Einführung in die Labanotation


English

Abstrakt

Dieser Text gibt eine kurze Einführung in die Labanotation. Labanotation ist ein standardisiertes System zur Analyse und Aufzeichnung jeglicher menschlicher Bewegung, das heute hauptsächlich zur Niederschrift von Bühnentanz benutzt wird. Ziel dieses Textes ist es, dem Leser einen Eindruck zu vermitteln, wie die Notation aussieht und wie sie Bewegung analysiert.

Inhalt

1. Einleitung
2. Das Liniensystem ("Staff")
3. Zeiteinteilung, Richtungssymbole, Positionszeichen
4. Arm- und Beingesten
5. Gewichtszentrum und Gewichtsübertragung
6. Körperteile
7. Quantitätszeichen
8. Verbindungsbögen
9. Pfade, Bodenwege, Bodenpläne
10. Nachwort

1. Einleitung

Labanotation ist ein System zur Analyse und Aufzeichnung menschlicher Bewegung. Der ursprüngliche Erfinder war der (Österreich-) Ungar Rudolf von Laban (1879-1958), eine Zentralfigur des Europäischen Modernen Tanzes. Er publizierte diese Schrift zuerst 1928 als "Kinetographie" im ersten Heft des "Schrifttanz". Die Schrift wurde von verschiedenen Menschen weiterentwickelt, in den USA u.a. von Ann Hutchinson Guest zur Labanotation, in Deutschland u.a. von Albrecht Knust zur Kinetographie Laban. Die beiden Systeme weichen in der Orthographie und Analyse etwas voneinander ab (etwa 5%) man konnte sich nicht einigen. (Ich werde nur Labanotation unterstützen).

Mit Labanotation kann man jede Form menschlicher Bewegung aufzeichnen, sie ist nicht tanzideologisch gebunden (im Gegensatz zu anderen Tanzschriften wie z.B.: Benesh Notation die als Basis den Klassischen Tanz englischer Prägung nutzt). Basis ist die natürliche menschliche Bewegung, jede Veränderung z.B. auswärts gedrehte Beine muß notiert werden. Dieser Text enthält einige Bilder, die auswärtsgedrehte Beine zeigen, ohne das dies in den Kinetogrammen vermerkt wäre. Dies ist natürlich nicht korrekt, es ist aber geschehen, um die Kinetogramme möglichst klein zu halten. Für die Bilder der Tänzerin in diesem Text gelten die Ballett-Vorzeichen.

Dieser Text handelt von Labanotation in der Form der "Structural Description", einer Schreibweise die versucht jeden Aspekt der Bewegung möglichst genau festzuhalten. Es gibt noch zwei weitere Systeme: "Motiv Description" und "Effort-Shape Description". Die "Motiv Description" ist eine Art vereinfachter "Structural Description", man schreibt in ihr nur was man für wichtig hält. Man kann z.B. schreiben, daß es sich um eine nach vorne gerichtete Bewegung handelt, ohne zu sagen, ob man springen oder kriechen soll. Die "Effort-Shape Description" dient zum Aufzeichnen des Energiegehalts einer Bewegung. Sie kann sowohl in der Arbeitsplatzforschung wie in der Physio- und Psychotherapie eingesetzt werden.


2. Das Liniensystem ("Staff")

2.1. Die Spalten - Wer (welcher Körperteil)?

Ähnlich wie die Notenschrift verwendet auch die Labanotation ein Liniensystem. Es besteht aus drei Linien, allerdings wird das System von unten nach oben gelesen (anstatt wie bei den Noten von links nach rechts). Dies hat den Vorteil, daß man alles was in der linken Körperhälfte geschieht links aufschreiben kann und was in der rechten Körperhälfte geschieht rechts.

L = Linke Seite
C = Mittellinie
R = Rechte Seite
1 = "Support" Spalte
2 = Beingesten Spalte
3 = Körper Spalte
4 = Arm Spalte
5 = Kopf Spalte

Die Spalte 1, die hier als "Support" Spalte bezeichnet wird, hat die besondere Funktion, Gewichtsübertragungen (z.B. Schritte) aufzuzeichnen. Es werden in dieser Spalte Veränderungen des Gewichtszentrums aufgezeichnet. Hier wird auch vermerkt, welcher Teil des Körpers Gewicht trägt (im Normalfall die Füße), trägt kein Teil Gewicht (Sprung), so ist diese Spalte leer.

