Lefkandi und Homer

 


Die Forschungsgeschichte

Die Ausgrabungen in Lefkandi wurden 1964 von der Britischen Schule in Athen in Zusammenarbeit mit dem griechischen archäologischen Dienst begonnen. In der folgenden Zeit wurden drei der sechs Friedhöfe ergraben und mehrere Schnitte in der Siedlung "Xeropolis" angelegt, deren antiker Name nicht bekannt ist. Erst 1980 wurde das sog. Heroon entdeckt, das zu dieser Zeit bereits einen schweren Schaden durch Bulldozerarbeiten davongetragen hatte.

Die ersten Veröffentlichungen erregten größtes Interesse und wurden schon früh mit den homerischen Epen in Zusammenhang gebracht.

Die Siedlungsgeschichte

Lefkandi liegt zwischen Chalkis im Norden und Eretria im Süden auf der Insel Euböa, in der fruchtbaren Lelantinischen Ebene.

Die älteste hier ergrabene Keramik deutet auf eine kontinuierliche Besiedlung seit dem 3. Jt. hin. Im 16. Jh. war Lefkandi eine florierende Siedlung. Um 1200 - als viele mykenische Städte zerstört und aufgegeben wurden - erfuhr Lefkandi einen weiteren Aufschwung. In dieser zweiten Siedlungsphase, als neue Bewohner kamen, deren Keramik figürlich verziert war, wurden die Toten im Haus bestattet und mit großen Pithos-Fragmenten bedeckt.

Es folgte eine dritte Phase, in der die Qualität der Keramik und der Bauten sank und die schließlich um 1100 in einem Bruch der Siedlungskontinuität auf der Anhöhe "Xeropolis" endete. Die Friedhöfe waren jedoch auch in dieser Zeit in ständigem Gebrauch. Im späten 11 Jh. setzte erneut ein Aufschwung ein, der nach Peter Blome "...Lefkandi für zwei Jahrhunderte neben Athen zur reichsten Stadt Griechenlands werden ließ." Dies erschließt sich uns aus den Grabbeigaben der Friedhöfe und des sog. Heroons, die einen Handel zwischen den Lefkandioten und Zypern, dem nahen Osten sowie Attika bezeugen. Im 10. und 9. Jh. strömen Luxusgüter nach Euböa: Fayenceketten und Fayencegefäße aus Phönizien, Bronzegefäße aus Ägypten und Zypern, orientalische Glasperlen, Stempelsiegel und Goldschmuck sowie Keramik aus Attika. Nach ca. 825 wurden in den ausgegrabenen Friedhöfen keine Gräber mehr angelegt. Die Ausgräber entdeckten einen Zerstörungshorizont, der um 800 datiert wird, doch kam es zu einer weiteren sporadischen Besiedelung im 8. Jh.

Kurz vor 700 brachte wohl die sog. lelantinische Fehde, zwischen Eretria und Chalkis, um die fruchtbare lelantinische Ebene, in die Lefkandi allein durch seine Lage involviert gewesen sein muß, die endgültige Zerstörung, nach der der Ort nicht mehr besiedelt wurde.

Die Architektur des Gebäudes

Das sog. Heroon liegt an dem am reichsten ausgestatteten Friedhof, dem sog. Toumba-Friedhof, der ca. einen Kilometer westlich von der Siedlung entfernt liegt. Das Gebäude war von einem Tumulus (Hügel) bedeckt.

Das nach Osten hin ausgerichtete Gebäude ist mit 45 auf 10m das größte bekannte Bauwerk seiner Zeit. Die Mauern sind partiell bis zu 1,50m hoch erhalten und wurden aus Lehmziegeln über einem Steinsockel errichtet. Innen sowie außen wurden Pfostenlöcher entdeckt, die die Ausgräber mit der Dachkonstruktion und einer sog. Veranda mit einer Tiefe von 1,80m in Zusammenhang bringen. Insgesamt ergibt sich damit als Breite für das Gebäude 13,80m und eine Länge von ca. 50m.

