SCHNELL ENDET DIE VIRTUELLE WELTREISE

AN DEN NEU ERRICHTETEN GRENZEN


Warum das Internet nicht auf den Weg zu
einer einheitlichen Weltkultur fuehrt.

Mathias Boes und Christian Stegbauer,
in: Frankfurter Rundschau, 29.11.1996
(leicht gekuerzte Version eines Vortrags,
gehalten auf einem Kongress der Deutschen
Gesellschaft fuer Soziologie in Dresden)


Das Internet ist nicht nur ein neues Kommunikationsmedium, es ist vor
allen Dingen selbst zum Medienereignis geworden. Unterstuetzt durch
aufwendige Computeranimationen und meist gefakte Internet-Sessions
wird das Internet inszeniert. Bereits seit einigen Jahren findet sich
fast jeden Tag Berichte ueber die neue Internetwelt in der Zeitung. Es
bedarf schon einiger Muehe immer am Ball zu bleiben. Noch mehr Muehe
macht es, all die grossartigen dinge, die da versprochen werden, zu
glauben.

Am Internet kristallisieren sich die "Mythen der Globalisierung":
- hier verschwinden Raum und Zeit,
- hier entsteht die neue einheitliche Weltkultur,
- hier gerinnt die abstrakte Weltgesellschaft zur sichtbaren Kommuni-
kationsgemeinschaft mit demokratischem Potential,
- hier werden wir mit Pornographie und der Propaganda von Neonazis bo-
mardiert, vor der wir vorher so gut geschuetzt waren ... (...)

Die zentrale Aussage unseres Vortrages laesst sich kurz zusammenfas-
sen: Das Internet mit seiner inneren Dynamik zur Ausweitung, Ausdiff-
ferenzierung, Multimedialisierung und Nutzerpartizipation ueberschrei-
tet alte Kommunikationsgrenzen. Es baut aber selbst wieder neue Gren-
zen auf. Damit kommt es zu einer Verschiebung von Grenzverlaeufen,
nicht aber zu einer Aufhebung von Grenzen.

Globalisierungsprozesse in der Moderne sind gerade nicht Veraenderun-
gen hin zu einer homogenen Universalisierung auf globaler Ebene. Glo-
balisierungsprozesse dienen selbst wieder der Stabilisierung und Pro-
duktion lokaler, heterogener und partikularer Strukturen. wenn wir
hier von Globalisierung reden, so bezieht sich dieser Begriff sowohl
auf eine strukturelle Verdichtung der Welt als auch auf Diskurs mit
Bezug auf diese globale Ebene. (...)

Kommen wir zu dem ersten Punkt: Was sind also die offensichtlichen
Trends des globalen Kommunikationsmediums Internet? Das, was sich
heute Internet nennt, bestand in seinen Urspruengen in einem heteroge-
nen Rechnerverund und ist bereits ein Vierteljahrhundert als. Richtig
populaer wurde das Internet aber erst mit der Initiative von Gore und
Clinton im letzten amerikanischen Praesidentschaftswahlkampf. Seine
ungeheure Attraktivitaet datiert noch kuerzer zurueck: Erst seit der
Erfindung sogenannter WWW-Browser erhielt es seine multimediale Ge-
stalt - und das liegt erst 2 1/2 Jahre zurueck.

Die Veraenderung des Internet wird haeufig als Ausweitung, Ausdiffe-
renzierung, Multimedialisierung und Angleichung von medialen Partizi-
pationschancen beschrieben. Die Ausweitung des Internet ist unueber-
sehbar. Waren zunaechst nur bestimmte Zentren, vor allem innerhalb der
USA vernetzt, ist heute mit unglaublichen Wachstumsraten quasi die
ganze Welt online. Selbst in den entlegensten Gebieten finden sich In-
ternet-Computer. Die virtuelle Weltreise wird scheinbar fuer alle
moeglich.

Beispielsweise mussten Kollegen von uns fuer ein Projekt noch vor zwei
Jahren zum bibliographieren nach England fliegen. Heute reicht die
virtuelle Reise per Internet aus, um mit den entsprechenden Biblio-
thekskatalogen zu arbeiten. Aehnlich laesst sich der Trend der Ausdif-
ferenzierung beschreiben: Das Internet differenziert sich auf die ver-
schiedensten Ebenen aus. Die Zahl der Programme und Dienste ist Legi-
on. Von der Telnet-Zugangssoftware und dem FTP zum Uebertragen von Da-
teien, ueber E-Mail und Newsgroups, IRC bis zum WWW - um nur die be-
kanntesten zu nennen.

