'ollam com Déu haja vist? Això és tan trencadís, que si no li estic alerta, m'ho esfondraran. Lo millor que puc fer, és enfilar-les per una corda i penjar-les llavò en es reol d'es pa!
Què me'n direu? Ell així com s'ho pensà, així ho va fer. Amb un cop de mac an es cul de cada olla, hi feia un forat, i zas! enfilava tot d'una s'olla foradada.
Com les hi tengué totes enfilades, penja es rest en es reol d'es pa, més satisfeta que un ca amb un os.
Amb això, tac! arriba s'homo, m'afina aquell grandiós enfilai d'olles, i ja diu:
--I què són tantes d'olles enfilades en aquest rest p'es reol?
--Ah! què són? -- diu sa bamba --. Jo t'ho diré. M'estava jo fila qui fila devora En Barba-rotja...
--I En Barba-rotja qui és, ara? --diu s'homo.
--I En Barba-rotja no saps qui-es? -- diu ella.
--No ho sé, i foris! -- diu s'homo.
--Idò es foc, tros de beneit! -- diu ella.
--Bono! -- diu ell --. I què t'ha succeït filant devora En Barba-rotja?
--Ara ho veuràs! -- diu ella --. He tirat un parei d'embuïms d'estopa an En Barba-rotja, i he notat que a l'acte les filava i engolia es fil. Llavò faç sa prova de donar-li tot es serro, i ja ho crec que amb un tancar i obrir d'uis també l'ha filat engolint-se es fil. I aquí jo he dit: Lo millor que puc fer és donar-li tota s'estopa que tenim, la mos filarà; i encara que s'engolesca es fil, ja le hi trauré jo de dins sa panxa, anc que el dimoni en pas.
--I has tirada tota s'estopa dins es foc? --diu s'homo, tot esglaiat i espirejant-li ets uis.
--Vaja si la hi he tirada! i ho haguesses vist lo aviat que l'ha haguda filada! però es fil, el s'ha engolit. Jo tot d'una li he dit ben claret: Barba-rotja, venguen totes ses fuades de fil que has fetes! Ell no ha fet menció de res. Jo li torn dir que em tragués ses fuades, i ell ben alerta a treure-les-me! Llavò li he fetes unes bones amenaces, i ell res. -- Així va això? -- dic jo aleshores --. Aviat en seré sortida! -- Agaf s'aixada i ja som partida bones xadades an es cul d'En Barba-rotja, an es sòl de sa foganya! Però es dimoni se veu que les se passà a ses fuades tan endins com pogué; i jo pica qui pica amb s'aixada, i ses fuades que no compareixien. A la fi trob una olla plena de ferrussons, unes rotlanetes grogues ben polides. Mira! ve'n-t'aquí dues que me n'he estocades per rotlana de sa filoa!
S'homo les se mira, i veu que eren dobles de vint en peça, i roman esglaiat.
--I dius ver -- s'exclama ell -- que has trobada tota una olla plena d'aqueixes rotlanetes?
--Passa de ver! -- diu sa bamba.
--I a on són? -- demana s'homo.
--Les he baratades amb aquest enfilai d'olles a un oller que passava per aquí davant; i, perque no les me rompessen, tantes d'olles, los he fet un forat en es cul, i les he enfilades per aquesta corda, i penjades en es reol. Així no tendran perill de res.
Com aquell homo sentí sa gran toixarruda de sa seva dona que li enflocava tal carretada de dois i barbaridats sa més fresca del món, tengué por de no esclatar de ràbia i fugí de ca-seva per no haver d'esbudellar, amb una potada, sa bamba de sa seva dona, que massa s'ho mereixia.
Com sa ràbia i s'enuig li hagueren espassat una mica, digué:
--Grossa la m'ha feta sa meva dona. És ver que n'hi hauria per esbudellar-la amb una potada; però no res: me n'aniré a trescar món a veure si en trobaré altra, de dona, que sia tan bamba com ella. Si en trob, me n'hi tornaré i la sofriré tal quina es.
I així com ho va dir, ho va fer. [...]
Alcover, Mn. Antoni Ma. (31983):
Aplec de Rondaies Mallorquines, XXIII, Palma de Mallorca: Moll, 95-116.
Textproben aus Flugblättern des antikatalanistischen Centro Cultural Mallorqui. Die Sprache ist stark dialektal, mit Kastilianismen durchsetzt und uneinheitlich verschriftlicht. Aus Furcht vor katalanischen Orthographiekonventionen verwendet man lieber die kastilischen.

Sa polémica que cada dia está en vigor degud a sa NO aplicació y observancia de s'article 14 de s'Estatut d'Autonomía, que diu que sas modalidads llenguísticas insulars serán objecte d'estudi y protecció, altra vegada s'ha centrad en lo de sas potecarías, ja que ahy ha potecaris que en es frontis de sa seva botiga han posad es lletrero en sa nostra llengo y no en catalá.
Es renegads que duen lo de sa «normalització», emb sa seva falta de plantetjaments realistas, diuen que s'ha de posar Apotecaría perque axí s'escriu en catalá y perque en alemán se diu Apotheke, en suec Apotek, etc., y noltros deim que, d'acord emb sa tradició y emb s'article 14 anomenad, s'ha de posar potecaria. A mês, emb so matex plantetjament d'es catalanistas hem de dir potecaria, comensad emb P, perque en llatí s'escriu Pharmacia, en francés Pharmacie, en inglés Pharmacy, etc.
En es diccionari d'En Amengual (1878) trobam sa paraula potecaria; en es vocabulari d'En Bosch y Boatella (1889) també tenim potecaria; en es vocabulari d'En Vives (1935) -per cert presentad p'En Borja Moll- veim potecaria; y que pussetas, sempre hem dit potecaria y ara, perque l'ordenan desde Barcelona, no tenim es perqué d'haver de canviar sa nostra forma xerrada y escrita.
Conservem lo nostro y dexauvós de beneituras.
(aus: Centro Cultural Mallorqui: Fuya informativa
Nº 139, Juriol 1993)
RECURSO
El dia 2 de este mes presentamos, ante el Tribunal Superior de Justicia de Baleares, escrito cumplimentando la Demanda contra el Decreto del Gobierno Balear que intenta desespañolizar y desbalearizar nuestra Comunidad.
Con la traducción que obligamos a que nos fuera facilitada, nos enteramos que el Decreto recurrido (catalan hasta en la sopa) se presentó bajo un pretendido respaldo social que queda desmontado punto por punto. Además, el tal Decreto vulnera (o tenemos que decir presuntamente) buena parte de la Constitución, el Estatuto de Autonomía y varias sentencias del Tribunal Constitucional y del Tribunal Supremo.
En fin, quince paginas con un contenido que no tiene desperdicio.
Ahora que el PP tiene mayoría absoluta, el pueblo balear podría esperar que cumpliera su promesa de respetar y hacer respetar la lengua propia de nuestra Comunidad: la mallorquina y balear.
Con esta nuestra Demanda, el Gobierno Balear tiene la ocasión de rectificar su posición catalanista de antaño, aceptando buenamente nuestras contradicciones al Decreto.
(aus: Centro Cultural Mallorqui: Fuya informativa
Nº 115, Juriol 1991)
QUEXA SENSE MOTIU - S'altra diassa n'hi havia un que en es diari se quexava de que li havian dit catalanista, perque escrivia en catalá. Cualsevól manifestació de lo catalá a Balears, com que ês una anormalidad, domés eu pod espressar un catalanista, que no ês domés aquell que se manifesta com un partidari de s'integració de Balears a sa curólla «dels pastissos catalans», sino també aquell que contribuex a sa difusió de lo catalá escriguent en catalá, que rotula es seu negoci en catalá (maldement domés siga per beneficiarsé de sa subvenció oficial autonómica), que posa anuncis en catalá (vertaderament n'hi ha molts pocs). O siga, tots aquells que d'una manera o s'altra, propagan sa llengo catalana a Balears son catalanistas. Recordem aquella frase de s'ideal catalanista: «Por la comunidad del idioma se llegará a la futura unidad política». Y es que ês axí: mos volen dur a escoltar es sermó (mos volen fer catalans) per vía cultural. «Cuantos hablen catalan son catalanes». «Cuando el dominio geográfico de un idioma nacional está netamente delimitado, coincide, en efecto, con el territorio de esta nacionalidad». Heu sentid res: idò vius y ungles.
Idò axi, hem d'anar ben alerta a no repetir ni una parauleta
ni paraulota catalana. ¿Que en tenim d'iguals?, si, però
es bon sentid mos ha de dur a fer triadella y usar sas nostras espressions.
BIBLIOGRAFIA - A sa taula de propagande que es «Partido Popular Republicano» instala a sa plassa d'es Capellers, que está en es comensament d'es carrer d'es Sindicat y a sa que «Fuerza Nacional del Trabajo» sitúa devora Sant Antoniet (en es carrer de Sant Miquel), tenen es llibres «Gramática de sa llengo mallorquina» (1872) y es de «Enseñansa de s'idioma español en basse de sa llengo mallorquina» (1889), ademés d'una historia de Mallorca titulada «Raíces del Pueblo» (1984). Si interessen, en aquests puestos se poden adquirir.
(aus: Centro Cultural Mallorqui: Fuya informativa
Nº 139, Juriol 1993)
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Die Verwendung des vom Standardkatalanischen abweichenden bestimmten Artikels es, 's, sa, ets und ses auf Mallorca ist für Besucher die wohl auffälligste dialektale Besonderheit der Insel. Für die Mallorquiner selbst ist die Verwendung dieses Artikels fast schon zum sprachlichen Symbol ihrer kulturellen Identität geworden, was unter anderem auch dadurch zum Ausdruck kommt, daß sie dem balearischen Artikel eine eigene Bezeichnung, abgeleitet von der femininen Singularform sa, gegeben haben: article salat (Vgl. Radatz 1989:64-68). Dieser in der Umgangssprache verwendete Artikel stellt nicht nur in bezug auf das Katalanische, sondern auf das Gros der romanischen Sprachen eine Ausnahme dar, denn er hat sich nicht wie der bestimmte Artikel in den meisten romanischen Sprachen aus dem lateinischen Demonstrativpronomen ille, illa, sonder aus ipse, ipsa entwickelt.
Die heutige Verbreitung des aus ipse hervorgegangenen Artikels beschränkt sich jedoch nicht nur auf Mallorca - mit Ausnahme von Pollença, das den balearischen Artikel nicht verwendet - Menorca und Eivissa (sp. Ibiza). Auf katalanischem Sprachgebiet sind Formen des ipse-Artikels noch in einzelnen Orten an der Costa Brava (Cadaquès, Bagur, Palafrugell, Palamós, Calonge, Sant Feliu de Guíxols, Tossa, Lloret und Blanes - Vorsicht, Stand 1921!) zu finden, die folgende Formen verwenden: es maskulin Singular und Plural und ez oder sez vor Vokalen; sa feminin Singular und s' vor Vokalen, ses feminin Plural. (Rokseth 1921:90) Am weitesten verbreitet sind ipse-Ableitungen heute auf Sardinien. Hier kennen zwei der vier Hauptdialekte des Sardischen, nämlich das Logudoresische im Zentrum der Insel und das Campidanesische im Süden, den ipse-Artikel in den Formen: su maskulin Singular, sa feminin Singular, sos maskulin Plural, sas feminin Plural bzw. im Campidanesischen is als Pluralform für beide Genera. Schließlich lassen sich noch Spuren eines auf ipse zurückgehenden Artikels im Süden Siziliens, auf den Liparischen Inseln und in den provenzalischen Orten Grasse und Castellane feststellen. (Aebischer 1948:185) Inwiefern diese ipse-Enklaven, von den Balearen und Sardinien abgesehen, auch heute noch, im ausgehenden 20. Jahrhundert, wirklich existent sind, ließe sich sicher feststellen, jedoch sah Paul Aebischer schon 1948 die Zukunft des ipse-Artikels sehr pessimistisch: «Ses jours sont comptés». Einer Prognose über zukünftige sprachliche Entwicklung geht aber immer eine Analyse des früheren Entwicklungsprozesses voraus, zu deren Darstellung nun übergegangen werden soll.