Einem fast quadratischen Ostraum ist ein Portal bzw. eine Veranda vorgelagert. Durch diesen Raum gelangt man in einen Zentralraum (ca. 22 auf 9m). Es existieren ein Durchlaß in der Südwand zur Südveranda und ein weiterer Durchgang zum Westkorridor. Dieser Korridor ist nur 3,30m lang, verbindet die beiden kleinen Räume, die als Nord- bzw. Südraum bezeichnet werden und mündet in einen ca. 9m langen Apsisraum.

Es wurde kein einheitliches Fundament für die Mauern angelegt. Zum Teil stehen die Mauern auf einer Steinbank, die an einigen Stellen mit einer Packung Ton begradigt wurde. Der untere Teil der Mauern besteht aus einem Steinsockel aus grobem grauem Marmor, der 1,15 -1,30m aufgeht. Über dem Steinsockel wurde die Mauer mit Lehmziegeln weitergeführt, Teile davon existieren noch. Innen war das Gebäude im Ostraum und teilweise im Zentralraum mit blaß-bräunlichem bzw. feinerem grünlichen Lehm verputzt. Für die Ausgräber war es schwierig den Fußboden von der Verfüllungsschicht zu trennen. In den Lehmboden waren keine Knochen oder Scherben festgetreten. Trotz dieser ausgrabungstechnischen Probleme wurde Binsen auf dem Boden und in der Verfüllung entdeckt, die man als Reste des Daches interpretierte.

Bemerkenswert sind weiterhin mehrere Gruben für Vorratsgefäße im Apsisraum, zwei Mauern im Zentralraum, die als begonnener aber nicht beendeter Treppenaufgang gedeutet wurden, sowie eine runde Steinsetzung im südlichen Teil des Ostraums, die wie ein Herd aussieht, in der jedoch keine Brandspuren entdeckt wurden und eine rechteckige Lehmziegelsetzung in der nordwestlichen Ecke desselben Raums.

In der Südost-Ecke des Zentralraums fand man eine Box aus ungebranntem Ton, die Holzasche und nicht mehr näher zu identifizierende, verbrannte Knochensplitter enthielt.

Der Fund der Bestattungen

Die Ausgräber deuteten den Bau zuerst als einen Tempel, doch dann stießen sie im Zentralraum auf zwei vormals getrennte Grabschächte. Der nördliche, 2,23m tiefe Schacht enthielt die Skelette von vier Pferden, der südliche 2,63m tiefe Schacht enthielt eine Doppelbestattung.

Zwei der vier Pferde, in dem einfach ausgehobenen Schacht, hatten noch eiserne Trensen im Maul.

Der Grabschacht der Doppelbestattung war bis zu einer Höhe von ca. 0,95m mit Ziegeln ausgekleidet.

Die Körperbestattung des Doppelgrabes ist das Skelett einer Frau. Sie war mit dem Rücken auf den Boden gelegt worden. Der Kopf hat sich leicht aus der Körperachse verschoben, die Arme waren auf den Unterleib gelegt und möglicherweise - die Ausgräber können sich hier nicht zu einer definitiven Aussage durchringen - waren Hände und Füße gekreuzt. Neben dem Haupt lag ein eisernes Messer mit elfenbeinernem Griff. Auffällig sind die kostbaren Beigaben: zwei goldene Haarspiralen, ein Ring aus Gold sowie einer aus Elektron, ein goldenes Medaillon mit granulierten Kreis- und Sternmustern, befestigt an einer Halskette aus Fayenceperlen, zwei goldene Brustscheiben mit Spiralmuster, ein halbmondförmiges Pektoral und verschiedene Gewandnadeln aus Eisen und Bronze.

Der Leichnam lag möglicherweise in einem hölzernen Sarg, da Holzspuren unter und an den Knochen gefunden wurden. Die Holzspuren könnten jedoch auch von einem hölzernen Boden und einer Abdeckung der Schächte stammen, die dann irgendwann zusammenbrach und die Verfüllung in die Schächte eindringen ließ.

Neben der Frau stand, möglicherweise in einer hölzernen Kiste deponiert - wenn die Holzreste nicht zu der oben erwähnten Schachtabdeckung und dem Boden gehörten - eine bronzene Amphora mit einer rekonstruierten Höhe von ca. 71cm, die durch die Verfüllung des Grabes zusammengedrückt worden war. Verschlossen wurde sie durch eine Bronzeschale.