Alle anderen Spalten dienen zum Aufzeichnen von Gesten. Gesten sind alle Bewegungen, die ohne Gewichtsbelastung auf dem jeweiligen Körperteil ausgeführt werden. Ist ein Bein z.B. zur Seite in die Luft gestreckt und soll nun nach hinten geführt werden, so gehört diese Bewegung in die Spalte 2. Im Unterschied zu der "Support" Spalte heißt hier ein Leerraum, daß keine Aktion in dem jeweiligen Körperteil abläuft und somit für dieses Körperteil in der Beziehung zu dem Teil des Körpers am dem es "hängt" alles beim alten bleibt.

Man kann beliebig viele Spalten benutzen, die jeweilige Spalte wird dann durch ein Körperzeichen vor der jeweiligen Bewegung für diesen Teil des Körpers gewidmet. Die Spalten 1,2 und 4 müssen im Normalfall nicht gewidmet werden. Steht hier kein Körperzeichen, so gilt als bekannt, daß mit Spalte 1 die Füße das Gewicht tragen, in Spalte 2 die Beingesten aufgezeichnet werden, und in Spalte 4 die Armgesten (würde man auf den Händen laufen so würde man das in die Spalte 1 zusammen mit einem Körperzeichen schreiben).

2.2. Die Strukturierung des Liniensystems

Um das Liniensystem zu strukturieren verwendet man verschiedene Arten von Strichen (wie die Taktstriche im Notenliniensystem). Die einzelnen Schläge innerhalb eines Takts haben immer eine konstante Länge (anders als bei dem Notensystem, wo es darauf ankommt, wie voll ein Takt ist).

A = Strich an Anfang des Liniensystems
B = Ausgangshaltung
C = Doppelstrich für den Beginn der Bewegung
D = Kurzer Strich für den Schlag innerhalb des Takts
E = Strich für den Takt
F = Doppelstrich für das Ende der Bewegung
G = Große Zahlen für die Taktnummer
H = Kleine Zahlen für die einzelnen Zählzeiten (im ersten Takt)

Gibt es keine spezifische Ausgangshaltung, so beginnt das Liniensystem bei C. Oft wird ein aufgezeichnetes Stück über mehrere Liniensysteme fortgesetzt, dann macht man einen einfachen Taktstrich statt des Doppelstrichs am Ende des einzelnen Liniensystems, um anzuzeigen, daß die Bewegung weiter geht. Am Anfang des Liniensystems, in dem die Bewegung fortgesetzt wird, macht man ebenfalls nur einen einfachen Taktstrich.

Es gibt noch einige andere Zeichen zum Strukturieren des Liniensystems, vor allem künstliche Taktstriche zur Phrasierung und verschiedene Wiederholungszeichen.


3. Zeiteinteilung, Richtungssymbole, Positionszeichen

In die einzelnen Spalten des Liniensystems schreibt man Zeichen die anzeigen, in welche Richtung sich das jeweilige Körperteil bewegen soll. Die Länge des Symbols gibt den Zeitraum an, in dem die Bewegung von ihrem Ansatz bis zum Ende ausgeführt wird.

3.1. Die Zeiteinteilung - Wann (geschieht etwas)?

Anders als die Notenschrift mit ihren Ganzen, Halben, Vierteln usw. kennt die Labanotation keine expliziten Symbole für das Zeitmaß, statt dessen zeigt die Länge des Symbols (oder des Leerraums) direkt an, in welchem Zeitraum die Bewegung ausgeführt werden soll.

Hier ein Beispiel für die einfachste Art der Bewegungsaufzeichnung, den "action stroke". Er zeigt nur an, daß eine Aktion in einem bestimmten Körperteil abläuft und in welchem Zeitraum diese abläuft. In diesem Beispiel ist es in Takt 1 Schlag 1 und Schlag 2 eine Gewichtsverlagerung auf das rechte Bein, dann in Takt 1 Schlag 3 bis Takt 2 Schlag 1 eine Gewichtsverlagerung auf das linke Bein. Danach in Takt 2 Schlag 2 steht nichts in der "Support" Spalte - also erfolgt hier ein Sprung, gleichzeitig macht das rechte Bein eine Geste und die Arme bewegen sich. Am Schuß ist eine Aktion in beiden Beinen, so daß am Ende das Gewicht auf beiden Beinen lastet.

3.2. Die Richtungssymbole - Was (geschieht)?

Um anzugeben, in welche Richtung eine Bewegung abläuft, gibt es die Richtungssymbole. Sie erlauben in einem Winkel von 45 Grad anzugeben, in welche Richtung eine Bewegung abläuft. Später kann man diese Richtungssymbole mittels Zwischen - Richtungen genauer unterteilen (in 22,5 Grad bzw. in 15 Grad bzw. in 7,5 Grad Schritten).