Wie schon eingangs erwähnt, gehen die bestimmten Artikel fast im gesamten Raum der Romania etymologisch auf daq lateinische Demonstrativum ille zurück. Daß das Gebiet, in dem auf ipse zurückgehende Determinanten benutzt wurden, jedoch in der Vergangenheit weitaus größer gewesen sein muß, läßt sich daraus schließen, daß sich Eigennamen und Toponyme in Territorien finden lassen, in denen heute kein ipse-Artikel mehr bekannt ist. Ortsnamen wie Sarroca (der Fels), Sakúm (die Mulde) und Saplàn (die Ebene), Eigennamen wie ecclesia de sa Lana oder ecclesia de sa Cambera und Familiennamen wie Sacase (das Haus), Sarrieu (der Fluß) oder Sapène (die Klippe), die in Katalonien, in der Gaskogne und in der Region der Alpes Maritimes auftauchen, zeigen, daß es hier früher einen Artikel, abgeleitet vom lateinischen Pronomens ipse, gab. (1948:183) Nun sind aber diese Archaismen nicht die einzigen Indikatoren, die über die frühere Verbreitung des ipse-Determinaten in der Romania Aufschluß geben. Die Ausbildung des Artikels, den das klassische Latein nicht kennt, ist eine Entwicklung des Spätlateins und deshalb in ihrer Anfangsphase in spät- und mittellateinischen Texten zu beobachten, die Generalisierung und letztliche Trennung von Artikel und Demonstrativpronomen wird allerdings von lateinischen Texten nicht mehr dokumentiert. (Selig 1989:101) Anhand solcher Texte, vor allem Urkunden, versucht man nun, von der Verwendung der lateinischen Artikelvorläufer auf die Verwendung der abgeleiteten Artikel in präliterarischen romanischen Dialekten zu schließen. Diese Vorgehensweise ist mit Recht kritisch zu hinterfragen, da Schriftsprache generell zu konservativer Sprachnormierung neigt, wohingegen gesprochene Sprache eher zu informellem, innovativem Sprachgebrauch und niedrigeren Registern tendiert, (Selig 1989:100) und gerade die Verwendung der von ipse abgeleiteten Artikel scheint von jeher an einen umgangssprachlichen Gebrauch gebunden zu sein. Jedoch gibt es Indizien, die darauf hindeuten, daß sich die umgangssprachliche Artikelverwendung durchaus in den spätlateinischen Texten widerspiegelt. So kommt es in der Folge der karolingischen Renaissance, die im späten 8. und frühen 9. Jahrhundert eine Neuorientierung am klassischen Latein forderte, zu einer Reduzierung des Determinantengebrauchs in lateinischen Texten, besonders der als unklassisch geltenden artikelartigen Verwendung von anaphorischem ipse. (Selig 1989:107)
Die Untersuchung spätlateinischer Texte führt aber nun keineswegs
zu übereinstimmenden Schlußfolgerungen. So konstatierte Walther
von Wartburg 1920:
tout le littoral du bassin occidental de la Méditerranée
semble donc avoir eu pour article ipse, et ille, s'appuyant sur les langues
littéraires [...]» (zitiert nach Aebischer 1948:185).
Paul Aebischer läßt sich von dieser Theorie jedoch nicht
'verführen'. Er liefert neben seiner Feststellung
[...]rien non plus ne vient étayer l'hypothèse que ce même article ou articloïde [ipse, d. Vf.] ait jamais été employé dans l'Italie septentrionale ou centrale
außerdem noch implizit eine Begründung dafür, weshalb
man nur in den oben genannten Gebieten auf ipse zurückgehende Artikel
findet, denn nur dort sei auch im Lateinischen ipse als Artikel verwendet
worden. In Opposition dazu steht die Meinung von Maria Selig, die anhand
zweier Textsorten, juristischer Dokumente und merowingischer Heiligenviten(40),
die Determinantenentwicklung im Spätlateinischen untersucht hat. Sie
kommentiert:
Die gehäufte Präsenz von ipse ist ein Phänomen,
das die spätlateinische Schriftsprache allgemein kennzeichnet, und
nicht dadurch erklärt werden kann, daß man den Ursprungsort
der betreffende Dokumente in die genannten Gebiete der Romania verlegt.
(Selig 1989:103)
Wäre die artikelähnliche Verwendung von ipse also doch nur ein Phänomen der Schriftsprache? Die Analyse der juristischen Dokumente, in denen stilistische Überlegungen nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben dürften, zeigt bei der chronologischen Betrachtung der einzelnen Entwicklungsstufen des Determinantensystems folgenden Überblick: In der Zeit vor der Jahrtausendwende wird das Pronomen is zur Kennzeichnung definiter Nominalphrasen verwendet, von der Zeitwende an wird IS durch metasprachliche Ausdrücke wie suprascriptus oder supradictus abgelöst und seit dem 5. bis 7. Jahrhundert gehen diese metasprachlichen Ausdrücke zugunsten von ipse, dessen Bedeutung als Identitätspronomen zunehmend verblaßte, zurück. Diese Ablösung durch ipse und seine weite Verbreitung in spätlateinischen Urkundentexten werden nun als Beleg dafür gewertet, daß die artikelähnliche Verwendung von ipse auch in der gesprochenen Sprache verbreitet war. (Selig 1989:105f.)
ipse tritt also in den spätlateinischen Texten mit der Frequenz eines Artikelvorläufers auf, es überwiegt sogar vorerst gegenüber dem lateinischen Demonstrativpronomen ille, das sich ebenfalls als Artikelvorläufer etabliert hatte. Dies ändert sich aber mit Beginn des 9. Jahrhunderts zunehmend, einerseits wegen der schon erwähnten karolingischen Reformbestrebungen, andererseits scheint nun im Ausbildungsprozeß des Determinantensystems eine Phase der Generalisierung der Artikelverwendung einzutreten, nach deren Abschluß eine Aufteilung des Artikels auf zwei Determinanten nicht mehr toleriert wurde und deshalb dieses Nebeneinander zugunsten des einen oder anderen Determinanten aufgehoben wird. Daß diese Entscheidung meistens zuungunsten von ipse gefallen ist, wird von Maria Selig unter anderem mit der beschränkten Verwendungsmöglichkeit von ipse erklärt. Anhand der Textanalyse stellte sich heraus, daß ille als universeller Definitanzeiger gebraucht wird, es determiniert also das es begleitende Nomen ganz allgemein und es tritt häufiger substantivisch auf. Das häufiger adjektivisch auftretende ipse determiniert zwar auch das es begleitende Nomen, ist aber auf die Anaphorik beschränkt, das heißt es kann nur auf im Text schon Erwähntes und nicht auf extralinguistisches Wissen Bezug nehmen, deshalb kann es bei der Erstnennung eines Referenten nur begrenzt, nämlich ausschließlich in markierten Kontexten, verwendet werden. ille, das zudem ipse auch noch als Personalpronomen ergänzt, hat somit eindeutige Vorteile, da es durch seine Nicht-Markiertheit allgemeiner verwendbar ist. (Selig 1989:108ff.) Auf das Zurückdrängen des von ipse abgeleiteten Artikels in der Romania dürfte auch dessen Markiertheit als dem umgangssprachlichen bzw. restringierten Register angehörig einen nicht geringen Einfluß ausgeübt haben.
Es bliebe nun nur noch die Frage nach den Gründen der heutigen
Distribution ungeklärt. Offensichtlich herrscht Einigkeit darüber,
daß das Gebiet in dem auf ipse zurückgehende Artikel verwendet
wurden weitaus größer als heute gewesen sein muß, ganz
sicher haben Katalonien, Okzitanien, die Gaskogne, der südliche Teil
Italiens, einschließlich Sizilien, und Sardinien dazu gezählt.
In Anbetracht der Tatsache, daß sich ipse-Artikel heute fast nur
noch auf den Mittelmeerinseln erhalten haben, sieht man von einzelnen kleinen
Ortschaften im katalanischen und provenzalischen Küstengebiet ab,
scheint es sinnvoll, diese Inseln im Sinne von Bartoli als isolierten Raum
zu betrachten, der gewöhnlich die ältere Phase einer sprachlichen
Entwicklung bewahrt.
Aebischer, Paul (1948): «Contribution à la protohistoire des articles ille et ipse dans les langues romanes», Cultura Neolatina 8, 181-203.
Radatz, Hans-Ingo (1989): «Sprachliches Selbstverständnis und sprachliche Realität: ein soziolinguistisches Experiment zum Gebrauch balearischer Artikel», Zeitschrift für Katalanistik 2, 64-90.
Rokseth, Pierre (1921): «L'Article majorquin et l'Article roman dérivé de ipse», Biblioteca filològica de l'Institut de la llengua catalana 8, 86-100.
Selig, Maria (1989): «Die Entwicklung des Determinantensystems im Spätlateinischen», in: Raible, Wolfgang (Hrsg.): Romanistik, Sprachtypologie und Universalienforschung, Tübingen: Gunter Narr, 99-130.
Bei Wanderungen durch die faszinierenden Landschaften Mallorcas fallen dem Spaziergänger mit Sicherheit die Terrassenbauten an den Berghängen entlang der Straßen und Wege auf, welche der Befestigung der Bepflanzungen dienen und das Wegspülen der Muttererde verhindern sollen. Diese werden auch heute wieder auf traditionelle Art und Weise, welche auf die Zeit der arabischen Herrschaft zurückgeht, ohne Hinzufügen von Mörtel, angelegt. Viel blieb aus dieser Periode nicht erhalten. Bei der Rückeroberung wurde der Großteil der muslimischen Bauwerke in blindem Eifer zerstört. Geblieben sind als architektonische Zeugen z.B. die legendäre Gartenkunst mit den Wasserspielen in Alfàbia und die Hohlziegelbauweise, die Mauern ornamental unterbrechen oder Balkongitter zieren. Felanitx, dessen Name ebenfalls arabischen Ursprungs ist, war zu jener Zeit Zentrum der «azulejo» Herstellung. Diese Kacheln fanden beim Bau von Palästen, Landhäusern, in Eingangshallen, Treppenaufgängen oder als bemalte Dachziegel Verwendung.
Was selbst der katalanisch sprechende Reisende nicht sofort erkennen
wird, ist der Einfluß der arabischen Sprache auf das Katalanische,
besonders auf das Mallorquinische. In der folgenden Arbeit möchte
ich diesen nicht zu unterschätzenden Einfluß näher betrachten.
Ein großes Hindernis bei der Erforschung des arabischen Einflusses stellt das Fehlen von bivalenten Wissenschaftlern dar, die fähig sind, sich in beiden sprachlichen Welten, der europäischen sowie der orientalischen, gleichermaßen zu bewegen und die reichhaltigen Quellen aus Literatur und Wissenschaft zu nutzen. So ließen sich wiederholte falsche Etymologien und Oberflächlichkeiten erklären.
Im folgenden möchte ich die verschiedenen Wege der Arabismen darstellen. Die wichtigste Brücke zwischen der islamischen und der westlichen Welt stellt die iberische Halbinsel dar, welche eine stabile und dauerhafte Verbindung bot. Der zweite Verbindungsweg war Sizilien, das während zwei Jahrhunderten zum islamischen Imperium gehörte und später von den Katalanen beherrscht wurde. So konnten Arabismen über das Italienische als Mittlersprache ins Katalanische gelangen. Auch die Regionen Italiens, die nicht von den Langobarden erobert waren, hatten diese 'Brückenfunktion' inne. Zudem sind noch die Kreuzfahrerwege zu nennen, die vom östlichen Mittelmeer direkt zu den Hafenstädten Italiens führten und ab dem 12. Jh. entscheidend zur Verbreitung von Arabismen aus Pisa, Venedig und Genua beitrugen. Die Kenntnis des Arabischen einiger europäischer Händler begünstigte das Eindringen von Arabismen in den Handelswortschatz (so z.B. duana < DIWAN, aval < HAVALA)
Zu den Regionen, die den arabischen Einfluß am meisten absorbiert hatten, gehört zweifellos Valencia. Die dort gesprochene hispano-arabische Sprache war, wie zahlreiche Zeugnisse beweisen, diversen dialektalen Varietäten unterworfen, die sich in der Lexik und der Toponymie widerspiegeln. Zu den typischen Zügen des iberoromanischen Arabismus' gehören beispielsweise:
- der Gebrauch des Artikels «al»,
- der Diminutiv,
- die häufige Bildung hybrider Formen und
- die Nachahmung arabischer Wortbildungsmodelle (Steiger 1953:558).
Die Diminutive setzten sich besonders in den valencianischen Ortsnamen durch. So finden wir z.B. Almudaina gegenüber Medina und Alcocer zu Alcázar. Zur Erklärung dieser Phänomene muß man sich bewußt machen, daß auch die arabische Sprachsituation nicht einheitlich war. Valencia wurde in den ersten beiden Jahrhunderten der Eroberung hauptsächlich von Berbern bevölkert, Bewohnern Nordafrikas, die selbst erst kurze Zeit im Kontakt mit der islamischen Welt standen. Die klare Trennung arabischer Ortsnamen von denen der Berber macht deutlich, daß zu dieser Zeit noch keine Anpassung zwischen der arabischen Minderheit und den Berbern vonstatten gegangen war (Nadal i Farreras 1981:7). Die Berber arabisierten sich allerdings sehr schnell.
Die verschiedene Herkunft der «Araber» erklärt das Problem der unterschiedlichen semantischen Besetzung von Wörtern der verschiedenen arabischen Dialekte, welche später Einfluß auf deren Bedeutung im iberoromanischen Sprachraum hatte. Im Gegensatz zum direkten Einfluß in Valencia steht die indirekte Transmission der arabischen Sprache in Okzitanien. Die dort auftretenden Arabismen kamen über die iberische Halbinsel oder einen italienischen Dialekt in den okzitanischen Wortschatz. Eine große Rolle spielten ebenfalls die Handelsbeziehungen, die Okzitanien während der Zeit der Kreuzzüge mit dem Orient, speziell mit den nordafrikanischen Königreichen Marokko und Tunesien unterhielt.