Gleichzeitig steigt die Zahl der Video-, Grafik- und Soundformate, die
fuer die Multimedialitaet sorgen sollen. Aber auch die Anbieterstruk-
tur differenziert sich aus: Fast alle wichtigen gesellschaftlichen
Gruppen ueber Wirtschaft, Verbeande, Kirchen, Parteien usw. bieten In-
formationen im Internet an. Neben Ausweitung und Ausdifferenzierung
lassen sich wichtige Verschiebungen in den Repraesentationsweisen der
Nutzer verzeichnen. Es kommt zunehmend zu einem Prozess, den wir etwas
holprig Multimedialisierung getauft haben. Wichtigstes Element des
Multimedialisierungsprozesses im Internet ist das HTML: die Hyper Text
Markup Language. Sie war eine durchaus lokale Innovation am CERN in
Genf.

Der Grundgedanke war, heterogene Dateiformate - wie Sprache, geschrie-
bene Texte und Bilder - einfacher untereinander austauschen zu koen-
nen. Inzwischen gilt dieses Format als das Rueckgrat des WWW. Waren
noch bis Ende der Achtziger flimmernde Buchstaben in spartanischem
Gruen das eindeutige Merkmal eines Computers, ist es heute die bunt-
bebilderte Home-Page. Nicht nur Bilder finden sich in den Tiefen des
Cyberspace. Das HTML ist gekennzeichnet durch die Integration von Vi-
deos, durchaus mit Ton, Soundclips, und wir finden sogar Radiostatio-
nen, die uns live an ihren Uebertragungen teilnehmen lassen.

Es gibt kein weiteres Medium, welches auf aehnliche Weise wie das In-
ternet die Kommunikation aller mit allen zulaesst. Im Gegensatz zu
Massenmedien, wo die Kommunikation durch das "One-to-many" gepraegt
ist, und des Telefons, wo die Kommunikation "One-to-one" verlaeuft,
ist ein Charakteristikum des Internet eine relative Gleichheit der
Nutzer. Erstmals wurde sozusagen ein Massenmedium mit der Wirkung
("many-to-many") fuer jedermann zugaenglich. Die Kommunikation ist al-
so durch hohe Partizipationschancen gepraegt. Jeder der will, kann zum
Anbieter werden und sich beteiligen, sei es durch Beitraege in den
Diskussionsforen oder durch eine eigene Homepage. Oft wird hierin das
Potential fuer eine Neubelebung der Demokratie gesehen. Argumente fuer
die These einer neuen Demokratisierung durch das Internet sind:

- die Annahme der relativen Gleichheit der Kommunikatoren im Internet
selbst;
- die Repraesentanz von Politik im Internet mit direkter Erreichbar-
keit der Volksvertreter und damit ein direkterer Draht zu den Ent-
scheidungen;
- die Moeglichkeit zur Organisation von politischem Handeln, etwa in
der Frage von Menschenrechten,
- bis hin zum praepolitischen Bereich mit der Annahme, es kaeme zu ei-
ner Gleichheit in den Moeglichkeiten der Informationsgewinnung. (...)

Betrachten wir zunaechst das, was landlaeufig als Ausweitung betrach-
tet wird. Es handelt sich keineswegs um einen in eine Richtung verlau-
fenden Prozess. Dies laesst sich an der geographischen und sozialen
Ausweitung aber auch an den Inhalten der ausgetauschten Informationen
erkennen. Tatsaechlich beobachten wir eine Gegenlaeufigkeit geographi-
scher Bezuege. Die Ausweitung des Internet, im geographischen Sinne
einer Expansion ueber den Globus, verlaeuft extrem verzerrt. Das In-
ternet eroberte schnell die hochindustrialisierten Zonen unserer Oeku-
mene und erreichte dort eine relativ hohe Nutzungsdichte. Ausweitung
bedeutet heute vor allem eine Verdichtung des Netzes in diesen Zonen.
Periphere Gebiete haben bei weitem nicht die gleiche Chance, ange-
schlossen zu werden. Die Ausweitung im sozialen Raum verlaeuft gleich-
falls inhomogen. Sie scheint bei makrosoziologischer Betrachtung eine
Funktion der kritischen Masse zu sein: erst wenn eine bestimmte dichte
an Anschluessen erreicht wurde, lohnt es sich fuer den einzelnen hin-
zuzustossen. Fuer den Anwender ist aber vor allem wichtig, dass seine
speziellen Beduerfnisse befriedigt werden.