Es gibt neun horizontale Richtungssymbole die von dem Rechteck abgeleitet wurden.
P = Place - am Platz
F = Forward - nach vorne
B = Backward - nach hinten
L = Left - nach links
R = Right - nach rechts
LF = Left Forward - nach links vorne
RF = Right Forward - nach rechts vorne
LB = Left Backward - nach links hinten
RB = Right Backward - nach rechts hinten

Diese Zeichen werden durch drei Arten von Füllungen in der Vertikalen modifiziert.
U = UP, high - nach oben, hoch - das Zeichen wird schraffiert
M = Middle - in der mittleren Ebene - das Zeichen wird mit einem Punkt versehen
D = Down, low - nach unten, niedrig - das Zeichen wird schwarz ausgefüllt

Hier noch einmal das Beispiel, jetzt mit Richtungssymbolen. Am Anfang habe ich eine Ausgangsposition eingeführt. Die Person steht auf ihrem linken Bein, das rechte Bein ist diagonal nach hinten gerichtet. (Der kleine Haken an dem hinten unten Zeichen modifiziert die Richtung so, daß das Bein den Boden mit der Fußspitze berührt. Da dieses Zeichen in der Gestenspalte steht ist kein Gewicht auf dem Bein.) Der rechte Arm ist Senkrecht nach oben gerichtet. Der linke Arm ist zur Seite gerichtet. Der Doppelstrich über das Liniensystem trennt die vorbereitende Haltung von der Bewegungssequenz ab.

Die Person macht einen Schritt nach vorne auf das rechte Bein in mittlerer Ebene und einen Schritt nach vorne auf das linke Bein in mittlerer Ebene. Danach springt die Person vom linken Bein auf beide Beine. Während des Sprungs wird das rechte Bein diagonal nach vorne unten (auf 45 Grad) geführt und die Arme aus ihrer Position, die sie die ganze Zeit gehabt haben, senkrecht nach unten. Für den rechten Arm, der sich am Anfang senkrecht nach oben gerichtet befindet, muß man eine Bewegung über zur Seite rechts explizit schreiben, da die Regeln der Labanotation vorsehen, daß die Bewegung auf dem kürzesten Weg erfolgt, wenn es nicht anders geschrieben wird (d.h. hier: am Körper nach unten). Deshalb steht hier zur Seite rechts und unten am Platz, wobei die Symbole mit einem Bogen verbunden sind, d.h. das diese Bewegungen wie eine Bewegung ausgeführt werden sollen.

3.3. Die Positionszeichen (Relationship Pins)

Die Positionszeichen werden benutzt, um Raumverhältnisse anzuzeigen. Es gibt sie analog zu den Richtungssymbolen. Die Spitzen der Pins zeigen in die horizontale Richtung, die Köpfe der Pins geben die vertikale Richtung an.

P = Place - am Platz
F = Forward (in front of) - vor
B = Backward (behind) - hinter
L = Left (of) - links von
R = Right (of) - rechts von
LF = Left Forward (of) - links vor
RF = Right Forward (of) - rechts vor
LB = Left Backward (of) - links hinter
RB = Right Backward (of) - rechts hinter

Diese Zeichen werden durch drei Arten von Köpfen in der Vertikalen modifiziert.
U = UP (above) - über - hohler Kreis als Kopf
M = Middle (of) - in mitten - ein Stich als Kopf
D = Down (below) - unter - ein schwarzer Kreis als Kopf

Die Positionszeichen werden verschieden angewendet.
1 = Als Zeichen das die Richtung des Körpers im Raum angibt. Der Pin wird in ein Quadrat geschrieben.
2 = Als Zwischenposition, der Pin gibt an, daß die tatsächliche Richtung 1/3, von der durch das Richtungssymbol angegebenen Richtung, in die durch den Pin angegebenen Richtung, abweicht. Der Pin wird in das Richtungssymbol geschrieben, ggf. wird in ausgefüllten oder Schraffierten Richtungssymbolen ein Leerraum gelassen, damit man den Pin erkennen kann.
3 = Es können auch durch Kombination von zwei Pins Zwischenpositionen (vor allem für die Raumrichtung) angegeben werden.
4 = Als Verhältniszeichen eines Körperteils zu einem anderen bzw. zur Körpermitte. Der Pin wird neben das betreffende Körperteil geschrieben (hier der rechte Fuß ist vor dem linken Fuß - Fünfte Position). So kann man z.B. angeben ob der rechte Arm vor oder hinter dem Körper nach links gerichtet wird.


4. Arm- und Beingesten

Gesten sind, wie schon oben erwähnt, alle Bewegungen von Körperteilen die kein Gewicht tragen. In der Anwendung der oben eingeführten Richtungszeichen geht man davon aus, daß jedes bewegliche Körperteil an einem Punkt festsitzt ("Point Of Attachment") und ein bewegliches Ende hat ("Free End"). Man richtet nun dieses bewegliche Ende, ausgehend vom "Point Of Attachment", in die Richtung aus die durch das Richtungszeichen angegeben wurde.


