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  • Französisch, Bretonisch und ... Gallo – ist die Bretagne dreisprachig?

  • in: Kulturkontakt und Sprachkonflikt in der Romania, Wien: Braumüller, 163-189 (Ethnos; 50).
Ich habe daher darauf verzichtet, die phonetischen Symbole einzeln einzufügen, die bei der Konvertierung nach HTML verlorengegangen sind. Eine volle Version im PDF-Format gibt es hier.
 

Hans-Ingo Radatz (Chemnitz)

Französisch, Bretonisch und ... Gallo ­
Ist die Bretagne dreisprachig?

Ha ma vefe teir yezh e Breizh?
Sprachensituation in der Bretagne

In europäischen Sprachkarten ist die Bretagne stets durch dicke Schraffur als keltisches Sprachgebiet" gekennzeichnet. Doch selbst in der traditionell bretonischsprachigen Basse-Bretagne (Breizh-Isel) ist heute nicht mehr das Bretonische, sondern, wie überall in Frankreich, das Französische die dominierende Sprache. Die abenteuerlich hohen Sprecherzahlen, die man für das Bretonische verschiedentlich noch findet, sind daher weniger ein Indiz für die mangelnde Seriosität der Autoren sondern vielmehr für den rapiden Verfall der Sprache: Die neuste Auflage (Bd.3, 1987) der Brockhaus Enzyklopädie spricht beispielsweise von wahrscheinlich unter 1 Mio. Sprecher[n]", Bochmann 1989, 43 von ca. einer Million". In einer Studie aus den 80er Jahren wird der typische Bretonischsprecher als über 40-jährig" beschrieben (Timm 1984) und jüngere Sprecher galten bereits zu dieser Zeit als Ausnahme. Die Tatsache, daß nur ein minimaler Teil der letzten Generation die Sprache an ihre Kinder weitergegeben hat, erklärt, warum sie in wenigen Jahrzehnten einen so massiven Sprecherschwund zu verzeichnen hatte.(1) Typisch für die heutige Sprachsituation sind Passivsprecher, welche die Sprache ihrer Eltern noch verstehen, selbst aber bereits auf Französisch erzogen wurden. Der französische Staat hat an genauen Erhebungen kein Interesse und so ist man bei der Sprecherzahl auf Schätzungen angewiesen. Eins kann aber als gewiß gelten: selbst die Zahl von ½ Million, die das Fischer Lexikon Sprachen von Heinz Wendt in der Auflage von 1987 nennt, ist für 1995 völlig unhaltbar.

Tatsächlich ist die Bretagne in ihrer Gesamtheit nach der Romanisierung der keltischen Gallier nie wieder völlig keltischsprachig geworden. Zwar war in der Basse-Bretagne die allgemeine Umgangssprache auf dem Lande bis in die jüngste Vergangenheit fast ausschließlich das Bretonische; doch in der Haute-Bretagne (Breizh-Uhel) hat das Bretonische stets neben dem Romanischen existiert, wenn es denn überhaupt jemals den gesamten Raum umfaßt haben sollte. Im 9. Jahrhundert erreichte es seine größte östliche Ausdehnung und gelangte beinahe bis nach Rennes und Nantes. Selbst im bretonischen Sprachgebiet dürften jedoch die Städte stets vorwiegend romanisch gewesen sein. Die bretonische Aristokratie assimilierte sich in sprachlicher Hinsicht schnell an die galloromanischen Ureinwohner bzw. Nachbarn der Bretagne, so daß die keltische Sprache von Anfang an auf den Bereich der Mündlichkeit beschränkt blieb. Der letzte Graf der Bretagne, von dem bekannt ist, daß er noch fließend Bretonisch sprach, war Alain IV Fergent, der von 1084-1115 herrschte (vgl. Chédeville/Croix 1993, 33). Als rein gesprochenes Idiom wurde das Bretonische in der Folgezeit aus der Haute-Bretagne zusehends verdrängt. Die Übergangszone zwischen der rein keltischen und der rein romanischen Bretagne ist im Laufe der Jahrhunderte unter dem Druck des Französischen kontinuierlich nach Westen verschoben worden und liegt heute in etwa auf einer Linie zwischen Vannes im Süden und Saint-Brieuc im Norden (vgl. Abbildung 1).

Während langer Jahrhunderte bestand dieser keltisch-romanische Sprachkontakt jedoch weniger zwischen dem Bretonischen und dem Französischen, da auf romanischer Seite nicht Französisch sondern vielmehr der regionale Oïl-Dialekt, das sogenannte Gallo gesprochen wurde. Die älteste Erwähnung dieser Zweiteilung der Bretagne in eine keltischsprachige Bretaigne bretonnante" und eine romanische Bretaigne gallou" findet sich in zwei Edikten des Grafen der Bretagne Jean IV aus dem Jahre 1371.(2) Das Wort Gallo ist keltischen Ursprungs und dürfte aus der Zeit des ersten Kontakts zwischen den neuen britischen Zuwanderern und den Einheimischen romanisierten Galliern stammen. Die Benennung Gall haben die Bretonen bis heute zur Bezeichnung ihrer romanischen Nachbarn beibehalten, wobei die Bedeutung heute nicht mehr nur die romanischen Bewohner der Haute-Bretagne, sondern die Franzosen im Allgemeinen umfaßt (vgl. ar gall = der Franzose; gallegañ; komz galleg = Französisch sprechen). Diese ursprünglich bretonische Bezeichnung wurde von den Oïl-Sprechern der Haute-Bretagne schließlich als Selbstbenennung übernommen.

In dem Maße, in dem alle autochthonen Sprachen, Bretonisch wie Gallo, aus praktisch allen Domänen vom Französischen verdrängt werden, verwandelt sich die Sprachgrenze zwischen Gallo und Bretonisch zusehends in eine vornehmlich historische Trennungslinie, die nur noch für die Identität der Bewohner beiderseits der alten Sprachengrenze von Bedeutung ist: Die monolingualen Französischsprecher auf einer Seite leben im Bewußtsein, daß ihr Dorf traditionell bretonischsprachig war ­ die monolingualen Französischsprecher auf der anderen Seite dagegen wissen noch, daß hier früher einmal ein romanisches patois gesprochen wurde. Thomas Buckley berichtet von seinen Feldstudien an der (ehemaligen) Sprachengrenze bei Plouha:

Gallo ist nicht identisch mit dem français régional der Bretagne

Bevor wir uns dem Gallo zuwenden, soll hier zuvor noch einer möglichen Verwechslung vorgebeugt werden, nämlich derjenigen zwischen dem regional gefärbten Französisch der Basse-Bretagne ­ also einem äußerst jungen Folgephänomen des Verschwindens der bretonischen Sprache ­ und dem Gallo, dem jahrhundertealten Dialekt der Haute-Bretagne. Dieses français régional unterscheidet sich von den anderen sprechsprachlichen Varietäten des Französischen vor allem durch die noch erkennbaren bretonischen Interferenzen, die sich allerdings nur noch in Gegenden beobachten lassen, in denen die autochthone Sprache erst vor kürzester Zeit aus dem alltäglichen Gebrauch verschwunden ist. Ein solches, von Bretonismen aller Art durchsetztes Französisch gilt z.B. als typisch für den Fischerort Douarnenez und hat eine ganze Gattung humoristischer Publikationen im sogenannten parler douarneniste hervorgebracht, für die der folgende kurze Text als Beispiel dienen möge:

Typischerweise erscheint das Bretonische hier vor allem in Situationen stark emotionalen Sprechens. Die Reaktion des Kindes zeigt zudem, daß es sich um reine Performanzphänomene handelt und daß die entsprechenden Ausdrücke nicht wirklich in das Regionalfranzösische integriert sind. Die lexikalischen Bretonismen dürften daher spätestens mit dem Aussterben der letzten Generation von Muttersprachlern ebenfalls verschwinden. Neben den direkten lexikalischen Übernahmen gelten besonders die Lehnübersetzungen bretonischer Konstruktionen mit der Präposition gant (= 'mit') als typische syntaktische Interferenzen im Französischen von Bretonischsprechern.
Doch auch andere syntaktische Bretonismen finden sich zuweilen:
Daneben sind auch im phonetisch-phonologischen Bereich Interferenzen feststellbar. Am auffälligsten ist sicher die Übertragung des paroxytonen Wortakzents des Bretonischen auf das Französische, wobei französische Wortgruppen behandelt werden wie bretonische Wörter, die dann regelmäßig auf der vorletzten Silbe betont werden: Diese vom Standardfranzösischen abweichenden Betonungen ziehen oft weitere phonetische Phänomene nach sich, so beispielsweise die Schließung von [] unter dem Ton: Unter dem Ton erhöht sich zudem deutlich die Artikulationsenergie der Konsonanten und führt zu Aspirationen (paroir ­ ['phawa]), während die unmittelbar nachtonige Silbe häufig reduziert wird (obligé ­ [o'bli:e]). Neben anderen phonetischen Phänomenen dürfte besonders die typische Auslautverhärtung" im bretonischen Regionalfranzösisch auf eine Interferenz mit dem Bretonischen zurückzuführen sein, wo stimmhafte Plosive und Sonoranten am Wortende regelmäßig stimmlos werden: Das gleiche Phänomen findet sich im Regionalfranzösischen wieder: Gallo ­ ein Oïl-Dialekt

Die Romanistik hat dem Gallo bisher nur geringes Interesse entgegengebracht. Die Linguistin Henriette Walter von der Université de Haute-Bretagne, Rennes II spricht von

Henriette Walter hat sich die Mühe gemacht, romanistische Grundlagenwerke daraufhin zu untersuchen, ob darin von einem autochthonen Oïl-Dialekt der Bretagne die Rede ist. Von den 20 konsultierten Werken erwähnen nur sieben das Gallo (zuweilen auch als gallot" oder schlicht als patois"); die klassischen Einführungen von Bourciez, Elcock, Posner, Renzi, Tagliavini und Vidos wissen davon ebensowenig wie beispielsweise die Introduction à la dialectologie française von Jacques Chaurand (1973). Diese Vernachlässigung durch die Romanistik, ja selbst durch die Franzistik, hat mehrere (und generell gesprochen auch gute) Gründe. Der vielleicht wichtigste Grund ist gewiß die geringe Eigenständigkeit des Gallo und das Fehlen von charakteristischen Isoglossenbündeln, die zur dialektologischen Eingrenzung eines Gallo-Sprachraums führen könnten. Es pflegt daher in dialektologischen Studien unter dem Oberbegriff dialectes de l'Ouest zu verschwinden. Das Gallo wird im Nordosten durch das bas-normand, im Osten durch das mayennais und das angevin und im Südosten schließlich durch das poitevin begrenzt (vgl. Abbildung 2).

Allgemein gilt, daß keines der lautlichen Merkmale des Gallo zur eindeutigen Abgrenzung zu den Nachbardialekten geeignet ist, da die meisten Merkmale selbst nur einen Teilbereich des Gallo umfassen, andererseits aber auch mehr oder weniger weit in die Nachbardialekte hinüberreichen:
 

Da eine rein dialektologische Abgrenzung somit kaum möglich ist, wird der Begriff Gallo üblicherweise nicht über dialektale Merkmale, sondern pragmatisch über seine geographische Ausdehnung definiert. Gallo nennt man somit diejenigen autochthonen Oïl-Dialekte, die auf dem Gebiet der historischen Bretagne gesprochen werden. Wenn die sprachliche Eigentümlichkeit des Gallo also nicht einmal ausreicht, ihm innerhalb der Oïl-Dialekte einen mehr oder weniger klar abgegrenzten Platz zuzuweisen, so erübrigt sich jeder Versuch, ihm gegenüber dem Standardfranzösischen den Status einer Abstandsprache zuweisen zu wollen: Wer immer eine neue romanische Sprache Gallo" etablieren möchte, kann für sie sinnvollerweise nur den Status einer Ausbausprache reklamieren.

Lautstand des Gallo

Dennoch gibt es einige charakteristische Merkmale des Dialekts, die hier überblicksweise kurz erwähnt werden sollen.(3) Wie bei allen Oïl-Dialekten sind auch im Gallo viele der Differenzen zum Standardfranzösischen Archaismen, die sich in ländlichen Regionen länger halten konnten als in den großen urbanen Zentren. Zu diesen archaischen Elementen des Gallo gehören u.a. die weitgehende Bewahrung des h-aspiré in Wörtern wie haie (Hecke) oder houx (Stechpalme), der Erhalt vieler Nasalkonsonanten nach nasaliertem Vokal wie in comme [kõm] oder bonhommme [bõnõm], die fehlende Monophthongisierung in aout (frz. autre), byaou (frz. beau) oder wézyàou (frz. oiseau), [...]

Auffällig wegen seiner Allgegenwärtigkeit ist der schwah-ähnliche zentrale Vokal unter dem Ton, der oft das Resultat eines in offener Silbe ist, so z.B. in den Infinitiven der 1. Konjugation wie acheter [a't], charger [r'] und faucher [faw'], oder in den Reflexen von pratu > [pr], claritate > [kJr't], adsatis > [a's] etc. Dieses Vokalphonem trägt im Gallo eine hohe funktionale Last, wie man an charakteristischen Oppositionen wie filer, filé [fi'l] ~ filez, filée [fi'le] sehen kann. Obgleich dieses Schwah unter dem Ton als vielleicht typischstes Merkmal des Gallo angesehen wird, ist es einerseits nicht im gesamten Sprachgebiet verbreitet (so z.B. nicht in Côtes-du-Nord), bleibt andererseits aber nicht auf das Gallo beschränkt, sondern findet sich auch in weiten Teilen der restlichen West-Dialekte.

Im Konsonantismus fallen vor allem die Palatalisierungen auf; so erscheint anstelle von standardfranzösischem [k, g] im Gallo oft die neuen Affrikaten [t, d], so z.B. in qui [ti], quête [tet], oder coeur [t] bzw. guerre [de], gueux [dø] oder aigu [a'dy]. Diese Palatalisierungen setzen sich vom Gallo in einige bretonische Dialekte fort: In einer Zone zwischen Carhaix und Vannes erscheint N'eo ket (Er ist nicht") als [ne'tt], ur gêr (eine Stadt) als [ de:]. Da derartige Palatalisierungen für keltische Sprachen völlig untypisch sind (vgl. Ternes 1979, 217), besteht kein Zweifel daran, daß das Gallo und nicht das Bretonische am Anfang dieser Entwicklung gestanden haben muß. Erwähnenswert ist schließlich noch die Palatalisierung von /l/ nach Verschlußlaut, wie sie aus dem Italienischen wohlbekannt ist: fleur [fju], clair [kje] oder blesser [bj's].

