Dem Tod des Patroklos folgt die ausführlichste Beschreibung eines homerischen Begräbnisses (Il. 18, 315ff; Il. 23, 6ff; u. 128ff.). Daneben gibt es noch eine Massenbestattung achäischer und trojanischer Kämpfer (Il. 7, 331ff; u. 424ff.) sowie die Einzelbestattungen des Eetion (Il. 6, 416ff.), des Sarpedon (Il. 16, 678ff.), des Hektor (Il. 24, 580ff; u. 707ff.), des Achill (Od. 24, 43ff.), des Phrontis (Od. 3, 284f.) und des Elpenor (Od. 11, 51ff; 12, 11ff.). Wir werden die Textpassagen zu den Bestattungen des Patroklos und des Hektor lesen. Anhand der Quellen werden wir den Ablauf eines homerischen Heldenbegräbnisses rekonstruieren und die elementaren Abschnitte herausarbeiten. Zentral in den Epen ist der Begriff der "Ehrengabe an die Toten" (géras thanóntōn), der Sitten umfaßt, die die Hinterbliebenen den Toten schuldig sind. Eine Verweigerung dieser Ehrengaben wird nicht nur von den Toten, sondern auch von den Lebenden gerügt und auch erbitterten Feinden werden diese in der Regel gewährt. Auch Achill, der zuerst Hektors Leichnam schändet und später zur Einsicht kommt, erfüllt diese Pflichten am Mörder seines besten Freundes Patroklos. PowerpointDie im Seminar vorgestellte Powerpoint-Präsentation kann man sich hier als pdf-Datei (2,3 MB) herunterladen.
TexteHier können sie sich die Texte runterladen die im Kurs gelesen werden: Hektorbegräbnis Text 1 und Text 2 Lesen Sie die Quellen unter folgender Aufgabenstellung: "Beschreiben Sie die einzelnen Abschnitte des Begräbnisses! Was wird in den Klagegesängen (góoi) der Frauen thematisiert?" Patroklosbegräbnis Text 1 und Text 2 Lesen Sie die Quellen unter folgender Aufgabenstellung: "Beschreiben Sie die einzelnen Abschnitte des Begräbnisses! Was unterscheidet dieses Begräbnis von der Hektorbestattung und warum?"
Der Totenkult in den EpenWaschung und SalbungManolis Andronikos behauptet, "dass Homer an keiner Stelle die Totenwaschung - wie Grabhügel und Stele und sogar die Totenklage und das Schließen der Augen als géras thanóntōn bezeichnet." Dieser Aussage muss widersprochen werden, da die Totenwaschung zusammen mit der Totenklage und der Aufbahrung von der Psyche des Freiers Amphimedon ausdrücklich als géras thanóntōn bezeichnet wird (Od. 24, 189f.). Andronikos hat Recht, wenn er bemerkt, dass die Toten der Ilias und der Odyssee allesamt Krieger und von Dreck und Blut zum Teil bis zur Unkenntlichkeit bedeckt sind (Il. 7, 424f.) womit die Frage durchaus Berechtigung hat, ob die im Kampf gefallenen Krieger vor ihrer Aufbahrung bzw. Beisetzung nur deshalb gewaschen und gesalbt werden, weil sie so verschmutzt sind. Trojaner und Achaier waschen ihre im Kampf gefallenen Gefährten (Il. 7, 424f.), Zeus weist Apollon an, den toten Sarpedon vom Blute zu befreien und ihn zu salben (Il. 16, 667ff.). Dem Patroklos wird ebenfalls der blutige Schorf mit erhitztem Wasser entfernt und danach der Körper gesalbt (Il. 18, 343ff.). Achill befiehlt seinen Dienerinnen den toten Hektor vor der Übergabe an Priamos zu waschen und zu salben (Il. 24, 582ff.). Auf der Asphodeloswiese berichtet die Psyche des Agamemnon der Psyche des Achilleus, wie die Leiche des Peliden mit warmem Wasser gereinigt und anschließend gesalbt wurde (Od. 24, 44f.). Zwei weitere