Armgesten mit den Richtungszeichen
Von links nach rechts: am Platz tief; zur Seite tief; zur Seite mitte; zur Seite hoch; am Platz hoch; nach vorne hoch; nach vorne mitte; nach vorne tief.


Beingesten mit den Richtungszeichen
In den Beingesten kann man am Platz tief in der Regel nur in Sprüngen schreiben - ansonsten ist der Boden im Weg (Es sei denn das Bein wäre gebeugt). Alle anderen Zeichen werden analog zur den Armgesten gedeutet.

Armgeste mit Zwischenrichtungen
Reicht die Auflösung von 45 Grad nicht, um die Bewegung hinreichend exakt aufzuschreiben, so setzt man Positionszeichen in die Richtungszeichen um eine Abweichung von 1/3 zu erzielen. Man kann auch zwei Richtungszeichen benutzen. Schreibt man einem Punkt vor das zweite Zeichen heißt das: halb in die zweite Richtung. Wenn man das auch noch mit den Pins kombiniert hat man eine Auflösung von 7.5 Grad.

Bodenberührung des Fußes in tiefen Gesten
Mit bestimmten Haken an den tiefen Richtungszeichen kann man anzeigen, daß das Bein nicht in die Luft auf 45 Grad gerichtet ist, sondern den Boden mit einem Teil des Fußes berührt.
A = ganze Ferse, B = halbe Ferse
C = ganzer Fuß
D = 1/8 Ballen, E = 1/4 Ballen, F = 1/2 Ballen, G = ganzer Ballen
H = Zehen, I = Zehenspitze, J = Zehennagel

Die Extremitäten sind nicht immer gestreckt, um den Grad der Kontraktion (Beugung) oder der Krümmung anzugeben, gibt es spezielle Raummasszeichen die man vor die Raumrichtungszeichen schreibt - dazu unten mehr.


5. Gewichtszentrum und Gewichtsübertragung

In der Spalte 1 des Liniensystems (der "Support" Spalte) wird vermerkt was mit dem Gewichtszentrum geschieht und welches Körperteil das Gewicht trägt.

Es können im Grunde nur fünf Dinge geschehen:
1. Es bleibt wie es ist.
2. Das Gewichtszentrum wird verlagert.
3. Das Gewicht wird übertragen - Schritte.
4. Kein Körperteil trägt das Gewicht - Sprung.
5. Das Gewichtszentrum rotiert - Drehung.

5.1. Körper Pause

Soll im Gewichtszentrum alles so bleiben wie es momentan ist oder soll ein Körperteil das grade Gewicht trägt weiterhin Gewicht tragen, so setzt man das Körper Pause- ("Hold Weight") Zeichen ein.

A = Das Gewicht ist auf beiden Beinen, die Beine sind gestreckt. Beide Arme sind am Platz nach unten gerichtet.
B und F = Soll das Gewicht auf beiden Beinen (oder auf jeder Körperseite auf einem Gewichttragenden Körperteil) bleiben, so schreibt man das Körper Pause Zeichen (der kleine Kreis) auf die Mittellinie.
C = Jede Aktivität in einer der Support Spalten (oder eine Aktivität in der zum Haltezeichen gehörenden Gesten Spalte) hebt dieses Pause Zeichen auf.
D = Soll das Gewicht auf einem Körperteil bleiben, so schreibt man das Pause Zeichen über in die rechte oder linke Support Spalte.
E = Soll das Gewicht von einem Bein auf beide Beine gebracht werden, so muß man das Pause Zeichen in die Support Spalte des Körperteils schreiben das bereits Gewicht trägt.
G = Eine Aktion in den zum Haltezeichen gehörenden Gesten Spalten, ohne eine Aktion oder ein Pause Zeichen in einer Support Spalte, zeigt einen Sprung an.

5.2. Verlagerung des Gewichtszentrums

Ein Körper ist im Gleichgewicht solange sich das Gewichtszentrum über jener Fläche auf dem Boden befindet, die durch den Bodenkontakt der gewichtstragenden Körperteile eingegrenzt wird. Innerhalb dieser Fläche kann man das Gewichtszentrum sowohl horizontal als auch vertikal verlagern. In der Regel geschieht das vertikal durch Kontrairen und Extendieren der Gewichtstragenden Körperteile.

