Dies ist die 4. Ausgabe von "CG-IMHO"
- "Christian Griesbecks - In My Humble Opinion", aktuelle Kritiken
und Kommentare zu allen Künsten,
Copyright 1997 bei Christian Griesbeck.
Auch veröffentlicht in der Newsgroup de.rec.kunst.theater
Das erste Stück "The Vile Parody of Address" das vor neun Jahren Premiere hatte ist das ruhigste Stück des Abends, es beginnt mit "Einlaß bei offenen Vorhang" Nicholas Chamion sitzt als Sprecher im schwarzen Bühnenhintergrund an einem Tisch und liest bereits aus Forsythes Texten, aus den Lautsprechern ertönt bereits das von Glenn Gould gespielte "Wohltemperiertes Klavier", auf der Bühne mitte halblinks steht ein Tänzer in Unterhose vor einem belaubtem Astbündel mit dem Rücken zum Zuschauer, in seiner Blickrichtung etwas weiter hinten ein weiterer Tänzer mit einem Zylinder auf einem Stuhl sitzend, die Gänge an den Seiten diagonal gehängt, die ganze Szene ist einheitlich schwach ausgeleuchtet. Nach dem die Türen des Theater geschlossen sind kommt von rechts eine Tänzerin und bringt etwas Bewegung in die statische Szene, eine Suche nach (statischer) Form und immer wieder Zusammenfall dieser Form. Der Tänzer auf dem Stuhl nimmt sich den Zylinder ab und setzt sich eine Nase auf. Ein Tänzer kommt von der rechten Seite nimmt die Bewegungen der Tanzerin auf, weitere Tänzer werden hinzukommen und abgehen, dabei ein etwas kurioser pas de deux wobei eine Tänzerin einen Tänzer erst durch die Diagonale zieht, um dann zurückgeschoben zu werden. Insgesamt bleibt das ganze statisch und die Ausgangskonstellation fast über das ganze Stück erhalten.
Das zweite Stück "Hypothetical Stream", die Premiere des Ballettabends, kommt aus der Kategorie: "Ein choreographisches Werk von William Forsythe und den Tänzern dieser Besetzung". Der Bühnenraum ist an den Seiten offen, hinten hängt ein Schwarzes Prospekt, die Szene ist von oben von den Seitenbühnen durch Neonlampen ausgeleuchtet. Es beginnt mit fünf Tänzern auf der Bühnen zwei einzelne Tänzeren und einer Dreiergruppe, zu einem der beiden Tänzer gesellen sich dann zwei weitere hinzu worauf sich zwei Dreiergruppen ergeben. Tänzer kommen hinzu, gehen ab, einmal tanzen drei einzelne Tänzer, es bilden sich Pärchen usw.; insgesamt sieht es nach Material aus einem Contact-Improvisations Workshop aus der gesammelt und leicht arrangiert worden ist, die Mitglieder der einzelnen Grüppchen sind meist in Körperkontakt, wenn nicht dann doch in sichtbarer Verbindung.
Das dritte Stück "Of Any If And" ist das sicherlich am meisten
Forsytheische Stück des Abends. Der graue Bühnenraum ist seitlich und
hinten durch Vorhänge abgeschlossen, auf der Bühne zwei schwarze Kästen,
daneben, für einander durch die Kästen verdeckt, zwei Sprecher die Texte
von Forsythe lesen. Hinzu kommt ein Pärchen das einen Forsytheische pas de
deux tanzt. Darüber werden von der Oberbühne 100 Schwarze Tafeln an 10
Stangen herabgelassen, auf einigen Tafeln englische Wörter die kaum einen
Zusammenhang bilden. Die Tafeln fahren wieder hoch, eine Reihe bleibt
stehen, werden von den andern Tafeln "eingesammelt", die nächste Reihe
bleibt stehen usw. Darunter der pas de deux, Bewegungen in definierte
Richtungen, die Kästen werden benutzt, als Hindernis, zum Verstecken.
Solo, pas de deux - eigentlich fast klassisch.
Das Stück "The Vile Parody of Address" beginnt mit offenen Vorhang, der
Zuschauer fühlt sich gleich verschaukelt wenn er das Theater betritt,
glücklicherweise passiert nicht auf der Bühnen, man verpaßt nichts. Mit
offenen Vorhang zu beginnen war einmal neu und interessant, das gehört
aber nun in die Mottenkiste zu anderem Abgegriffenen. Aber auch was danach
auf der Bühne passiert ist belanglos.
Bewertung: 35%
Das neue Stück "Hypothetical Stream" ist wieder einmal "Teamwork", aber
wenigstens passiert hier mal was, wenn es auch kein Konzept hat. Die
Dreiergruppen sind ganz hübsch, man hätte das gleiche aber auch in einem
Improvisationsworkshop in der Tanzschule um die Ecke sehen können. Wenn
die Tänzer des Ballett Frankfurts aber hierin nicht besser sind als
Amateure frage ich mich: Wozu das ganze? Wozu die ganze Arbeit?
Bewertung: 40%
Das Stück "Of Any If And" ist hingegen schon fast ein Highlight, aber auch
ein kleines Licht wirkt halt in so viel umgebender Dunkelheit viel heller.
Hier fehlt eigentlich nur der Einsatz von mehr und besserem Licht und ein
besseres Nutzen des Raums. Die Bühnentechnik tanzt wirklich mit, Thom
Williems Musik ist ohne Finger in den Ohren zu ertragen, alles ganz nett.
Bewertung: 60%
Forsythe hätte mehr Licht einsetzen sollen; aber ihm scheint insgesamt im Moment nicht viel einzufallen, als nächstes gibt es vom Ballett Frankfurt "Isabelles Dance" zu sehen - jenes "Musical" auf der vergeblichen Suche nach einem Sinn. Forsythe hatte vor ein paar Jahren mal versprochen er würde es nie wieder aufführen, na ja, es ist halt einer seiner Klassiker.
Gesamtbewertung: 45%