Henkel und Mündungsrand schmücken figürliche Szenen (Löwen, Bullen und behelmte Bogenschützen).

Die Urne enthielt ein aus zwei Leinenlaken zusammengenähtes Tuch, das die Aschereste und einige Knochen des kremierten Toten enthielt. Eine ausführliche Präsentation der Urne samt Inhalt wurde angekündigt, ist aber bisher noch nicht erschienen. Eine erste Untersuchung legt nahe, dass die Leichenreste der Urne zu einem 30-45 Jahre alten Mann gehörten. Neben der Amphora lagen ein Schleifstein, eine Speerspitze, ein Rasiermesser und ein eisernes Schwert.

Die Ausgräber sind sich nicht sicher, ob die beiden Bestattungen gleichzeitig angelegt wurden, oder ob die Frau auch nachträglich bestattet worden sein könnte.

Interpretation der Architektur

Von großem Interesse ist die Frage, ob das Gebäude, wie die Ausgräber annehmen, als Grabmonument geplant und errichtet wurde, oder ob der Bau zuvor als Anaktoron bzw. Wohnhaus gedient hat, wie es von mehreren anderen Wissenschaftlern angenommen wird (siehe Rekonstruktion).

Um sich einer Antwort zu nähern, müssen einzelne Befunde und Funde genauer betrachtet werden:

Südöstlich der Gräber ist der Fels unterhalb der Lehmschicht von großer Hitze verfärbt, der Ton aber selbst nicht verbrannt. Eine Ascheschicht wurde zwischen Fels und Lehmboden entdeckt, die wenige Splitter von Knochen (identifiziert werden konnte nur ein Hundeknochen) enthielt. Nach Meinung der Ausgräber wurde die Kremation an dieser Stelle vorgenommen und nicht wie sonst in Lefkandi über einem Schacht. Der Fels war schon vor der Kremation nivelliert worden, und dies setzt nach Meinung der Ausgräber voraus, dass das Gebäude möglicherweise schon zu Lebzeiten der Bestatteten als monumentales Grabmal geplant war, die Bauarbeiten bei dessen Tod aber für kurze Zeit ruhten, um die Bestattung durchzuführen. Die Bauarbeiten sollen dann weitergeführt, aber das Gebäude soll nie vollendet worden sein. Für diese Theorie spräche z. B. der wohl in einem letzten Arbeitsschritt aufgetragen Lehmverputz der Wände, der nur partiell nachgewiesen werden konnte und von den Ausgräbern als Hinweis für den unfertigen Zustand des Gebäudes gedeutet wurde. Für eine kurzzeitige Nutzung des Gebäudes soll der nicht festgetretene und zudem fundarme Lehmfußboden sprechen. Das Gebäude wurde sodann leergeräumt, eingerissen und verfüllt. Vor dem Portal wurde eine Mauer errichtet, die sich von den restlichen Mauern durch die Form ihrer Steine abhebt. Die Steine sind runder und die Ausgräber gehen nicht davon aus, dass die Mauer als Sockel für Ziegel diente, sondern dafür angelegt wurde, die Verfüllung des Gebäudes zu fixieren. Zusätzlich errichtete man außen noch eine Rampe aus Ziegeln.

So entstand ein Tumulus (Hügel), an den kurze Zeit später der, mit reichen Gräbern ausgestattete Toumba-Friedhof angelegt wurde, so dass dieses Gelände als Friedhof der Gemeinde oder vielleicht eher - anhand der Grabfunde - als Bestattungsplatz der obersten sozialen Schicht der angrenzenden Siedlung gedeutet werden kann.

Nun liegt der Schritt nicht mehr fern, das Gebäude als Heroon eines Kriegers zu bezeichnen, der nach den Sitten des homerischen Epos bestattet wurde (siehe unten).