Erreicht er Personen seines persoenlichen sozialen Netzes? Kann er
fuer ihn sinnvolle Dienstleistungen nachfragen? Oder kann er Sozial-
Prestigegewinne durch den Einstieg verzeichnen? Dies sind wohl die
entscheidenden Fragen aus der Sicht des potentiellen Anwenders. Daher
bleibt auch die Ausweitung im sozialen Raum geographisch rueckgebun-
den: Die Mehrzahl der genannten Einstiegsfragen kann erst dann positiv
beantwortet werden, wenn der soziale Nahraum durch Internetmedien er-
schlossen wurde. auch dies spricht fuer eine weitere Verdichtung in
den Gebieten, in denen bereits eine gefestigte Infrastruktur besteht.

Internet ist ein globales Medium, das lokal genutzt wird. Das hat ver-
schiedene Implikationen fuer die ausgetauschten Informationsinhalte.
Internet vernetzt vor allem die urbanen Zentren von Europa,, Nordame-
rika und Japan. Es handelt sich um partikulare Kommunikationsinseln -
wie Universitaeten und Unternehmen -, die weltweit miteinander ver-
knuepft sind. Hier werden oft Informationen mit hoechst lokalem Bezug
global zugaenglich. So kann man sich zwar die Pizza bei Pizzahut in
Chicago anschauen; spaetestens bei der Bestellung wird dem hungrigen
Internet-Surfer jedoch die lokale Gebundenheit eines Pizzabaeckers be-
wusst.

Das trifft auch auf die beruehmteste Kaffee-Maschine der Welt in Cam-
bridge/England zu. Mit einem Mausklick laesst sich deren Fuellstand
visualisieren. Diese Information nutzt aber nichts - und dies selbst
dann, wenn man sich zufaellig in Cambridge aufhaelt, denn der Kaffee
ist nur fuer Mitglieder der oertlichen Kaffeegemeinschaft bestimmt.

Aehnliches gilt fuer Cityinformationssysteme, Bibliotheksoeffnungszei-
ten und -kataloge und vieles mehr (...)

Brueche im Trend zur Ausweitung zeigen sich auch, wenn man sozial dif-
ferenzierte Grenzen in die Betrachtung mit einbezieht: Um diesen Bru-
echen naeherzukommen, schauen wir uns zunaechst verschiedene stufen
der Kontextualisierung innerhalb des Internet an. Sie reichen von der
hoch standardisierten Recherche in Bibliotheken; ueber Dokumente von
bekannten Organisationen; zu Newsgroups; bis hin zur persoenlichen E-
mail. Bei sehr standardisierten Anwendungen, etwa dem lesen einer aus-
laendischen Zeitung, spielt die physisch ueberwundene Strecke
tatsaechlich kaum eine Rolle. Man koennte sagen: je weniger kontextin-
formationen noetig sind, um so unwichtiger wird die Entfernung. Bei
unpersoenlichen und standardisierten Anwendungen spielt die raeumliche
Distanz praktisch keine Rolle. Anders jedoch ist es bei interpersona-
ler Kommunikation. Hier ist weitaus mehr Kontext notwendig. Das Gros
dieser Beziehungen findet im sozialen Nahraum statt. Dann ist die Be-
ziehung in der Regel durch die Kombination von persoenlichen Treffen
und medialer Interaktion gekennzeichnet. D.h., das Interenet wird, ne-
ben anderen Kommunikationsmitteln, zu einem Bestandteil der Beziehung.

