Die Struktur internetbasierter Sozialräume
Christian Stegbauer
(Vortrag zum Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Freiburg (September 1998)).
In vielen Thesen zur Kommunikationsstruktur in virtuellen Gemeinschaften ist von einem Abbau von Grenzen die Rede. Im virtuellen Raum gingen strukturierende Eigenschaften verloren, bzw. verringerten sich stark. Kommunikation in Internetforen, wie Mailinglisten, Newsgroups oder Chatkanälen sei gekennzeichnet durch:
Demgegenüber vertrete ich die These, daß es zwar zu Grenzverschiebungen kommt, keinesfalls aber zu einem Wegfall von Grenzen
Welches nun sind die gravierenden Unterschiede zwischen Sozialräumen außerhalb und innerhalb des Internet?
Sie waren sicher alle am Montag Abend auf dem Empfang anläßlich der Eröffnung dieses Kongresses. Was läßt sich über seine Struktur sagen? Auffällig sind vor allem die Begrenzungen:
Es entsteht eine Spannung zwischen Subgruppe und Umwelt, denn oft geht es in der Subgruppe um Klatsch über außenstehende, aber anwesende Personen.
Internetbasierte Kommunikationsgruppen dagegen: Mailinglisten und Newsgroups lassen sich natürlich nicht ohne weiteres mit dem Empfang am Buffet am Montag Abend vergleichen, denn es fehlen fast alle bislang genannten strukturierenden Merkmale, die eine Aufteilung in kleine Gruppen erzwingen würden:
Die topologischen Eigenschaften weisen also in internetbasierten Sozialräumen tatsächlich auf eine Aufhebung, bzw. Verringerung des Zwangs zur Strukturierung hin, dennoch finden wir in unterschiedlichen Internetforen eine ähnliche Struktur wie sie auf dem Empfang beobachtbar war: Dies ist das Hauptergebnis einer strukturellen, einer netzwerkanalytischen Betrachtung von Archiven einer ganzen Reihe heterogener Mailinglisten und Newsgroups.
Focus der Betrachtungen waren die sozialen Beziehungen, die mittels gemeinsamer Beteiligung an einem Betreff (oder auch Thread genannt) gemessen wurden.
Der Kommunikationsraum zerfällt in allen untersuchten Internetforen in verschiedene Positionen. In der Regel sind Subgruppen von Diskutanten beobachtbar, aber auch Positionen, die sich nicht als Gruppen im soziologischen Sinne formieren. Eine Position beteiligt sich nicht an beziehungsstiftenden Interaktionen und nutzt die Liste lediglich als Mitteilungsforum oder zur Veranstaltungsankündigung. Diese Position strukturell ähnlicher Akteure bezeichne ich als Propagandisten. Der größte Teil der Mitglieder von Mailinglisten und Newsgroups tritt aber überhaupt nicht aktiv in Erscheinung, das sind die passiven Zuhörer.
Betrachten wir nun die drei behaupteten Strukturmythen über die Kommunikation in Internetforen – ich wiederhole sie noch einmal:
Die Aufhebung von Raum und Zeit
Zum einen überwindet man mit den Medien die Distanz – das ist nicht neu, sondern Charakteristikum aller Medien – nur die Schnelligkeit und Verfügbarkeit scheint neu zu sein. Wichtiger hingegen ist eine andere Eigenschaft: Die Medien schaffen selbst Orte, die unabhängig von bekannten geographischen Ordnungen entstehen und eine gewisse Eigenständigkeit erreichen können. Die Bedeutung des physischen Raumes tritt zurück und an seiner Stelle kann der virtuelle Raum Bedeutsamkeit für das Handeln der Akteure gewinnen.
Man könnte sich fragen: Trifft die Aufhebung der genannten Grenzen so wirklich auf die soziale Konstruktion von virtuellen Räumen zu?