Das Textbeispiel 1. im Anhang, in einer dem Standardfranzösischen nahen Dialektgraphie, mag einen ersten Eindruck vom Gallo vermitteln. Man beachte im Übrigen, daß die französischen Übersetzungen von Gallo-Texten stets nicht nur die genuinen Dialektelemente übersetzen, sondern zudem das Register von mündlich" nach schriftlich" verschieben. Viele der Merkmale, die offenbar im Bewußtsein der Gallo-Schreiber ihre Sprache charakterisieren, sind in Wahrheit orale Reduktionsphänomene, die ganz generell in allen gesprochenen Varietäten des Französischen erscheinen, so z.B. Elisionen wie qu' (als elidiertes que vor Konsonant), grand', êt', d'dans, y'aveut (statt il y avait) etc.

Sprecherzahlen

Von zentraler Bedeutung bei der Bewertung von Sprach-Emanzipationsbewegungen ist stets auch die Frage, wer die betreffende Varietät eigentlich verwendet, wieviele Sprecher sie insgesamt verwenden und in welchen Domänen sie als etabliert gelten kann. Umso wichtiger wird diese Frage in einem Fall wie dem vorliegenden, wo die fragliche Varietät nur sehr gering von der konkurrierenden Staatssprache differenziert ist. Wie auch sonst überall in Frankreich, gibt es natürlich keine verläßlichen Zahlen darüber, wieviele der etwa 2 Mio. Einwohner der Haute-Bretagne Gallo-Sprecher sind. Doch lassen sich die überall im einschlägigen Schrifttum auftauchenden Äußerungen von Linguisten, aber auch von Gallo-Aktivisten, nur so interpretieren, daß das Gallo nirgends mehr als lebendiges Verständigungsmedium verwendet wird. So sucht beispielsweise Deguillaume (der auf denselben Seiten den Sprachenstatus für das Gallo einklagt) die Sprecher vor allem unter den anciens, dont le nombre va diminuant, qui l'ont pratiqué et le connaissent mais ne l'utilisent guère utilisant aujourd'hui le français"; außerdem höre man den Dialekt zuweilen noch zu ganz besonderen Gelegenheiten wie Volksfesten, Familienfeiern oder folkloristischen Darbietungen, wenn traditionelle Erzähler Geschichten aus der guten alten Zeit" zum Besten geben. Die letzte und sicher auch größte Sprechergruppe, die er erwähnt, weilt indes schon nicht mehr unter den Lebenden nämlich: nos ancêtres dans cette région de Haute-Bretagne [...]" (vgl. Deguillaume 1993, 1).

Thomas Buckley gelang es 1987 mit großer Anstrengung, einige Gallos zu finden, die bereit waren, den Dialekt in seinem Beisein zu sprechen. Allerdings bedurfte es auch hier einigen Aufwands, um die Zungen der betreffenden Senioren zu lösen:

Auch Henriette Walter bestätigt, man könne bei den Alten noch zahllose lexikalische Formen sammeln; wirkliche spontane Äußerungen oder echte Gespräche seien dagegen kaum noch zu finden. Ihre Beschreibung der letzten verbleibenden Domänen ähnelt sehr den Äußerungen Deguillaumes: Bemerkenswert ist dabei die Formulierung il existe effectivement [...] des gallésants actifs": Wenn die simple Affirmation der Existenz von Gallo-Sprechern nicht gänzlich absurd sein soll, so muß wohl berechtigter Zweifel daran bestehen. Alle Zeugnisse vermitteln übereinstimmend den Eindruck, daß das Gallo heute weitestgehend ausgestorben sein dürfte. Selbst seine vehementesten Vertreter benutzen es übrigens in ihren Publikationen überhaupt nicht oder nur in einem Umfang, den man als symbolisch bezeichnen muß.

Das Gallo ist demnach eine dialektal gering differenzierte Varietät des Französischen, die zudem heute als gesprochene Sprache praktisch nicht mehr verwendet wird. Die Gallo-Bewegung muß angesichts dieses Befunds nicht so sehr als sprachliche Emanzipationsbewegung sondern vielmehr als eine Wiederbelebungsbewegung angesehen werden, ähnlich derjenigen, beispielsweise, die im britischen Cornwall für eine Wiederbelebung des Kornischen eintritt. Neben der Frage nach der sprachlichen Differenziertheit und der gesellschaftlichen Situation gibt es allerdings noch einen weiteren Faktor, aus dem sich gegebenfalls Argumente für bzw. gegen den Sprachencharakter des Gallo ableiten ließen, nämlich der historische Aspekt.

Schrifttradition

Wie bereits erwähnt, herscht in der Romanistik Einmütigkeit darüber, daß es einen alt- oder mittelfranzösischen Schreibdialekt der Bretagne nie gegeben hat. Umso befremdlicher muß es wirken, daß die Gallo-Aktivisten sich immer wieder auf eine Schreibtradition berufen. So nennen beispielsweise Bauge / Deffain in ihrem Cours de Gallo das Livre des Manières, den Roman d'Aiquin und die Akten des Grafen Jean IV als Belege für mittelalterliches Gallo.(4) Der dadurch entstehende Eindruck, es habe tatsächlich irgendwann einmal einen spezifisch bretonischen Oïl-Schreibdialekt gegeben, ist ebenso irrig wie von den Gallo-Verfechtern beabsichtigt, denn die von ihnen angeführten Texte stellen keinesfalls einen mittelalterlichen Versuch dar, den eigenen Dialekt zu verschriftlichen; bestenfalls lassen sie, wenn die Schreiber zuweilen unachtsam sind, dialektale Formen durchschimmern: Von einem schriftlich überlieferten 'Alt-Gallo' kann daher keine Rede sein. Stellvertretend für die anderen beiden Texte sei hier nur auf die Chanson d'Aiquin eingegangen. Die Herausgeber einer neufranzösischen Übersetzung (Lozac'hmeur 1985) glauben zwar, daß der Autor aus der Region um Saint-Malo stammte, doch zeige seine Sprache vor allem normannische Züge. Das einzige überlieferte Manuskript sei eine insgesamt verderbte und unvollständige Kopie von der Hand eines mediokren Kopisten des 15. Jahrhunderts, der den alten Text anarchisch mit zeitgenössischen und dialektalen Formen durchmischt habe.(5) Entgegen dem Eindruck, den die Gallo-Aktivisten zu erzeugen suchen, sind die mittelalterlichen Gallo-Dokumente also keinesfalls Zeugnisse des Versuchs, einen von den restlichen Prestige-Scripta abweichenden eigenen Schreibdialekt zu etablieren; sie sind vielmehr mißglückte Versuche von Dialektsprechern, eben diese Prestigeformen zu kopieren.

Das Gallo ist demnach nicht nur eine vom Französischen schwach differenzierte Oïl-Varietät, die heute praktisch nicht mehr gesprochen wird ­ es verfügt zudem über keinerlei Schreibtradition. Wer aber sind, angesichts dieser Sachlage, diejenigen, die für diesen Dialekt den Status einer Sprache einfordern und welche Argumente führen sie dafür an?