Beispielsweise wird das Internet oft, aehnlich wie das Telefon, zur
Vereinbarung von Terminen genutzt. Noch einmal anders gewendet lautet
der Zusammenhang: Je persoenlicher die Beziehung, um so bedeutender
wird normalerweise die geographische Naehe - hier kann keineswegs von
einem Verschwinden der Distanz die Rede sein. auch der zweite von uns
benannte Trend der Ausdifferenzierung beleuchtet nur eine Seite. Gera-
de Navigationsprogramme und technische Standards entdifferenzieren
sich auch. Tatsaechlich, und das kennen Sie sicher alle, kommt es auf
der Ebene der neuen Navigationsprogramme zu einer Integration. Uueber
lange Jahre haben sich Internetmedien ausdifferenziert, und es wurden
unterschiedliche Multimediaformate entwickelt.

Heute integrieren diese "Internetbrowser" neue Formate sogar als of-
fene Plattform. D.h., neue Formate koennen integriert werden, obwohl
sie zunaechst gar nicht voorgesehen waren. Das entsprechende "plug-
in", das dienstprogramm, um die Komponente anwenden zu koennen, wird
gegebenenfalls dann per Internet vom Computer des Browseranbieters na-
hezu automatisch heruntergeladen.

Aber diese Integration, die sich fuer den Nutzer als Homogenisierung
der Anwendung darstellt, ist wiederum nur die halbe Wahrheit. Die Ue-
berlegungen hin zu einer Netzintegration mit schnellen Datenautobah-
nen, die mittels Glasfaserleitungen realisiert werden sollten, stossen
durch die Ausdifferenzierung weiterer Medien an ihre Grenzen. Im Zuge
der Privatisierung kommt es zu einer Vermehrung der Telekommunikati-
onsanbieter und verschiedener Netzformen. Eine einheitliche Telekommu-
nikationsinfrastruktur scheint, angesichts der dafuer notwendigen Rie-
seninvestitionen, in weite Ferne gerueckt zu sein. Sowohl die Ueber-
tragungswerte wie die darauf beruhenden Medien und die Anbieter werden
heterogener.

Eine andere folge, die sich aus dem zunehmenden Ausbau der multimedia-
len Faehigkeiten des Internet ergibt, ist der Ausschluss eines Gross-
teils potentieller Nutzer. War der technische Standard bei der Compu-
terkommunikation vor der Einfuehrung des WWW am kleinsten gemeinsamen
Nenner orientiert, veraendert sich dies heute in Richtung maximal aus-
gestatteter und aufgeruesteter Computer. Installierte Computer werden
durch diese Dynamik entwertet, und gebrauchte Computer sind kaum noch
zu verwenden.

Es kommt zu einem Anschaffungswettlauf mit dem technischen Fort-
schritt, bei dem eine gehoerige Zahl von Anwendern auf der Strecke
bleibt. Diese technische Homogenisierung wirkt sich auch unter dem
Aspekt der Ausweitung in doppelter Hinsicht aus: Zum einen hat dies
Folgen hinsichtlich sich verfestigender sozialer Ungleichheiten in den
Moeglichkeiten der Nutzung. Innerhalb der Zentren wird sich dadurch
auch in Zukunft die Nutzerschaft, aehnlich wie heute, ziemlich genau
sozialstrukturell abgrenzen lassen.

Es hat aber auch Auswirkungen auf die Ausweitung in geographischer
hinsicht: Die dritte Welt wird relativ abgekoppelt bleiben.

Die technische Dynamik wirkt auf diese weise einer Homogenisierung der
Nutzer entgegen. Der wichtige Trend zur Multimedialisierung ist in
Wirklichkeit eher ein Trend zur Visualisierung. Bei der Visualisierung
von Informationen ueber Farben, Bilder und Graphiken handelt es sich
aber noch um kein interneteigenes aesthetisches Produkt; sie orien-
tiert sich vor allem an den aesthetischen Standards von Druckerzeug-
nissen. Aber selbst der Trend zur Visualisierung ist nicht frei von
Ambivalenzen. Neben dem Sichtbaren passiert allerlei fuer den Anwender
nicht sichtbares und nicht Merkbares: So fuehrte es fast zum Skandal,
als zum erstenmal oeffentlich wurde, dass es fuer Internetanbieter
moeglich ist, Informationen von der heimischen Festplatte abzurufen.