Doch zurück zum katalanischen Sprachraum. Während Altkatalonien bereits im 9. Jh. vom karolingischen Reich erobert wurde und durch den Llobregat bleibend vom arabischen Gebiet getrennt war, wurden Tarragona, Tortosa und Lleida erst 1118, 1148 und 1149 zurückerobert. Erst 1229 und 1238, noch ein Jahrhundert später, gelangten die katalanischen Truppen Jaumes I. nach Mallorca und Valencia. In den 80 Jahren der Besetzung Altkataloniens wurden nur wenige arabische Elemente in die Sprache aufgenommen, während beispielsweise in Lleida und Tortosa der starke Einfluß, bedingt durch das lange Zusammenleben beider Sprachen, deutlich zu erkennen ist. Der arabische Einfluß in Valencia und Mallorca müßte, bedingt durch die längere Besetzung, noch stärker sein. In Valencia existierte ein dauerhafter und direkter Kontakt zwischen der katalanischen und der arabischen Sprache, da die valencianischen Araber, die nach der Rückeroberung nicht ausgewiesen wurden bis 1609 in Valencia blieben. Die sogenannten mudèjars, nach ihrer Konvertierung zum Christentum moriscos genannt, stellten einen wichtigen Teil der Bevölkerung dar und bestimmten die Herausbildung der dialektalen Varietät Valencias (Nadal i Farreras 1981:4). Joan Coromines nennt in seinen «Estudis de toponímia catalana»(42) 502 Ortsnamen arabischen Ursprungs, wovon nur ganze vier aus Altkatalonien stammen: Jafre, Rama, Marata und Gallifa. In Richtung Valencia erhöht sich ihre Anzahl beträchtlich und die Balearen warten mit einer Zahl von 105 arabischen Ortsnamen auf. Die größte Zahl der Arabismen im Alltagswortschatz konzentriert sich ebenfalls um Valencia, die Balearen und Neukatalonien. Es ist klar, daß die Arabismen größtenteils über diese Zonen, die am längsten im Kontakt zur arabischen Sprache standen, ins Katalanische gelangten. Natürlich traten auch arabische Wörter anderen Ursprungs in den katalanischen Wortschatz ein, z.B. Wörter aus dem Persischen farnaca und tabaira, die über die arabischen Wörter harnaq und tabaq ins Katalanische kamen, wie auch Wörter griechischen und lateinischen Ursprungs. Ebenso ist ein Wort, das mit Al- beginnt, noch nicht notwendigerweise ein Arabismus, sondern kann zuweilen auch romanischen Ursprungs sein, z.B. alguassa (Coromines 1977:135-136). Dieser Fall tritt allerdings selten auf.
Nach der Rückeroberung Valencias durch die
Katalanen 1609 sprach die «arabische» Bevölkerung Valencias
noch lange arabisch. Sie setzte sich aus Menschen arabischer Herkunft und
arabisierten Personen hispano- romanischen Ursprungs zusammen. Zur Untersuchung
des Sprachverhaltens der Araber unterteilen die Forscher ihre Arbeiten
in drei Etappen (vgl. Nadal i Farreras 1981:16-17):
1.Etappe zwischen der katalanischen Eroberung und der Vertreibung der
Araber (1238-1609)
2.Etappe der katalanischen Eroberung
3.Etappe der arabischen Herrschaft (711-1238)
Die Forscher sind sich einig, daß die arabische Sprache zwischen der katalanischen Eroberung und 1609 zu einem starken Element des Widerstandes wurde. Besonders in ländlichen Gebieten, wo die moriscos den größten Teil der Bevölkerung darstellten, sprach man arabisch und es gab wenige, die katalanisch verstanden. Die moriscos verwendeten im 15.-16. Jh. nur die arabische Sprache. Dies beweist, daß sie diese auch vor der Rückeroberung der Katalanen ausschließlich sprachen und das valencianische Mozarabisch im Laufe der arabischen Herrschaft verschwand.
Die Sprache war so eine wirkliche Barriere zwischen den beiden Gemeinschaften, die nur mit Hilfe von Dolmetschern überwunden werden konnte. Es ist natürlich auch möglich, daß das Katalanische in diverse arabische Kreise eindrang, wie katalanische Medikamentenlisten arabischer Ärzte zeigen. Allerdings wird dieser Einfluß eher gering gewesen sein.
Im folgenden möchte ich eine Arbeit von Reinhard Kiesler vorstellen (Kiesler 1992), der sich mit dem Vergleich der katalanischen Arabismen mit denen anderer romanischer Sprachen beschäftigt hat. In seinen Untersuchungen unterscheidet er gesicherte (auch die in Coromines' DEC mit «probablement» markierten) von unsicheren Arabismen (im DEC mit dem Vermerk «d'orígen incert» gekennzeichnet) und weist auch auf «Nicht-Arabismen» hin (z.B. samarra). Dazu mußte die Etymologie eines jeden Arabismus genau überprüft werden. Kiesler untersucht 100 sichere, heute noch gebräuchliche Arabismen, die allesamt dem Grundwortschatz angehören (Llobrera i Ramon 1982). Unter diesen finden sich: arròs, avaria, barri, cotó, duana, llimona, magatzem, matalàs, racó, sucre, taronja und tassa. Der Anteil der sicheren Arabismen am katalanischen Grundwortschatz beträgt 0,75%, für das Spanische 0,92% und das Portugiesische 0,95%. Die untersuchten Arabismen sollen semantisch und formal verschiedenartig sein, um ein umfangreiches Bild des lexikalischen Einflusses der arabischen Sprache zu geben. 76 der 100 sicheren Arabismen entsprechen im Spanischen, andere Lehnwörter, Erbwörter, innersprachliche Bildungen, Wörter unsicherer Herkunft und Fälle keiner lexikalisierten Entsprechung treten 24 mal im Spanischen auf. Somit teilt das Katalanische die meisten gemeinsamen Arabismen mit dem Spanischen, weniger mit dem Portugiesischen und am wenigsten mit dem Italienischen. Es «läßt sich vermuten, daß die Anzahl der lexikalischen Arabismen im Katalanischen [...] nicht wesentlich unter der der Arabismen des Spanischen und Portugiesischen liegt.»(43) Elf der 100 Arabismen kommen sogar nur im Katalanischen vor: alfàbia, atzucac, cascall, corfa, farga, al gairó, galzeran, garbell, naquera, rajola und tàvega.
96 seiner ausgewählten Arabismen sind Substantive, zwei Verben
und zwei Adverbien. Dem Erstbeleg zufolge stammen 79 der Arabismen aus
der Zeit zwischen dem 10. und 14. Jh. (die Mehrheit davon - 70 - aus dem
13. und 14.Jh.), 21 sind erst zwischen dem 15. und 20. Jh. erstmals belegt.
Eine onomasiologische Untersuchung zeigt, daß die Arabismen im Katalanischen
in praktisch allen Lebensbereichen vorkommen, auch wenn sie sich in bestimmten
Begriffsfeldern häufen. Die meisten Arabismen treten im Bereich der
Pflanzen auf (21) z.B.: albercoc, taronja, llimona, espinac, llessamí
und cascall, während im Bereich «der Mensch als seelisch-
geistiges Wesen» nur wenige Arabismen zu verzeichnen sind (vgl. Hallig
/von Wartburg 1963): ravata, afalagar, debades. Vielleicht ist es
noch interessant zu erwähnen, daß die Arabismen oft ohne den
Artikel -al- ins Katalanische gelangt sind und die Volksdialekte bei noch
vorhandenem Artikel zu dessen Weglassung tendieren: z.B. albercoc
zu bercoc.
Wie ich schon erwähnte, standen die Balearen über vier Jahrhunderte
unter maurischer Herrschaft, Valencia sogar gut fünf Jahrhunderte,
während Altkatalonien nur 80 Jahre besetzt war. Diese unterschiedlich
lange Besetzung spiegelt sich natürlich im arabischen Einfluß
auf die katalanischen Dialekte wider,(44)
besonders im Bereich der Toponymie aber auch im Lexikon. Im folgenden nenne
ich die von Kiesler gefundenen typischen Arabismen der Balearen:
atzabó (f) mall. 'kleine Wolke (am Berghang), nuvolet; (fernes) Gewittergrollen, remor de tempestat'; < ar. ashaba (f) 'Wolke' (Dec, Coromines 1977:81-83).
atzaca (m) eiv. 'Dickerchen, homenet grassó; Grünschnabel, noi que fa l'home' < ar. Az-zaqq (m) 'Weinschlauch' (Dec)
atzep (m) mall. 'kleiner, schlecht gewachsener und reizbarer Mann, hombre mal tallado y enfadoso; kleiner Junge, Knabe, infant de poca edat' < ar.az- zäbb (m) 'el membre viril' (Dec, Coromines 1977:103-104).
Dacsa eiv. u. val. (f) 'Mais, blat de moro' (adaza 13. Jh.; «mot valencià i eivissenc» DEC) wahrscheinlich < ar.dáqsa 'Art Hirse, gra menut semblant al mill' (s. Dec; Dcec vv. Adaza, daza).
Jafut (adj.) mall. 'schlecht, verächtlich; unbedeutend'< vg.ar. yahúdi 'feige, zaghaft, cobarde' < ar. yahudí jüdisch (Coromines 1977:152).
Safa (f) eiv. 'Becken, Waschbecken, palangana, gibrella'(16.Jh.; «mot val. i eiv.» Dec) < ar. sahfa (f) 'Schüssel'.
Safannària (f) mall. (Dec) 'Mohrrübe, Karotte, pastanaga'
< ar. safunarya (f) (De 224)
Kieslers Untersuchungen sind besonders in Hinblick auf die Anzahl der
katalanischen Arabismen im Grundwortschatz und ihr Auftreten in den verschiedenen
lexikalischen Bereichen interessant und bieten einen guten Überblick.
alcalde und batlle im katalanischen Sprachraum
Am Ende meiner Arbeit möchte ich noch ein paar Worte zum Gebrauch der Wörter alcalde und batlle im Katalanischen äußern, weil mir dieses Problem interessant erscheint. Ich beziehe mich dabei auf einen Aufsatz von Antonio M. Badia Margarit. Alcalde wird im katalanischen Sprachraum am meisten verwendet (im ganzen ehemaligen Königreich von Valencia und in großen Teilen des Prinzipats) und stammt vom arabischen Al-qadi ab, welches die Bedeutung 'Richter' besitzt.
Batlle, das sich aus dem Lateinischen bajulu entwickelt
hat und die Bedeutung 'mozo de cuerda', 'portador de pesos'
trug findet man fast ausschließlich in den balearischen Dialekten.
Durch einen semantischen Wechsel zu 'una persona que lleva un cargo'
gelangt die Bedeutung 'juez' in das Wort batlle. Obwohl batlle
das ursprüngliche Wort ist wurde es durch alcalde im Laufe
der arabischen Herrschaft fast vollständig ersetzt, was durch den
Einfluß des Kastilischen als offizielle Sprache zu erklären
ist. Geblieben ist batlle nur in einigen Gegenden, die das archaische
Wortgut behalten haben. Auch wenn es im größten Teil Kataloniens
nicht verwendet wird, ist batlle doch in seiner Bedeutung bekannt.
Beide Wörter treten in den verschiedenen Dialekten unterschiedlich
phonetisch realisiert auf. Außer den beiden genannten gibt es noch
andere Bezeichnungen für 'alcalde' in den katalanischen Dialekten.
Das Katalanisch in Frankreich hat beispielsweise mere und das
Katalanische in Andorra kennt consol.
Literaturverzeichnis
Badia Margarit, Antonio (1954): «'Alcalde' - Difusión de un Arabismo en Catalán», in: Consejo superior de investigaciones científicas Id.(Hg.): Homenaje a Millas-Vallicrosa, Vol. 1, Barcelona, 67-82.
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Kiesler, Reinhard (1992): «Die Arabismen im Katalanischen», in: Zeitschrift für Katalanistik 5, 79-105.
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Nadal i Farreras, Josep M. (1981): «La conquesta àrab i la llengua catalana», in: Els Marges 22-23, 3-18.
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Steiger, Arnald (1956-7): «La penetración
del léxico arábico en el catalán y el provenzal»,
in: Boletín de Dialectología Española 34, 555-570.
Des de Mallorca a l'Alguer
els mocadors dels vaixells
van saludant-se a ponent,
les oliveres al vent,
antiga boira del cel,
fent papallones de verds.
[...]
Vella remor de la mar
les illes s'hi van gronxant
i avui s'agafen les mans
des de Mallorca a l'Alguer.
Els mots que canta la gent,
vives paraules que entenc,
que tots parlam el mateix.
(Aus: Maria del Mar Bonet: Gavines i Dragons)
Vor einiger Zeit habe ich mich im Rahmen der Italianistik mit der sardischen Stadt Alghero beschäftigt. Mit diesem Ausgangspunkt fiel das Thema sofort unter den Bereich der Soziolinguistik, besser noch: Die katalanische Sprachinsel Alghero wurde unter dem Gesamtgebiet 'Minderheitensprachen in Italien' abgehandelt. Nun, nach den direkten Erfahrungen auf Mallorca, dem Bekanntwerden mit seiner realen Katalanität, komme ich, sozusagen, von der anderen Seite: Innerhalb der Katalanistik gehört L'Alguer - so der katalanische Name der Stadt, wie ich ihn in dieser Arbeit von nun ab auch verwenden werde - mit seiner Sprache so wie das Mallorquinische erst einmal in den Gesamtrahmen der katalanischen Dialektologie. Also wird nun in dieser Arbeit der Schwerpunkt auf die Sprachbeschreibung des Algueresischen (zur Schreibweise vgl. Martí i Pérez 1986) fallen.
Es gibt einige Verbindungen, die zwischen Mallorca und L'Alguer hergestellt werden können. Zur katalanischen Blütezeit war das Mittelmeer, wie schon in dem oben auszugsweise zitierten Lied angedeutet, von katalanischen Schiffen beherrscht. Man muß z.B. bedenken, daß ganz Sardinien über lange Zeit hinweg unter katalanischer Herrschaft stand. Mallorca war zwar schon früher katalanisiert worden, aber ab Mitte des 14. Jahrhunderts standen die Inseln dann gemeinsam unter der katalanischen-aragonesischen Krone. Auch können viele der katalanischen Kolonisatoren L'Alguers aus Mallorca gekommen sein.