Zunächst zum Faktor Zeit:
Ich habe es untersucht. Neben einem Kern von Diskutanten in einem Diskussionsforum bilden sich oft Gruppen, die in einem gewissen Zeitraum einige Themen verhandeln und danach wieder verschwinden. Ähnlich wie beim Buffet, an dem Gäste, die noch niemanden kennen, am ehesten mit Leidensgenossen in Beziehung treten, ist auch in Internetforen die Chance mit einer anderen Person in Kontakt zu kommen, abhängig vom eigenen Eintrittszeitpunkt und dem des anderen: Personen, die zeitlich nahe beieinander eintreten, besitzen eine größere Wahrscheinlichkeit soziale Beziehungen aufzunehmen, als solche, die mit großem Abstand zueinander in die Gruppe eintreten.
Vielleicht der interessanteste Punkt ist aber etwas anderes, wie Walther und Borgoon herausgefunden haben: Obgleich die Daten nur Bruchteile von Sekunden benötigen, um den Raum zu überwinden, kommt es zu einer Entschleunigung von Kommunikationsprozessen. Das Verschwinden des Raumes bei der Übertragung der Nachrichten steht in einem konkreten Verhältnis zur Dehnung der Zeit, denn das Abhandeln von Problemen dauert viel länger.
Die Bedeutung von Zeit verändert sich also auf spezifische Weise. Meistens wird aber Zeit und Raum im Zusammenhang genannt, weil es um die Überwindung von Raum geht.
Wie verändert sich aber die Bedeutung des Raumes?
Zwar ist die Kommunikation mit Personen aus anderen Ländern, mit denen man wahrscheinlich ohne die neuen Medien niemals in Kontakt gekommen wäre, möglich, aber auch hier finden sich offensichtlich soziale Grenzen, die jenseits der technischen Möglichkeiten zum Tragen kommen. Hierzu läßt sich empirisch feststellen, daß wir in einigen länderübergreifenden Diskussionsforen regionenspezifische Subgruppen gefunden haben. Regionale Sinnbezüge bei der Stiftung und Rückbindung von Diskussionskontexten verlieren also nicht völlig ihre Bedeutung.
Offensichtlich wird die Themenwahl von den Erlebnishorizonten der Teilnehmer bestimmt.
Dies könnte eine Harmonisierung der Inhalte an den Bedürfnissen der Mehrheit mit sich bringen. Da Kommunikationsteilnehmer aus peripheren Räumen höchst selten sind, scheint deren Möglichkeit zur Themenwahl und schließlich zur Integration begrenzt zu sein.
Viele Gruppen haben aber auch direkte regionale Bezüge. Auch wenn dies nicht explizit der Fall ist, kommt es in vielen Fällen zu Übergängen zwischen der computervermittelten Kommunikation und Face-to-face Treffen. Spätestens hier wird der Raum wirksam, denn die einen können zum angegebenen Ort kommen, für die anderen ist der Weg zu weit oder zu beschwerlich.
Die Beliebigkeit von Identitäten
Sherry Turkle beschreibt in ihrem Buch, "Life on Screen", in welcher Weise die von ihr interviewten Personen Netzräume nutzen, um in unterschiedliche Identitäten zu schlüpfen. Soziale Rollen ließen sich auf diese Weise ausprobieren – ja, man sei in virtuellen Räumen niemals sicher, ob man einem wirklichen Menschen oder etwa einem Programm, welches menschliche Verhaltensweisen simuliert, begegne, zudem sei niemals klar, ob die Figuren, mit denen man es zu tun hat, wirklich das behauptete Geschlecht, Alter, Aussehen usw. vorweisen könnten.
Hierzu sei jedoch angemerkt, daß die von Ihr untersuchten Rollenspiele ja genau das Ziel verfolgen, unterschiedliche Charaktere spielerisch zur Geltung zu bringen. Was sie als Besonderheit betrachtet, ist nichts anderes als die eigentliche Spielregel.