Der Trend der Multimedialisierung bzw. Visualisierung wirkt ein ande-
res auf dem Internet beruhendes Medium entgegen. es handelt sich um
den Internet-Relay-Chat, der sich steigender Beliebtheit erfreut.
"Fernschreiber im Gespraech", wie Gerald Wagner das IRC einmal in ei-
ner passenden Analogie genannt hat. Dieses beliebte Medium ist Visua-
lisierungen durch Bilder und Videos abhold, denn es steht nur der in-
ternationale ASCII-Zeichensatz zur Verfuegung. Allerdings haben sich
die "Chatter" eine andere Moeglichkeit erdacht. Sie verwenden soge-
nannte Emoticons, auf dem ASCII-Alphabet beruhende Zeichen fuer ver-
schiedene Gefuehle. Die einfachsten sind intuitiv verstaendlich. Sie
kkennen alle das Smilie, welches mit dem "Doppelpunkt-Strich-Klammer
zu" annotiert wird. Will ein unerfahrener Teilnehmer ein weniger ge-
braeuchliches Emoticon entschluesseln, ist er oft auf eines der mitt-
lerweile zahlreichen Nachschlagwerke angewiesen.

Vor allem aber die andere, oben eingefuehrte These der zunehmenden
Partizipationsmoeglichkeiten und des Demokratisierungspotentials er-
weist sich bei naeherem Hinsehen als einseitig. Dabei ist die Partizi-
pation gar nicht so grenzenlos wie man glauben koennte. Klassische auf
dem Internet beruhende Medien sind bidirektional, insbesondere die
elektronische Post, oder quasi bidirektional wie die Newsgroups. In
Wirklichkeit kommt es seit dem Siegeszug des WWW zu einer weiteren
Verschiedung im Kommunikationsraum "Internet", die als Asymmetrierung
von Nutzungsweisen bezeichnet werden kann. Schon die Newsgroups sind
durch ein Missverhaeltnis von Schreibern und Lesern gekennzeichnet,
obgleich die Beteiligungsmoeglichkeiten hier prinzipiell fuer jeden
vorgesehen sind.

Noch staerker aendert sich der Gebrauch: Gerade durch das WWW wird die
unidirektionale Nutzung zum Normalfall. Die typische Anwendung ist das
Surfen auf der Datenautobahn. Das Verhalten ist durch Neugier und den
drang nach Informationsbeschaffung gepraegt. Ein gegenseitiger Aus-
tausch ist selten geplant. die Hauptnutzungsform des Internet, das
WWW, naehert sich immer mehr dem Rundfunkkonzept an. In der Mehrzahl
der Angebote ist lediglich ein schmaler Rueckkanal zum Bestellen von
Guetern, Informationen oder einem Brief an die Gestalter der Seite
vorgesehen. Angebote in Form von aufwendig gestalteten Pages von Uni-
versitaeten, aber vor allem von Unternehmen vielfach aus der Kommuni-
kationsbranche, laden die passiv-nutzende Mehrheit zum surfen ein.

In einigen Teilbereichen vergroessern sich zwar fuer die Netzteilneh-
mer die Moeglichkeiten der Teilnahme an politischen Prozessen. Damit
gehen Chancen zur Beteiligung an der Gestaltung der Demokratie einher.
diejenigen, die das Internet nicht nutzen, bleiben aber ausgeschlos-
sen. die Ungleichheit vergroessert sich gar, denn wenn ein Politiker
den Anregungen und Forderungen aus dem Netz vermehrtes Interesse ent-
gegenbringt, muss er seine Aufmerksamkeit in anderen Bereichen ein-
schraenken. Das geht auf kosten derjenigen, die konventionell Kontakt
zu ihren Volksvertretern herstellen wollen.

Neben den harten, aber einfachen Grenzziehungen des Zugangs und Nicht-
zugangs bilden sich im Zuge der Partizipation aber auch neue Grenzen
aus: Etwa dort, wo sich virtuelle Gemeinschaften konstituieren, wie es
im Bereich der Diskussionsforen moeglich ist. Mit der Ausbildung von
gemeinschaftlichen Strukturen gehen immer auch Ausgrenzungsstrategien
einher.