A = Ausgangsposition: Das Gewichtszentrum ist auf mittlerer Höhe, es ruht auf beiden Beinen (=>die Beine sind gestreckt). Die Arme sind zur Seite tief.
B = Das Gewichtszentrum wird nach unten verlagert. Um das zu erreichen müssen die Beine gebeugt werden.
C = Das Gewichtszentrum ist nach unten verlagert.
D = Das Gewichtszentrum wird nach oben verlagert. Um das zu erreichen müssen die Beine gestreckt werden und es wird auf halbe Spitze gegangen (Ballenstand).
E = Das Gewichtszentrum ist nach oben verlagert.
F = Der kleine Kreis bedeutet Körper Pause ("Hold Weight") d. h. der nachfolgende Leerraum ist kein Sprung sondern das Gewicht bleibt wo es ist (auf beiden Beinen).

5.3. Gewichtsübertragung - Schritte

Das Gewicht kann entweder auf zusätzliche, weniger oder andere Körperteile übertragen werden.

A = Ausgangsposition: Das Gewichtszentrum ist auf mittlerer Höhe und ruht auf dem linken Bein. Auf dem rechten Bein ruht kein Gewicht und es hat auch kein Bodenkontakt (es ist leicht angehoben). Die Arme sind am Platz tief.
B = Das Gewicht wird vom linken Bein auf beide Beine verlagert. Dazu wird das rechte Bein aufgesetzt und mit Gewicht belastet.
C = Das Gewichtszentrum wird nach vorne hoch auf beide Knie verlagert (Die Körperzeichen vor den Richtungszeichen in den Support Spalten zeigen das an).
D = Das Gewicht bleibt auf dem rechten Knie, das linke Bein wird nach hinten mitte angehoben. Der rechte Arm wird nach vorne mitte gebracht, der linke Arm zur Seite mitte.

Schritte sind Übertragungen des Gewichts von einem Körperteil auf ein anderes Körperteil (z.B.: beim Gehen von einem Fuß auf den anderen).

A = Sehr langsame Schritte (ein Halbschritt pro Takt)
B = Sehr schnelle Schritte (ein Schritt pro viertel) zunächst auf tiefer Ebene - mit gebeugten Knien (im Plié) wie Groucho Marx. Dann auf mittlerer Ebene - normale Schritte. Dann auf hoher Ebene - Schritte auf halber Spitze.
C = Balancé: Schritt mit rechts zur Seite ins Plié. Schritt auf das linke Bein am Platz ins Plié vorne (zeigt der Pin an) - dazu das rechte Bein sur le cou-de-pied hinten (das kleine x vor der Beingeste ist ein Raummasszeichen. Schritt auf das rechte Bein am Platz ins Plié hinten - dazu das linke Bein sur le cou-de-pied vorne. Im nächsten Takt das ganze zur anderen Seite.
D = Menuettschritt: Arme Diagonal nach vorne unten. Schritt auf das rechte Bein auf halbe Spitze. Auf ganzen Fuß absetzen. Drei kleine (Halb-)Schritte links, rechts, links - auf halber Spitze. zum Schluß auf ganzen Fuß absetzen.

5.4. Sprünge

Bei Sprüngen lastet für einen kurzen Moment auf keinem Körperteil Gewicht, daher ist in diesem Moment die Support Spalte leer.

Es gibt fünf Grundformen von Sprüngen:

A = Jump von beiden Füßen auf beide Füße.
B = Leap von einem Fuß auf den Anderen.
C = Hop von einem Fuß auf den Selben.
D = Assemblé von einem Fuß auf beide Füße.
E = Sissonne von beiden Füßen auf einen Fuß.

Die Länge des Leerraums zeigt die Höhe des Sprungs an. Wenn die Beine während des Sprungs etwas besonderes machen (z.B. zur Seite geführt werden oder Battiert werden soll) so schreibt man das in die Gestenspalte.

5.5. Drehungen

Drehungen können um verschiedene Achsen erfolgen, am häufigsten wird um die Längsachse rotiert. Ein Autoreifen rotiert um die links-rechts Achse, wenn ein Mensch ein Rad schlägt dann rotiert er um die vorne-hinten Achse.

Hier die Zeichen für Drehungen um die Längsachse:

A = Drehung nach Rechts.
B = Drehung nach Links.
C = Beliebige Drehung oder keine Drehung (je nach Anwendung).
D = Man kann sich die Drehrichtung merken wenn man sich an der Spitze solche Pfeile denkt.
E = Mit Hilfe von Pins wird der Grad der Drehung angegeben, Hier ein 1/4 Drehung nach Rechts.
F = Eine 3/4 Drehung nach Links.
G = Eine 1/4 Drehung nach Rechts - der Pin ist abhängig von der Drehrichtung.
H = Eine Beispiel für eine kurze Sequenz: Ausgangsposition - Fünfte (sagt der Pin in der Supportspalte aus) rechtes Bein vorne. Der Körper ist in die linke Diagonale gerichtet - "croisé" (sagt der Pin links neben dem Liniensystem im Kästchen aus). Eine 1 1/4 Drehung nach Rechts auf dem rechten Bein, linkes Bein sur le cou-de-pied, enden in der Fünften - rechtes Bein vorne - "effacé". Dann eine zweifache Drehung auf Rechts nach Links - der Rest wie vorher.
I = Fünfte rechtes Bein hinten, halbe Drehung nach rechts auf beiden Beinen (das Zeichen für die Drehung ist in beiden Supportspalten). Nun ist das rechte Bein vorne (als Ergebnis der Drehung), Plié, Sprung mit halber Rechts-Drehung (Aktionszeichen in den Beingestenspalten + Drehung in beiden Supportspalten = Sprung), enden im Plié.