In Mailinglisten und Newsgroups hingegen scheint der beschriebene Wechsel der Identitäten bei weitem geringer verbreitet zu sein. Eine kleine Befragung in einer Mailingliste brachte die Einsicht, daß man sich erst dann an Personen erinnert, wenn sie sich über einen längeren Zeitraum intensiv beteiligen. Zwar ist es nicht auszuschließen, daß auch andere Identitäten ausprobiert werden – um diese aber sichtbar und damit wirksam werden zu lassen, ist Konstanz über einen längeren Zeitraum notwendig. Dies ist eine Restriktion, welche die Freiheit des Wechsels von Identitäten doch sehr stark einschränkt.
Zudem – und das läßt sich ebenfalls empirisch zeigen, spielen zentrale Personen aus der einen Mailingliste in einer anderen oft nur eine unbedeutende Beobachterrolle.
Die dritte, häufig geäußerte These behauptet eine Strukurlosigkeit und prinzipielle Gleichheit in Internetforen. (z.B. Rheingold 1994, Höflich 1995).
Oft wird diese Vorstellung mit der Idee des herrschaftsfreien Diskurses verknüpft. Gleichheit entsteht dabei durch das Fehlen einer Vorstrukturierung der sozialen Beziehungen aufgrund askriptiver Merkmale (Sproull/Kiesler 1986, 1991 und Zuboff 1988). Die schon genannte Topologie des virtuellen Raumes scheint ebenfalls eine relative Strukturlosigkeit nahezulegen. Kein Punkt ist topologisch hervorgehoben.
Auch wenn bei Einführung eines Kommunikationsforums noch keine eindeutigen Strukturen vorhanden sind, bedeutet dies nicht, daß sich solche nicht entwickeln werden. Oft sind ja bereits präkonstituierte Beziehungen – und damit der Beginn einer Struktur vorhanden. Für die Erkennbarkeit einer Struktur gibt es mittlerweile einige Hinweise. Beispielsweise finden wir in der Literatur des öfteren Nutzertypologien. Diese gehen allerdings in der Regel von den Motiven oder Eigenschaften der Teilnehmer aus, und nehmen daher keine strukturalistische Perspektive der Gruppe oder Gemeinschaft ein.
- Nicht selten dagegen findet sich aber in der Literatur eine Fortschreibung des strukturlosen Anfangszustandes, so etwa, wenn behauptet wird, die Dominanz des Einzelnen sei begrenzt, denn es könne sich jeder zu Wort melden (Harasim 1993: 25).
Wird Ungleichheit anerkannt, wird sie oft auf individuelle Merkmale der Teilnehmer rückgeführt, beispielsweise hinsichtlich der Unterschiede in der Zugangsmöglichkeit, sowie der Sprach- und Medienkompetenz.
Dabei ist eines verwunderlich, nämlich, daß einerseits die Entstehung virtueller Gemeinschaften behauptet wird, andererseits das Konzept der prinzipiellen Gleichheit gepflegt wird – d.h. es gibt keine feste Zuweisung von sozialen Positionen und Rollen. Der Gemeinschaftsbegriff wird dadurch selbst zum Mythos.
Mir scheint daher, daß der weniger ideologisierte Gruppenbegriff eine angemessenere Betrachtung erlaubt. Die Gruppensoziologie aber lehrt uns, daß es so etwas wie universelle Strukturierungsregeln für Gruppen gibt (z.B. Homans 1968). So lassen sich äußere Begrenzungen und äußere Regeln feststellen. (– auf virtuelle Orte bezogen, könnte man dies als medientypische technische Restriktionen bezeichnen.)
Wichtiger aber ist die Erkenntnis, daß soziale Gruppen immer über eine Binnenstruktur verfügen. Größere Gruppen zerfallen in Subgruppen (Cliquen). Soziale Rangeinstufungen lassen sich unterscheiden. Homans etwa ist der Ansicht, daß Führerschaft eines der wichtigsten Merkmale kleiner Gruppen sei (Homans 1960: 157). Ein weiteres strukturierendes Element ist das Entstehen von Freundschaften.