Gallo-Bewegung (6)

Die Anfänge der Gallo-Bewegung gehen auf das Jahr 1939 zurück, in dem ein Verein mit dem romantischen Namen Compagnons de Merlin gegründet wurde, ein Kulturverein zur Förderung der einheimischen Kultur der Haute-Bretagne, in dem nur geborene Bretonen der Haute-Bretagne Vollmitglied werden konnten. Die eigentliche Hinwendung zum Gallo als zentralem identitätsstiftenden Element beginnt allerdings erst in den 70er Jahren. Einer der einflußreichsten Verbände waren und sind die im Jahre 1976 gegründeten Amis du Parler Gallo. Zu Beginn handelte es sich um eine eher unpolitische Vereinigung, die ihre Aufgabe vornehmlich darin sah, das Gallo, die Sprache der Vorfahren, noch möglichst umfassend zu dokumentieren, bevor sie endgültig verschwindet. Von Seiten der bretonischen Nationalisten wurden sie eher mißtrauisch betrachtet und man machte ihnen den Vorwurf des passéisme" (Le peuple breton n191, 3.11.1979). Die politischen Forderungen des Vereins waren zu dieser Zeit in der Tat noch höchst bescheiden: So äußerte der Präsident der Amis du Parler Gallo, Louis Petiot, in der Zeitschrift Armor Magazine vom November 1977,

Doch als sich der Verein im Jahre 1979 Gilles Morin zum neuen Präsidenten wählt, einen Mann, der zur Schlüsselfigur der Gallo-Bewegung werden sollte, nehmen die Forderungen schnell einen ganz neuen Ton an. Die Bewegung versucht seitdem das Gallo als eine der langues de la France zu etablieren, es mit einer normativen Orthographie zu versehen und seinen Gebrauch zu normalisieren (vgl. Walter 1989, Aubrée 1991 sowie die Zeitschrift Le Lian). Die Erfolge dieser Bemühungen waren und sind beachtlich. So können Lehrer heute beispielsweise ein staatliches Certificat d'Aptitude à l'Enseignement du Gallo erwerben und an den Gymnasien wird Gallo als Wahlfach angeboten. Öffentliche Institutionen in der Bretagne wie beispielsweise das bretonische Kulturinstitut Skol Uhel ar Vro tendieren zunehmend dazu, das Gallo und das Bretonische als gleichberechtigt zu behandeln und die zur Verfügung stehenden, knappen Mittel auf beide Sprachen zu verteilen. 1984 spaltete sich der Verein Les Amis du Parler Gallo auf in Bretaenhe Galaese (bzw. Bretagne Gallèse) und einen neuen Verband namens A.N.E.I.T., die verschiedene Verschriftlichungssysteme vertreten. Die Entwicklung der Debatte läßt sich am besten an der Orthographiediskussion veranschaulichen.

Es gibt mindestens vier ausgearbeitete Vorschläge zur Etablierung einer normativen Orthographie des Gallo, von denen die ersten beiden lediglich Richtlinien für eine flexible Dialektverschriftlichung sind. Les Amis du Parler Gallo (bzw. später Bretagne Gallèse) entwickelten ein Transkriptionssystem auf der Basis des standardfranzösischen Graphembestands nach dem Prinzip: 'Nur was anders klingt, wird auch anders geschrieben'; der Verein Vantyé vertritt dagegen eine phonologische Verschriftlichung ohne weitergehende Normierung, allerdings in scharfer Abgrenzung gegen das Standardfranzösische und nach dem Prinzip: 'Nur was ausgesprochen wird, wird auch geschrieben'. Nicht nur durch die Sprachbezeichnung gallo-breton versucht Vantyé den autochthonen Oïl-Dialekt in die Nähe des Bretonischen zu rücken, auch im Graphembestand wird durch Verwendung der Buchstaben w für den Laut [w] und k für den Laut [k] Bretonität dokumentiert, so z.B. in den Graphien ékrir oder wézyaw (= oiseau). Neben diesen beiden mehr oder weniger phonemischen Graphien existieren zwei weitere etymologisierende Orthographievorschläge, die explizit als Versuch eines Sprachausbaus auftreten. Die Graphie Aneit, auch graphie unifiée genannt, wurde 1980 von der commission linguistique von Bretagne Gallèse auf der Basis schriftlich durchgeführter Dialekterhebungen geschaffen. Doch beschloß dieselbe Kommission schließlich 1984, die Graphie Écrire le gallo (kurz E.L.G.) von Alan J. Raude zu übernehmen (publiziert in Raude 1979). Das folgende Beispiel illustriert diese letztgenannte Graphie (vgl. auch Textbeispiel 2. im Anhang):

Die E.L.G.-Graphie ist charakterisiert durch einen großen Anteil stummer Grapheme, deren Hauptfunktion offensichtlich darin besteht, ein stark vom Französischen abweichendes Schriftbild zu ergeben. So werden finale Konsonanten z.B. nur dann ausgesprochen, wenn sie gedoppelt sind. Die allgemeine Tendenz in der Abfolge der Graphien ist offensichtlich eine fortschreitende Entfernung von der französischen Orthographie.

Gallo ­ eine keltisch-romanische Mischsprache?

Allen Gallo-Vereinigungen ist gemeinsam, daß sie die (nicht zuletzt auch sprachliche) Bretonität des Gallo unterstreichen. In der Tat könnte man durchaus vermuten, daß das jahrhundertelange Zusammenleben von Kelten und Romanen auch im autochthonen romanischen Dialekt deutliche Spuren hinterlassen hätte; das Gallo würde dann besonders durch sein inselkeltisches Superstrat aus dem Kontinuum der parlers d'oïl herausfallen. Daß dies der Fall ist, wird von Gallo-Aktivisten immer wieder behauptet:

Als Indiz, wenn nicht gar Beweis der Keltizität werden meistens einzelne Wörter angeführt, die das Gallo aus dem Bretonischen entlehnt haben soll: Angesichts der geringen Abgrenzung des Gallo zu den Nachbardialekten werden die bretonischen Einflüsse zu dem Charakteristikum überhaupt:

Un peu celtique. ­Le gallo est-il vraiment distinct des autres parlers de langue d'oïl qui l'entourent (normand, poitevin)? Oui, répondent ceux qui l'étudient: il a reçu une impregnation celtique due peut-être au gaulois, mais sûrement en tout cas au contact avec le breton. (Vivre au Pays 877, April 1979, zitiert nach: Les Amis du Parler Gallo s.a.)

Gilles Morin stellt diese Keltizitätshypothese in einem Artikel von 1984 als das große Forschungsprojekt der Gallo-Philologie dar:

Die Keltizität des Gallo dürfte indes eher einem Wunschdenken der Vertreter einer langue britto-romane" entsprechen als den tatsächlichen Gegebenheiten. Bereits ein kurzer Blick auf das oben zitierte Gallo-Beispiel zeigt weder lexikalischen noch in irgendeinem anderen Bereich auch nur eine Abweichung vom Standardfranzösischen, die nicht auch innerhalb der allgemein galloromanischen Tendenzen (und ohne Annahme bretonischer Interferenzen) erklärbar wäre. Damit ist zwar ein mögliches inselkeltisches Element noch ausgeschlossen, doch wird deutlich, daß das Gallo keineswegs in dem Maße keltisch geprägt ist, wie die Sprachintegristen behaupten.