Einwände gegen die Bezeichnung der Waschung und Salbung als géras thanóntōn sollen nicht unerwähnt bleiben. Hektors Leiche wird nach der Übergabe nicht erneut gewaschen und gesalbt - dies haben die Dienerinnen des Achilleus schon getan (Il. 24, 582ff.) - obwohl ihm sonst alle Ehrbekundungen von seiner Familie erwiesen werden (Il. 24, 704ff.). Hektors Angehörige sehen anscheinend keinen Grund den Ritus zu wiederholen, da er in vorgeschriebener Weise durchgeführt worden war. Achilleus hatte die Anweisung erteilt, um Priamos nicht zu erzürnen, doch warum sollte Priamos beim Anblick des ungewaschenen Leichnams seines Sohnes in Zorn geraten - insbesondere wenn man bedenkt, was Achilleus mit Hektors Leiche angestellt hatte (Il. 22, 395ff.)? Es war eben doch ein géras thanóntōn den Toten zu waschen und zu salben. Das Salben der Toten kann nicht als Einbalsamierung gedeutet werden. Der Leichnam wurde gesalbt, um lokalen Verwesungserscheinungen vorzubeugen und große Wunden abzudecken, die bei Patroklos mit neunjährigem Balsam verschlossen wurden (Il. 18, 351). Allein die Götter sind im Stande einen Leichnam zu konservieren. So behandelt Thetis den toten Patroklos (Il. 19, 38f.) nachdem Achill fürchtet, dass der Leichnam seines Freundes von Maden und Fliegen zerstört wird (Il. 19, 23ff.). Ebenso verfahren Apollon und Aphrodite mi Hektor, dessen Leiche den härtesten Strapazen durch Achill ausgesetzt ist: Sie salben ihn, halten die Hunde fern, schützen den Leichnam vor der Sonne und vor den Wunden des Schleifens (Il. 23, 185ff.). Schließen der AugenAuch das Schließen der Augen durch die Gattin des Toten wird als géras thanóntōn bezeichnet (Od. 24, 294ff.). In dieser Textstelle wird beschrieben, dass Penelope dieser Pflicht bei Odysseus nicht hätte nachkommen können, da er fern der Heimat läge. Die Psyche des Agamemnon wirft seiner Frau Klytaimnestra vor, seinem Leichnam nicht die Augen und den Mund geschlossen zu haben (Od. 11, 424ff.). Kleidung des Toten in ein LeichengewandNach der Waschung und der Salbung wird der Tote mit einem Leichengewand bekleidet. Das bekannteste Leichentuch der Epen ist sicher das Gewebe, das Penelope für Laertes webt und das sie immer wieder aufribbelt um den Freiern zu entgehen, wodurch sie Jahre mit dem Weben verbringt. Diese kurze Episode wird in der Odyssee drei Mal erzählt (2, 94ff; 19, 141ff; 24, 129ff.). Das Tuch der Penelope unterscheidet sich deutlich von den anderen Leichentüchern der Epen: Vom Freier Antinoos wird es als ungewöhnlich groß (Od. 2, 95) bezeichnet, ebenso berichtet dies die Psyche des toten Amphimedon dem Agamemnon (Od. 24, 130) und Penelope selbst (Od. 19, 140). Sicher war die Größe des Tuchs Teil der List der Ehefrau des Odysseus, doch Ian Morris betonte, dass "the suitors were supposed to have had no suspicions when she spent three years on the task", womit dessen Bedeutung innerhalb der Bestattung hinreichend belegt ist. Die ProthesisDer Tote wird eingehüllt auf eine Unterlage gelegt, die bis auf eine Ausnahme als léchos bezeichnet wird. Die Dauer der Aufbahrung des nach den oben beschriebenen géras thanóntōn behandelten Toten umfasste bei der Bestattung des Patroklos einen Tag und eine Nacht. Am 26. Handlungstag (16. u. 17. Gesang) stirbt