Die Balearen und L'Alguer standen jedenfalls über Jahrhunderte hinweg ununterbrochen in Kontakt miteinander (Blasco Ferrer 1984b:311). Es ist daher nicht verwunderlich, daß L'Alguer und Mallorca viele Dialektismen und viele aus dem Alt-Katalanischen stammende Archaismen gemeinsam haben. Blasco Ferrer versucht deshalb auch eine sinnvollere Einteilung der katalanischen Dialekte im Sinne der 'Areallinguistik' Bartolis: Demzufolge gehören die im traditionellen Sinn mit West- bzw. Ostkatalanisch bezeichneten Dialekte zum zentralen katalanischen Sprachgebiet; Valencianisch, Rossellonesisch, Balearisch und Algueresisch sind dann sogenannte Randgebiete; und innerhalb dieser Randgebiete nehmen das Balearische und das Algueresische als isolierte Gebiete wiederum eine Sonderstellung ein (Blasco Ferrer 1984b:311).
Im wahrsten Sinne isolierte Sprachräume also, doch trotzdem in ihrer Geschichte und Charakteristik sehr verschieden. Das Mallorquinische ist eher ein vom ländlichen Leben bestimmter Dialekt, während das Algueresische die Sprache einer einst stolzen Stadt war. L'Alguer ist noch dazu eine Insel auf einer Insel, d.h. von anderssprachigen Gegenden umgeben, während um Mallorca nur das Meer rauscht. Doch haben beide in unserem Jahrhundert der Massenmobilität und des Tourismus ein ähnliches Schicksal erfahren, welches die alten Strukturen gründlich ins Wanken gebracht hat. Die sich daraus ergebende soziolinguistische Situation ist in beiden Fällen sehr kompliziert.
Möchte man noch weiter in der Geschichte zurückgehen, kann
man eine weitere interessante Parallele zwischen Mallorca und L'Alguer
ziehen: Die mallorquinische Kultur der Talaiots könnte in enger
Beziehung zur sardischen Kultur der Nuraghes, ähnlicher mysterioser
Rundbauten, stehen. Kurios ist, daß es ein katalanischer Archäologe
war, nämlich Martorell i Penya, der anläßlich einer vergleichenden
Forschungsarbeit zu eben diesen Kulturen im 19. Jahrhundert die Katalanophonie
von L'Alguer wiederentdeckte (Martí i Pérez 1986:37). Schließlich
ist den Worten Maria del Mar Bonets (die ihr Lied übrigens auf die
Melodie des sardischen Volkslieds S'abba de su nie geschrieben hat)
noch eine weitere Bedeutung zugekommen: Des de Mallorca a L'Alguer
besteht nun auch die Verbindung einer Städtepartnerschaft: Palma de
Mallorca ist (neben Tarragona) eine Schwesterstadt von L'Alguer (Leprêtre
1995:63).
Die Geschichte Sardiniens ist stark durch die ca. zwei Jahrhunderte lang andauernde Präsenz der Katalanen geprägt. Papst Bonifaz VIII. belehnt den König von Aragon 1297 mit der Insel; mit der Eroberung wird jedoch erst ab 1323, nach Beginn eines offenen Krieges mit den neuen Lehnsherren, begonnen. Die Motivation besteht dabei v.a. in der reichen Getreideproduktion, den Silbervorkommen und Salinen Sardiniens. Nach der sich jahrzehntelang hinziehenden Eroberung und der Einführung des Katalanischen als Kanzleisprache, sowie der Aufteilung Sardiniens in einzelne Lehen, hält sich aber auch das Toskanische (bzw. in einzelnen Teilen auch das Genuesische), d.h. Sprachen früherer Beherrscher, in bestimmten Teilen weiter (Blasco Ferrer 1984c:133); dies Gesamtbild trägt zur dialektalen Zersplitterung Sardiniens bei.
Administration und Streitkräfte sind jedoch durch die Katalanen repräsentiert. Außerdem siedeln viele Katalanen nach Sardinien über, so daß bald auch im alltäglichen Leben z.B. im Kontakt mit katalanischen Händlern und Kaufleuten, besonders aber auch durch den direkten Einfluß der Kirche die Sprache der Besetzer die ganze Gesellschaft beherrscht. Das Katalanische bleibt also nicht nur auf eine höhere Führungsschicht begrenzt, die mit den übrigen sardophonen Schichten nicht in Kontakt gekommen wäre. Das neu eingeführte Lehenssystem begünstigt sogar die durchdringende Verbreitung der neuen Kanzleisprache. Blasco Ferrer spricht von einer Situation der «Diglossie ohne Bilinguismus oder mit passivem Bilinguismus» (1988:884f): Die ganze sardische Gesellschaft benützt zwei Sprachen, wobei die Sprecher der einen Sprache die Sprecher der anderen Sprache oft zumindest verstehen (vgl. Ferguson 1972).
Die Einflüsse des Katalanischen auf das Sardische sind vielfältig und auf den ersten Blick schon in den Orts- und Eigennamen erkennbar. Unübersehbar ist die lexikalische Interferenz des Katalanischen in den sardischen Dialekten. Besonders im Süden der Insel finden sich auch morphosyntaktische Veränderungen, denn dort war die katalanische Sprache, ausgehend von der Hauptstadt Cagliari (vgl. C.Wagner 1986:183), vom 14. bis ins 18. Jahrhundert hinein besonders beherrschend. Das Fehlen einer sardischen Einheitssprache, welches die sardische Soziolinguistik so sehr bedauert (vgl. Sole 1990), hat zum Teil auch darin seinen Grund: Der verstärkte Einfluß des Katalanischen im Süden hat die dialektale Ausgliederung in u.a. Logudoresisch und Campidanesisch mitverursacht (Loi Corvetto 1992:893).
Selbst unter der kastilischen Herrschaft ab 1479 bleibt die Amtssprache im Süden noch lange Katalanisch. Erst Mitte des 17. Jahrhunderts - und längst nicht flächendeckend- beginnt sich das Kastilische etwas mehr durchzusetzen (M.Wagner 1951:185). Daß es nun ausgerechnet im Norden Sardiniens, in der Provinz Sassari, eine bis heute überlebende katalanische Sprachinsel gibt, ist auf außergewöhnliche Umstände zurückzuführen. Die Stadt L'Alguer, auf sardisch S'Alighera, auf italienisch Alghero genannt, wurde nämlich im 14. Jahrhundert regelrecht systematisch katalanisiert. Damals nahm die Stadt strategisch und wirtschaftlich gesehen noch eine sehr wichtige Stellung ein, während sie zur Zeit der kastilischen Besetzer als Hafenstadt oder Machtzentrum schon uninteressant geworden war (Kuen 1934:4f).
L'Alguer also wird 1354 von Pere El Cerimoniós nach einem dort tobenden Aufstand eingenommen (Blasco Ferrer 1984c:140). Besonders der hartnäckige Widerstand der Sarden muß dazu geführt haben, daß Sarden und Genueser - unblutig oder nicht- aus der Stadt vertrieben wurden (vgl. Blasco Ferrer 1984b: Anm.11). Lange werden sie auch durch Verbote daran gehindert, wieder in der Stadt ansässig zu werden.(46) Dagegen werden mit Hilfe einer Amnestie für kleinere Straftaten, sowie Privilegien wie Steuerfreiheit, Monopole und Grundbesitz siedlungswillige Katalanen aus dem Mutterland angeworben. Infolgedessen leben auf dem Stadtgebiet von L'Alguer über Jahrhunderte hinweg theoretisch nur Katalanen, v.a. Händler und Handwerker (Blasco Ferrer 1984b:6).
Die Vertreibungen der Sarden wiederholen sich jedoch, was darauf schließen läßt, daß es einen beständigen, durch wirtschaftliche Interessen gelenkten Zufluß derselben aus dem Umland gibt. Als die Sarden endlich die Erlaubnis bekommen, sich in der Stadt niederzulassen, empfinden sie die Sprache der privilegierten Katalanen als Prestigesprache. Deshalb übernehmen sie bald das Katalanische und gehen als eins in der Bevölkerung auf, natürlich nicht ohne sardische Spuren im algueresichen Katalanisch zu hinterlassen. Durch Pestepidemien wurde die Einwohnerzahl der Stadt allerdings mehrmals stark reduziert. Mit der spanischen Besetzung und der damit verbundenen Aufhebung von Privilegien beginnt schließlich der Niedergang der Stadt l'Alguer. Auch als Hafenstützpunkt wird sie immer unwichtiger.
Die katalanische Sprache kann aber wohl durch diesen Abstieg ins Abseits
umso besser in der Stadt überleben (Blasco Ferrer 1984a:267). Mit
der spanischen Herrschaft über Sardinien beginnt dann auch der Kontakt
zu Katalonien abzureißen, mit der Machtübernahme durch das Hause
Savoyen der Kontakt zur iberischen Halbinsel überhaupt (Blasco Ferrer
1984b:8). So bleibt der katalanische Dialekt der Stadt isoliert, sowohl
in Katalonien vergessen, als auch sich selbst im eigenen Sprachverständnis
nicht mehr als katalanisch im Bewußtsein, bis er in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts als katalophone Sprachinsel wiederentdeckt wird.
«Lo coneixement de l'Alguer es casi una revelació pera Catalunya», schreibt Toda y Güell 1888 im Vorwort seines die Stadt behandelnden Reiseberichts (1888:1). Er hatte vage von der Existenz der katalanischen Kolonie gehört und beschlossen, im Sinne der katalanischen Renaixença, sich vor Ort ein Leben über das katalanische Leben von L'Alguer zu machen (Toda 1888:9).
Nach dem Abriß der Kontakte zum Mutterland verliert L'Alguer im 17. und 18. Jahrhundert an Bedeutung, parallel zur Entwicklung des Niedergangs des Katalanischen in Spanien selbst. In dieser Zeit war nicht nur der Welt die Existenz des algueresischen Katalanentums unbekannt, sondern oft auch den dort lebenden Sarden und sogar den Sprechern selbst: Kuen bezeugt noch 1934, daß viele ihre Sprache als zum Spanischen gehörig ansehen (Kuen 1934:6). Grossmann bestätigt nach einer 1977 veranstalteten Befragung diese Vorstellung für die jüngere Zeit, zumindest jedoch in geringerem Ausmaß (Grossmann 1980b:214).
Zur Wiederentdeckung L'Alguers kam es also erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, ich erinnere an den im Anfangskapitel erwähnten katalanischen Archäologen. Einer der ersten, der Katalonien wieder mit L'Alguer bekannt gemacht hat, war auch Milà i Fontanals, der mit dortigen Intellektuellen in Briefkontakt stand und besonders aus literarischem Interesse heraus Informationen über die Situation des Katalanischen auf Sardinien suchte.(47)
Vor Toda y Güell hat auch Guarnerio, ein Italiener, der sich gerade mit sardischen Dialekten befaßte, 1886 eine kurze Charakterisierung des katalanischen Dialekts von L'Alguer und einige in Archiven untersuchte Dokumente veröffentlicht. Ihm folgen weitere Studien und Veröffentlichungen, in unserer Zeit schließlich sogar vermehrt. Die ausführlichste Untersuchung des Algueresischen hat wohl Blasco Ferrer geleistet (1984b), an den ich mich in der Sprachbeschreibung im Hauptteil auch halten werde.
Ein einsames Zeugnis, das damals ohne Wirkung geblieben ist, stellt
der Reisebericht eines Engländers, Tyndale, 1849 veröffentlicht
dar: Hier werden die Stadt, damals noch ganz im Ring ihrer Festungsmauern,
ihre Einwohner und ihre Bräuche charakterisiert. Es scheint, daß
das Interesse der Welt zu diesem Zeitpunkt noch nicht geweckt werden wollte.
Auch damals war die Stadt schon längst durch Di- bzw. Triglossie gekennzeichnet:
Though the Catalan is the language proper to the Algherese,
the upper classes speak Italian also, and the lower, the Sarde dialect.
(Paba 1988:186f)(48)
Hier soll eine Darstellung der auffälligsten Eigenarten des Algueresischen
gegeben werden, ohne in allzu detaillierten Einzelbetrachtungen enden zu
wollen. Wen die spezielle Problematik einzelner Phänomene genauer
interessiert, den verweise ich auf Blasco Ferrer 1984b.(49)
§ 1. Betonter Vokalismus:
Das betonte Vokaleinventar entspricht dem vierstufigen System des Standard-Katalanischen
mit den sieben Vokalen:
/i/ /u/
/e/ /o/
// //
/a/
Allerdings ist im Algueresischen aus dem vulgärlateinischen betonten,
geschlossenen É (<I, E) nach einer frühkatalanischen Zwischenstufe
// (wie sie ja im Mallorquinischen noch existiert) meist wieder ein geschlossenes
/e/ geworden (wie in den westkatalanischen Dialekten, vgl. das Valencianische).