Die Deutung als Heroon steht und fällt mit der Annahme, dass die erwähnten Brandspuren nahe der Bestattung von der Kremation des Kriegers herrühren. Jan Paul Crielaard und Jan Driessen geben zurecht zu bedenken, dass kein zwingender Grund besteht, einen direkten Zusammenhang zwischen den Brandspuren und der Kremation anzunehmen, bis auf die Nähe der Brandstelle zum Bestattungsplatz. In den aufgefundenen Ascheresten wurden keine menschlichen Knochen gefunden, zudem wurden auch an anderen Stellen unter dem Fußboden Brandspuren entdeckt, die nicht alle mit Bestattungsriten erklärt werden können.

Leider fehlt in der Ausgrabungspublikation eine Aussage darüber, ob sich der Lehmfußboden über die Gräber erstreckt hat. Dies würde die Theorie der Ausgräber stützen.

Die Theorie, dass das Gebäude als Wohnhaus diente, wird von mehreren Löchern im Apsis-Raum gestützt, die wohl zur Aufnahme von Vorratsgefäße dienten, die aber vor der Zerstörung des Gebäudes entfernt wurden.

Das Fehlen des Herds - des zentralen Ortes eines jeden Oikos - könnte mit den Zerstörungen durch den Bulldozer erklärt werden, der einen guten Teil des Gebäudes planiert hat. Hier könnte sich der Herd befunden haben.

Gegen eine Nutzung als Wohnhaus soll sprechen, dass der Bau ungewöhnlich fundarm sei, doch könnte das Gebäude vor seiner Verfüllung leergeräumt worden sein.

Die Scherben eines großen Kraters, der zerschlagen auf dem Fußboden gefunden wurde und einige Vasen an der Nordwand könnten zum beweglichen Hausrat gehört haben. Die Ausgräber gehen davon aus, dass der Krater möglicherweise auf dem Grab gestanden hat, wie wir es von vielen Brandbestattungen des Athener Kerameikos seit ca. 900 her kennen. Auch wenn der Krater nicht als Grabmarker gedient hat, könnte er im Bestattungsritus Verwendung gefunden haben (siehe unten).

Gegen die Deutung des Gebäudes als Wohnhaus spricht sicher dessen ungewöhnliche Größe und die Lage weit entfernt von der Siedlung. Doch merken Crielaard und Driessen an, dass es gut möglich ist, dass es in der Nähe des Toumba-Friedhofs eine Siedlung gegeben hat. Dafür spräche die Menge an Keramik, die in der Verfüllung des Gebäudes entdeckt wurde und von der die Ausgräber annehmen, dass sie aus der 750m entfernten Siedlung "Xeropolis" bergauf angeschleppt worden sei. Die Größe des Baus ist sicher schwer zu erklären, doch könnte die Bezeichnung des Gebäudes als "Anaktoron", das der führenden Gesellschaftsschicht als Versammlungsort und dem "Herrscher" als Wohnhaus diente möglicherweise eine Erklärung liefern. Datiert wird das Gebäude anhand der sehr einheitlichen Keramik aus der Verfüllung in die Zeit zwischen 1000-950, mitten in die sog. Dark Ages.

Lefkandi und Homer

Der Vergleich zwischen den Bestattungen im sog. Heroon von Lefkandi und den Beschreibungen des Totenkults, den uns der homerische Dichter liefert ist sehr reizvoll. Peter Blome widmete diesem Vergleich eine eigene kleine Abhandlung mit dem Titel "Lefkandi und Homer" in den Würzburger Jahrbüchern für die Altertumswissenschaften und wiederholte seine Theorie erneut im Sammelband "Zweihundert Jahre Homerforschung". Einen gleichnamigen englischen Artikel veröffentlichte Carla M. Antonaccio im Sammelband "Homer's World. Fiction, Tradition, Reality".

Folgend sollen Schritt für Schritt die einzelnen homerischen Rituale mit den Bestattungen in Lefkandi verglichen werden, soweit dies aus archäologischer Sicht möglich ist. Ich folge dabei der schon unter "Der Tod des Patroklos" festgelegten Reihenfolge.

Generell ist weder die "Waschung und Salbung", noch das "Schließen der Augen" archäologisch zu fassen. Allein auf Vasenbildern könnte der Ritus überliefert worden sein, doch für die mittelprotogeometrische Zeit sind solche Darstellungen nicht zu erwarten. Auch aus geometrischer Zeit ist der Forschung eine bildlichen Überlieferung dieser Riten nicht bekannt.