Patroklos, wird von den Gefährten ins Lager gebracht und dort auf die Bahre gelegt. Erst am nächsten Tag (27. Handlungstag, 18. Gesang) wird dem Toten das géras thanóntōn zuteil, womit die eigentliche Aufbahrung beginnt. Sicher wurde ein gefallener Krieger nicht vollkommen verschmutzt aufgebahrt. Die Bestattung erfolgte am 28. Handlungstag (23. Gesang). Anders verhält es sich bei der Aufbahrung des Achill und des Hektor. Achill wird siebzehn (Od. 24, 63f.), Hektor neun Tage und Nächte (Il. 24, 784f.) aufgebahrt. Die Dauer der Aufbahrung wird als ungewöhnlich lang bezeichnet, was mit dem außergwöhnlichen Status der Bestatteten verbunden wird. Die TotenklageDas Beweinen bzw. Beklagen des Toten wird als géras thanóntōn (Il. 23, 9; 24, 784ff.) bezeichnet. Bei der Prothesis des Hektor (Il. 24, 719ff.) werden gemietete Sänger (aoídoi) an die Bahre gestellt, die trēnoi singen, bei Achills Bestattung übernehmen dies die neun Musen (Od. 24, 60f.). Über den Inhalt dieser trēnoi werden keine Angaben gemacht. Anders sieht es bei den góoi der Frauen aus (siehe góos der Briseis (Il. 19, 286ff.) für Patroklos, der Andromache (Il. 24, 724ff.), der Hekabe (Il. 24, 748ff.) und der Helena (Il. 24, 762ff.) für Hektor, sowie Achills Klage für Patroklos (Il. 23, 17ff.)). Die Frauen stimmen den góos an und beklagen darin ihr eigenes Schicksal, den Verlust den der Tod des Beklagten für sich und die Familie bedeutet, die Taten des Toten und dessen rühmliche Charaktereigenschaften. Wie die trēnoi werden auch die góoi öffentlich vorgetragen (Il. 24, 776). Die beiden Klagearten in eine offizielle (trēnoi) und eine persönliche (góos) Totenklage zu trennen, wie es die bisherige Forschung tat (Eugen Reiner, Manolis Andronikos), lehnt Beate Wagner-Hasel ab. Sie will die góoi zu Ehren des Hektor nicht nur als "Ausdruck des persönlichen Schmerzes" verstanden wissen, sondern sieht in ihnen auch eine öffentliche, offizielle Totenklage, die "die zentralen Werte der homerischen Gesellschaft zum Inhalt hat." In bestimmten Fällen kann dieses géras thanóntōn auch weggelassen werden. So unterbleibt die Totenklage bei einer trojanischen Massenbestattung auf Befehl des Priamos (Il. 7, 427.) und auch Odysseus untersagt die Totenklage, da man rasch fliehen muß (Od. 9, 468f.). Es wird sogar Kritik an der Totenklage geübt, da sie den Toten nicht wieder lebendig mache (Il. 24, 524 u. 549ff; Od. 4, 543f.). Schlagen und Zerkratzen der BrustBei der Klage um den Verlust des Patroklos zerkratzt sich Briseis das Gesicht, den Hals und die Brust (Il. 19, 284f.), die Mägde des Achill schlagen sich die Brust bist zur Ohnmacht (Il. 18, 30f.). Dies kann als ein individueller, keinesfalls offizieller Trauergestus verstanden werden, der allein aus der Stärke des persönlichen Schmerzes und der Trauer entsteht. Umschreitung des TotenEine weitere Grabsitte - die in Verbindung mit dem Beweinen als géras thanóntōn bezeichnet wird - ist das Umschreiten des Toten bzw. des Grabhügels. Achill weist die Myrmidonen an, den Leichnam des Patroklos mit den Wagen zu umfahren (Il. 23, 7ff.). Dies wird drei Mal wiederholt. Wenn Achill den toten Hektor an seinen Wagen bindet und diesen erneut drei Mal um das Grab seines Freundes schleift (Il. 24, 