Rezensiert von Frank Kleemann, in "Berliner Debatte Initial" (7/97)

Electronic mail ist in jüngster Zeit v.a. im Gefolge der allgemeinen Internet-Euphorie als privates Kommunikationsmedium populär geworden. Aber auch in Unternehmen werden die Mitarbeiter durch eigene interne E-mail-Systeme vernetzt. Schnelligkeit und leichte Distribution von Informationen werden als Pluspunkte des Mediums gesehen. Erwartet werden ein reibungsloserer Betriebsablauf und bessere, offenere Kommunikationsstrukturen. Forschungen zur E-mail-Nutzung verweisen darauf, daß die Kommunikation per E-mail im Vergleich zu anderen Medien hierarchiefreier und offener verläuft. Daraus wird gefolgert, daß E-mail zu einer stärkeren Partizipation aller Mitglieder der Organisation führt, da Statusbarrieren tendenziell abgebaut und die Zugänge zu relevanten Informationen erleichtert werden. Electronic Mail - eine neue technische Wunderwaffe zur Demokratisierung von Unternehmen?

Wie Electronic Mail in Organisationen tatsächlich verwendet wird und welche Auswirkungen das für Kommunikations- und Machtverhältnisse hat, untersucht Christian Stegbauer in seiner Dissertation zum Thema "Electronic Mail und Organisation" anhand einer Betriebsfallstudie eines mittelständischen Dienstleistungsunternehmens. In der Untersuchung wird (nach einer organisationssoziologischen Betrachtung "neuer Managementkonzepte" und einer kritischen Diskussion der bisherigen E-mail-Forschung) zunächst der Einführungsprozeß von E-mail in dem Unternehmen nachgezeichnet. Empirische Basis dafür sind eigene Arbeitserfahrungen des Autors im Unternehmen und ergänzende Expertengespräche. Zur Bestimmung der Konsequenzen von E-mail für die Kommunikation im Unternehmen dient eine standardisierte schriftliche Befragung aus dem Jahr 1992, also nach der Einführung von E-mail, an der sich 198 von 490 angeschriebenen MitarbeiterInnen des Unternehmens mit E-mail-Zugang beteiligt haben. Diese Befragung bildet den empirischen Kern der Untersuchung; sie dient im weiteren zur Erhärtung von Stegbauers theoretischen Perspektive, daß der jeweilige betriebliche Kontext der E-mail-Nutzung die inhärenten (technischen) Eigenschaften des Mediums dominiert bzw. überformt.

Der Untertitel des Buches, "Partizipation, Mikropolitik, und soziale Integration von Kommunikationsmedien" benennt drei, einander partiell überschneidende, Analyseperspektiven der Studie: Unter dem Aspekt der Partizipation wird untersucht, inwieweit die Einführung von E-mail tatsächlich zu offenerer und hierarchiefreierer Kommunikation im Unternehmen geführt hat, und wie sich dies zu den (theoretischen) Postulaten "neuer Managementkonzepte" verhält. (D.h. "Partizipation" wird durchweg nicht in einem emanzipatorischen Sinne einer Teilhabe am Unternehmen verstanden, sondern in einem technizistischen Sinne als ,Selbststeuerung in der Aufgabenverrichtung'.) Mittels der Perspektive der Mikropolitik - also des interessegeleiteten Handelns von Akteuren "unterhalb" der Ebene der formal festgeschriebenen Strukturen - wird einerseits nachgezeichnet, welche Strategien des Managements bei der Einführung von E-mail tatsächlich wirksam waren. Andererseits dient die mikropolitische Perspektive dazu, unterschiedliche Gebrauchsweisen des neuen Mediums durch verschiedene Akteurgruppen im Unternehmen unter Berücksichtigung der konkreten Interessen und Machtpositionen der jeweiligen Gruppen zu analysieren. Diese Betrachtungsweise geht auch in die These der symbolischen Integration von Kommunikationsmedien ein. Diese dritte Analyseebene wird in der Studie unter Rekurs auf empirische Ergebnisse erarbeitet. "Soziale Integration von Kommunikationsmedien" bedeutet, daß Kommunikation in Organisationen immer über mehrere Medienkanäle verläuft. Die Individuen leisten dazu eine "sinnhafte Kombination verschiedener Medien" (111). Auf welche Weise sie dies tun, dafür sind neben den technischen Möglichkeiten und Bedingungen einzelner Medien v.a. die mikropolitischen Bedingungen in der Organisation verantwortlich. Die ,technikimmanenten´ Eigenschaften des Mediums an sich sind also für seine Wirkung in der Praxis gar nicht entscheidend.