Dies sei an einem Beispiel erlaeutert: Mit Vorbehalten haben vor allem
Neulinge und Abonnenten bestimmter Online-Dienste zu rechnen. Hat sich
erst eine In-Group gebildet, reagiert diese manchmal heftig auf Ver-
stoesse gegen gruppeninterne Normen. So etwas kann unerfahrenen Teil-
nehmern leicht passieren. Einige dieser Normen bleiben latent und
kommen erst bei einem Verstoss zum Vorschein. Andere werden in Verhal-
tensregeln, der Netiquette, niedergelegt. Selbst ein geringer Verstoss
kann zu einem "Flame-War" fuehren, bei dem es oft weniger um den Ver-
stoss selbst als um Ausgrenzung bestimmter Personen geht. "Kleinkinder
muessen auch erst die Umgangsformen lernen, bevor man sie als Bun-
despraesident waehlen darf", so ein Zitat aus einer Newsgroup.

Oft werden auch die AOLer, die Nutzer des Providers "America Online",
geschmaeht. Einer schier grenzenlosen Toleranz bei den Inhalten, die
vor "Zensur" geschuetzt werden sollen, steht oft ein ziemlich intole-
rantes Verhalten bei Verstoessen gegen gruppeninterne Normen gegenue-
ber.

Es entstehen aber nicht nur neue Grenzen, oftmals kollabieren bewusst
gezogene Grenzen auch. Etwa, wenn das Mailbox-Netz "Cl-Netz", welches
sich eigentlich als geschlossene Benutzergruppe konstituiert hat, ent-
gegen der eigenen Satzung und damit widerrechtlich per Internet ver-
breitet wird. Selbstgesetzte Beschraenkungen, wie die Unzugaenglich-
keit bestimmter Frauendiskussionsgruppen fuer Maenner, lassen sich
dann nicht mehr durchsetzen. (...)

Globalisierung bezieht sich auf eine strukturelle Kopplung sub-natio-
nalstaatlicher Strukturen ueber die Grenzen nationalstaatlich verfass-
ter Gesellschaften hinaus, die sich in der Beschreibung der Akteure
durchaus widerspiegelt. Sowohl die Wahrnehmung als auch die Struktur
selbst haben eine eigene Dynamik, in der jeder Teilnehmer sowohl aktiv
Handelnder als auch Opfer ist. Wie das Beispiel der Ausweitung des In-
ternet zeigt, ist Globalisierung ein asynchron verlaufender und he-
terogenisierender Prozess. Zentren globalisieren sich, indem sie sich
mit anderen kommunikativ verknuepfen. Eine Kommunikation, die im ganz
realen Sinne weit ueber den Koepfen der Peripherie hinweg stattfindet.

Gerade die Ausdifferenzierung des Internet zeigt "multiple Anschluss-
faehigkeit" von Globalisierungsprozessen, Hauptakteure verlieren im
Prozess an Bedeutung, immer neue Akteure klinken sich ein, immer neue
Anforderungen werden erfuellt. Diese Dynamik zeigt sich nicht nur in
der Ueberschreitung, sondern auch in der "Neuproduktion" sozialer
Grenzen, die die "Einbettung" des Mediums in verschiedene Kontexte im-
mer wieder neu konstituiert. Die technische, raeumliche und soziale
"Einbettung" von Kommunikation verliert nicht an Bedeutung, sondern
multipliziert sich im Globalisierungsprozess.

Alle Akteure des Internet bleiben lokal eingebunden - selbst wenn sie
global interagieren. Durch das lokale soziale Netz, in das die Nutzer
eingebunden bleiben, entfalten globale Diskurse lokale Bedeutungen und
umgekehrt. So besitzt das Internet eine Transmissionsfunktion zwischen
raeumlich begrenzt agierenden sozialen Gruppen. Diskurse einer sozia-
len Gruppe spiegeln sich im Internet, waehrend Informationen aus dem
Internet die Themen in anderen wiederum lokal eingebundenen Gruppen
beeinflussen. Als Folge finden wir ein paradoxes Ergebnis: Ein globa-
les System fuehrt zu einer Verdichtung von Kommunikation auf lokaler
Ebene.

In einem aehnlichen Wechselverhaeltnis wie globale und lokale Pro-
zesse stehen auch universalisierende und partikularisierende Tenden-
zen im internet. Im Verhaeltnis von Nutzern und Nichtnutzern werden
geographische Zentren, periphere Strukturen genauso wie Ungleichheiten
innerhalb von Zentren gefoerdert.

