Grigori Frid: "Das Tagebuch der Anne Frank"

Oper Frankfurt am Main 9. September 1997

Dies ist die 3. Ausgabe von "CG-IMHO" - "Christian Griesbecks - In My Humble Opinion", aktuelle Kritiken und Kommentare zu allen Künsten,
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Allgemeine Informationen

Titel: Das Tagebuch der Anne Frank
Kategorie: Oper (Kammeroper)
Musik: Grigori Frid
Libretto: Grigori Frid (russisch) auf Grundlage des Original-Tagebuches der Anne Frank, deutsche Adaption von Ulrike Patow, Bearbeitung von Norbert Abels
Uraufführung: 10. Mai 1972, Moskau (konzertant)

Frankfurter Aufführung:

Anne Frank: Barbara Zechmeister
Orchester: Frankfurter Museumsorchester
Musikalische Leitung: Guido Johannes Rumstadt
Inszenierung: Bernhard Stejskal
Bühnenbild: Robert Varga
Kostüme: Gabriele Nickel
Licht: Olaf Winter
Dramaturgie: Norbert Abels
Premiere: 7. September 1997, Frankfurt/M
Theater: Oper Frankfurt, Chagallsaal
Länge: ca. 60 min., keine Pause
Gesehen: 9. September 1997
Weitere Vorstellungen: 11., 15., 16. September; 3.; 5. Oktober 1997

Beschreibung

"Das Tagebuch der Anne Frank" ist eine Mono-Oper für eine Sängerin und Orchester in zwei Teilen, vier Szenen (21 Episoden) auf der Grundlage des Original-Tagebuches in der Übersetzung aus dem Holländischen ins russische von R. Rait-Kowalkowa. In Frankfurt war eine deutsche Version dieser Oper zu sehen.

Im Chagallsaal in dem sonst ein großformatiges Auftragswerk und Skizzen von Marc Chagall für die Oper Frankfurt zu sehen sind ist "das Versteck" aufgebaut. Hier über den Köpfen der Musiker, als hinten abgeschnittene schräg nach vorne Geneigte Raute, die hinten mit einer Dachschräge abschließt (ebenfalls als abgeschnittene Raute mit schiebbaren Fenster). Die Wände des Saals sind mit Stoff verkleidet und monochrom indirekt beleuchtet so daß sich eine einheitliche rote Farbfläche ergibt.

Anne liegt auf der Bühne (im "Versteck") über ihr Tagebuch gebeugt das sie redigiert. Einige Requisiten auf der Bühne verteilt, eine alter Ranzen eine Tasse, Kleidung, rote Schuhe. Vorspiel. Sie erinnert sich an ihren 13 Geburtstag an dem sie als ihr schönstes Geschenk ein Tagebuch bekommen hat. Beim Blättern eine Eintragung die sie an die Schule erinnert. Ein Gesprach mit dem Vater, der in letzter Zeit viel zu Hause ist. Sie zittert am ganzen Leib über eine Tagebuchnotiz über die Vorladung des Vaters zur Gestapo kurz bevor die Familie untergetaucht ist.

Das Versteck, die Stille, der Klang der Westerturmglocke. Anne geht an das Fenster, schiebt es auf, durch eine Spalt kann sie auf die Straße sehen. Sie denkt über eine Roman "Das Hinterhaus" nach den sie schreiben will. Sie ist verzweifelt, vergleicht sich mit einem Vogel im Käfig. Sie denkt an ihr Leben vor 1942. Erzählt von ihrer Freundin die ihr im Traum erschien ist abgemagert in Lumpen gehüllt, Betet. Interludium.

Anne spielt mit ihren Händen eine Groteske, das Duett der Eheleute van Daan. In der Nacht wurde eingebrochen, war es ein Angestellter? Sie denkt an Peter, spürt ein großes Verlangen; will mit ihm nicht nur schweigend aus der Dachluke schauen. Freude über die Lage an der russischen Front (Lautsprechereinspielung), Hoffnung das der Krieg bald zu Ende ist.

Razzia im Haus, Gestapoleute rütteln am Schrank, größte Gefahr, entdecken aber nichts. Sie fühlt sich einsam unter den Erwachsenen, die furchtbare Wirklichkeit zerstört alle Träume und Ideale. Es kommt ihr vor als säße sie auf dem letzten Flecken blauen Himmel immitten von Gewitterwolken. Der Hintergrund wird blau, es scheint die Sonne, "Das Glück im Herzen kann immer nur für kurze Zeit verblassen, es wird dann wiedererwachen und uns ein Leben lang erfüllen, das Glück. So lange schauen wir ohne Furcht in den Himmel...".


Bewertung

Die Inszenierung ist angemessen, kein überflüssiger Aktionismus; schreiben, lesen, ein Bündel mit Bildern öffnen und anschauen, das Fenster öffnen, hinausschauen, Beine von der Bühnen hängen lassen, zittern, spielen etc. nichts überraschendes - und das würde auch nicht hier her gehören; die Handlung spielt sich in Anne ab.

Der statische Raum entspricht der Situation, die immer abzukippen droht, durch die Erhöhung der Bühne und die Schräge kann jeder gut sehen.

Die Kostüme (Kleid, Wolljacke, ein Mantel der später Verwendung findet) heben sich angenehm von "Hochsymbolischer Kleidung" ab die man immer wieder findet.

Das Licht ist verbesserungsfähig, nur heller/dunkler, einmal ein viereckiger Spott, einmal Veränderung der Hintergrundfarbe, ist mir zuwenig, hier hätte man mehr machen können.

Das größte Problem ist aber die Sprachverständlichkeit, und das ist hier das ein Dilemma, wenn man den Text nicht verstehen kann wird die Musik stärker als der Text. Und hier übertönt die Musik oft das Wort, zudem hört man im Gesang das die Sprache ursprünglich russisch war und nach einer etwas andern Diktion verlangt als das Deutsche, der Gesang erinnert so etwas an Berg oder Schönberg, die Musik eher an Schostakowitsch. In wie weit hier eine Aufführung auf russisch mit Übertiteln eine Lösung gewesen wäre ist fraglich, es ist hier wichtig das der Zuhörer das Wort versteht, zusätzliche deutsche Textprojektionen auf die Rückwand ("Tagebuchseiten") als Verstärkung des gesungenen Textes hätten vermutlich das Stück besser transportiert.

Aber auch so ist es sehens- und hörenswert.

Bewertung: 70%


Zusätzliche Informationen

Der Eintritt kostet 30 DM.
Studentenkarten gibt es als Restkarten für 10 DM an der Abendkasse.

Eine Aufnahme der Oper auf russisch mit deutsch / englisch / französischem Libretti (harmonia mundi france - le chant du monde) kann man zur Zeit für 10 DM im Phonohaus, Roßmarkt 7 kaufen.

Seit einigen Monaten gibt es in Frankfurt eine "Jugendbegegnungsstätte Anne Frank", die u.a. die Ausstellung: "Anne aus Frankfurt" (sie hat hier die ersten vier Jahre ihres Lebens verbracht) und eine Präsenzbibliothek beherbergt, sowie Projekte organisiert.
Jugendbegegnungsstätte Anne Frank e.V.; Hansaallee 150; 60320 Frankfurt/M


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