Ballett Frankfurt "Ballettabend Hypothetical Stream"

Oper Frankfurt am Main 17. September 1997

Dies ist die 4. Ausgabe von "CG-IMHO" - "Christian Griesbecks - In My Humble Opinion", aktuelle Kritiken und Kommentare zu allen Künsten,
Copyright 1997 bei Christian Griesbeck.

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Allgemeine Informationen

Titel: Ballettabend Hypothetical Stream
Stücke:
1. The Vile Parody of Address
2. Hypothetical Stream 2 (ua)
3. Of Any If And

Kategorie: Tanztheater
Compagnie: Ballett Frankfurt
Choreographie/Bühne/Licht/Text: William Forsythe
Kostüme: Stephen Galloway
Premiere: 14. September 1997, Frankfurt/M
Theater: Oper Frankfurt,
Länge: ca. 110 min., incl. zwei Pausen
Gesehen: 17. September 1997

The Vile Parody of Address

Uraufführung: 6. November 1988
Musik: J. S. Bach "Wohltemperiertes Klavier" (Glenn Gould)
Sprecher: Nicholas Champion
Tänzer(17.9.): Francesca Caroti, Maurice Causey, Veronique Gaillard, Nik Haffner, Fabrice Mazliah, Emily Molnar, Agnès Noltenius, Andrea Tallis, Sjoerd Vreugdenhil, Aäron Sean Watkin

Hypothetical Stream 2

Uraufführung: 14. September 1997
Musik: Stuart Dempster "Standing Waves"
Tänzer: Regina van Berkel, Christine Bürkle, Timothy Couchman, Noah Gelber, Jacopo Godani, Ana Catalina Roman, Antony Rizzi, Jone San Martin, Richard Siegal

Of Any If And

Uraufführung: 25. Mai 1995
Musik: Thom Williems
Sprecher: Allison Brown, Nicholas Champion
Text: William Forsythe, Dana Caspersen
Tänzer(17.9.): Dana Caspersen, Thomas McManus

Beschreibung

Der neue Ballettabend "Hypothetical Stream" ist zusammengesetzt aus drei sehr ruhigen Stücken, wobei das Titelstück eine Premiere ist. Die Musik bewegt sich auf einem angenehmen Level, selbst Thom Williems kommt ohne seinen üblichen Baustellenlärm aus. Auch der Tanz ist hier ruhig, ohne große Wechsel in der Dynamik oder dem Level (stehend).

Das erste Stück "The Vile Parody of Address" das vor neun Jahren Premiere hatte ist das ruhigste Stück des Abends, es beginnt mit "Einlaß bei offenen Vorhang" Nicholas Chamion sitzt als Sprecher im schwarzen Bühnenhintergrund an einem Tisch und liest bereits aus Forsythes Texten, aus den Lautsprechern ertönt bereits das von Glenn Gould gespielte "Wohltemperiertes Klavier", auf der Bühne mitte halblinks steht ein Tänzer in Unterhose vor einem belaubtem Astbündel mit dem Rücken zum Zuschauer, in seiner Blickrichtung etwas weiter hinten ein weiterer Tänzer mit einem Zylinder auf einem Stuhl sitzend, die Gänge an den Seiten diagonal gehängt, die ganze Szene ist einheitlich schwach ausgeleuchtet. Nach dem die Türen des Theater geschlossen sind kommt von rechts eine Tänzerin und bringt etwas Bewegung in die statische Szene, eine Suche nach (statischer) Form und immer wieder Zusammenfall dieser Form. Der Tänzer auf dem Stuhl nimmt sich den Zylinder ab und setzt sich eine Nase auf. Ein Tänzer kommt von der rechten Seite nimmt die Bewegungen der Tanzerin auf, weitere Tänzer werden hinzukommen und abgehen, dabei ein etwas kurioser pas de deux wobei eine Tänzerin einen Tänzer erst durch die Diagonale zieht, um dann zurückgeschoben zu werden. Insgesamt bleibt das ganze statisch und die Ausgangskonstellation fast über das ganze Stück erhalten.