BETA (+BLITUM) cat. bleda alg. /brera/
NITIDUM cat. net alg. /net/
SITIM cat. set alg. /set/
PIRA cat. pera alg. /pera/
CEPA cat. ceba alg. /seba/
Dadurch kann es zu vielen Homonymien kommen, z.B. net 'sauber',
nét 'Neffe'; set 'sieben' und set 'Durst' dagegen
werden hierdurch unterschieden. (vgl. Blasco Ferrer 1984b:§ 8,§
11; Veny 1993:32,33,106)
§ 2. Unbetonter Vokalismus:
Die Konfusion von unbetont /a/ und /e/, bzw. /o/ und /u/ ist typisch
für die ostkatalanischen Dialekte. Unbetont /o/ und /u/ werden beide
zu /u/. Während aber im Standard-Katalanischen (oder auch auf den
Balearen) /a/ und /e/ zu einem //-Laut zusammengefallen sind, entwickelt
das Algueresische daraus ein /a/. /e/ und /o/ sind nur noch unter italienischem
Einfluß in Lehnwörtern und Kultismen (pel.licola, ocupar,
veritat, gentil) anzutreffen. Das System für den unbetonten
Vokalismus im Algueresischen sieht demnach folgendermaßen aus:
/i/ /u/
/a/
MADREM alg. /mara/
TERRA alg. /trra/
VENTREM alg. /ventra/
GERMANUM alg. /alma/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 39,§ 41,§ 50,§ 56;
Veny 1993:106f)
§ 3. Neben weiteren Erscheinungen soll hier nur noch darauf hingewiesen
werden, daß z.B. auch unbetontes Anfangs-I wie unbetontes /e/ zu
/a/ wird (vgl. das Balearische):
INTENDERE alg. /antrenda/
IGNORANTIA alg. /aurantsa/
INTELLIGENTIA alg. /antirientsa/
(vgl. Blasco Ferrer1984b: §46)
§ 4. Unbetontes /e/ kann auch zu /i/ werden:
AESTIVUM cat. estiu alg. /istiu/
VESTIRE cat. vestir alg. /visti/
LEGERE cat. llegir alg: /ii/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: §52)
§ 5. Vortoniges O > /u/: Dies ist im Standard-Katalanischen auch
der Fall. Dieses Phänomen gab es jedoch im Alt-Algueresischen des
XVI. und XVII Jahrhunderts (wie auch heute noch im Mallorquinischen) noch
nicht und ist deshalb höchstwahrscheinlich auf sardischen Einfluß
zurückzuführen:
DOLOREM alg. /duro/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 31; zum Altkatalanischen: Blasco Ferrer
1984a))
§ 6. Sehr häufig kommt es im Algueresischen zur Aphärese
von /a/-:
cat. abella alg. /ßea/
cat. abril alg. /ßril/
cat. ametlla alg. /mela/
(vgl. Blasco Ferrer 1984: §77)
Das Inventar des algueresischen Konsonantismus entspricht im Großen und Ganzen dem Standard-Katalanischen, wenn auch mit ganz anderer Distribution (s. § 9 und seine Folgen). Hinzu kommt jedoch der stimmhafte labiodentale Frikativ /v/.
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: §94;Veny 1993:107)
§ 7. In intervokalischer Stellung werden auch im Algueresischen alle stimmlosen Okklusivlaute zu stimmhaften Frikativen abgeschwächt (Lenisierung und Spirantisierung). Dabei kommt es in einem Fall zu einer algueresischen Weiterentwicklung:
-T- > -//- > -/r/-
CATA cat. cada alg. /kara/
VITA cat. vida alg. /vira/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: §86; Veny 1993:108)
§ 8. Die Desonorisierung intervokalischer Verschlußlaute
tritt im Algueresischen offensichtlich auch phonosyntaktisch auf, was am
Wortanfang zu Phänomenen wie /c/- > /g/-, manchmal auch /p/- > /b/-
führt:
CARDUUM cat. card alg. /galt/
CARBONEM cat. carbó alg. /galbo/
PISULUM cat. pèsol alg. /bizul/
Interessant ist, daß lat. G- (d.h. nicht /k/ > /g/ wie oben) sonst
immer auch spirantisiert wird, nicht so aber B- und D-. Das kann von folgendem
Ungleichgewicht herrühren: Sardische Lehnwörter, in denen ursprünglich
Langkonsonanten auftraten, behalten im Algueresischen ihren nicht spirantisierten,
stimmhaften Verschlußlaut in vereinfachter Form. Dies kann aber nur
im Falle von -/b/- und -/d/- passieren (sard. nueddu, ebba;
alg. /nuedu/, /eba/), nicht aber mit -/g/-; somit kennt das Algueresische
zwei Varianten für lat. -B- und -D-, aber nur eine für lat. -G-;
daher bleibt dieses auch in Initialstellung spirantisiert (erst nur phonosyntaktisch,
dann auch am absoluten Satzbeginn):
GUNELLA cat. ant. gonella ('faldes') alg. /unea/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 88, § 89)
§ 9. G vor E und I, bzw I- und DI werden im Standard-Katalanischen
zu //, im Algueresischen aber bleiben sie bei der archaischeren Vorstufe
//:
GERMANUM cat. germà alg. /alma/
GINGIVA cat. geniva alg. /aniva/
IANUARIUM cat. gener alg. /ane/
NITIDIARE cat. netejar alg. /nataa/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 92, § 114)
Hierzu muß noch gesagt werden, daß das Algueresische also
ursprünglich gar kein // kennt. Dieses kommt erst in Lehnwörtern,
die aus dem Sardischen oder Italienischen stammen (dort entspricht der
Laut oft einem //):
sard. /impru/ alg. /aempra/ cat. ximple
sard. isgiaminà alg. /aamina/ it. esaminare
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 283, § 285)
§ 10. // und // im Standard-Katalanischen werden im Algueresischen
im Auslaut (oder auch vor Konsonant im Plural) zu /n/ und /l/ vereinfacht:
PUGNUM cat. puny alg. /pun/
ANNUM cat. any alg. /an/
FILIU cat. fill alg. /fil/, Pl. /fils/
CABALLU cat. cavall alg. /kaval/
VEC'LU (VETULU) cat. vell alg. /vl/, aber fem. /va/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: §99, § 244, § 251; Veny 1993:109)
§ 11: Sehr auffällig ist der algueresische Rotazismus:
-T- und -L- werden beide zu -/r/- (für -T- vgl. § 7). Ebenso
wird -TR-, ja sogar katalanisch /dr/ oder /d/ in der Nähe von einem
/r/ durch Metathese (vgl. § 14) zu -/rr/:
VOLARE cat. volar alg. /vura/
GULA cat. gola alg. /ora/
LATRO cat. lladre alg. /arra/
PATRINU cat. padrí alg. /parri/
DIRECTUM cat. dret alg. /rret/
DORMIRE cat. dormir alg /rrumi/ (über /drumi/)
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 101-103, §183, § 188)
§ 12. Ebenfalls als stark innerhalb der katalanischen Dialekte
abweichendes Phänomen, wird /r/ vor Konsonant dagegen zu /l/ (was
zusammen mit § 11 und § 13 besonders die 'Verständnisschwierigkeit'
des Algueresischen für Katalanisch-Sprecher ausmacht):
CEREBELLUM cat. cervell alg. /salvl/
PERSONA cat. persona alg. /paltsona/
CHORDA cat. corda alg. /klda/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 107, § 108)
§ 13. Auch bei PL, CL, BL, FL, GL wird das /l/ zu /r/:
PLENA cat. plena alg. /prena/
CLAVEM cat. clau alg. /krau/
MUSC(U)LU cat. muscle alg. /muskra/
BLANK cat. blanc alg. /brank/
FLOREM cat. flor alg. /frr/
UNGLA cat. ungla alg. /unra/
Die Phänomene des Rotazismus sind zwar in der ganzen Romania bekannt, im Falle des Algueresischen können sie aber wohl auch dem Einfluß des sardischen Adstrats zugerechnet werden.
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 153, § 154; § 161)
§ 14. Das Algueresische zeigt auch eine sehr starke Neigung zur
Metathese von /r/:
TORMENTUM cat. torment alg. /trument/
FEBRUARIUM cat. febrer alg. /frabe/
PAUPERUM cat. pobre alg. /prba/
CASTRARE cat. castrar alg. /krasta/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: §265, §266)
§ 15. Während im Katalanischen der Nexus -GN- zu // geworden
ist, aber in halbgelehrten Wörtern noch als /gn/ beibehalten wird,
hat das Algueresische durchgängig die 'italienische' Lösung:
DIGNU cat. digne alg. /dia/
IGNORANTIA cat. ignorància alg. /aurantsa/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 130, § 131)
§ 16. Im Standard-Katalanischen werden -T'L-, -G'L-, -D'L- und
-J'L- zu //; dies passiert in den anderen Dialekten meist nicht (vgl. das
Mallorquinische). Auch im Algueresischen ergibt sich hier die Lateralgeminate
/ll/:
AMIDDULA (AMYGDALA) cat. ametlla alg. /mella/
SPATULA cat. espatlla alg. /aspalla/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: §159; Veny 1993:109)
§. 17. Im Algueresischen gibt es (fast(50))
kein epenthetisches /d/ ( zu -N'R- bzw. -/ndr/- vgl. auch § 11):
GEN(E)RU cat. genre alg. /enrra/
ABSOLVERE cat. absoldre alt-alg. absolre
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 150, § 189)
§ 18: Konsonantenverbindungen /p/, /k/, /l/, /m/ mit /s/ ist im
Algueresischen sehr wichtig für die Plurale: es entwickelt sich daraus
immer eine Verbindung mit /ts/:
alg. Sg. /kamp/ Pl. /kants/
alg. Sg. /pl/ Pl. /plts/
alg. Sg. /rrem/ Pl. /rrents/
alg. Sg. /bras/ Pl. /brats/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 206, § 207)
«Das massive Eindringen von Elementen fremder Herkunft in die
algueresische Morphosyntax gibt diesem Dialekt ein offenkundig 'hybrides'
Aussehen und ist ein Zeichen für den Adstrateinfluß, der seit
Jahrhunderten durchgehend auf den katalanischen Grundstock der Sprache
gewirkt hat.» (übersetzt nach Blasco Ferrer 1984b:104)
§ 19. Natürlich gibt es im Algueresischen bei einigen Substantiven
Genusunterschiede zum Standard-Katalanischen, z.B.:
FRONTEM cat. el front alg. /la front/
GELUM cat. el gel alg. /la l/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: §296)
§ 20. Bei der Komparation kommt es im Algueresischen zu einigen
Unregelmäßigkeiten (oft durch italienischen Einfluß: de
statt que als Steigerungspartikel); auch fallen zum Beispiel manche
organischen Steigerungsformen weg:
PEIORE cat. pitjor alg. /mes mal/
alg. /es mes pok 'maku da.../ 'er ist häßlicher als...'
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 304, § 307)
Der Elativ wird neben der aus dem italienischen entlehnten Form /asai/
+ Adj. auch sehr häufig durch Iteration gebildet:
'er ist sehr spät gekommen' alg. /es vanut asai talda/
cat. tendríssima alg. /trenda trenda/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 308; Blasco Ferrer 1983)
§ 21. Die Artikel im Algueresischen lauten folgendermaßen
(von Formen für den bestimmten Artikel, die aus IPSE stammen, wie
sie teilweise auch noch im Sardischen oder auf den Balearen auftreten,
gibt es im Algueresischen keine Spuren mehr):
/lu/ /la/ /un/ /una/
/lus/ /las/ /unus/ /unas/
Das Possessivpronomen muß immer mit dem Artikel stehen, außer
bei den Verwandtenbezeichnungen (vgl. mit dem Italienischen).
Bei Personennamen wird ebenfalls der bestimmte Artikel gesetzt (die Anredepartikel von DOMINUS/A gibt es nicht):
alg. /lu uan/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 311-§ 315, § 328; Veny 1993:112)
§ 22. Die Personalpronomen des Algueresischen in betonter Form
lauten folgendermaßen:
/i/, /tu/, /l/ bzw. /ea/, /muzaltrus/, /vuzaltrus/, /eus/ bzw. /eas/
Die schwachen Personalpronomen des Obliquus gibt es nur in ihrer vollen
Form:
/ma/, /ta/, /sa/, /mus/, /vus/, /lus/ bzw. /las/
alg. /muran dit/
'sie haben es uns gesagt'
alg. /mus pare ust rrakulda/
'uns erscheint es richtig, daran zu erinnern'
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 321, § 329; Veny 1993:112)
Eine archaische Besonderheit des Algueresischen ist, daß die enklitischen
Personalpronomen nicht hinten an den Infinitiv angehängt werden, sondern
davor stehen:
cat. prendre-me'n alg. /man prenrra/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 331)
§ 23. Am Paradigma der algueresischen Possessivpronomen ist interessant,
daß die entsprechende Form zu llur (<ILLORUM) fehlt (im
Alt-Algueresischen noch vorhanden):
/meu(s)/, /tou(s)/, /sou(s)/, /nostru(s)/, /vostru(s)/, -/del/ bzw. -/deus/ oder -/dlts/
/mia(s)/, /tua(s)/, /sua(s)/, /nostra(s)/, /vostra(s)/, -/dea/ bzw.
-/deas/
alg. /lu para deus/ 'ihr (Pl.) Vater'
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 336)
§ 24. Die Kardinalzahlen im Algueresischen ensprechen morphologisch
dem Standard-Katalanischen, nur bei den zusammengesetzten Zahlen mit hundert
und tausend erfolgt die Bildung syndetisch mit /i/:
cat. cent-u alg. /sentiu/
cat. mil un alg. /miriu/
Die Ordinalzahlen werden ab sechs (hier gilt noch beides, also auch
/sest/) nach sardischem Vorbild analytisch gebildet:
alg. /lu da sis/, /lu da kindza/, /las da vinti/
sard. su 'e unu, su 'e duos, su 'e deke, su 'e binti
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 261- § 263)
§ 25. Die Infinitivendung -/er/ wird im Algueresischen bei manchen
Verben noch ausgesprochen:
NASCERE cat. neixer alg. /naar/
(COGNOSCERE) cat. conèixer alg. /kunear/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 368, § 106; Veny 1993:109)
§ 26. Die 1. P. Sg. Präsens lautet im Algueresischen (wie
auch im Alt-Katalanischen und Balearischen) noch nicht auf Vokal aus:
CANTO cat. canto alg. /kant/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 373)
§ 27. Das übrige Verbparadigma lautet:
/kant/ /kantem/
/kantas/ /kantau/
/kanta/ /kantan/
Hierbei ist die Assymetrie zwischen 1. und 2. P. Pl. auffällig, womit das Algueresische zwischen den Flexionsendungen des Standard und denen mancher Dialekte (wie z.B. dem Balearischen) steht.