Ein Leichentuch nachzuweisen, das mit der Leiche verbrannt wurde, ist wohl in den seltensten Fällen möglich. Geometrische Vasenbilder geben das Bahrtuch jedoch häufig wieder.

Die Prothesis könnte sicherlich im Gebäude selbst stattgefunden haben. Wie lange die Aufbahrung gedauert haben mag, kann nicht gesagt werden.

Die Totenklage ist für Lefkandi nicht archäologisch zu belegen, nur in den vielen Darstellungen von Klagefrauen, schon in der Bronzezeit läßt sich der Ritus auch archäologisch fassen.

Das Umschreitung des Toten ist ebenfalls nicht mehr faßbar.

Das Totenmahl könnte mit viel Wohlwollen eine Bestätigung im mittelprotogeometrischen Krater finden, der oberhalb der Gräber gefunden und mit Grabriten in Verbindung gebracht wurde.

Die Ekphora sieht Peter Blome in den vier Pferden bestätigt, die mit dem Toten inhumiert wurden. Wie erwähnt hatten zwei der Pferde noch Trensen im Maul und so nimmt Blome an, dass diese den Leichenwagen gezogen haben könnten. Wenn das Gebäude das Wohnhaus des Toten war, fuhr die Trauergemeinde nach der Prothesis vom Haus zur Brandstelle, wo der Tote kremiert wurde. Nach der Kremation wurden die Knochen eingesammelt, in ein Tuch eingewickelt und dann in die Urne gelegt. Danach könnte die Trauergemeinde zurück zum Haus gefahren sein, um den Toten zu bestatten sowie die Pferde zu töten und diese neben ihn zu inhumieren.

Das Schneiden des Haars und Beigabe des Haares ist nicht zu belegen.

Die Kremation: Wie schon angemerkt wurde, kennen die homerischen Epen nur die Kremation als Bestattungsart In Lefkandi hingegen begegnen uns Kremation und Inhumation nebeneinander.

Wie der Scheiterhaufen in Lefkandi ausgesehen hat und wo er gelegen haben mag, ist unklar. Dass die Brandspuren im Gebäude Reste des Leichenbrandes sind, ist keineswegs zwingend anzunehmen.

Aus der Beschreibung der Patroklosbestattung kann geschlossen werde, dass der Tote in der Mitte des Scheiterhaufens, auf einem eigenen Gestell gelegen hat. Die Beigaben wurden drum herum an die Seite gelegt, wie Achill betont (Il. 23, 238ff.).

Was die Beigaben betrifft, wird insbesondere darauf verwiesen, dass neben der Doppelbestattung auch vier Pferde inhumiert wurden. Die Parallele zwischen Homer und Lefkandi besteht in der Anzahl der Tiere und deren Gattung. Bei Patroklos Bestattung werden vier Pferde mit dem Toten zusammen verbrannt, nicht neben ihm in einem separaten Grab inhumiert.

Hat man in der angeblichen Ascheschicht der Kremation noch einzelne Knöchelchen von Hunden entdeckt, die sogleich mit dem Patroklosbegräbnis verbunden werden, finden sich für die weiteren homerischen Beigaben (Amphoren gefüllt mit meli und aleiphar, Rinder und Schafe) keine Belege. Dagegen finden sich neben der Amphore ein Schwert, ein Rasiermesser, ein Schleifstein und eine Speerspitze, die den Toten als Krieger ausweisen. Die Beigaben wurden nicht verbrannt, sondern intakt beigelegt. Rufen wir uns die Diskussion über den homerischen Seelenglauben in Erinnerung, könnte diese Form der Bestattung Albrecht Schnaufers Theorie untermauern, dass die Bedeutung der Beigaben nicht mehr verstanden wurde. Einer kremierten Person unverbrannte Waffen mitzugeben ist der Gipfel der Bedeutungslosigkeit.