14ff.), kann dies sicher nicht als gängige Grabsitte gedeutet werden. Auch bei Achills Begräbnis (Od. 24, 68-70) laufen die Achaier in voller Rüstung um das Leichenfeuer herum. Interessant ist die Bedeutung die das Herumführen einer Person oder eines Gegenstandes um den Toten hatte. Nach Andronikos und Anderen bedeutete dies ein Weihen des Herumgeführten an den Toten. Das TotenmahlNach der Bestattung des Hektor (Il. 24, 801ff.) ziehen sich die Trauernden in den Palast des Priamos zurück, um dort ein Mahl zu Ehre des toten Helden abzuhalten. Problematisch ist die Deutung des Speisens in unmittelbarer Nähe der Leiche des Patroklos (Il. 23, 28ff.). Andronikos bezeichnet das Mahl als Leichenschmaus und sieht darin eine rohe Sitte der Kriegergemeinschaft, die so sehr abweicht vom Totenmahl der vornehmen Palastgemeinschaft. Es ist die Tatsache, dass im Beisein von zwei Leichen gespeist wird, was Andronikos zu dieser Aussage verleitet hat. Auch in der Odyssee wird kurz ein Totenmahl erwähnt (Od. 3, 309f.), jedoch ohne weitere Angaben zu Ort und Zeitpunkt während der Bestattungsriten. Hier ist jedoch interessant, dass Orest ein Totenmahl für zwei von ihm getötete Menschen ausrichtet. Fest steht, dass das Totenmahl ein obligatorischer Bestattungsritus war. Ort und Zeitpunkt des Speisens kann aber nicht mit Sicherheit benannt werden. Die EkphoraNach der Totenklage wird der Leichnam vom Ort der Prothesis zum Verbrennungsort überführt. Dieser Ritus wird für die Hektorbestattung nur kurz erwähnt (Il. 24, 785ff.), die Ekphora des Patroklos dagegen wird ausführlicher beschrieben (Il. 23, 131ff.): Gefährten tragen den, von geschorenem Haar überhäuften Leichnahm auf einer Bahre, während Achill den Kopf seines Freundes in den Händen hält. Diese Geste führt bei Hektors Aufbahrung seine Frau Andromache ausführt (Il. 24, 724). An der Ekphora nehmen alle Achaier teil (Il. 23, 156ff.). Schneiden des Haars und Beigabe des HaaresInnerhalb des Berichts über die Bestattung des Achill wird nur von der Sitte des Haarscherens gesprochen (Od. 24, 45f.), ebenso verhält es sich in der Textstelle Od. 4, 197f. Die Gefährten des Patroklos überhäufen den Leichnam mit ihrem abgeschnittenen Haar, so dass er von Kopf bis Fuß damit bedeckt ist (Il. 23, 135). Auch Achill legt dem Toten sein Haar bei, obwohl dieses einem Gott versprochen ist (Il. 23, 140ff.). Dies ist die einzige Bestattung in den Epen, bei der explizit von einer Haargabe im Totenkult gesprochen wird. Ich habe es bewusst vermieden von einem Haaropfer zu sprechen, da dies nicht am Text festzumachen ist, da nicht von opfern, sondern nur von geben gesprochen wird. Trennt man beide Bräuche voneinander, wie Martin P. Nilsson und ihm folgend Andronikos es taten, wäre das Scheren der Haare eine gesteigerte Trauergeste, das geschorene Haar dem Toten beizugeben eine Sondergeste für Patroklos. In Od. 4, 197f. wird erwähnt, dass es rechtens ist zu klagen und sich die Haare zu scheren, wenn jemand gestorben ist, kein Wort von einer gesteigerten Trauergeste. Auch bei Achills Bestattung scheren sich seine Kampfgefährten die Haare (Od. 24, 45f.). Wird in der Haargabe jedoch ein Opfer gesehen, wird dieses mit dem vorhomerischen Totenglauben verbunden: Das Haaropfer