Empirisch finden wir in allen untersuchten Kommunikationsräumen eine starke Polarisierung. Einige Wenige tragen das Gros der Kommunikation. Es kommen, bzw. melden sich nicht alle in gleicher Weise zu Wort. Ferner zerfallen die Kommunikationsräume in multilogisch interagierende Subgruppen mit einer höheren internen Kommunikationsfrequenz. In einigen, nicht in allen untersuchten Gruppen finden sich Hinweise auf eine Zentrum-Peripherie-Struktur.
Ich weiß, daß ich nicht der einzige bin, der an der empirischen Entzauberung der etwas plakativ vorgetragenen Internetmythen arbeitet.
Zudem sind die Mythen ja selbst schon widersprüchlich: Wenn einerseits das Fehlen der Erkennbarkeit von Identitätsmerkmalen Gleichheit produziert, dann ist das Experimentieren mit unterschiedlichen Identitäten sinnlos, denn diese hätten ja keine Bedeutung. Internetbasierte Sozialräume also können nicht per se mit virtuellen Gemeinschaften gleichgesetzt werden. Es handelt sich hierbei vielmehr um eine Rahmung, die Gruppenbildung ermöglicht.
Die Teilnehmer knüpfen ihre Beziehungen an bereits bestehende Bekanntschaften an, diese bilden ähnlich wie beim Empfang Kondensationskerne der Kommunikation – anders als im wirklichen Raum ist nicht die Topologie entscheidend – die Strukturierung bildet sich unabhängig davon.
Offenbar wirkt vielmehr die Begrenztheit der Aufmerksamkeit der Teilnehmer strukturbildend, die an Bekanntschaften, aber auch an interessante Themen anknüpft. Im Laufe der Zeit durchläuft ein Kommunikationsraum eine Entwicklung – hier bilden einzelne Teilnehmer auch für andere wahrnehmbare Identitäten aus. Zwar melden sich viele einmal zu Wort, bekannt werden aber nur wenige. Der beschriebene Mechanismus sorgt für eine Verfestigung sozialer Strukturen in der Zeit. Man kann annehmen, daß das Auftauchen interessanter Themen wiederum für eine gewisse Öffnung sorgt. Allerdings schiebt die Begrenzung der Wahrnehmungsfähigkeit, jeder Öffnung bald den Riegel vor. Empirisch haben wir in keinem einzigen Fall keine Struktur gefunden, selbst in internetbasierten Sozialräumen ist also das Versprechen einer grenzenlosen Gesellschaft nicht einzulösen, nicht einmal hier...
Literaturliste (hier sind nur die explizit zitierten Autoren genannt):
Harasim, Linda M., 1993, Networlds: Networks as Social Space. S.15-34, in: Linda M. Harasim (Ed.), Global Networks: Computers and international communication. Cambridge (Mass.): MIT Press.
Höflich, Joachim R., 1995, Vom dispersen Publikum zu "elektronischen Gemeinschaften." Plädoyer für einen erweiterten kommunikationswissenschaftlichen Blickwinkel. Rundfunk und Fernsehen 43, 4, 518-537.
Homans, George Caspar, 1960, Theorie der sozialen Gruppe. Köln und Opladen: Westdeutscher Verlag (orig.: 1950, The Human Group. New York: Hartcout, Brace and Company).
Homans, George Caspar, 1968, Elementarformen sozialen Handelns. Köln und Opladen: Westdeutscher Verlag (orig.: Social Behavior. Its Elementary Forms. 1961, Hartcourt, Brace & World, Inc.).
Rheingold, Howard, 1994, Virtuelle Gemeinschaft: soziale Beziehungen im Zeitalter des Computers. Bonn u.a.: Addison Wesely.
Sproull, Lee; Kiesler, Sara, 1986, Reducing Social Context Cues: Electronic Mail in organizational communication. in: Management Science 32: 1492-1512.
Sproull, Lee; Kiesler, Sara, 1991. Computers, Networks and Work. Scientific American. September 1991, Special Issue: 84-91.
Turkle, Sherry, 1995, Life on the Screen. Identity in the Age of the Internet. New York: Simon&Schuster.
Zuboff, Shoshana, 1988, In the Age of the Smart Machine. The Future of Work and Power. Oxford, London u.a.: Heinemann.