Hier könnte argumentiert werden, dass es bei den Beigaben nicht mehr um die materiellen Bedürfnisse des Toten gehe, sondern mit der Beilegung des Schmucks und der kostbaren Amphora, der Ruhm und die Ehre der Verstorbenen und auch der ganzen Familie verkündet wurde (Mervyn Popham bezeichnet Teile des Schmucks und die Amphora als Erbstücke, wobei er als Herkunftsort der Halskette Babylon annimmt und eine Datierung um 2000 v. u. Z. vorschlägt. So wären diese Beigaben eher mit dem Ruder des Elpenor aus der Odyssee zu vergleichen (Od. 11, 77f.), das ihm zwar nicht beigelegt, dafür aber auf sein Grabmal gesetzt wurde.

Menschenopfer in Lefkandi?

Das Menschenopfer wird als "barbarische Sitte" von den modernen Gesellschaften abgelehnt. Religiöse Tötungen von Menschen sind uns aus unterschiedlichen Kulturen bekannt: z. B. südamerikanische Indianerkulturen, germanische Moorleichen, indische Witwentötung. Die Frage, ob diese, aus dem Mythos bekannte "barbarische Sitte" auch von den frühen Griechen praktiziert wurde, bewegt die Gemüter und kann unser Bild der Griechen beeinflussen.

Die Inhumation der möglicherweise 25 bis 30 Jahre alten Frau gibt Raum für Spekulationen. Der Fund des Messers neben ihrem Kopf und die möglicherweise (!) gekreuzten und gebundenen Hände und Füße lassen nach Meinung der Ausgräber die Möglichkeit einer "Witwentötung" (Suttee) offen. Meiner Meinung nach wurde hier eine Theorie angestoßen, die zu wenig Basis hat. Zum einen ist es nicht sicher, ob die Hände gekreuzt waren, geschweige denn gefesselt, denn das eine bedingt nicht zwingend das andere, andererseits kann das Messer eine ganz normale Beigabe auch von Frauengräbern sein.

Die Beschreibung der Tötung der zwölf trojanischen Jünglinge (Il. 23, 175f.), kann meines Erachtens in keiner Weise mit Lefkandi in Verbindung gebracht werden. Anders sieht es da schon in Eleutherna, dem heutigen Orthi Petra auf Kreta aus. Hier wurden in einer Nekropole zwei Brandgräber entdeckt, die sich mit den in Homer geschilderten Totenbräuchen decken.

Die Ausgräber entdeckten eine Brandstelle (Pyre A), die mehrere Schichten horizontal und vertikal gelagerte verkohlte Baumstämme aufwies (2,20 auf 1,60m). Auf dem verkohlten Holz fanden sich die Überreste des Toten und dessen Beigaben. Anhand der Keramik datieren die Ausgräber die Bestattung um 670.

Beim Reinigen des Kiesgrunds der Verbrennung, stieß man auf das kopflose Skelett eines 35-40 Jahre alten Mannes und auf die Reste einer zweiten Brandstelle (Pyre B). Der neue Befund lag ca. 40cm tiefer als "Pyre A".

Die anhand der Grabbeigaben ans Ende des 8. Jh. datierte zweite Bestattung (Pyre B), war ebenso aufgebaut wie Pyre A und besaß eine Lehmziegelsetzung auf die das Holz des Scheiterhaufens gelagert worden war. Hier wurden Tiere geschlachtet, Keramik zerschlagen und ein Krieger mit einem weiteren Menschen und Beigaben auf das Gerüst gelegt. An der nord-ost Ecke der Brandstelle wurde dann der 35 bis 40 Jahre alte Mann nach Meinung des Ausgräbers hingerichtet. Dies wird aus der ungewöhnlichen Lage des Skeletts geschlossen, da er kniend, mit gefesselten Füßen und Händen seinen Tod erwartete. Der Kopf konnte nicht aufgefunden werden, doch wurden Reste eines männlichen Schädels am südlichen Ende der Bestattung gefunden, die der Ausgräber mit dem kopflosen Torso verbindet. Neben der Leiche wurden ein eisernes Messer, ein Schleifstein und eine eiserne Axt gefunden, die nach Aussage des Ausgräbers bei die Hinrichtung benutzt worden sein könnte.