sei ein symbolisches Selbstopfer, da der Tote gern von seinen Freunden begleitet werde oder das Haar werde als Sitz einer besonderen Kraft angesehen, mit der man den Toten - wie mit einem Blutopfer - stärken könne. Die KremationDie homerischen Epen kennen als Bestattungsart allein die Kremation (Il. 6, 416ff; 7, 427ff; 23, 161ff; 24, 778ff; Od. 11,218ff; 12, 11ff;). Die ausführlichsten Beschreibungen dieses Vorgangs finden wir bei den Bestattungen des Patroklos (Il. 23, 161ff.), Hektors (Il. 24, 778ff.) und Achills (Od. 24, 65ff.). Andronikos bemerkt, dass es sich hier um große Helden handelt und diese Einäscherungen vom Dichter mit "vielen Übertreibungen oder wenigstens ungewöhnlichen Eigenheiten" ausgeschmückt worden sind. Bau des ScheiterhaufensZuerst wird das Holz gesammelt. Dies dauert bei Hektors Bestattung volle neun Tage und eine große Menge Holz wird angeschleppt (Il. 24, 784). Es klingt so, als ob die neun Tage benötigt werden, um genug Holz sammeln zu können, doch dauert die gleiche Prozedur bei den Achaiern ca. einen halben Tag und wird von Meriones, dem zweiten Befehlshaber der kretischen Kämpfer koordiniert (Il. 23, 110ff.). Patroklos Scheiterhaufen soll eine Ausdehnung von 100 Fuß im Quadrat gehabt haben (Il. 23, 164), eine absurde Größe. Der tote Hektor wird dann oben auf den Scheiterhaufen gelegt und das Holz entzündet (Il. 24, 787.). Beigaben und deren DeutungBei Patroklos Verbrennung werden noch viele Schafe und Rinder geschlachtet. Ihnen entnimmt Achill das Fett und bedeckt damit den Leichnam des toten Freundes. Die Kadaver werden auf den Scheiterhaufen geworfen. Ebenso verfährt er mit vier Pferden und zwei Hunden, auch die zwölf jungen Trojaner werden auf den Scheiterhaufen gelegt. Gegen die Totenbahre lehnt er Amphoren, gefüllt mit Honig und Salböl (Il. 23, 166ff.). Dann will Achill den Scheiterhaufen entzünden (Il. 23, 177.). Bei Achills Bestattung werden ebenfalls Schafe und Rinder geschlachtet und Honig und Salböl mitverbrannt (Od. 24, 65ff.). Als was sind diese Beigaben nun zu bezeichnen? Das Verbrennen der Tiere als Opferung zu bezeichnen lehnt George E. Mylonas ab. Das Fett der geschlachteten Tiere sei auf den Leichnam des Patroklos gelegt worden, um seiner Meinung nach den Brennvorgang zu beschleunigen. Andronikos sieht - wie viele andere vor ihm - in den Beigaben eine Wegbegleitung bzw. Wegzehrung des Toten in den Hades. Schnaufer sieht - auf Grund seiner Theorie, dass die Psyche schon im Hades ist und mit der Welt der Lebenden nicht mehr in Kontakt steht - diese Bedeutung der Beigaben nicht mehr. Er bezeichnet diese Sitte als alte mykenische Tradition, die "nur noch zeremonielle Bedeutung" habe. Es habe "schicklich" zu sein. Bei den Beigaben gehe es nicht mehr um die materiellen Bedürfnisse des Toten, sondern mit der Verbrennung reicher Beigaben würden dessen Ruhm und Ehre verkündet. Dies drücke sich insbesondere in den Wettkämpfen und deren Preise aus, die nach dem Begräbnis stattfänden (Il. 23, 257ff; Od. 24, 93f.). Die Bitte des Elpenor, man möge ihm das Ruder auf den Grabhügel setzen (Od. 11, 77f.) ließe eine potentielle Beigabe, die eigentlich hätte mit dem Toten verbrannt werden müssen, zu einem Monument werden, das von der Ehre des ehemaligen