Ein früher Versuch, lexikalische Bretonismen in größerem Umfang in einem Gallo-Dialekt nachzuweisen ist Tymen 1948, ein Artikel, in dem der Autor eine Liste von 22 Gallo-Wörtern mit angeblichen bretonischen Etymologien präsentierte. Doch bereits Jahre später erschien ein Artikel von Arzel Even, in dem die überwiegende Mehrzahl dieser Etymologien überzeugend zurückgewiesen wurde. Regelmäßig handelt es sich nicht um Bretonismen im Gallo, vielmehr entpuppen sich die angeblichen bretonischen Etyma ihrerseits als galloromanische Lehnwörter (Even 1951). Even weist alle Spekulationen um eine lexikalische Bretonität des Gallo rotund zurück:

Auch Chauveau 1985 untersucht mögliche Bretonismen im Gallo. Die Marginalität, geringe Zahl und etymologische Unklarheit der Beispiele die er beibringt, spricht für sich. Wo Bretonisch und Gallo tatsächlich einmal übereinstimmen, handelt es sich beinahe regelmäßig um romanische Interferenzen im Bretonischen. Chauveau 1991 zitiert zahlreiche Beispiele für unseriöse Etymologien, in denen in absurder Weise die Entlehnung als Etymon präsentiert wird: Insgesamt charakterisiert Chauveau derartige Etymologieversuche als eine étymologie narcissique qui fait de l'autre un mirroir où l'on se contemple" (Chauveau 1991, 54). Aus dem Bedürfnis heraus, im Gallo keltische Elemente finden zu wollen, wird überall dort, wo es Ähnlichkeiten zwischen den beiden Sprachen gibt a priori davon ausgegangen, daß die keltische Sprache (als die angeblich archaischere) der gebende, die romanische dagegen der nehmende Teil ist: Selbst Henriette Walter scheint übrigens die Keltizität für das herausragende Charakteristikum des Gallo zu halten, wenn sie schreibt: Allerdings ist sie vorsichtiger: Die Argumentation ist recht unkonventionell: Bretonisch und Gallo zeigen umfangreiche lexikalische Übereinstimmungen, die dadurch zustande kommen, daß das Bretonische viel aus dem Gallo entlehnt hat. Ohne Zweifel sind diese Entlehnungen ein Charakteristikum des Bretonischen, doch Henriette Walter macht daraus ein un trait caractéristique du gallo". Selbst Walter scheint also letztlich von dem Wunsch beseelt zu sein, im Gallo Bretonisches zu finden.

Wenn aber das keltische Element im Gallo nicht nennenswert stärker ist, als in den anderen Oïl-Varietäten, wie erklärt es sich, daß der Sprachkontakt im Gallo keine nennenswerten Spuren hinterlassen hat? Ein Blick auf andere zweisprachige Gemeinschaften wie zum Beispiel Belgien kann dies plausibel machen. Wie in Belgien dürfte nämlich die Zweisprachigkeit der Haute-Bretagne nicht darin bestanden haben, daß alle Bewohner beide Sprachen beherrschten, oder darin daß ein Teil der Sprecher der Sprache A auch Sprache B und Sprecher der Sprache B auch A beherrscht hätten. Ebenso wie die Flamen generell auch das Französische beherrschen, die wenigsten Wallonen dagegen Flämisch verstehen, dürfte die Sprachensituation in der Haute-Bretagne so ausgesehen haben, daß die Keltischsprecher zunehmend auch Romanisch sprachen, während keltische Sprachkenntnisse bei Romanen wohl eine große Ausnahme gewesen sein müssen. Den niedrigen sozialen Status des Bretonischen vorausgesetzt, dürften die keltischen Interferenzen der zweisprachigen Individuen von den einsprachigen Romanen negativ bewertet worden sein und konnten sich so im Sprachsystem nicht etablieren. Eine Betrachtung der romanischen Einflüsse im Bretonischen bestätigt diesen Eindruck, daß der Sprachkontakt für die Keltischsprecher tatsächlich einschneidende und systemverändernde Auswirkungen hatte, während sie für die Romanen, die ja die dialektale Varietät einer überdachte" Prestigesprache sprachen, kaum einen Effekt gezeigt hat.

Die romanischen Einflüsse im Bretonischen erreichen einen solchen Umfang, daß Ternes 1979 ihm innerhalb der keltischen Sprachen eine Sonderstellung zuweist.(7) Die romanischen Einflüsse betreffen alle Bereiche der Sprache, von der Phonetik über die Morphologie, Lexik bis hin zur Syntax. Unter den 23 konsonantischen Phonemen des modernen Bretonischen (Ternes 1978, 182) finden sich nur noch drei, die das Standardfranzösische nicht kennt. Es gibt im Phoninventar des Bretonischen dagegen eine ganze Reihe von Lauten, die in keiner anderen keltischen Sprache auftauchen, nämlich eine voll ausgebildete Klasse von vorderen gerundeten Vokalen, also Phoneme vom Typ /y, ø/" (Ternes 1979, 215) und eine voll ausgebildete Klasse von stimmhaften Zischlauten, d.h. die Phoneme /, /" (Ternes 1979, 217). Besonders eindrucksvoll läßt sich die Anpassung an das französische Lautinventar an der Behandlung der alten interdentalen Reibelaute /, / verfolgen, die im Bretonischen in dem Phonem /z/ zusammengefallen sind (bezeichnenderweise also zu dem Laut geworden sind, den auch Französischsprecher verwenden, um das ihnen ungewohnte englische th wiederzugeben):
 

Auch das Lexikon des Bretonischen enthält ein äußerst starkes französisches bzw. Gallo"-Element. Piette spricht in seiner einschlägigen Studie von einer abundance of French words in Middle Breton literary texts" (Piette 1973, ix; S. 67-191 in Piette 1973 sind ausschließlich Auflistungen französischer Lehnwörter!), die im modernen Bretonischen eher noch größer geworden ist. Elmar Ternes zufolge wird geschätzt, daß etwa zwei Fünftel des alltäglichen bretonischen Wortschatzes aus dem Französischen stammen." (Ternes 1979, 225). Viele dieser Lehnwörter beweisen durch ihren archaischen Lautstand ihre frühe Entlehnung: foll (frz. fou < follis), me a fell din ich muß" = frz. il me faut, im Bretonischen noch ohne Vokalisierung des [l]), kas schicken" vgl. frz. chasser, im Bretonischen noch ohne Palatalisierung, wie in der Normandie). Weitere Wörter: kaoseal (= causer), komprenañ, permetañ etc. Ähnliches gilt z.B. auch für die Präposition und Konjunktion abalamour (wegen, aufgrund von").

Während lexikalische Enlehnungen bei benachbarten Sprachen noch relativ häufig vorkommen, zeugen morphologische und morphosyntaktische Entlehnungen bereits von einem besonders engen Durchdringung zweier Sprachen bei weitgehendem Bilinguismus. Das Bretonische zeigt einen spektakulären Fall der Übernahme eines gesamten Verbparadigmas aus einer fremden Sprache, nämlich die Bildung periphrastischer Vergangenheitstempora mit dem neu gebildeteten Auxiliar am eus, az peus, en deus usw. Die Bildung einer solchen Periphrase mit 'haben' ist für eine keltische Sprache umso erstaunlicher, als gerade das Fehlen eines synthetischen Verbs für 'haben, besitzen' als eines der charakteristischen Merkmale der keltischen Sprachen gilt.(8) Das entsprechende Konzept wird normalerweise durch die Kopula und eine (flektierte) Präposition ausgedrückt, so z.B. im Kymrischen: Oes llwy gennych?, wörtl.: Ist [ein] Löffel mit-[Flexion 2. Plur.]?, d.h.: Haben Sie einen Löffel?