Die Verbindung mit Homer könnte darin gesehen, dass der Mann möglicherweise der Mörder der beiden Verbrannten des Pyre A gewesen ist und aus Rache, sprich als Blutschuld an deren Grab hingerichtet wurde, wie es schon Dennis Hughes für die Tötung der zwölf Trojaner angenommen hat. Nicolas Stampolidis dagegen möchte einen Kriegsgefangenen bzw. einen Sklaven in dem Enthaupteten sehen, der zu Ehren des Kriegers getötet wurde. Erstere Theorie möchte er ablehnen, da der Tote enthauptet wurde und später nicht - nach der "Zahlung seiner Blutschuld" - von seiner Familie ordentlich bestattet wurde.

Achills Weinlibation (Il. 23, 217ff.) am Feuer des Toten kann nicht nachgewiesen werden, ist, wie gesagt auch nur für das Patroklosbegräbnis überliefert, ebenso wie das Löschen des Feuers mit Wein (Il. 23, 250; 24, 791.). Einzig der Fund des Kraters in der Nähe des Grabes könnte auf Riten in Zusammenhang mit Wein hindeuten, doch kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, ob und wann solche Riten durchgeführt wurden.

Das sorgsame Trennen der Knochen bei Patroklos Begräbnis wurde damit erklärt, dass sie später mit Achills Knochen zusammen bestattet werden sollten. Leider sind die Analysen der Brandreste aus der Amphora bis auf einen Kurzbericht über das mögliche Alter des Mannes (30-45 Jahre) noch nicht veröffentlicht.

Die Gebeine des Toten werden in ein Gefäß gefüllt. Hier haben wir die deutlichsten Parallelen. Handelt es sich bei Patroklos' goldener Phiale (Il. 23, 243 u. 253) noch um ein Provisorium, sind Hektors goldene Larnax (Il. 24, 795) und Achills goldene Amphore (Od. 24, 74) die endgültigen Urnen. Als Urne für den Toten in Lefkandi diente eine bronzene Amphora. Dieses reich verzierte Gefäß muß von hohem Wert gewesen sein, da es - mit aller Vorsicht, die Hektor W. Catling, der Bearbeiter der Urne anmeldet - ein Import aus Zypern und zudem bei der Bestattung schon ca. 100-200 Jahre alt war und somit eine "Antiquität" darstellte.

Das vorherige Einwickeln der Kremationsreste in ein Tuch wie es in Lefkandi praktiziert wurde, erwähnt der homerische Dichter auch bei der Bestattung Hektors (Il. 24, 796). Die detaillierte Beschreibung des Gewebes weist sicher auf dessen Bedeutung hin.

Wie beschrieben, wurde nach der Verbrennung ein Erdhügel aufgeschüttet. An dieser Stelle wird der Vergleich kompliziert, da verschiedene Theorien zur Brandstelle in Lefkandi bestehen.

Die größten Parallelen weist Lefkandi noch mit Hektors Bestattung auf. Dessen Larnax wird in eine Grube abgesenkt, über die der Hügel errichtet wird (Il. 24, 797f.). Lassen wir die Theorie eines Heroons einmal beiseite, ist der Grabhügel ein typisch homerisches Sema (siehe Od. 4, 584; 24, 83f.). Er war ca. 4m hoch und an exponierter Stelle auf einem Hügel errichtet, damit war er weit hin sichtbar. Unklar ist die Form des Tumulus. J. J. Coulton spricht von einem rechteckigen, Peter G. Calligas nimmt einen runden, ca. 40m durchmessenden Hügel an. Ganz abgesehen vom Aufwand beim Bau des Gebäudes, war auch die Errichtung des Tumulus, mit seinen Ziegelrampen an den Seiten, ein aufwendiges Unterfangen.

Crielaard und Driessen geben zu bedenken, dass der Tumulus von der Familie errichtet worden sein könnte, um auch auf ihre Ehre und Größe hinzuweisen und so möglicherweise die "existierende sozialpolitische Struktur" (socio-political structure) zu legitimieren.