6. Körperteile

Möchte man die Bewegung eines spezifischen Teils des Körpers aufzeichnen so widmet man eine Spalte für dieses Körperteil. Die Labanotation hat ein Differenziertes System um jedes Teilchen des Körpers zu bezeichnen.

Hier einige Zeichen zur Beschreibung welches Körperteil gemeint ist:

Gelenkzeichen:
A = Kopf
B = rechte Schulter C = rechter Ellbogen D = rechte Hand (Knöchel)
E = rechte Hand F = rechte Finger G = rechter Daumen
H = Hüfte I = Knie J = Knöchel
K = Fuß L = Zehen M rechtes Knie

Extremitätenzeichen:
Durch einen Doppelstrich wird aus einem Gelenkzeichen ein Extremitätenzeichen.
N = Hals O = Arm P = Bein
Q = rechter Oberarm R = rechter Unterschenkel

Körperbereiche:
Durch ein Kästchen kann man einen bestimmtes Gebiet angeben.
S = Brustkasten T = Taille U = Becken V = Schultern W = ganzer Torso
Durch Pins kann man das Gebiet (Oberfläche) noch genauer Bezeichnen.
X = oberer vorderer Brustbereich

Gebiet, Oberfläche und Kanten von Hand und Fuß:
Ein offenes Kästchen wird dazu benutzt.
Y = Handfläche oder Sohle Z = Daumenkante oder Großzehenkante.

Es gibt noch mehr Zeichen für Körperteile, z.B. um Teile des Gesichts oder Teile von Händen und Füßen zu bezeichnen.


7. Quantitätszeichen - Wie (wird etwas ausgeführt)?

Wenn nichts besonderes vermerkt ist, sollen alle Bewegungen normal ausgeführt werden, mittels der Raummasszeichen kann man dies modifizieren. Will man akzentuierte Bewegungen haben (z.B. Händeklatschen) verwendet man Akzentzeichen. Will man einen besonderen Bewegungsstil aufzeichnen so kann man mittels Vorzeichen die Bewegungen insgesamt modifizieren.

7.1. Raummasszeichen

Will man angeben ob ein Schritt weit oder kurz ist, ob die Arme oder Beine gebeugt oder gestreckt sind verwendet man Raummasszeichen.

1,2,3,4,5,6 = Grad des Zeichens - von ein wenig im 1. Grad bis vollständig im 6. Grad (z.B.: Eine Armgeste mit dem Zeichen A1 vor dem Richtungszeichen wird mit leicht gerundetem Arm ausgeführt)

A = Engezeichen ("Contraction") für enge Bewegungen
B = Weitezeichen ("Elongation") für weite Bewegungen
C = Krümmen ("Folding")
D = Geraderichten ("Unfolding")
E = Schließen ("Joining") - für laterale Bewegungen
F = Spreizen ("Spreading") - für laterale Bewegungen

Diese Zeichen können auch mit Richtungen kombiniert werden, die Enge- und Weitezeichen modifiziert man mit Strichen, die anderen Zeichen werden entsprechend der Richtung gedreht.
G = Engezeichen 1. Grades über vorne; - über vorne rechts;
Weitezeichen 1. Grades über hinten; - über links.
H = Krümmen 1. Grades über vorne; - über vorne rechts;
Geraderichten 1. Grades über hinten; - über links.

I = Dreidimensionales Zusammenziehen (z.B. wenn die Hand zu einer Faust geformt wird)
J = Dreidimensionales Weiten

A = Extremitäten die mit denn Enge- und Weitezeichen gekennzeichnet sind werden auf einem graden Pfad entlang der Hauptrichtung dieser Extremitäten gebeugt oder gestreckt.
B = Extremitäten die mit denn "Folding" und "Unfolding" - Zeichen gekennzeichnet sind werden auf einem von der Hauptrichtung dieser Extremitäten ausgehenden gebogenen Pfad gekrümmt oder geradegerichtet.