Verwenders verkünde. Die Waffen der HeldenUngewöhnlich ist, dass die Waffen der Helden Achill, Hektor und Patroklos bei der Beschreibung der Bestattungsriten nicht erwähnt werden. Krieger wie z. B. Elpenor (Od. 11, 74 u. 12, 13.) und Eetion (Il. 6, 418.) wurden mit ihrer Rüstung verbrannt; Mylonas geht daher davon aus, dass "in normal cases the armour of a warrior was burned with his body." Doch wird ein Krieger im Zweikampf besiegt, kann ihm die Rüstung vom Sieger abgenommen werden. Um den Toten und dessen Rüstung entbrennen in der Ilias heftigste Kämpfe. Eine einfache Erklärung für dieses Phänomen bieten Andronikos und Mylonas: Patroklos verliert seine geliehene Rüstung im Kampf gegen Hektor, dieser zieht die eroberte Rüstung an und wird von Achill besiegt, der die Rüstung wieder an sich nimmt. Da beide Helden ihre Rüstung verloren haben, werden sie nicht darin bestattet. Achills Rüstung ist göttlichen Ursprungs und kann nicht verbrennen. Die Tötung der TrojanerDie Tötung der zwölf trojanischen Kouroi (Jünglinge) am Scheiterhaufen des Patroklos, weckt bei Wissenschaftlern, die sich mit griechischer Religion und Begräbnissitten beschäftigen, großes Interesse. Der Dichter bezeichnet Achills Handlung als "eine schlechte Tat" (Il. 23, 176), womit er sich von Achills Tat distanziert. Es ist eine Zornesäußerung und Rache für den Tod des Freundes. Dennis Hughes bemerkte, dass die Wortwahl des Dichters bei der Tötung keine speziellen Termini aufweist, sondern dass die Wörter aus der Tieropferung und dem Kampfgeschehen stammen. Auch wenn die Tötung gegnerischer Kämpfer als Rache für den Tod eines Freundes legitim war und in der Ilias häufig praktiziert wurde, leistet sich Achill hier einen ungerechten Zorn, der sich im Schlachten von wehrlosen Menschen zeigt, die er speziell für diesen Zweck wie "Hirschkälber" gefangen hat (siehe dazu: Il. 21, 26-32; den Schwur zu dieser Tat gibt er schon in Il. 18, 336f.). Die Frage ist, als was man die Tötung der Trojaner versteht. Achills Tat wurde als Menschenopfer aufgefasst, das dazu dienen sollte, dem Toten Begleiter für seinen Aufenthalt im Hades zu liefern. Gleichzeitig wurde es aber abgelehnt, dass dieser Ritus noch zu Lebzeiten des Dichters während des Totenkults praktiziert wurde. Eine Erinnerung daran bestand möglicherweise noch. Eine andere Theorie legt Dennis Hughes in seinem Buch "Human Sacrifice in Ancient Greece" vor. Er sieht u. a. in der "cool-headed" Vorbereitung der Tötung der Trojaner (Il. 21, 26-32) einen "special, ritualized act of vengeance", der dem Dichter bekannt war und möglicherweise auch noch durchgeführt wurde. Für ihn ist das Begräbnis dann ein "natural and suitable occasion for the exaction of vengeance." Entzünden und Löschen des FeuersBei Patroklos Bestattung tauchen beim Entzünden des Scheiterhaufens Probleme auf (Il. 23, 192ff.), die nur durch anbeten der Winde gelöst werden können. Möglicherweise war der Scheiterhaufen zu groß. Das Anrufen des Toten und das Begießen des Feuers mit Wein, ist ein Ritus den allein Achill ausführt (Il. 23, 217ff.), bei den anderen Begräbnissen wird dies nicht erwähnt. Das heruntergebrannte Feuer wird am nächsten Morgen mit Wein gelöscht (Il. 23, 250), so wie es Achill geboten