Nicht von der Hand zu weisen ist die Tatsache, dass seit 950-900 die Umgebung des Hügels vermehrt der gehobenen Gesellschaftsschicht als Begräbnisplatz diente.

Folgt man der Theorie der Ausgräber, dass das Gebäude als Mausoleum geplant war, würde ein solches Sema sogar die Ansprüche eines Achill in den Schatten stellen.

Ob auf dem Hügel noch eine Stele plaziert wurde läßt sich nicht mehr sagen, doch werden die Fragmente des mittelprotogeometrischen Kraters als Sema bzw. als zeremonielles Gefäß bei bestimmten Begräbnissitten gedeutet. Wird der Krater als Sema gedeutet, setzt dies natürlich voraus, dass das Gebäude einige Zeit als Heroon gedient hat.

Leichenspiele Leichenspiele zu Ehren des Toten lassen sich nicht mehr nachweisen.

 

Literatur

Manolis Andronikos, Totenkult, Archaeologia Homerica, Band 3, Kapitel W, Göttingen 1968.

Carla M. Antonaccio, Lefkandi and Homer, in: Homer's world. Fiction, tradition, reality, Athen 1995, 5-27.

Peter Blome, Lefkandi und Homer, WüJbb N. F. 10 (1984), 9-21.

Peter Blome, Die dunklen Jahrhunderte - aufgehellt, in: 200 Jahre Homerforschung. Rückblick und Ausblick (Hg. J. Latacz), Stuttgart, Leipzig 1991, 45-60.

Barbara Bohen, Aspects of Athenian grave cult in the age of Homer, in: New light on a Dark Age: exploring the culture of geometric Greece (Hg. S. Langdon), Columbia, Missouri 1997, 44-55.

Peter G. Calligas, Hero-cult in Iron Age Greece, in: Early Greek Cult Practice. Proceedings of the Fifth International Symposium at the Swedish Institute at Athens (1986) (Hg. R. Hägg u. a.), Stockholm 1988, 229-234.

Jan Paul Crielaard, Jan Driessen, The Hero's Home, Topoi 4 (1994), 251-270.

Dennis D. Hughes, Human Sacrifice in Ancient Greece, London, New York 1991.

Alexander Mazarakis Ainian, From rulers' dwellings to temples: Architecture, religion and society in early Iron Age Greece (1100-700 B. C.), Jonsered 1997.

Mervyn R. Popham, Evi Touloupa, L. Hugh Sackett, The Hero of Lefkandi, Antiquity 56 (1982) 169-174.

Mervyn R. Popham, Peter G. Calligas, L. Hugh Sackett, Lefkandi II The Protogeometric building at Toumba, Part I The pottery, Oxford 1990.

Mervyn R. Popham, Peter G. Calligas, L. Hugh Sackett, Lefkandi II The Protogeometric building at Toumba, Part II The excavation, architecture and finds, Oxford 1993.

Mervyn R. Popham, Precolonisation: early Greek contact with the East, in: The Archaeology of Greek Colonisation, Essays dedicated to Sir John Boardman (Hgg. G. R. Tsetskhladze, F. De Angelis), Exeter 1994, 11-34.

L. Hugh Sackett, Mervyn R. Popham, Lefkandi: A Euboean town of the Bronze Age and early Iron Age (2100-700 B.C.), Archaeology 25,1 (1972), 8-19.

Nicolas C. Stampolidis, Homer and the Cremation Burials of Eleutherna, in: Homeric questions. Essays in Philology, Ancient History and Archaeology (Hg. J. P. Crielaard), Amsterdam 1995, 289-308.

 

Abbildungen

Alexander Mazarakis Ainian, From rulers' dwellings to temples: Architecture, religion and society in early Iron Age Greece (1100-700 B. C.), Jonsered 1997, fig. 80f. u. 87-95.

 

Mit Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch die Anbringung eines Links die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat. Dies kann, so das LG, nur dadurch verhindert werden, das man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Ich erkläre hiermit ausdrücklich, dass ich keinerlei Einfluss auf die Gestaltung und die Inhalte der verlinkten Seiten habe. Deshalb distanziere ich mich ausdrücklich von sämtlichen Inhalten aller verlinkten Seiten.