Rezension von Frank Möcke

c't 1997. Heft 5

 

Alles und jedes muß neuerdings im Internet stehen: Das Osterfeuer des kleinen Ortes Freden, der lokale Pizzabäcker und die Papiere des letzten Augenärzte-Kongresses die Informationen der Katzenfreunde wie Islandpferdreiter - alle sammeln sich im Internet.

Euphorische Prognosen kreisen um die Schaffung von Arbeitsplätzen in astronomischer Zahl, im häuslichen Umfeld soll der Werktätige der Zukunft fernab der Nerverei des betrieblichen Umfeldes schaffen können.

Christian Stegbauer, Kommunikations- und Medienforscher sowie Organisationssoziologe an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität, hat die vielfältigen Prognosen im Zusammenhang mit der 'Datenautobahn' einer kritischen Überprüfung unterzogen. Entstanden ist eine auch dem Novizen in die Hand legbare Einführung in die Thematik 'Internet', die utopische Visionen zahlreicher Enthusiasten anhand der Wirklichkeit relativiert.

Dabei wettert hier nicht ein Gegner des Internets. Stegbauer spricht vornehmlich als Soziologe, der die Problematik in Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit bringen möchte. Er erkennt soziale, gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Barrieren, die Internet-Apologeten wie Bill Gates und Howard Rheingold im steten Wiederkäuen ihrer Thesen vernachlässigen.

Soziologische Betrachtungen sind nicht jedermanns Sache, doch der Autor enthält sich wohltuend des fachspezifischen Kauderwelschs - etwa, wenn er darüber spottet, daß sich in einem Cyber-Cafe in der Frankfurter Innenstadt kein Kunde bereitgefunden habe für 7 DM pro halbe Stunde allein an einem Tisch sitzend im Internet zu surfen. Dies auch weil die gastronomische Einrichtung eher die Assoziation zu einem gepflegten Workstation-Raum mit Kaffeeausschank herstelle, nicht aber zu einem Café.

Das Buch verweist allzu optimistische Visionen in die Schranken, zeigt aber auch kritischen Geistern auf, wo sich sinnvolle Nutzung anbietet. Ich halte es besonders geeignet für den, der erste Erfahrungen mit dem Internet machen und bereits im Vorfeld abklopfen möchte, in welche schöne neue digitale Welt er wohl eintreten wird.

Ob sich passionierte Internet Surfer den kritischen Einwänden öffnen werden, wage ich allerdings zu bezweifeln. Das Internet-Sein bestimmt das Internet-Bewußtsein.