Das Konzept der "sozialen Integration von Kommunikationsmedien" ist ein originärer Beitrag des Autors und zugleich die wichtigste Leistung der Studie. Christian Stegbauer benennt und behebt zwei Desiderate der bisherigen Forschung: Zum einen hat die bisherige Technikverwendungsforschung Kommunikationsmedien stets separat anstatt im Zusammenwirken mit anderen Medien betrachtet. Zum andern postuliert die E-mail-Forschung auf der Grundlage experimenteller Untersuchungen, das Kommunikationsmedium E-mail bringe aufgrund seiner "Kontextarmut" per se eine partizipatorische Wirkung hervor. Stegbauer zeigt aber, daß der soziale Kontext durch experimentelle Anordnungen gerade ausgeklammert wird (ein schönes Beispiel dafür, wie die Wahl einer bestimmten Forschungsperspektive bereits eine Vorentscheidung der Ergebnisse bewirken kann). Diesen Mangel behebt Stegbauer, indem er die 'Verwendung des Mediums in einer "lebendigen Organisation" zum Gegenstand seiner Untersuchung macht sowie Kommunikations- und Machtstrukturen und den mikropolitischen Kontext berücksichtigt.

Die These der "sozialen Interaktion von Kommunikationsmedien" bietet einen formalen Theorierahmen, um die Art und Weise der Kombination von Medien in konkreten Situationen darzustellen. Was der Studie dagegen fehlt, ist eine (theoriegeleitete) Erörterung des Stellenwerts von Kommunikation, insbesondere medienbasierter Kommunikation, für Organisationen. (Daß die "Ausübung von Macht" irgendeiner "kommunikativen Grundlage" bedarf, ist sicher richtig, sagt aber wenig: Aus der Feststellung, der Mensch müsse essen, um zu leben, folgt noch nicht die Notwendigkeit einer täglichen warmen Mahlzeit.) Den Stellenwert von Kommunikation für das Funktionieren von Organisationen läßt der Autor unbestimmt; das geht auf Kosten der theoretischen Anschlußfähigkeit seines Konzepts der "sozialen Integration von Kommunikationsmedien" an andere Erklärungsdimensionen. Dies wird in der Arbeit selbst deutlich, vornehmlich im Exkurs zu den Möglichkeiten der "Entstehung von Teleheimarbeit", mit dem Stegbauer die theoretische Bedeutsamkeit seines Konzepts erweisen will: Die kategorische Feststellung, daß bei der Kommunikation in Organisationen Medienkombinationen stattfinden, wird gekoppelt mit der Behauptung, in der "Teleheimarbeit" sei ein hinreichender sozialer und fachspezifischer Kontext nicht herstellbar. Um das zu begründen, legt Stegbauer allerdings ein stark kommunikationsfixiertes, abstraktes Modell von "Teleheimarbeit" zugrunde, das wenig mit ihren derzeitigen realen Entwicklungstendenzen zu tun hat. Insofern läuft sein auf den Faktor Kommunikation reduziertes - empirisches Argument, "Telearbeit" (in jedweder Form) werde sich künftig nicht in größerem Maße durchsetzen, natürlich weitgehend ins Leere.

Der grundlegende Anspruch der Studie, partizipationsfördernde Wirkungen neuer Kommunikationstechnologien in Unternehmen - insbesondere im Kontext "neuer Managementkonzepte" - zu untersuchen, wird nur teilweise verwirklicht. Denn die interessante Frage, inwieweit bzw. unter welchen Bedingungen E-mail in 0rganisationen prinzipiell partizipationsfördernd wirken kann, bleibt letztlich unbeantwortet, da die Einzelfallstudie sich eben auf eine Organisation bezieht, bei der die Partizipationsförderung gar nicht erst angestrebt wurde. Ironischerweise zeigt Stegbauers Analyse des konkreten Falles - "die Managementkonzeptionen verkommen zur Legitimationsressource des Managements" (97) - gerade, daß sich der ausgewählte Fall für eine Beantwortung obiger Frage nicht eignet. Daß vermehrte Partizipation durch E-mail nicht automatisch entsteht, ergibt sich bereits aus Stegbauers (plausiblen) theoretischen Erörterungen. - Grundsätzlich stellt sich hier die Frage, inwieweit das gewählte empirische Design einer Einzelfallstudie für das gestellte Problem zweckmäßig ist.

Die empirische Konzeption der Studie kann in dieser Hinsicht nicht völlig überzeugen, und eine genauere Bestimmung des Stellenwerts der "sozialen Integration von Kommunikationsmedien" für das Funktionieren von Organisationen steht noch aus. Aber Stegbauer liefert mit dem Konzept der "sozialen Integration von Kommunikationsmedien" das die Technikverwendungsforschung organisationssoziologisch einbettet, einen Theorieansatz, der für weitere sozialwissenschaftliche Forschungen zum Thema Medienverwendung zu beachten ist.