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 372, § 376; Veny 1993:113)
§ 28. Das Verbparadigma für ESSERE, alg. /esar/, zeigt einige
Anomalien:
/so/ /sem/
/ss/ /seu/
/es/ /son/
(Blasco Ferrer 1984b: § 432)
§ 29. Das Algueresische hat bei der Bildung des Imperfekts (und
demzufolge auch des Konditionals) auch bei den Verben auf -IRE und -ERE
die Endung -/iva/ bzw. -/eva/ beibehalten:
DORMIBAM cat. dormia alg. /rrumiva/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 394, § 395)
§ 30. Ein starkes Perfekt gibt es im Algueresischen nicht mehr.
Das umschreibende Perfekt ist im Laufe dieses Jahrhunderts auch immer mehr
vom zusammengesetzten Perfekt verdrängt worden. Letzteres kann ebenso
wie in älteren Formen des Katalanischen sowohl mit ESSERE als auch
mit HABERE, je nach Transitivität oder Intransitivität, gebildet
werden:
alg. /e mirat/, /eras anat/, /eras anara/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 404, § 405, § 426)
§ 31. Der Konj. Imperfekt lautet in der 1. und 2. Person Sg. auf
-/esi/:
/miresi/ /miresim/
/miresis/ /miresu/
/miresi/ /miresin/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 407, § 408)
§ 32. Im der Bildung des Futurs und des Konditionals (wie auch
teilweise im Konj. Präsens; vgl. dazu Blasco Ferrer 1984b: §
390) kommt es zu besonderen Analogien:
cat. seré alg. /siare/
cat. seria alg. /siariva/
(vgl. Blasco Ferrer 1084b: § 423)
§ 33. Das modale 'müssen' wird im Algueresischen folgendermaßen
gebildet:
cat. he d'anar alg. /tenk dana/
(vgl. Blasco Ferrer 1984b: § 437)
Der 'Mischcharakter' («dialetto ibrido»; Blasco Ferrer 1984b:219) des Algueresischen kommt außer in den lautlichen und morphosyntaktischen Phänomenen natürlich auch besonders in der Zusammensetzung seines Wortschatzes zum Vorschein. Neben katalanischen Archaismen bzw. Dialektismen oder Bedeutungsverschiebungen und eigenständigen Erneuerungen innerhalb des katalanischen Wortgutes (Blasco Ferrer 1984b:220), fallen besonders die sardischen und italienischen Lehnwörter ins Auge. Außerdem gibt es einige Hispanismen. Besonders interessant sind die sogenannten «Rückwanderer», d.h. Lexeme katalanischer oder spanischer Herkunft, die über das Sardische, also mit den ensprechenden sardischen phonologischen Erscheinungen, wieder ins Algueresische zurückfinden (Blasco Ferrer 1984b:220).
Das sardische Sub- und Adstrat war ab dem 14. Jahrhundert, d.h. sehr früh wirksam. Sardische Lehnwörter im Algueresischen sind daher auch sehr interessant für die Chronologie bestimmter sardischer Lautentwicklungen (Blasco Ferrer 1984b:96). Viele sardische Lehnwörter betreffen archaischere Bereiche, wie z.B. das Wortfeld der Krankheiten, Berufe oder Vögel (Blasco Ferrer 1984b:232). Italianismen kommen erst in relativ jüngerer Zeit ins Algueresische, besonders durch die Nomenklatur des italienischen Staates, heutzutage natürlich auch vor allem durch die Massenmedien (Blasco Ferrer 1984b:96). Dialektalismen des Katalanischen lassen auf Verbindungen mit dem Valencianischen, den Balearen und dem Rosselló schließen, eine Tatsache, die auch die ehemalige Einheit des katalanischen Sprachgebiets untermalen. Hier sind bezeichnenderweise die Wortfelder des Fischfangs, des Ackerbaus und der zwischenmenschlichen Beziehungen betroffen (Blasco Ferrer 1984b:310f).
Hier nun einige Beispiele (vgl. Blasco Ferrer 1984b; siehe Index):
mall. sípia alg. /sipia/
val. galfí alg. /rafi/
bal. vogamarí alg. /boamari/
val./bal. verdarol alg. /valdarora/
cat. l'ase alg. /murendu/ sard. molenti
cat. setembre alg. /kaßirani/ sard. /kaßianni/
cat. gavina alg. /gaúrru/ sard. /gaurru/
cat. moliner alg. /murinalu/ sard. /molinardzu/
cat. egua alg. /eba/ sard. ébba
cat. esmorzar alg. /fe kurasio/ ital. fare colazione
cat. cine alg /tinema/ ital. cinema
cat. cementiri alg. /kantsant/ ital. camposanto
cat. cara alg. /fata/ ital. faccia
cat. gerdó alg. /lampone/ ital. lampone
cat. xibeca alg. /tiveta/ ital. civetta
span. aposento sard. appuséntu alg. /puzentu/
Natürlich ist die schriftliche Form des Algueresischen sehr stark
vom Standard-Katalanischen (oder gar der italienischen Graphie) beeinflußt,
so daß viele seiner wichtigen gesprochenen Charakterzüge dadurch
nicht zum Ausdruck kommen:
In der Volksdichtung taucht übrigens auch der Name
Barceloneta für L'Alguer auf. Dieser Name war ursprünglich
auf einen Stadtteil der Hauptstadt Cagliaris bezogen worden, der in seiner
Rechtsorganisation der katalanischen Stadt Barcelona ähnlich gewesen
sein soll. Von dort aus muß er dann später, im 15. Jahrhundert
(1441 erhält L'Alguer einen ähnlichen Rechtsstatus) auf die katalanische
Bastion im Norden übertragen worden sein. (Blasco Ferrer 1984b:4f,
Anm.12):
Balzaruneta del rei de Aragò,
eras la prenda giniosa, ru vantu;
an la Saldegna numbrara pe aspantu,
fultificara de torra i bastió,
Balzaruneta del rei de Aragò!
(zit. nach Grossmann 1980b:213)
Ebenso wie Versionen des Cant de la Sibil.la und im gesamten
katalanischen Gebiet verbreitete Volkslieder (vgl. Rognoni 1991:J191-197),
gibt es natürlich auch Rondalles in Alghero:
Aqueix era un minyó que no teniva por. De la debilesa de no menjar no teniva manco força de se moure, i així s'és dormit a una fontana. Joan teniva escrit al boneto:
«Joan que no tè por i potent.
A un cop de mà n'ha mort cent.»
Passen los orcos que eren anant a cercar lo bestiam; han vist Joan i han dit: «Si ell de un cop de mà n'ha mort cent, té de tenir força assai.» I li han demanat si voliva anar am a ellos.
- «I co' me dau?» diu Joan.
- «Un poc de or si fas lo que tens de fer.»
I així los orcos l'han portat am a ellos.
Lo primer dia són anats a fer llenya al bosc. Los orcos han pres un bocí de corda per fer un feix de llenya. Ma al minyó aixó no li bastava i voliva una corda gran:
- «Io me faig tot lo bosc, lo llic i lo porto aquí.»
- «Si tu ne treus tota la llenya, alhora se seca tot lo bosc.»
Diun los orcos. «Deixa-ho estar, ja ho fem mosaltros.»
Un altro dia són anats que teniven de portar algua. Los orcos teniven una bóta cada u. Joan ha pres un pic i voliva carrar lo pou, per prendre tota l'algua. Los orcos teniven por i no han volgut. Li han dit: «Deixa-ho estar, ja ho farem mosaltros.»
Alhora los orcos, han dit entre ellos: «Aqueix és menester treure'l del món, és menester matar-lo.» A la nit, Joan ha posat un tronc al llit. Quan ell dormiva, són anats los orcos i han escudit lo llit creient que l'havien mort. Lo sen-de-demà al maití eix Joan de la casa: los orcos sense creure lo que veieven, li han dit:
- «Ma no has entés arrés tu anit»
- «Sí, ja he entés calqui cosa, com un mos de puça al coll.»
Alhora han dit los orcos entre ellos: «Millor de deixar-lo anar.» Li han dat un morendo am a una bértola de monedes de or i li diun: «Ves, no tenim més menester de tu.»
Ja partit Joan, los orcos se són pensats: «Aquell mos ha embrollat; aquell no teniva força.»
I són anats a matar-lo i prendre lo morendo am a les monedes de or. Joan, caminant, se gira i veu allunt pols assai; eren los orcos que corriven anant a prendre a ell. Joan ha amagat lo morendo enrera de unes mates i s'ha posat a mirar en alt. Los orcos són arribats i li diun:
- «I cosa ses mirant?»
- «Lo morendo, que no voliva més caminar, li he escudit una peada i só aguardant que ne devalli que n'és anat al cel.»
Los orcos han tengut por de la força del minyó i se
ne són anats.
Ellos en allà
i mosaltros en aquí
i Joan de la poca por,
és diventat ric. (Martí i Pérez 1986:411f)
Ein Sprachkonflikt liegt dann vor, wenn zwei deutlich voneinander verschiedene Sprachen sich gegenüberstehen, wobei die eine politisch dominiert (im administrativen und öffentlichen Gebrauch) und die andere politisch unterworfen ist. Die Formen der Dominanz sind unterschiedlich: von den eindeutig repressiven (wie sie der spanische Staat unter dem Franquismus praktizierte) zu den politisch toleranten, deren repressive Kraft vor allem ideologischer Natur ist (wie die im französischen und italienischen Staat praktizierten). Ein Sprachenkonflikt kann latant oder akut sein, je nach den sozialen, kulturellen und politischen Bedingungen der Gesellschaft in der er auftritt. (Kremnitz 1979:42, Anm.11)
Auf italienischen Sprachgebiet gibt es ähnlich wie in Frankreich
sehr viele Sprachminderheiten. In der italienischen Verfassung von 1948
heißt es in Art. 3, Abs. 1:
Tutti i cittadini hanno pari dignità sociale e
sono pari davanti la legge, senza distinzione di sesso, di razza, di lingua,
di religione, di opinioni politiche e sociali. (Vgl. Salvi 1975:9)
Art. 6 spricht die Verpflichtung zum Schutze sprachlicher Minderheiten
direkt aus:
La reppubblica tutela con apposite norme le minoranze
linguistiche ... (Salvi 1975:10)
Dieser Schutz nun ist in bestimmten Regionen für bestimmte Minderheiten gewährt, dies aber eher aus außerpolitischen Gründen nach dem Faschismus und dem Zweiten Weltkrieg, als aufgrund dieses Artikels. Es handelt sich hier nicht mehr um «sprachliche», sondern um «sprachlich-territoriale Minderheiten», einem «ungleichen Plurilinguismus», da er nur auf das Territorium (wie z.B. Südtirol) bezogen ist (Salvi 1975:12-15).
Der italienische Einheitsstaat hat schon immer versucht , nationale und sprachliche Einheit miteinander zu verstricken und dabei auch die vielfältige dialektale Zersplitterung Italiens zu ignorieren. Erst im Zuge der letztlich aufgekommenen Regionalismusbewegungen innerhalb von Europa werden diese Probleme wahrgenommen.
In Italien gibt es nun vier autonome Regionen. Eine davon ist Sardinien, mit seiner eigenen sardischen Sprache eine sehr große Minorität innerhalb Italiens. Die Lage der sardischen Sprache ist sehr schwierig. Zum Ausbau einer einheitlichen sardischen Koiné wird es auch bei voranschreitenden Kodifizierungs- und Normierungsmaßnahmen nicht so einfach kommen. Dafür spaltet sich Sardinien zu sehr in Dialektgruppen auf. Interessant ist der Versuch von Blasco Ferrer, eine sardische Grammatik, aufgeteilt in das Campidanesische und das Logudoresische anzugehen, die beide so das Sardische repräsentieren und ausbaufähig machen sollen (1986). L'Alguer liegt nun im Gebiet des Logudoresischen, befindet sich innerhalb Italiens nochmals von der Variante einer Minderheitensprache, d.h. des Sardischen, umgeben. Daß sich die sardische Regierung wenig um das Algueresische, welches ja schon in der eigenen Stadt zur Minderheitensprache geworden ist, kümmert, liegt auf der Hand. (Salvi 1975:104).
Inzwischen ist im Dezember 1991 von der italienischen Abgeordnetenkammer
ein Gesetz (im Sinne der «apposite norme» des Art. 6
der italienischen Verfassung) verabschiedet worden, das regionalen Parlamenten
zugesteht, Minderheitensprachen in Kindergärten und Schulen sprechen
und unterrichten zu lassen. Diese legge Labriola gilt nun auch direkt
für L'Alguer (Pinna Catte 1992:57).
Offensichtlich war und ist L'Alguer eine Stadt mit nicht ungünstigen
wirtschaftlichen Voraussetzungen, die aber meist nicht den Bewohnern selbst
Wohlstand gebracht haben, dagegen immer Fremde angezogen haben (zur wirtschaftlichen
Lage und den Berufen der Bewohner von L'Alguer vgl. Paba 1988:190-192;
Guarnerio 1886:264; TODA 1988:19f; Kuen 1934:127; Grossmann 1983:13f).
