Rezension von Ursula Schumm-Garling (Dortmund) aus der Zeitschrift "Arbeit"

 

Der Titel weckt Erwartungen nach neuen und erweiterten Möglichkeiten betrieblicher Demokratie: An dem Beispiel einer Kommunikationstechnologie – dem E-Mail – sollen sowohl das soziale Umfeld als auch die Handlungsoptionen der beteiligten Akteure untersucht werden.

Ausgehend von Perspektiven und Problemen der klassischen Organisationslehre (Weber, Taylor) diskutiert Christian Stegbauer den Forschungsstand zum Thema E-Mail. Den Rahmen der Untersuchung bildet die Analyse des Verhältnisses zwischen Kommunikationstechnologien und neueren Managementkonzepten. Eine der zentralen Fragen der Untersuchung ist, ob Partizipation durch die neuen Medien befördert bzw. ob die Möglichkeit der Beteiligung durch alle Mitarbeiter genutzt wird. Eine weitere zentrale These, die im 6. Kapitel ausgeführt wird, ist, daß es nicht die medienimmanenten Eigenschaften seien, die die Anwendung bestimmten, sondern daß es sich um einen sozialen Prozeß handele, der durch die Spezifika der Einführung schon wesentlich bestimmt sei, sowohl was die Akzeptanz bei den Beschäftigten als auch was die Herausbildung von Normen im Umgang mit den Medien betreffe.

Die empirische Basis der Erörterungen stellt die Untersuchung eines Marketing-Forschungsunternehmens dar, in dem E-Mail schon seit mehr als 1 ˝ Jahren eingeführt ist. Der Autor schöpft aus verschiedenen Quellen: Er kann auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen (dreijährige Berufstätigkeit in dem Unternehmen), er hat eine schriftliche Befragung bei allen Mitarbeitern des Innendienstes durchgeführt (Rücklaufquote 36%) und er hat neben der Analyse einschlägiger schriftlicher Dokumente zwei Expertenbefragungen durchgeführt.

Interessant sind folgende Ergebnisse: Nicht alle Beschäftigtengruppen in einem Betrieb haben das gleiche Interesse oder die gleiche Chance, neue Informations- und Kommunikationstechnologien zu nutzen. Bei dem Betrachten der einzelnen Gruppen wird deutlich, daß keineswegs alle Organisationsmitglieder von den Partizipationsmöglichkeiten profitieren, im Gegenteil. Betrachtet man das Medium als Rationalisierungsmaßnahme, dann könnte man auch hier von "Rationalisierungsgewinnern" und "-verlierern" reden, wobei die Gruppe, die am ehesten zu den Gewinnern zu zählen ist, die technologieinteressierten, formal orientierten Partizipierer, lediglich 15% ausmachen. Bestenfalls die kritisch pragmatischen Vielanwender können aus dieser Perspektive noch zu den Gewinnern gerechnet werden. Alle anderen gewinnen subjektiv aufgrund des neuen Mediums keine zusätzlichen Partizipationsmöglichkeiten hinzu. Ein Teil der Mitarbeiter, der größer ist als die Gruppe der Gewinner, nämlich die uninteressierten Nichtpartizipierer, lehnen das neue Medium eindeutig ab. Diese Gruppe sieht keine zusätzlichen Beteiligungsmöglichkeiten. Die eindeutige Mehrheit (45%) der interessierten informationsbedürftigen Nichtpartizipierer zeigen zwar grundsätzliches Interesse, scheinen aber kaum Partizipationsmöglichkeiten wahrzunehmen.

Es ist schwer, ein Fazit zu ziehen. Entscheidendes Ergebnis ist die Differenzierungsthese. Ein Fremdkörper in der ganzen Diskussionsführung bleibt das Kapitel 7.6 über Teleheimarbeit. Verwirrend ist auch der Schluß, wenn unter der Überschrift "E-Mail und Organisation" resümiert wird, daß vor allem sozialintegrative Strategien, die an die Frühzeit des Kapitalismus erinnern, die stärkste Integrationswirkung hätten. Diese These ist jedoch nicht untersucht worden. Der Rekurs auf traditionelles und patriarchalisches Verhalten gegenüber den Mitarbeitern – teilweise auf neuem technischen Niveau – verweist auf höchst traditionelle Unternehmensstrategien und zeigt, daß alte Elemente der Organisationslehre durchaus nicht von technischen Innovationen abgelöst werden. Die Lektüre der Untersuchung ist all denen zu empfehlen, die sich in Wissenschaft oder Praxis mit der Einführung neuer Technologien befassen; neben Sozialwissenschaftlern/-innen und Betriebswirten/innen vor allem auch Organisationsfachleute, Informatiker/innen und Ingenieure/innen.