Beide Prozesse werden nicht nur durch den Prozess der ausweitung aus-
geglichen. Zwar ist das Prinzip "jeder kann, wenn er will" sowohl in
Newsgroups als auch beim Anbieten von WWW-Homepages zum teil impli-
ziert; die tatsaechliche Nutzung zeigt jedoch, dass der aktiv anbie-
tende oder schreibende Teil der Netznutzer in relativen Dimensionen
stark zurueckgeht.

Es bestehen sowohl universalisierende wie partikularisierende Interak-
tionsmuster in einem Medium, das sich gleichzeitig unter verschiedenen
aspekten homogenisiert und heterogenisiert. diese wechselseitige
Durchdringung von Prozessen, die urspruenglich als gegensaetzlich ge-
dacht werden, scheint ein Charakteristikum aller Globalisierungspro-
zesse zu sein.

Was also in wirtschaftlicher und politischer Sicht fuer Globalisie-
rungsprozesse nachgewiesen wurde, gilt auch fuer technische Systeme.
Die klassischen Dimensionen von sozialen Wandlungsprozessen, univer-
sal/partikular, homogen/heterogen bzw. lokal/global schliessen sich
nicht aus, sondern stehen in einem wechselseitigen Steigerungsver-
haeltnis. Zusammenfassend laesst sich damit sagen:

Das Intternet mit seiner inneren Dynamik zur Ausweitung, Ausdifferen-
zierung, Visualisierung und Asymetrierung der Nutzerpartizipation ue-
berschreitet zwar alte Kommunikationsgrenzen, baut aber damit selbst
wieder neue Grenzen auf. Es kommt zu einer Verschiebung von Grenzver-
laeufen, nicht aber zu deren Aufhebung.

Globalisierungsprozesse in der Moderne sind gerade nicht Veraenderun-
gen hin zu einer homogenen Universalisierung auf globaler Ebene. Glo-
balisierungsprozesse dienen selbst wieder der Stabilisierung und Pro-
duktion lokaler, heterogener und partikularer Strukturen. ein grosses
fragezeichen gilt jedoch fuer die "Mythen der Globalisierung", wie wir
sie zu Anfang kurz benannt hatten.

Im Internet verschwinden nicht Raum und Zeit, sondern werden besten-
falls neu repraesentiert. Bestimmte eng umgrenzte Raeume der Oekumene
naehern sich an, andere werden ausgegrenzt. Und ob Zeit besser genutzt
ist als frueher, indem man im Zehn-Minuten-Rythmus auf irgendwelche
Bilder aus Uebersee wartet, sei dahingestellt. Verschwunden ist die
Zeit aber auch hier nicht.

Die These, dass wir auf dem weg zu einer einheitlichen Weltkultur
seien, laesst sich mit einer Analyse des Internet kaum stuetzen.
Stattdessen geht mit dem Internet eher eine Heterogenisierung kultu-
reller Muster auf lokaler Ebene einher.

Genausowenig werden wir durch das Internet mit Pornographie und der
Propaganda von Neonazis bombardiert, sondern muessen - wenn schon -
intensiv und aktiv danach suchen. Was nicht heissen soll, dass diese
Inhalte nicht aeusserst problematisch sind. Das Skandalon liegt hier
wohl aber mehr in dem Gewahrwerden extrem unterschiedlicher Standards
der Beurteilung von Informationsinhalten, wie der permanente Streit
um Zensur oder Nichtzensur im Internet zeigt. Sicherlich bietet das
Internet neue Moeglichkeiten zur Information und Diskussion. Hier
aber von Kommunikationsgemeinschaften zu sprechen, die am Ende die ge-
samte Weltgesellschaft umspannen, waere uebertrieben.

Tatsaechlich verdichtet sich die Kommunikation in erster Linie zwi-
schen den Industriestaaten, die auch vorher schon vernetzt waren. Und
schliesslich und endlich ist es kaum auszumachen, inwieweit das Inter-
net neue politische Partizipationschancen eroeffnet. So tun wir alle
gut daran, das demokratische Potential dieses neuen Kommunikationsme-
diums nicht zu ueberschaetzen.