hat (Il. 23, 237f.). Danach werden die Knochen eingesammelt, wobei sorgsam darauf geachtet werden soll, dass nur die Knochen des Patroklos geborgen werden. Sie seien einfach von den anderen zu unterscheiden, da sich der Leichnam des Patroklos in der Mitte der Glut befand, die Pferde und Männer (Trojaner) gemischt am Rande (Il. 23, 238ff.). Die UrneDie Gebeine des Toten werden in ein Gefäß gefüllt. Bei Patroklos ist es eine goldene Phiale (Schale) (Il. 23, 243 u. 253), bei Hektor eine goldene Larnax (Kasten) (Il. 24, 795) und bei Achill eine goldene Amphora (Od. 24, 74). Die goldene Phiale für Patroklos Gebeine ist wohl als Provisorium zu verstehen, da die Knochen nicht sofort beigesetzt werden, sondern erst später - mit Achills Knochen vermischt - in einer goldenen Amphora bestattet werden. Hektors Knochen werden in einen goldenen Kasten gelegt. Interessant ist auch der Umgang mit den Knochen. Hektors Gebeine werden in ein purpurnes, weiches Gewebe gehüllt und dann erst in die Larnax gebettet (Il. 24, 796). Patroklos Knochen werden mit doppeltem Fett bedeckt und anschließend wird ein Tuch herumgewickelt. Danach wird die Urne in Achills Zelt gebracht (Il. 23, 253f.). Achills Knochen werden mit Wein und Salböl behandelt und dann zusammen mit den Gebeinen des Patroklos in die von Göttern geschaffene goldene Amphora gefüllt (Od. 24, 73ff.). Das Aussondern der Knochen aus der Asche konnte möglicherweise auch unterbleiben. Dann wurde die Erde direkt auf die Brandstelle aufgeschüttet (siehe Il. 6, 418f; 7, 430ff; u. Od. 12, 13f.). Der GrabhügelNach der Verbrennung wird ein Erdhügel aufgeschüttet (Il. 6, 418f; 7, 435f; 23, 255f; 24, 797f; Od. 11, 74ff; 12, 11ff; 24, 76ff.). Unklar ist meiner Meinung nach, ob der Hügel direkt über der Brandstelle errichtet wird und damit jene verdeckt, oder ob die Gebeine geborgen und an anderer Stelle niedergelegt werden, worüber dann der Erdhügel errichtet wird. Andronikos nimmt die erste Möglichkeit an und belegt dies mit folgenden Textstellen: Il. 6, 418f; 7, 435f; (hier möglicherweise doch, ) 23, 255f; Od. 11, 74ff; 12, 11ff. So wie ich die Verse verstehe, wird nur davon berichtet, dass ein Erdhügel errichtet wird, aber nicht, dass er auf der Brandstelle aufgeschüttet wird. Betrachten wir die Bestattung des Patroklos, geht aus der Textstelle Il. 23, 255f. eindeutig hervor, dass die Brandstelle mit Steinen umhegt und darüber dann die Erde aufgeschüttet wird, doch werden die Gebeine des Patroklos nicht unter dem Erdhügel bestattet, da sie ja mit den Überresten des Achill zusammen bestattet werden sollen. Achill gibt genaue Anweisungen, wie der Hügel aussehen soll (Il. 23, 245ff.). Er weist seine Mitstreiter an, keinen zu großen Hügel aufzuschütten, sondern einen, der "schicklich" ist (Il. 23, 245f.). Einen "unschicklichen" Hügel scheint Achill dann für sein Grab förmlich vorauszusetzen (Il. 23, 246ff.). Unter dem Hügel werden nur die Reste der toten Trojaner und Tiere liegen. Für das gemeinsame Grab soll später ein größerer Hügel errichtet werden (s. o.). Der Grabhügel bestand wohl nur aus Erdreich, allein über den Hügel über Patroklos Brandstätte erfahren wir ein paar Einzelheiten mehr. Zuerst wird ein Kreis um die Brandstelle gezogen, dann eine