Die heutigen Sprecher des Algueresischen kommen vor allem aus niederen
sozialen Schichten oder manchen Berufszweigen der Mittelschicht, gehören
also längst nicht mehr zu der privilegierten Oberschicht der einstigen
Katalanen (Grossmann 1983:144f). Auch die Zahlen der Immigration und Emigration
sprechen für sich: Beide sind relativ hoch, wobei es meist noch mehr
Zuwanderer als Auswanderer gibt (Paba 1988:193). Die von Grossmann 1977
durchgeführte Untersuchung liefert genaue Daten zur heutigen Situation
des Algueresischen. Sie richtete sich vor allem an die Schulbevölkerung.
Ich fasse hier ihre Angaben über die Sprecherzahlen zusammen. Von
den Befragten sprechen nach eigenen Angaben in familiärer (FS) bzw.
außerfamiliärer Situation (AS) innerhalb der Stadt (in Prozentpunkten):
| 9,8 | 4,0 | 15,5 | 8,1 | 38,5 | 17,2 | alg. |
| 81,6 | 90,5 | 68,5 | 78,4 | 31,4 | 42,3 | ital. |
| 1,6 | 0,4 | 2,2 | 0.2 | 11,2 | 1,1 | sard. |
| 3,6 | 4,4 | 9,2 | 14,4 | 11,2 | 30,3 | biling.
triling. + alg. |
| 2,9 | 0,3 | 4,0 | 1.0 | 7,0 | 8,6 | biling.
triling. - alg. |
| FS | AS | FS | AS | FS | AS |
(Die Prozentpunkte, die fehlen oder überschüssig sind, müssen
auf statistische Rundungen zurückgeführt werden; nach Grossmann
1983:91)
Diese Statistik zeigt, daß sich die italienische Hochsprache schon
so gut wie durchgesetzt hat. Überall steht sie auf dem ersten Platz,
nur die ältere Generation (der Erwachsenenbildung) spricht anteilmäßig
noch vor allem Algueresisch, dies jedoch nur im familiären Umkreis.
Genauso im Rückgang ist das Sardische (das ja auf das Algueresische
nie viel Druck ausüben konnte). Dies ist eine Entwicklung der jüngeren
Zeit, zurückzuführen zunächst auf das italienische Schulwesen,
den Militärdienst, die Kirche und den Ausbau der Handelsbeziehungen,
schließlich aber auch der italienischen Medien, den zunehmenden internationalen
Tourismus und die andauernde Emigration (vgl. Paba 1988:191; Kuen 1934:125).
Blasco Ferrer spricht vom «Mischcharakter» des Algueresischen, im Sinne von einem «Dialekt mit Geltungsbereich einer Sprache» (1984b:5). Durch die Isolation der katalanischen Sprachminderheit auf Sardinien ist das Abstandskriterium des Algueresischen als «dachloser Außenmundart» (Kloss 1987:305) also gegeben. Innerhalb der katalanischen Dialekte tritt das Algueresische ähnlich wie das Balearische durch archaische Elemente und vermehrte Aufnahme lexikalischer und grammatikalischer Besonderheiten hervor (vgl. Kapitel 5). Dieses Phänomen tritt besonders in isolierten und Randgebieten einer Sprache auf (Blasco Ferrer 1984b:312f). Die Kodifizierung des Algueresischen ist mit Blasco Ferrer, den ich im Haupteil dieser Arbeit vor allem herangezogen habe, und seiner historischen Grammatik (1984b) vollzogen worden.
Aufgrund der relativ kleinen Sprecherzahl auf einem Gebiet, ja sogar
einer Stadt, ist es beim Algueresischen nicht so sehr ein Problem, eine
einheitliche grammatikalische Normierung festzulegen, da sie sich - existiert
einmal die Sprachbeschreibung - leicht entwickeln ließe. Schwieriger
ist es mit der Orthographie: Algueresisch ist ja nicht Standard-Katalanisch;
deshalb wird sowohl die katalanische als auch die italienische Graphie
benutzt, manchmal sogar beide in demselben Werk (Grossmann 1983:155). Auch
ist das Verhältnis zum Standard-Katalanischen wohl genauso schwer
klarzustellen, wie das der Berücksichtigung der einzelnen Dialekte
in Katalonien selbst. Algueresisch ist auch eine lokale Varietät,
aber es hat einen Sonderstatus, dadurch daß es auf isoliertem Gebiet,
noch dazu in einer Stadt gesprochen wird. Dort gilt das Abstandskriterium
zum Sardischen und Italienischen, so daß es fast den Rang einer Sprache
haben könnte (vgl. Blasco Ferrer 1984b:5), obwohl es zur katalanischen
Hochsprache gehört.
Heute, da das Italienische die Staatssprache, die A-sprache ist, hat sich das Katalanische in L'Alguer schon längst auf die Ebene der B-Sprache abdrängen lassen (Vgl. Ferguson 1972) und steht dort nun, mit gewissen Unterschieden, neben dem Sardischen. Mit gewissen Unterschieden, da das Algueresische immer in das soziale Umfeld einer Stadt gehört hat, das Sardische aber zum Hinterland. Außerdem ist man sich immer der Besonderheit des Algueresischen bewußt gewesen, auch wenn die eigene sprachliche Identität of verkannt wurde (vgl. Blasco Ferrer 1984b:312, Anm. 146). Die heutigen Sprecher wissen zum größten Teil, daß sie einen katalanischen Dialekt sprechen, halten es aber für erstrebenswerter, Italienisch zu können und ihre Kinder auf Italienisch zu erziehen, so daß es in der Grundschule fast nur noch einsprachig erzogene Kinder gibt (Grossmann 1983, 147). Die Eltern wollen ihren Kindern mittels der Sprache einen Zugang zu einem höheren sozialen Status verschaffen (Grossmann 1983:148).
Industrialisierung und Urbanisierung der Stadt haben zur «Zerstörung alten sozialen Gleichgewichts» geführt, die neue Gesellschaft artikuliert sich auf Italienisch, und das Algueresische läßt sich marginalisieren (Grossmann 1983:150). Auch können viele ihre Sprache nur mehr teilweise oder fehlerhaft, d.h. eine Art italianisiertes Algueresisch (Grossmann 1983:137). Die meisten können auch nicht Algueresisch schreiben oder lesen, sind «Halb- oder Vollanalphabeten in der eigenen Sprache» (nach Kremnitz 1979:25). Viele der von Grossmann Befragten halten das Algueresische für unnütz, unzeitgemäß, teilweise sogar unrein und abstoßend, ein Zeichen der «sprachlichen und kulturellen Entfremdung» (Kremnitz 1979:22). Viele behaupten auch eher von sich, Italienisch zu sprechen, während dagegen bei der Einschätzung des Sprachverhaltens anderer die Zahl der Algueresisch-Sprecher steigt (Grossmann 1983:147). Trotzdem hat das Algueresische für manche eine Art «esoterischen Wert» (Paba 1983:129). Viele Jüngere zeigen Interesse daran, es in gewissen Momenten aktiv oder passiv zu beherrschen - vor allem in komischen Situationen, um Witze oder sich über andere lustig zu machen, ohne dabei verstanden zu werden. Dies Abrutschen in eine Art Rotwelsch zeigt den schon ziemlich fortgeschrittenen Substituierungsprozeß durch das Italienische (vgl. Grossmann 1983:148).
Ansonsten ist das Interesse am eigenen Idiom und der eigenen Kultur
eher nostalgisch und sentimental, ein leichtes Nachtrauern um etwas, das
schon als im Verschwinden Begriffenes verstanden wird (Grossmann 1983:153).
Es gibt aber in letzter Zeit vielerlei Bestrebungen zur dauerhaften Einrichtung
von Institutionen (wie Sprachunterricht, Lehrerausbildung, Literaturwettbewerbe,
Studienangebote an den Universitäten, Gebrauch der Sprache in den
Medien ...) um den Niedergang aufzuhalten (vgl. Bosch i Rodoreda 1994;
Bosch i Rodoreda 1995; Vallverdú 1983).
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Rafael Bertran Montserrat
Die Katalanen in Chile blicken auf eine an Erfahrungen, Aufbauleistungen und Traditionen nicht wenig interessante Vergangenheit zurück und tragen trotz ihrer relativ geringen Zahl noch heute dazu bei, den Dialog zwischen Europa und Spanien einerseits sowie Chile, diesem Land des südamerikanischen Raumes, andererseits aufrechtzuerhalten.
Die ersten katalanischen Spuren in Chile finden wir schon während der Eroberungszeit (1536-1560), obwohl, wie bekannt, das amerikanische Unternehmen hauptsächlich eine Aufgabe Kastiliens war und Katalonien davon fast ausgeschlossen wurde. 1549, erst acht Jahre nach der Gründung Santiagos, der heutigen chilenischen Hauptstadt, kam der erste aus Katalonien gebürtige, Joan Ferrel Catalán, dort an. Er begleitete die Truppen, die zur Befriedung der Eingeborenen im Süden eingesetzt wurden. Ferrel Catalán machte sich in den Gebieten ansässig, in denen die Goldquellen blühten; er besaß dort ein Landgut mit leibeigenen Ureinwohnern, von denen er Steuern bekam. Außerdem wurde er Geschäftsmann und war als Kapitän und Reichschatzmann tätig. Der erste Katalane in Chile wurde Vater dreier Töchter, die ihrerseits höchstwahrscheinlich ebenfalls Nachkommen hinterließen (MEDINA 1906:305 und THAYER OJEDA 1939-1943:343).
Zwischen 1536 und 1565 kamen nur fünf Eroberer aus Katalonien unter den 671, derer Herkunft bekannt ist. Während der Kolonialzeit, 1601-1810, gab es nur zwei katalanische Gouverneure in Chile: Carles de Berenguer i Dusmet (1768) und Manuel d'Amat i de Junyent (Vacarisses, Vallès Occidental, 1707 - Barcelona, 1782), der später Vizekönig von Peru wurde (MANENT 1992:Bd.IV 281). Die Gründe für eine so geringe Beteiligung seitens Kataloniens lagen wohl an der wenig zuvor erfolgten Vereinigung mit Kastilien, an dem katalanischen Aufstand und an dem Krieg um die Thronfolge. Ein anderes Element, das dabei aller Wahrscheinlichkeit nach eine große Rolle gespielt hatte, war die schwache Wirtschaftslage Kataloniens, deren Entwicklung sich erst am Ende des 18. Jahrhunderts auf den südamerikanischen Kolonien zu spüren ließ (VILLALOBOS 1990:2f.).
1778 trat ein Freihandelsgesetz in Kraft, dank dessen die direkte Verbindung mit Barcelona und Alfaques de Tortosa möglich wurde. Daraus ergab sich, daß einige Katalanen in Chile Wurzeln faßten. Ihre Anzahl war jedoch ziemlich gering und sie konnten keinen bedeutenden Einfluß auf die oberen Schichten der Gesellschaft ausüben (Idem 1990:7).
Als Folge des Unabhängigkeitskriegs kam sowohl der Handel mit Spanien als auch der Personenverkehr nach Chile bald zum Stillstand. Kurze Zeit nach der Trennung von Spanien stellten die katalanischen Reeder und Handelsleute bei der spanischen Krone den Antrag auf weiteren Handel mit Chile, während sie von den chilenischen Häfen forderten, ihre Schiffe wieder zuzulassen. In der Tat hatten die chilenischen Häfen den Katalanen ihre Türen nie verschlossen (PRADENA 1986:163).
Die junge Republik Chiles beauftragte Ramon Carnicer i Batlle (Tàrrega Urgell, 1789 - Madrid, 1855) ihre neue Nationalhymne zu komponieren, die 1828 zum ersten Mal aufgeführt wurde und bis heute noch offiziell ist (MANENT 1992:Bd.I 345f.).
1838 gründete Manuel Rivadeneyra (Barcelona, 1805 - Madrid, 1872) in Santiago einen Verlag und gab die Zeitung El Araucano heraus; in der Folgezeit kaufte er in Valparaiso den Zeitungsverlag El Mercurio und veröffentlichte weiter die älteste der jetzt noch bestehenden Zeitungen Chiles (1992:Bd.III 405f.). Rivadeneyra gilt als Begründer der Buchindustrie in Chile. 1864 wurde das Lehrbuch «Tesoro de fabulistas españoles» veröffentlicht, das einen Anhang auf Katalanisch enthielt und so die älteste Veröffentlichung in (zum Teil) katalanischer Sprache auf dem amerikanischen Kontinent (1992:BD.IV 281ff.).
Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die katalanische und die chilenische Wirtschaft allmählich, was eine relative Zunahme der Einwanderung aus Katalonien mit sich brachte. 1889 wurden 107 katalanische Arbeiter für die Kanalisierung des Mapocho-Flusses in Santiago eingestellt, doch ist leider nicht bekannt, auf was für Wege sich diese Leute später gemacht haben; vermutlich dürften viele von ihnen im Land geblieben sein. Den Informationsquellen vom Anfang des jetzigen Jahrhunderts kann man entnehmen, daß jeder Katalane, der in Chile ankam - ohne Rücksicht auf seine ursprüngliche Ausbildung oder gar auf seine soziale Herkunft -, bald in eine führende Position aufgestiegen war (BLAYA ALLENDE 1922:60). Bevorzugt etablierten sie sich in der Handelsbranche, während nur ganz wenige katalanische Einwanderer auf dem Land oder im Dienstleistungsbereich arbeiteten. Während der ersten 20 Jahre des 20. Jahrhunderts kamen einige Berufstätige wie Architekten, Ingenieure und auch Künstler, die vom chilenischen Staat eingestellt wurden. Unter diesen kann man Antoni Coll i Pi (Barcelona, 1857 - Santiago de Chile, 1964) nennen, der als Professor an der Hochschule für Architektur und Schöne Künste tätig war und der als Bildhauer mehrere, über das ganze Land verteilte Denkmäler schuf (MANENT 1992:BD.II 32 und BLAYA ALLENDE 1922:54ff.).