C - H = Beispiel für die Verwendung der Enge- und Weitezeichen:
D = Schritt mit leicht gebeugten Knie auf das rechte Bein (der Grad der Beugung - Abstand des Gewichtszentrums zum Boden wird mit einem Enge- oder Weitezeichen neben dem Richtungszeichen angegeben, das Richtungszeichen gibt den ungefähren "level of support" an).
E = Ebenso mit dem linken Bein, das rechte Bein geht ins sur le cou-de-pied.
F = Sprung - beiden Beine gestreckt (Weitezeichen vor dem Richtungszeichen) rechtes Bein tief vorne, linkes Bein tief hinten - beide Beine sind etwas nah zusammen (Engezeichen neben den Richtungszeichen).
G = Landen auf rechtem Bein mit leicht gebeugtem Knie (Engezeichen neben dem Richtungszeichen).
H = Zwei (Räumlich) kurze Schritte (Engezeichen vor den Richtungszeichen).

I = Beispiel für die Analyse einer Handhaltung:
Die Hand ist dreidimensional maximal eng zusammengezogen, der Zeigefinger und der Mittelfinger (Punkte am Fingerzeichen) sind gestreckt und die beiden Finger sind gespreizt.

7.2. Akzentzeichen

Um die Dynamik von Bewegungen angeben zu können verwendet man Akzentzeichen.

A = Ein leichter Akzent (es wird nur ein leiser oder kein Ton erzeugt falls ein Körperteil mit einem anderen oder dem Boden in Berührung kommt)
B = Ein starker Akzent (es wird ein Ton erzeugt falls ein Körperteil mit einem anderen oder dem Boden in Berührung kommt)
C = Einen noch stärkeren Akzent kann man mit mehreren Akzentzeichen ausdrücken.
D = Eine passive Bewegung.
E = Eine schüttelnde Bewegung.
F = Hebung mit Schwung.
G = Schwer - mit Gewicht - Reaktion auf die Schwerkraft.
H = Stark.
I = Zart.
J = Entspannt.
K = Betont.
L = Nicht betont.
M = Elastisch (federn).
N = Stark elastisch (federn).

O = Ein Beispiel für den Einsatz des Akzentzeichens:
Drei kurze Stampfende Schritte, danach drei mal in die Hände klatschen (zu den Kontaktbögen weiter unten).

7.3. Vorzeichen (Key Signatures)

Um Global Eigenarten eines bestimmten Stils angeben zu können verwendet man Vorzeichen (Key Signatures) vor dem Score.

Hier zum Beispiel ein Vorzeichen für Ballett:
Die Beine sind auswärts gedreht und gestreckt, die Ellbogen leicht einwärts gedreht und gerundet.

Das Vorzeichen wird in Doppellinien eingeschlossen, es gilt immer dann wenn nichts Abweichendes angegeben wird. Möchte man später etwas aufzeichnen was so interpretiert werden soll wie es geschrieben steht ohne Berücksichtigung des Vorzeichens so verwendet man ein * (Sternchen).


8. Verbindungsbögen

Um anzugeben das etwas mit etwas anderem in Zusammenhang steht, verwendet man (wie in der Musik) Bögen.

8.1. Vertikale Bögen

Vertikale Bögen geben an, das etwas zeitlich zusammen geschehen soll, zeigen Phrasierungen an, schließen Körperteile in Bewegungen mit ein oder fügen Bewegungsqualitäten hinzu.

A = Ein runder Bogen ("simultaneous action bow") der verschiedene Körperteile verbindet zeigt an, daß die Aktionen gleichzeitig ablaufen (Hier: Bein diagonal nach vorne tief und gleichzeitig den Fuß diagonal nach vorne hoch - "flex").
B = Ohne Bogen laufen die Aktionen nacheinander ab (Hier: erst Bein diagonal nach vorne tief dann Fuß diagonal nach vorne hoch).
C = Ein runder Bogen ("phrasing bow") der gleiche Körperteile verbindet, zeigt die Phrasierung von Bewegungen an (Hier: Arm von unten über vorne nach oben, dann Arm von oben über hinten nach unten).
D = Das gleiche, aber jetzt in einer statt zwei Phrasen.
E = Hier zeigt der Bogen ("simultaneous action bow") eine Überlappung von zwei Aktionen an (Hier: Arm nach vorne, in der zweiten Hälfte der Armbewegung bereits damit beginnen den Unterarm nach seite links mitte zu bringen, in der zweiten Hälfte der Unterarmbewegung den Rest des Arms nicht mehr bewegen).
F = Steht ein Zeichen für ein Körperteil im Bogen so heißt das, dieses Teil führt die Bewegung (Hier: Der Ellbogen führt die Drehung).
G = Ein Bogen mit abgerundeten Ecken zeigt an, daß ein Körperteil in die Bewegung mit einbezogen wird (Hier: Die Schulter wird bei der Armbewegung mitbewegt).
H / I = Ein viereckiger Bogen fügt einen Aspekt zu einer Bewegung hinzu (Hier: Alle Bewegungen werden Akzentuiert ausgeführt. Bzw.: Alle Bewegungen sind räumlich kurz).