Das zweite Stück "Hypothetical Stream", die Premiere des Ballettabends, kommt aus der Kategorie: "Ein choreographisches Werk von William Forsythe und den Tänzern dieser Besetzung". Der Bühnenraum ist an den Seiten offen, hinten hängt ein Schwarzes Prospekt, die Szene ist von oben von den Seitenbühnen durch Neonlampen ausgeleuchtet. Es beginnt mit fünf Tänzern auf der Bühnen zwei einzelne Tänzeren und einer Dreiergruppe, zu einem der beiden Tänzer gesellen sich dann zwei weitere hinzu worauf sich zwei Dreiergruppen ergeben. Tänzer kommen hinzu, gehen ab, einmal tanzen drei einzelne Tänzer, es bilden sich Pärchen usw.; insgesamt sieht es nach Material aus einem Contact-Improvisations Workshop aus der gesammelt und leicht arrangiert worden ist, die Mitglieder der einzelnen Grüppchen sind meist in Körperkontakt, wenn nicht dann doch in sichtbarer Verbindung.

Das dritte Stück "Of Any If And" ist das sicherlich am meisten Forsytheische Stück des Abends. Der graue Bühnenraum ist seitlich und hinten durch Vorhänge abgeschlossen, auf der Bühne zwei schwarze Kästen, daneben, für einander durch die Kästen verdeckt, zwei Sprecher die Texte von Forsythe lesen. Hinzu kommt ein Pärchen das einen Forsytheische pas de deux tanzt. Darüber werden von der Oberbühne 100 Schwarze Tafeln an 10 Stangen herabgelassen, auf einigen Tafeln englische Wörter die kaum einen Zusammenhang bilden. Die Tafeln fahren wieder hoch, eine Reihe bleibt stehen, werden von den andern Tafeln "eingesammelt", die nächste Reihe bleibt stehen usw. Darunter der pas de deux, Bewegungen in definierte Richtungen, die Kästen werden benutzt, als Hindernis, zum Verstecken. Solo, pas de deux - eigentlich fast klassisch.


Bewertung

Manchmal frage ich mich warum ich diese Forsythe-Dinger eigentlich noch anschaue, er bleibt in Frankfurt fast immer hinter dem zurück was er eigentlich leisten kann. Neue Stücke werden via Improvisation der "mitchoreographierenden" Tänzer schnell gebastelt und bleiben an sich konzeptlos - auch im Tanz verderben zu viele Köche den Brei.

Das Stück "The Vile Parody of Address" beginnt mit offenen Vorhang, der Zuschauer fühlt sich gleich verschaukelt wenn er das Theater betritt, glücklicherweise passiert nicht auf der Bühnen, man verpaßt nichts. Mit offenen Vorhang zu beginnen war einmal neu und interessant, das gehört aber nun in die Mottenkiste zu anderem Abgegriffenen. Aber auch was danach auf der Bühne passiert ist belanglos.
Bewertung: 35%

Das neue Stück "Hypothetical Stream" ist wieder einmal "Teamwork", aber wenigstens passiert hier mal was, wenn es auch kein Konzept hat. Die Dreiergruppen sind ganz hübsch, man hätte das gleiche aber auch in einem Improvisationsworkshop in der Tanzschule um die Ecke sehen können. Wenn die Tänzer des Ballett Frankfurts aber hierin nicht besser sind als Amateure frage ich mich: Wozu das ganze? Wozu die ganze Arbeit?
Bewertung: 40%

Das Stück "Of Any If And" ist hingegen schon fast ein Highlight, aber auch ein kleines Licht wirkt halt in so viel umgebender Dunkelheit viel heller. Hier fehlt eigentlich nur der Einsatz von mehr und besserem Licht und ein besseres Nutzen des Raums. Die Bühnentechnik tanzt wirklich mit, Thom Williems Musik ist ohne Finger in den Ohren zu ertragen, alles ganz nett.
Bewertung: 60%

Forsythe hätte mehr Licht einsetzen sollen; aber ihm scheint insgesamt im Moment nicht viel einzufallen, als nächstes gibt es vom Ballett Frankfurt "Isabelles Dance" zu sehen - jenes "Musical" auf der vergeblichen Suche nach einem Sinn. Forsythe hatte vor ein paar Jahren mal versprochen er würde es nie wieder aufführen, na ja, es ist halt einer seiner Klassiker.

Gesamtbewertung: 45%


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