Die bretonische Konstruktion me am eus ul loa ist eine Paraphrase vom Typus mir ist ein Löffel". Anders als in den restlichen keltischen Sprachen finden sich im Bretonischen aber neben der Vollverbbedeutung auch Konstruktionen vom Typus Me am eus komprenet ('Ich habe verstanden'), in der die 'mir ist'-Periphrase wie ein Hilfsverb 'haben' zur Bildung des Präteritums verwendet wird. Dieses in allen anderen keltischen Sprachen gänzlich unbekannte Tempus entspricht in jeder Hinsicht dem französischen passé composé:

Das nach romanischem Vorbild entstandene periphrastische Perfekt hat zudem zur Bildung einer weiteren, in keltischen Sprachen ebenfalls unbekannten Verbform geführt: dem Partizip. Der Sprachkontakt mit dem Französischen hat das gesamte Tempussystem des Bretonischen tief geprägt und von dem der anderen keltischen Sprachen entfernt (vgl. Ternes 1979, 220). Tatsächlich wird das so entstandene Hilfsverb nicht nur zur Bildung eines Tempus verwendet, das unserem Perfekt entspricht, sondern ebenso zur Bildung eines Plusquamperfekts (Me am boa komprenet = 'Ich hatte verstanden'), eines Futur II (Me am bo komprenet = 'Ich werde verstanden haben') etc. (vgl. Desbordes 1983, 63-64).

Ein weiteres Beispiel für die Übernahme einer ganzen grammatischen Kategorie ist die Existenz eines unbestimmten Artikels im Bretonischen, der in keiner anderen keltischen Sprache existiert (z.B. Kymr.: llwy = Löffel, ein Löffel; y llwy = der Löffel, vgl. Jones 1976, 18.20). Schon die äußere Form des bretonischen unbestimmten Artikels verrät seine Herkunft aus dem Französischen (bzw. Gallo); andererseits zeigt die parallel zum bestimmten Artikel funktionierende regressive Assimilation des Schlußkonsonanten an den Anfangslaut des folgenden Wortes den hohen Grad der Integration des unbestimmten Artikels in das Gesamtsystem und deutet damit auf eine bereits lange zurückliegende Entlehnung:

Diese Beispiele, die sich nahezu beliebig vermehren ließen, mögen zur Illustration des immensen französischen Einflusses auf alle Bereiche des bretonischen Sprachsystems genügen. Es bleibt also zu konstatieren, daß der Sprachkontakt im Bretonischen tiefgreifende Spuren hinterlassen hat, während der Einfluß des Bretonischen auf das Gallo nur sehr oberflächlich, wenn nicht gar anekdotisch geblieben ist.

Gallo ist keine Sprache

Insgesamt kann die Bewegung, die die Anerkennung des aussterbenden bzw. ausgestorbenen französischen Regionaldialekts der Haute-Bretagne als eigenständige Schriftsprache fordert, nur kritisch betrachtet werden, da sie ähnliche ­ aber durchaus berechtigtere ­ Forderungen für weniger dubiose Regionalsprachen wie Baskisch, Okzitanisch, Bretonisch, Katalanisch oder Korsisch diskreditiert. Das Gallo erfüllt keines der gängigen Kriterien, die üblicherweise zur sprachlichen Individuation angelegt werden: Die objektive Distanz zur dominanten Sprache, hier zum Französischen, ist äußerst gering; eine Schreibtradition fehlt; die betreffende Varietät ist als Kommunikationsmittel des Alltags ausgestorben; welche gesellschaftlichen Schichten den eingeklagten Sprachausbau tragen sollten, ist nicht ersichtlich; es gibt keine normative Grammatik, kein Normvokabular; lediglich zahlreiche konkurrierende Transkriptionssysteme und Rudimente einer morphologischen Vereinheitlichung.(9) Es ist in sofern kaum verwunderlich, daß selbst radikale Sprachkämpfer das wirklich Wichtige auf Französisch schreiben. Wie aber hat es angesichts dieser Tatsachen überhaupt zu einer Gallo-Bewegung kommen können? Um diese Frage angemessen beantworten zu können, empfiehlt sich ein kurzer Überblick über die Beweggründe die Gallo-Aktivisten zu ihren Forderungen anführen.

Argumente und Beweggründe der Gallo-Sprachkämpfer

Besonders wichtig erscheint den Gallo-Kämpfern offenbar stets der Hinweis, daß ihre Sprache authentisches bretonisches Kulturgut ist, ebenso wie die bretonische Sprache. Gallos seien Bretonen aus gleichem Recht wie die Bretonischsprecher der Niederbretagne und nicht Bretonen zweiter Klasse, ja mehr noch, sie seien ebenso Kelten wie diese, nur eben Sprecher einer romanischen keltischen Sprache (zur Untermauerung eben dieses Anspruchs wird das keltische Element des Gallo grotesk übertrieben). Das folgende Zitat von Gilles Morin ist eine typische Formulierung:

Wie in allen regionalen Sprachbewegungen Frankreichs ist auch im Gallo-Diskurs das Wort honte ein Schlüsselbegriff: Seit Urzeiten hat man sich dafür geschämt, einen "minderwertigen Bauerdialekt" zu sprechen. Nun aber, da man erkannt hat, daß das Gallo kein patois sondern eine eigenständige Entwicklung aus dem Vulgärlateinischen ist, kann man sich endlich mit Stolz zur eigenen Sprache bekennen und die honte überwinden. In ganz Frankreich hat offenbar ein völlig überzogenes Normbewußtsein, das einzelne Aspekte der französischen Sprache (wie z.B. die Partizipkonkordanz) zum Gegenstand parlamentarischer Intervention werden läßt, ein ebenso überzogenes Schuldgefühl bei all denen entstehen lassen, deren Alltagssprache in irgendeiner Form von der Standardnorm abweicht. Das Vokabular von Schuld und Sühne" das bei Sprechern französischer Dialekte und Regionalsprachen unweigerlich auftaucht, wenn von ihrer sprachlichen Eigenart die Rede ist, vermittelt zuweilen den Eindruck einer kollektiven Neurose; Dialektsprecher, die ihren tiefen Schuldkomplex überwinden und sich öffentlich zu ihrem Dialekt bekennen, scheinen oft regelrechte coming out-Erlebnisse zu haben. Konsequenterweise ist die Sprachenfrage auch bereits unter psychoanalytischem Gesichtspunkt untersucht worden, so z.B. in der Aufsatzsammlung Permanence de la langue bretonne: de la linguistique à la psychanalyse aus dem Jahre 1986 (= Carrer et al. 1986).

Wenn aber der Minderwertigkeitskomplex gegenüber der Staatssprache unter den französischen Sprachminoritäten weit verbreitet ist, so kommt in der Haute-Bretagne noch ein weiterer Minderwertigkeitskomplex hinzu, nämlich derjenige gegenüber der exotischeren und allgemein als interessanter und bretonischer" empfundenen autochthonen Sprache der Basse-Bretagne:

Die traditionell romanischsprachigen Bretonen der Haute-Bretagne sind durch die Emanzipationsbewegung der bretonischsprachigen Bretagne in eine doppelte Identitätsfalle geraten und leiden damit auch unter einer doppelten honte: Nicht nur, daß die feine französischsprachige Gesellschaft sie nur mitleidig als culs terreux belächelt ­ ihre eigenen bretonischsprachigen Landsleute beäugen sie mißtrauisch als potentielle fünfte Kolonne der verhaßten Staatssprache. Das Identitätsproblem nimmt damit die Form an: 'Wie kann man Bretone sein, wenn man kein Bretonisch spricht?' Die Gallo-Bewegung liefert darauf die rettende Antwort, indem sie eine weitere autochthonen Sprache der Bretagne postuliert. Die zentrale Funktion einer Sprache Gallo" ist die Schaffung einer romanischsprachigen bretonischen Identität. Das folgende Zitat aus dem Lesetext der ersten Lektion des Cours de Gallo, den das Ministère de l'éducation nationale herausgibt, verdeutlicht dies Bedürfnis anschaulich: Nun wäre es allerdings theoretisch auch über einen Dialekt möglich, regionale Identität zu schaffen (man denke beispielsweise ans Schwäbische, Bayrische oder Schwyzerdütsch im deutschen Sprachraum). Hier ergibt sich nun ein spezifisch französisches Problem: In Frankreich hat die jakobinische Verfolgung aller Regionalsprachen sowie der Kult um die normative Staatssprache nach Maßgabe des bon usage alle davon abweichenden Varietäten so sehr stigmatisiert, daß ein wertneutrales Dialektkonzept wie z.B. in Deutschland oder Italien dort undenkbar ist. Damit fehlt es in Frankreich auch an einer nicht-pejorativen Bezeichnung für Varietäten unterhalb des Sprachlevels; alle verfügbaren Ausdrücke beinhalten ein so starkes wertendes Element, daß jeder, der für den Fortbestand und die Pflege irgendeiner solchen Varietät eintritt, für diese den Sprachenstatus quasi einklagen muß. Den Fortbestand eines Dialektes zu fordern, würde innerhalb der französischen Sprachideologie in etwa so klingen, als verteidigte man das Nägelkauen, das Schmatzen beim Essen oder sonstige schlechte Manieren. Natürlich besteht die Möglichkeit, wie z.B. im Falle des Pikardischen, ein patois als regionales Kulturgut zu verteidigen, solange die Superiorität des Französischen dabei nicht in Frage gestellt wird ("le picard, le patois de nos aieux"). Für das Identitätsbedürfnis der Gallos kann dieser Status allerdings nicht genügen, da es sich eben nicht nur gegenüber dem Französischen, sondern zugleich auch noch gegenüber einer faszinierenden und stark symbolischen anderen Regionalsprache durchsetzen muß, nämlich dem Bretonischen. Und da an dessen Sprachencharakter kein Zweifel besteht, können die Gallos in ihren Forderungen diesen Status schwerlich unterschreiten, sofern sie das Gefühl ewiger Zweitrangigkeit nicht perpetuieren wollen. Das folgende Zitat charakterisiert die Probleme mit dem Begriff Dialekt": Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, erscheinen die an sich kuriosen Auswüchse der Gallo-Sprachbewegung als durchaus rational und nachvollziehbar innerhalb der Sprach- und Regionalkultur, in der sie entstanden ist: Nicht der Gallo ist "pervers", sondern die Sprachkultur, in der er lebt. Solange es im französischen Sprachendiskurs kein wertneutrales Dialektkonzept gibt, werden alle sprachlich differenzierten Minoritäten sich entweder völlig an die Standardsprache assimilieren, oder aber den Sprachenstatus für ihre Varietät einfordern müssen. Der Zentralregierung indes bereitet es keinerlei Schwierigkeiten, auch die dubiosesten langues de la France als solche anzuerkennen, da die praktischen Auswirkungen ohnehin anekdotisch bleiben (Zulassung als optatives Schulfach u.ä.). Letztlich illustriert die buntscheckige Vielfalt dieser Sprachen ­ vom Gallo über das Auvergnatische, Bearnesische, Provenzalische, Pikardische, Baskische, Bretonische, Elsässische, Roussillonesische ­ in einer Weise, die keiner weiteren Kommentierung bedarf - die "Absurdität", in Frankreich irgendeiner anderen als der Staatssprache irgendeinen realen rechtlichen Status zukommen lassen zu wollen. Bewegungen wie diejenige der Gallo-Aktivisten haben also nicht zuletzt auch darum einen solchen Erfolg, weil sie den herrschenden politischen Kreisen hervorragend in ihr (monolinguales) Konzept passen.

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  • Williams, Stephen J. (1980): A Welsh Grammar, Cardiff: University of Wales Press.



  • Anhang:

    Sprachprobe 1: Patois-Graphie

    J'vas vous raconteu comment qu'se passeut les veuillées aoutfé

    Comm' la s'pâsseut les sèrs d'hiveur, la meure demandit: «Tchis qui va venir o mé à la veuillée à la 'Lande aux laeues'?» J'e dit à Génie qu'j'irins ventieï écé... Mé, qu'répondit la grand' des fies. Apreï avère cleuveu lou porte, mis lou cleu dans lou pochette, lou mouchoueu par-dessus, o partinrent. Fâlleut pâs cor êt' paeurousses car, y'aveut d'grands chênes o des chouans d'dans qu'étint tout effaroucheu e tchi s'envolint quand i oueïllint du brut. Meï rien n'les arrêteut d'trotteu la neut les daeux-là. [...]

    La grosse horloge continueut son tic-tac e sonneut les douze coups d'meïneut. «Mon Diu!» diseut la meure, «déjà!» Oll' allumint lou lanterne, peurnint lou perlin' e s'en r'tournint moins fieur' qu'à l'alleu.

    Tout d'un coup, au moment où o d'scendint du fosseu, v'là la feurzé tchi s'ébeuryit à lou feur' brocheu l'pé su la tête! La lanterne tchi cheuyit e tchi s'éteignit, l'capot d'la meure tchi restit prins dans les brouss', la Thalie tchi perdit son sabot dans l'bouillon, pâs l'temps d'djeteu dam'! eï tout' déchaouss' qu'o r'vint à l'hôteu suivie d'la meure qu'en m'neut pâs larche.

    Au bout d'tcheuqu' jous, étonneu de n'pus les verre courre le sèr, le peur' demandit: «Vouée pâs aeu d'brut o Genie?» «Dam' nouna meï à c't'houre les jous vont allongeu, la s'ra meeïseu pour l'hiveur peurchain.

    Eï d'même que s'passint les sèrs d'hiveur.

    Sprachprobe 2: Graphie Écrire-le-Gallo (E.L.G.)

    Le gâs tchi s'të pëdru en forée de Broceliand

    Com j'vôs en causè l'aut feï du gâs tchi n'eurtrôvë point son ch'min e tchi avë ronfië au pië du Hêt de Ponthus. Cé ben vra c't afair la.

    I të parti le seï du deurnië d'avri 90 pör yeun pôrmenade en forée. Eunn fa su pias, i fi deu mêt e s'eurtôrni. «Peu ren!» I n'veyë peu par eiô tchi te v'neu. I a ch'minë diq au Hêt de Ponthus. E la, fiapi, i dormi. I n'avë ren pôr s'eurtchutë. E la nëtée të fréch. I di t'chun p'tit fan të v'neu y chatôllë l'z'ôraeill. Min au pic du jôr, on të au permië de mai. I print sé boés d'chimôr e sieudi l'ch'min tch'il ertôvë. Arrivë a la rôtt, i n'avë pas rôchë depé l'midi.

    [...] Il a peu m'caùsë d'la nëtée du deurnië d'avri au peurmië de mai: la «netée dé fées», qan dëbut le printemp Célt; e ceutt nëtée la lé fées son en ëmistchett e mëlay tott lé faeuill par lé sentt de la forée. Faudrë, pôr eurtrôvë son ch'min s'më du gro së deurieur sa. Min si vôs v'lé defië lé fées, pôrmené vôs dan la forée de Brocéliand la Netées dé fées du deurnië de d'avri au peurmië de mai. J'vôs di bonn chanss! [...]

    Ernestine Lorand



    Sprachprobe 2: ELG-Graphie

    Je vais vous raconter comment se passaient les veillées autrefois

    Comme c'était l'habitude les soirs d'hiver, la mère demanda: «Qui est-ce qui va venir avec moi à la 'Lande aux loups'?» J'ai dit à Eugénie que nous irions peut-être ce soir à la veillée... «Moi», répondit l'aînée des filles. Après avoir fermé leur porte à clef, mis leur clé dans leur poche, leur mouchoir par-dessus, elles partirent. Il ne fallait pas être peureuses, il y avait des grands chênes, avec des chats-huants tout effarouchés, et qui s'envolaient, lorsqu'ils entendaient du bruit. Mais rien ne les arrêtait de sortir la nuit, ces deux-là. [...]