8.2. Horizontale Bögen

Horizontale Bögen geben an das etwas in einem räumlichen Zusammenhang geschehen soll.

Es gibt Grundformen von Bögen, die in ihrer einfachen Form für eine kurzzeitige Raumbeziehung stehen:

A = Grundform des Bogens für "Address" - Schaut oder zeigt z.B. jemand auf etwas so wird dieser Bogen benutzt.
B = Grundform des Bogens für "Near" - Etwas ist in räumlicher Nähe ohne es zu berühren.
C = Grundform des Bogens für "Touch" - Etwas berührt etwas (z.B. Das Händeklatschen oben).
D = Grundform des Bogens für "Suport" - Wird Gewicht aufgenommen, z.B. bei Hebungen wird dieser Bogen verwendet.

Diese Grundformen werden verschieden variiert:

E = Durch ein Raummasszeichen - Durch das Engezeichen wird größere Nähe angezeigt so ist z.B. die Berührung hier ein Greifen.
F = Durch doppelte Linien - Sie zeigen eine "vorüberstreifende" (Passing, Sliding) Beziehung an (z. B. Hände aneinander abwischen).
G = Durch ein "Hold" Zeichen - für anhaltende Raumbeziehungen. Diese Beziehung gilt bis sie explizit aufgehoben wird.


9. Pfade, Bodenwege, Bodenpläne

Es gibt zwei Arten um die Wege und Positionen im Raum aufzuzeichnen, direkt im Liniensystem oder bei komplexeren Wegen in Bodenplänen.

9.1. Pfade, Bodenwege

Bewegungspfade werden direkt im Liniensystem aufgezeichnet, meist geben sie als Bodenwege an wie sich der ganze Körper im Raum bewegt, man kann aber auch Pfade für einzelne Körperteile angeben. Bodenwege stehen in der rechtesten Spalte des Liniensystems - der Normalfall - der grade Pfad wird meistens nicht explizit aufgeschrieben.

A = Ein grader Pfad.
B = Ein runder Pfad nach rechts-drehend.
C = Ein grader Pfad nach links.
D = Ein kleiner Viertel-Kreis nach rechts.
E = Drehend auf gradem Pfad (z.B. beim Walzer).
F = Ein größer werdender runder Pfad (Spirale) nach links.

9.2. Bodenpläne

Bodenpläne stehen unter oder neben dem Liniensystem um einen schnellen Überblick über die Bewegungen im Raum zu gewinnen und um komplexere Situationen zu beschreiben. Manchmal erscheinen sie, an kritischen Stellen, in miniaturisierter Form auch im Liniensystem.

A = Symbole für die Anfangsposition der Darsteller (Girl Boy Person).
B = Symbole für die Endpositionen der Darsteller (Sie werden verwendet wenn es notwendig erscheint die Endposition zu klären).
C = Ein Beispiel für einen Bodenplan, das Viereck ist zum Zuschauerraum offen. Unter dem Bodenplan stehen die Taktnummern.
D = Zeichen für die Angabe der Position im Raum.
E = Ein Positionszeichen mit Weitezeichen gibt eine Position außerhalb der Bühne an.
F = Ein Positionszeichen mit Engezeichen steht für die Nähe zur Bühnenmitte.
G = Die Kombination von Positionszeichen ergibt Zwischenpositionen.
H = Pins an den Positionszeichen unterteilen die einzelnen Bühnenbereiche weiter.


10. Nachwort

Dies war nun ein kurzer Einblick in die Labanotation, es gibt noch Zeichen die ich hier nicht beschrieben habe und viele, viele Details. Eine Bewegungsschrift muß so einfach wie möglich und so komplex wie nötig sein - Labanotation erfüllt diese Anforderungen.
Die Sprache des Menschlichen Körpers ist komplex und es wird nicht möglich sein sie mittels von Computern befriedigend zu Simulieren, bevor nicht auch Informatiker ihre Versuche von groben Vereinfachungen, in der Simulation und Notation von Bewegung, aufgeben und sich die Erfahrungen die, in den letzten siebzig Jahren (und den Jahrhunderten davor), in der Tanzschrift gesammelt wurden zunutze und zu eigen machen.
Wer mehr über Labanotation erfahren will sollte sich das Buch von Ann Hutchinson "Labanotation" beschaffen.

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