Überall in Chile entstanden Vereine, wo die aus Katalonien, Mallorca und Valencia stammenden Einwanderer sich trafen, um kulturelle Veranstaltungen am Ort und vor allem Wohltätigkeitsveranstaltungen zu organisieren (BLAYA ALLENDE 1922:59). Unter diesen Gruppen ragte schon seit ihren Anfängen die aus Iquique (Nord-Chile) hervor, die am meisten in Amerika zur Förderung der Associació Protectora de l'Ensenyança Catalana mit Sitz in Barcelona beitrug (1922:348).
1906 wurde das Centre Català de Santiago de Xile gegründet. Der Verein konnte schon sechs Jahre später die Zeitschrift Germanor unter der Leitung von Francesc Camplà (Girona, 1883 - Santiago de Chile, 1941) herausgeben. Unter allen katalanischsprachigen Zeitschriften Amerikas war Germanor diejenige, die am längsten bestand (1912-1962). Sie hatte insgesamt 608 Ausgaben, die besonders katalanische Kunst und Literatur behandelten (MANENT 1992:Bd.II 302ff.). Camplà gründete auch L'Hora Catalana, eine Sendung, die in den 30er Jahren vom chilenischen Rundfunk ausgestrahlt wurde.
Am 4. Dezember 1939 kam in Valparaiso das Schiff Winnipeg mit mehr als tausend katalanische Asylanten an. Die kulturellen und politischen Veranstaltungen nahmen ständig zu. Viele Künstler durchquerten das Land und griffen in ihren Werken hauptsächlich volkstümliche Einwohner und Sitten Chiles auf. Germanor entwickelte sich zu einem politisch-kulturellen Magazin von nicht geringem Einfluß. Dichter und Schriftsteller veröffentlichten ihre Werke oder veranstalteten Lesungen. Vielen Politikern wurde Asyl gewährt. Die Agrupació Patriòtica Catalana wurde 1937 gegründet, mit dem Ziel, den Opfern des spanischen Bürgerkriegs zu helfen. Sie veröffentlichten dafür und anläßlich der Jocs Florals de la Llengua Catalana das Buch «Les formes de la vida catalana» (1944), das erste Werk in katalanischer Sprache von Josep Ferrater i Mora (Barcelona, 1912-1991), der in den 40er Jahren in Chile lebte. Er veröffentlichte auch damals andere Werke, unter anderem «Unamuno, bosquejo de una filosofía» (1944) (MANENT 1992:Bd.II 219f.). Außerdem wurden im Laufe der folgenden über zwanzig Jahre (besonders aber zum Exilanfang) mehrere, wenn auch kurzlebige, politische Zeitschriften herausgegeben. Sie ersetzten Germanor als Sprachrohr des Centre Català (1992:Bd.IV 281ff.)
Heutzutage sind die Katalanen in Chile hauptzsächlich im Bereich der Wirtschaft zu finden. So gibt es z.B. zwei Vereine, die sehr aktiv zur Erhaltung der katalanischen Wurzeln in Chile beitragen: die Agrupació de Professionals d'Orígen Català (1985) und die Agrupació d'Empresaris d'Ascendència Catalana (1989) (1992:Bd.I 39).
Katalanische Spuren in Chile sind also schon seit über 500 Jahren ununterbrochen zu finden. Daß sie auch auf die Einheimischen gewirkt haben, läßt sich am Beispiel der zwei chilenischen Nobelpreisträgern für Literatur erkennen, die katalanische Themen in ihren Werken aufnahmen. Dies ist der Fall bei Gabriela Mistral(51), die die Gedichte «Mensaje a Catalunya» und «Mujeres Catalanas» schrieb; ein Gedicht Pablo Nerudas heißt «Canto a la muerte y resurrección de Lluis Companys» (MANENT 1992:BD.IV 281ff.).
Man kann von einer bedeutungsvollen Teilnahme der Katalanen am Arbeits-,
Wirtschafts- und Kulturleben Chiles sprechen, wobei nicht vergessen werden
darf, daß sie sich fast reibungslos in ihre neuen Heimat integrieren
konnten und daß ihr Beitrag auch heute noch in vielschichtigen Betätigungsfeldern
in eine fruchtbare Zukunft blicken läßt.
BUADES CRESPI, Joan: L'Emigració de Campaneters a Amèrica en el segle XX. Ajuntament de Campanet 1993.
BERTRAN MONTSERRAT, Rafael: Ser entre els altres. Edi-Liber Barcelona 1984.
BLAYA ALLENDE, Joaquín: El Progreso Catalán en América. Santiago 1922.
CALEUCHE (Hrsg.): Los Nobel Chilenos. Pablo Neruda. Gabriela Mistral. Minerva. Santiago de Chile, o. J.
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MANENT, Albert (Leiter): Diccionari dels Catalans d'Amèrica. Comissió Amèrica i Catalunya. Generalitat de Catalunya 1992, 4 Bde.
MEDINA, José Toribio: Diccionario Bibliográfico Colonial de Chile. Santiago 1906.
MISTRAL, Gabriela: Lagar. Editorial Andrés Bello. Santiago 1989.
DERS.: Tala. Editorial La Nación. Santiago de Chile, o. J.
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THAYER OJEDA, Tomás: Formación de la Sociedad Chilena y Censo de la Población en los Años 1540 a 1565. Santiago 1939-1943, 3 Bde.
VILLALOBOS, Sergio: Los Catalanes en Chile. Un Esquema.
Santiago de Chile 1990.
2. Apropos Feld: Es wurde auch zweimal angeführt, daß das persönliche Interesse am Katalanischen dadurch verstärkt würde, daß dieses Forschungsfeld noch nicht so abgegrast sei, wie die anderer romanischer Sprachen. Drei weitere Befragte wollten ihre Chance, eines Tages auf dem Katalanischen Arbeitsmarkt eine Stelle zu erlangen, vergrößern. Letzteres Argument sollte man allerdings wiederum in Verbindung zu den persönlichen Kontakten nach Katalonien sehen.
3. Das soll an dieser Stelle reichen, obwohl damit das von mir gesammelte Material bei weitem noch nicht erschöpfend ausgewertet wurde. Sollte einer meiner Leser sich für eine Fortsetzung dieser Arbeit interessieren, stelle ich meine Unterlagen - die Einwilligung der von mir Befragten vorausgesetzt - gerne zur Verfügung.
5. Die Einkommen liegen 39% über dem spanischen Durchschnitt, die Arbeitslosenquote 1995 bei 11,6% gegenüber 16,1% in Gesamtspanien. (Breuer 1992:39)
6. Mallorca Magazin, 1/96, 16.3.1996, S. 4.
8. Dies gilt insbesondere für die Ebene von Palma und agrarische Intensivgebiete, wie Pla de Sant Jordi oder Campos.
9. Diario de Mallorca, 3.3.1996, S. 16.
10. Ein mittlerer Golfplatz benötigt bei Trockenheit täglich etwa eine Million Liter Wasser, was dem Verbrauch einer 10.000-Einwohner-Stadt entspricht. Hamburger Abendblatt, 10.2.1996.
11. Mallorca Magazin, 11/96, 16.3.96, S. 10.
13. U.a. Cala Major, Sant Agustí.
15. Hamburger Abendblatt, 11.5.96, S. 79.
17. Mallorca Magazin, 9/96, 2.3.1996, S. 9.
18. Vgl. dazu PI DE CABANYES/ GRAELLS (1971) und BROCH (1980), Einführungen zur mallorkinischen Narrativik vgl. JANER (1993) und LLOMPART (1992).
19. Vgl. dazu SEGUI TROBAT (1990) und ARNAU I SEGARRA (1995).
20. Indem ihr den Schild von Vaterland, Glauben und Liebe hochhebt, wappnet neue Ritter der Poesie; und in einem neuen Kreuzzug sei das verlorene Ideal zurückerobert.
21. In der griechischen Antike erscheint die Lilie als Herrschaftssymbol, sei es als Attribut der Königin oder als Schmuck des Gewandes von Zeus; auch Verstorbene können die Gestalt einer Lilie annehmen. Vielfache symbolische Bedeutungen gewinnt die Lilie in Alt- und Neutestamentarischer Tradition. Als Symbol der Erwählung erscheint es in den Psalmen (Ps 45,2) und im Hohenlied bezeichnet der Bräutigam die von ihm Erwählte als «Lilie» (Hld 2,1 und 2). In anderen Zusammenhängen erscheint die Lilie als Symbol der Unschuld, der Gnade oder auch Christi. In unserem Zusammenhang ist von Interesse, daß die Lilie nicht, wie gewöhnlich als weiße erscheint, sondern als «morat». Dies ist zunächst sicherlich eine Verknüpfung mit dem Gedanken der «Quaresma», der zuvor erscheint. In das symbolische Verständnis von «morat» spielt außerdem die bereits konstatierte Verbindung von Religiösem und Herrschaftlichem hinein. (S. Manfred Lurker: Wörterbuch biblischer Bilder und Symbole. München: Kösel 1987.)
22. Der Begriff der «normalització lingüística» wurde erstmals von Lluís V. Aracil in seiner Arbeit «conflit linguistique et normalisation linguistique dans l'Europe nouvelle / Conflicte lingüístic i normalització lingüística a l'Europa nova» (1965) verwendet.
23. 'Decret regulador de l'ensenyament de la llengua i la literatura catalanes als centres docents no universitaris'.
24. So z.B. in der Sektion 'Cartas al director' in 'Ultima hora' vom 3.3.96: 'Les mentides del botifarra Joaquín Cotoner', unterzeichnet von der 'Lobby per la Independència'.
25. Assessor lingüístic de l'Ajuntament de Palma de Mallorca.
26. Ciutat = Palma de Mallorca.
27. Dekret der Conselleria de Cultura del Govern Balear vom 14. April 1988.
28. MEC = Ministerio de Educación y Cultura.
29. Die Verhaltensmuster von zweisprachigen Personen (katalanisch-kastilisch) sind in den letzten Jahren häufig Thema von Publikationen gewesen. Besonders möchte ich hier die Arbeiten von Guadalupe Rodríguez (1991) über die Sprachverwendung und die Einstellung der Sprecher zu den verwendeten Sprachen in Santa Coloma de Gramenet und von Emili Boix Fuster (1993) über Sprachwahl bei jungen Einwohnern Barcelonas hervorheben.
30. Ponç Pons schreibt zwar über die Situation auf Menorca, diese kann aber in diesem Zusammenhang wohl zum Vergleich herangezogen werden.
31. Boix Fuster bezieht sich hier auf eine von Empar Tusón Anfang der 90er Jahre in Barcelona durchgeführte Untersuchung.
32. Vgl. dazu die Textprobe im Anhang.
33. Dieser zentrale Vokal wird gewöhnlich als [] transkribiert. Doch in betonter Stellung ist er ein wenig gespannter als das prototypisch unbetonte [], so daß es sich anbietet, das «betonte Schwah» in mall. tumbet anders zu transkribieren, als das unbetonte in mare. Ich verwende daher für den betonten zentralen Vokal das Transkriptionssymbol [], das u.a. zur Wiedergabe des Vokals in englischen Wörtern wie bird, word, worm verwendet wird.
34. Die so entstehende Homophonie von «drei Mal» mit «drei Brüste» (tres pits) löst bei Nicht-Mallorquinern regelmäßig Heiterkeit aus.
36. Im Regionalspanischen Mallorcas hört man auch: «No lo sabía, esto».
38. auch: anar gat, enmoixar-se, dur un moix, dur una moixera, agafar una moixa.
39. La me contaren madò Rafalona de Manacor, madò Antonina Company Vicença, Mn. Bernat Cifre de Pollença, madò Catalina Balaguer d'Estallencs, i s'homo de madò Guixa el Sen Corder de So'n Servera.
40. Bei den Dokumenten handelt es sich vor allem um Privaturkunden, dem Zeitraum zwischen dem 2. vorchristlichen und dem 10. Jahrhundert nach Christus entstammend. Die Heiligenviten entstanden zwischen dem 6. bis 8. Jahrhundert.
41. «(520 arabismos [...] simples y de probable transmisión directa (sc. En el catalán)» (Solà-Solé 1967.276).
42. 2 Estudis de toponímia catalana, tom 1 (Barcelona 1965), 265-279.
45. Vgl. dazu Blasco Ferrer 1984c; Blasco Ferrer 1988; Loi Corvetto 1992; C. Wagner 1986.
46. Bis 1485 durften sogar auch mit sardischen Frauen verheiratete Katalanen (oder Aragonesen) nicht in der Stadt wohnen (vgl. C.WAGNER 1986:465).
47. M. Milà i Fontanals: «La llengua catalana a Sardenya», in: Obras completas Bd. III, Barcelona 1990, 547-555.
48. J. Tyndale: The island of Sardinia Bd.I, London 1849.
49. Bei der Sprachbeschreibung und einzelnen phonologischen und morphologischen Phänomenen gebe ich die entsprechenden Paragraphen bei Blasco Ferrer, d.h. nicht die Seitenzahlen an.
50. Die Komposita von TENERE allerdings lauten auch /trenda, /antrenda/ nach Metathese, was im Gegensatz zu Blasco Ferrer 1984b: § 150 stehen würde.
51. Gabriela Mistral (Vicuña, Chile 1889 - New York, USA 1957) bekam den Nobelpreis für Literatur im Jahr 1945.