    La grosse horloge continuait son tic-tac, et sonnait les douze coups de minuit. «Mon Dieu!» disait la mère, «déjà!» Elles allumaient leur lanterne, prenaient leur pèlerine et s'en retournaient moins fières qu'à l'aller.

    Soudain, au moment où elles descendaient du talus, voilà l'effraie qui crie dans la nuit, à leur faire dresser les cheveux sur la tête, la lanterne qui tomba et qui s'éteignit, la coiffe de la mère qui resta prise dans les branches, Nathalie qui perdit son sabot dans la boue, sans avoir le temps de chercher, c'est pieds nus qu'elle revint à la maison, suivie de la mère plus morte que vive.

    Au bout de quelques jours, étonné de ne plus les voir sortir le soir, le père demanda: «N'avez-vous pas eu quelques contrariétés avec Eugénie?» «Non, mais maintenant les jours vont allonger, ce sera désormais pour l'hiver prochain.»

    C'est ainsi que se passaient les soirées d'hiver.

    Aus: Kerboriou, G. A. (1992): Récits et vocabulaire du Pays Gallo, Dinard: Editions Danclau, S. 50-51.

    Le gars qui s'était perdu en forêt de Brocéliande

    Je vous en avais parlé l'autre fois... du gars qui ne retrouvait son chemin et qui avait dormi au pied du Hêtre de Ponthus. C'est bien vrai, cette histoire là.

    Il était parti le soir du dernier jour d'avril 1990 pour une ballade en forêt. Une fois sur place, il fit deux mètres et se retourna. Plus rien! Il ne voyait plus par où il était venu. Il marcha jusqu'au Hêtre de Ponthus et là, fatigué, il s'endormit. Il n'avait rien pour se couvrir et la nuit était fraîche. Il dit qu'un faon était venu lui lécher les oreilles. Mais au point du jour, on était le premier jour de mai. Il prit ses bâtons de pèlerin et, suivant le chemin qu'il avait retrouvé, arriva à la route. Il n'avait pas mangé depuis le midi. [...]

    Et là, après un bon repas, il put me dire et raconter la nuit du dernier jour d'avril au premier de mai. C'était la nuit des fées, le début du printemps celte. Cette nuit-là les fées s'affolent et brouillent les pistes de la forêt. Il faudrait, pour retrouver son chemin, semer du gros sel derrière soi. Mais si vous voulez défier les fées, promenez-vous dans la forêt de Brocéliande la «nuit des fées», du dernier jour d'avril au premier de mai. Je vous souhaite bonne chance [...]

    Aus: Le Lian, Revue d'Information de Bretagne gallèse, Limerot 54, novanb-delaèrr 1991, p. 2.
     
     


    Fußnoten:

    1. The vernacular dialects of Breton are spoken mainly by persons over the age of about forty. [...] I am referring here to speakers of Breton who acquired the language in childhood. Few parents who are themselves native bretonnants are continuing to teach Breton to their children, and, judging from the scarcity of native speakers under the age of 40, have been tending to do less and less since WW II" (Timm 1984, 121).

    2. 29 juillet 1371, Vannes: Jehan, duc de Bretaigne, comte de Montfort, a nos receveurs general et particuliers de nos fouages et francage de Bretaigne bretonnante, salut [...]"; 31 août 1371, Nantes: [...] nostre tresorier et receveur general et a ses lieuxtenants en Bretaigne Gallou [...]" (Jones 1980, 198-9).

    3. Die einzige Publikation, die neben dem Atlas Linguistique de Bretagne Romane, Anjou et Maine (ALBRAM) umfassende und verläßliche linguistische Information zum Gallo liefert, ist Chauveau 1984. Mit zahlreichen Karten illustriert, finden sich dort eine gelungene Charakterisierung der Phonetik, Morphologie und Syntax des Gallo. Alle anderen Publikationen sind entweder punktuelle Studien, reine Auflistungen dialektaler Ausdrücke und Wendungen oder halten wissenschaftlichen Ansprüchen nicht stand.

    4. Die Standardausgaben dieser Texte sind: Le Livre des Manières d'Etienne de Fougères, hrsg. von Anthony Lodge, Genève: Librairie Droz, 1979. Aiquin ou la Conquête de la Bretagne par le roi Charlemagne, hrsg. von Jacques Francis, Publications du C.U.E.R.M.A., Paris: Editions Champion, 1979. Recueil des Actes de Jean IV duc de Bretagne, hrsg. von Michael Jones, 2 Bde., Paris: Klincksieck, 1980.

    5. Gaston Paris [...] la qualifiait de 'détestable copie..., incomplète de la fin et mutilée du commencement, et où le sens, la grammaire et la mésure sont massacrés avec une barbarie et une inintelligence sans pareilles [...] Le copiste du XVe siècle s'est efforcé de ramener à la langue de son temps (fortement mélangée par lui de formes dialectales)... un texte qu'il ne comprenait lui-même que médiocrement... Dans un pareil état de choses, il est bien difficile de se faire une idée de la langue du poète primitif'" (Lozac'hmeur 1985, 11).

    6. Eine detaillierte Geschichte der Gallo-Bewegung (aus sympathisierender Sicht) liefert Morin 1987.

    7. Obwohl das Bretonische noch genügend Merkmale aufweist, um es eindeutig als keltische Sprache erkennen zu lassen, zeigt es andererseits eine Reihe von abweichenden Erscheinungen. [...] Sie entfernen das Bretonische von den übrigen keltischen Sprachen und bringen es gleichzeitig den benachbarten Sprachen des europäischen Festlandes näher. Darin deutet sich das Wirken eines in Ansätzen erkennbaren mitteleuropäischen Sprachbundes an." (Ternes 1979, 227).

    8. Im Rahmen der indogerm. Sprachen sind die k. S. sowohl surch archaische Züge als auch durch Übereinstimmung bes. mit westindogerm. Sprachen charakterisiert: 1) archaische Züge ([...] kein synthetisches Verb für 'haben' [...]" (Brockhaus Enzyklopädie, Bd. 11, Stichwort keltische Sprachen", Mannheim 1990).

    9. Klaus Bochmann äußert sich im gleichen Sinne: Eine unabdingbare Voraussetzung dafür, die sprachliche Individuation ernsthaft ins Kalkül zu ziehen, ist jedoch, daß sie von der Mehrheit der Sprecher getragen wird, wofür ein weit verbreitetes und tief verwurzeltes Wissen um die historische Eigenart eine sichere Grundlage ist. Versuche, voluntaristisch eine Sprache aus einem Dialekt zu kreieren, ohne daß dafür eine Massenbasis und historische Vorleistungen vorhanden sind, wie das zur Zeit hinsichtlich [...] des Gallo der Bretagne [...] geschieht, können linguistisch und sprachpolitisch nicht ernst genommen werden. Außerdem kann der Sprachstatus einem nicht durch das Minimum sprachlicher Differenz charakterisierten Idiom nicht zugesprochen werden, deren [sic!] Sprachträger nur ein diffuses, sprachpolitisch nicht operativ werdendes Bewußtsein von der Eigentümlichkeit ihrer Sprachform aufweisen." (Bochmann 1989, 26).