Steinlage gesetzt und darüber die Erde aufgeschüttet (Il. 23, 255f.). Hektors Larnax wird in eine Grube versenkt, auf die man große Steine legt, worüber der Erdhügel aufgeschüttet wird (Il. 24, 797f.). Die beiden Grabmäler unterscheiden sich deutlich und dies wurde auf verschiedene Arten zu erklären versucht. Die letzten Verse der Ilias wurden als "aus einer anderen Zeit stammende[r] Zusatz werkfremder Herkunft" angesehen. Andronikos sieht in den Unterschieden weder einen Hinweis auf einen zeitlichen Abstand, "noch auf die verschiedene ethnische Abstammung der beiden Helden", sondern erwägt, dass der Dichter die Grabmäler der beiden Gegner voneinander abheben wollte. Die Unterschiede lassen sich jedoch überzeugender erklären, indem man auf die unterschiedliche Nutzung der Hügel verweist. Hektors Hügel ist ein richtiges Grab, Patroklos Hügel ist nur ein Provisorium, ein Kenotaph oberhalb der Brandstätte. Der Grabhügel wurde an exponierter Stelle errichtet um vom Ruhme des Toten zu künden (Od. 4, 584; 24, 83f.). War er weithin sichtbar und wurde möglicherweise noch zu einem Orientierungspunkt, konnte der Tote unvergessen bleiben. So setzt Achill für sich und Patroklos wie selbstverständlich nach seinem Tod einen besonders großen Hügel voraus (Il. 23, 446ff.). Er ist sich seines außergewöhnlichen Ruhmes voll bewusst und dieser Ruhm wird durch einen großen Grabhügel verkündet und für alle sichtbar werden. Auf den Hügel wurde zudem eine Stele gesetzt. Beides galt als géras thanóntōn (Il. 16, 457 u. 675.) und wurde in den Epen zu einem Ausdruck (Il. 16, 457 u. 675; 17, 434; 11, 371; Od. 12, 14.). Die LeichenspieleAuf die Leichenspiele soll nur insofern eingegangen werde, als dass sie "zu Ehren" des Verstorbenen abgehalten werden. Sie sollen seinen Ruhm mehren und durch die wertvollen Kampfpreise die gewonnen werden können, wird der Tote im Gedächtnis der Lebenden bleiben (Od. 24, 90ff.).
LiteraturG. Ahlberg, Prothesis and Ekphora in Greek Geometric Art, Göteborg 1971. M. Andronikos, Totenkult, in: Archaeologia Homerica Bd. 3 Kap. W, Göttingen 1968. D. Bouvier, Les armes du mort: enquête sur le mobilier funéraire des tombes homériques, in: Le corps évanoui, les images subites (Hgg. V. Mauron, C. de Ribaupierre), Lausanne 1999, 188-197. R. S. J. Garland, Géras thanónton, Ancient Society 15/17 (1984/86) 5-22. D. D. Hughes, Human Sacrifice in Ancient Greece, London, New York 1991. H. Marwitz, Das Bahrtuch. Homerischer Totenbrauch auf geometrischen Vasen, AuA 10 (1961) 7-18. I. Morris, Burial and ancient society. The rise of the Greek city-state, Cambridge 1987. G. E. Mylonas, Burial Customs, in: A companion to Homer (Hgg. A. J. B. Wace, F. H. Stubbings), London 1967, 478-488. M. P. Nilson, Geschichte der Griechischen Religion (Bd. 1), HAW 5, 2, München (3. Aufl.) 1967. G. Pedaros, Homerische Begräbnisbräuche, Kernos 1 (1988) 195-206. Eugen Reiner, Die rituelle Totenklage der Griechen, Stuttgart, Berlin 1938. A. Schnaufer, Frühgriechischer Totenglaube: Untersuchungen zum Totenglauben der mykenischen und homerischen Zeit, Hildesheim, New York 1971. B. Wagner-Hasel, Der Stoff der Gaben: Kultur und Politik des Schenkens und Tauschens im archaischen Griechenland, Frankfurt/Main [u.a.] 2000. |